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Zwei wichtige Impulse für die deutschsprachige Literatur gingen seit den 1950er Jahren
von der Ruhr aus: die (Wieder-)Entdeckung der Arbeitswelt als Gegenstand und Thema
literarischen Schreibens und später die Entdeckung der Region als Tatort (local crime) –
mit vielen spannenden Krimis, die im Ruhrgebiet spielen, aber oft weit darüber hinausweisen.
Mit dem Ruhrgebiet verbindet man heute mehr Schriftsteller denn je. Kaum beachtet
allerdings wird die Lyrik, die aus dem Ruhrgebiet hervorgegangen ist und weiter hervorgeht, selten wahrgenommen werden die Lyrikerinnen und Lyriker, die ins Ruhrgebiet zogen oder von hier aus aufbrachen, um ihre lyrische Stimme zu entwickeln.
Dabei wären hier viele Namen zu nennen: Ernst Meister, Günter Westerhoff, Liselotte
Rauner, Hugo Ernst Käufer, Hannelies Taschau, Nicolas Born, Ralf Thenior, Uli Becker,
Sigrid Kruse, Ralf Rothmann, Barbara Köhler oder wunderbare Vertreter der komischen
Lyrik wie Fritz Eckenga, Günter Nehm und Thomas Gsella. Dazu immer öfter auch junge
Poetry-Slammer und starke weibliche Stimmen wie Ivette Vivien Kunkel zum Beispiel.
Um im Jahre 2010 die Traditionen und die Neuentdeckungen der jüngeren Lyrik in der
Stadtlandschaft Ruhr vorzustellen, schrieben das Literaturbüro Ruhr e. V. und die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) den Gedichtwettbewerb »Traurige Hurras und
freche Verse« aus, an dem sich jeder Teilnehmer mit maximal drei Gedichten beteiligen
konnte.
Das Motto »Traurige Hurras und freche Verse« (sehr frei nach dem Titel »Traurige Hurras« von Ralf Thenior) war bewusst offen gewählt, um den Einsenderinnen und Einsendern die Chance zu geben, unterschiedliche Schreibweisen, Formen und Themen einzubringen.
Wir wollten aber nicht nur auf das Eintreffen guter oder schlechter Gedichte warten, sondern lasen Gedichtbände von den späten 50er Jahren bis heute, recherchierten Adressen und schrieben Lyrikerinnen und Lyriker an, baten auch sie um die Zusendung
von Gedichten. Darüber hinaus luden wir Autorinnen und Autoren, Journalisten und Literaturwissenschaftlerm ein, uns Annäherungen/Meditationen/Interpretationen zu Gedichten von Autoren zu schreiben, die dem Ruhrgebiet auf die eine oder andere Art verbunden waren oder sind. Die Interpreten haben sich »ihre« Gedichte dann frei gewählt.
Grundsätzlich stand diese Anthologie jedem Autor über den Wettbewerbsweg offen. Kaum Resonanz fanden leider unsere vielfältigen Versuche, die Anthologie und den Wettbewerb besonders den deutschsprachigen (Nachwuchs-)Dichtern bekannt zu machen, die
selbst oder deren Eltern und Großeltern nicht aus Deutschland stammen. Kein Wunder also, dass diese Anthologie mit 73 Gedichten aus und zur Region und elf Annäherungen an 15 dieser Gedichte eines nicht ist: eine auch nur halbwegs vollständige 10 lyrische Widerspiegelung der Mentalitäten, Sprachen, Kulturen, Lebens- oder Arbeitswelten hierzulande.
Dennoch, die Anthologie vermittelt einen Eindruck in die unterschiedlichen Bewusstseinsströme, Schreibweisen, Traditionen und Perspektiven einiger Bewohner dieses Landstrichs. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen finden wir in den Gedichten junger und älterer Autoren, in den Texten von Frauen und Männern, Migranten und Flaneuren, Insidern und Außenseitern. Der Wettbewerb und die verlangt eingesandten Manuskripte boten am Ende genug Qualität und Unverbrauchtes: Liebesgedichte zwischen Illusion
und Enttäuschung, Augenblicksgedichte, Reisegedichte, komische Gedichte, Sprachartistisches, Hermetisches, politische Gedichte.
Auch Gedichte zur (Erinnerung an eine verlorene) Arbeitswelt oder Heimat gehören in diesen Band, sofern sie nicht Agitprop liefern oder nur Gutmeinendes, sondern existenzielle Erfahrungen von Menschen bei der Arbeit oder ohne feste Heimat gekonnt formulieren. So finden sich in diesem Band Texte und Autoren, die (auch) von dieser Region
stark geprägt wurden, diese innerlich wie äußerlich kartografierten, die der Region auf den Grund gingen, um von da aus in die ganze Welt, auch die der Sprache einzutauchen.
Der Titel der Anthologie wurde inspiriert durch ein Gedicht Ellen Widmaiers: »Stimmbruch«. Ein Synonym dafür ist Stimmwechsel – und »Stimmenwechsel« ist der Begriff, der am prägnantesten die Veränderungen in der Lyrik des Ruhrgebiets beschreibt. Einige bekannte Stimmen sind verstummt, reifer geworden oder klingen anders als gewohnt. Neue Stimmen sind hinzugekommen und viele junge Stimmen stehen mitten in der Entwicklung oder bilden sich erst heraus. So oder so: Eine neue Vielfalt ist zu hören
mit spannenden Tönen, Tonlagen, Melodien, Rhythmen und Klangfarben. In den Gedichten kann man sich durchlesen zu Menschen, Mentalitäten und Milieus. Und in den elf Annäherungen/Interpretationen (und den darin enthaltenen 15 Gedichten)
lernt man nicht nur die Welten der Gedichte kennen, sondern auch Gedichte als eigene Welten. So wird die Anthologie zu einem Lyrik-Lesebuch und zu einem Buch übers Lyriklesen.
Den schönen Rest müssen jetzt Sie besorgen – mit Ihrer Phantasie, Ihrem Denken, Ihrer Sinnenfreude.
Ich sage es am besten mit einem Gedicht Günter Eichs:
Ein rosa Pferd,
gezäumt und gesattelt, –
für wen?
Wie nah der Reiter auch sei,
er bleibt verborgen.
Komm du für ihn,
tritt in das Bild ein
und ergreif die Zügel!
In: Günter Eich: Sämtliche Gedichte in einem Band. Suhrkamp 2006.
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