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Über
den Schriftsteller Ralf Thenior
Kleines
Schlossgespenst trifft Straßengang
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Für
Ralf Thenior ist das Kinderbuch zu einem zweiten literarischen
Standbein geworden - nicht zuletzt, wie der Autor zugibt,
aus finanziellen Gründen, um auf der freien Wildbahn
der Schriftstellerei überleben zu können. Sein Debüt
als Kinderbuchautor gab Thenior, indem er 1990 dem kleinen
Schlossgespenst Weißnicht von Wasserwinkel (eine
Abwandlung von Schloss Westerwinkel bei Herbern, auf dem Thenior
eine Zeitlang lebte) zum Leben verhalf.Das Schlossgespenst
ist ein mitleidvolles, allzumenschliches Wesen, das daran
leidet, dass sich niemand mehr vor |
ihm grausen
kann (die Zeiten haben sich halt geändert) und das außerdem
noch fortziehen muß, aber kein neues Schloss findet. Inzwischen
ist das Schlossgespenst mit zwei Nachfolgebänden zum Serienhelden
avanciert (Schlossgespenst in Nöten. Ravensburg 1992,
Schlossgespenst und Spinnenfresser. Ravensburg 1993).
Daneben hat
Thenior unlängst zwei weitere Bücher für jüngere
Leser ab etwa acht Jahren herausgebracht, Zylinderhut und Löwenmaske
(Ravensburg 1993) und Gib Gas, Kniffke (Ravensburg
1995). Letzteres ist ein phantasievolles Bilderbuch, das die unfreiwilligen
Abenteuer des Fabian Kniffke schildert, der mit seinem Freund
Florian Knoffke eigentlich nur eine Spazierfahrt mit einem Ballon
unternehmen will, dann aber in allerlei Abenteuer hineinstolpert:
sie werden Zeugen einer Entführung, geraten in ein heftiges
Gewitter und erleiden auf einer unheimlichen Insel (Luft-) Schiffbruch.
Auf der Insel gibt es eine Fabrik, in der kleine Kinder unter
furchtbaren Bedingungen Spielsachen basteln müssen. Florian
und Fabian werden gefangen genommen, treffen aber durch Zufall
ein Mädchen wieder, dessen Entführung sie mitangesehen
haben. Nach aufregenden Abenteuern und einigen Geistesblitzen
von Fabian Kniffke kommt alles zu einem guten und unerwarteten
Ende.
Von ganz anderer
Machart sind Theniors Jugendbücher Die Fliegen des Beelzebub
(Ravensburg 1993) und Die Nacht der Sprayer (ebd. 1995).
Im erstgenannten Jugendroman geht es um den 15jährigen Zak,
der sich in Beate verliebt hat, die immer mehr in den Sog einer
okkulten Sekte gerät. Nach spannendem Romanverlauf gelingt
es Zak, Beate zu retten. Dabei kommt ihm der Schriftsteller Henri
Gerber zur Hilfe. Der Roman ist aus der Perspektive von Zak geschrieben,
dem Gerber den Rat gegeben hatte, sich die alptraumhafte Geschichte
einfach von der Seele zu schreiben. Dies könne Zak helfen,
die Ereignisse besser zu verdauen und zu verstehen. Zak macht
sich gemeinsam mit Gerber nicht nur auf die Suche nach Beate,
sondern auch auf die Suche nach einem aus Sprachbrocken zusammengesetzten
Fließband-Gedicht'. Was er aufschnappt und notiert,
lautet zum Beispiel wie folgt:
Leder fashion
Ladies fashion Mens fashion Runkel Sie haben anständige Brötchen
verdient Bei uns kommt nur das Beste in die Tüte Salamander
coop Eiscafé Teppichmarkt Leistung wählen Umwelt schonen
Anarchy for Germoney Ihr Coiffeur Claudia! Union Export Thier
Pils CLAUDIA! Haushaltswaren Exodus Grill TOK WASCH CENTER An
alle Einbrecher! Unsere Tür steht immer offen. Es befindet
sich tatsächlich kein Geld weder im Automaten noch in den
Maschinen sondern nur für sie wertlose Poletten mit freundlichen
Grüßen Ihr Waschcenter DÖNER STÜBCHEN Mountainbikes
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Im Sprayer-Roman
schärft der Autor die Wahrnehmung seiner Leser für die
verschlüsselten Sprayer-Symbole, hinter denen sich eigene
Philosophien verbergen. Einer der Helden ist außerdem ständig
damit beschäftigt, seine Gedanken in Rap- und Hip-Hop Texten
zu modellieren, Wort-Musik-Spielereien, die den Leser zum Nachahmen
animieren.
Holli saß
auf der Volvo-Bank und trommelte mit einem Holzbauklotz - weiß
der Geier, wo er den her hatte - auf einem alten Kochtopf herum.
Raddadäng, raddadadäng. ... Klapperschlange Schmidt
ist ein Soko-Mann. Er schleicht sich klappernd und rasselnd an.
Doch wenn du ihn hörst, dann isses zu spät. Dann hat
er dir schon das Genick umgedreht.
An anderer
Stelle:
Es ist genug
Unfug am Zug! Das tut nicht gut! Ist Lug und Trug! Mit Fug und
Recht nennt man das schlecht! Rä-bä-dä. Rä-bä-dä,
gaben die anderen den Rhythmus.
An solchen
Stellen berührt sich Theniors Philosophie vom Jugendbuch
mit der seiner früheren Romane und Texte. Thenior, der seine
Stoffe in der harten Realität ansiedelt, will seine Leser
dafür sensibilisieren, ihre Umwelt genauer wahrzunehmen;
sie sollen stets auf der Hut, wach sein, wenn sich plötzlich
ein Kick', ein spontaner Gedanken- und Gefühlsblitz,
einstellt. Für Thenior ist die schriftstellerische Arbeit
ganz allgemein und ohne jeden Überhang an Theorie Anschreiben
gegen die Bewegungsstarre des Alltags, gegen die Lethargie des
Gewohnheitsmäßigen.
Bei Licht
betrachtet, ist es fast so, als brauche man sich in der vertrauten
Umgebung nicht mehr zu orientieren. Die Wege sind vorgegeben,
die Bewegungen eingeübt, der Blick ist getrübt von den
immergleichen Ansichten des täglichen Trotts. Man kennt sich
aus. Man tut, was getan werden muss. Man versorgt sich, um sich
rüstig zu halten für die Misere des Alltags. Wie eine
Hornhaut wächst die Gewohnheit über die Sinne. (Vom
Verlaufen. Notizen zu Dichtung und Saumseligkeit, in: Drache
mit Zahnweh im Wind. Reisegedichte. Dülmen 1990).
Wer sich dem
Autopilot in uns selbst hingäbe, so Thenior, laufe Gefahr,
seine Wachsamkeit, seine Resistenz, zu verlieren. Dem gelte es
gegenzusteuern, gerade heute im Zeitalter multimedialer Überfrachtung.
Es kommt darauf an, die Fähigkeit zur bewussten Wahrnehmung
- wie in einer slow-motion' - zu konservieren bzw. wiederzufinden:
| Notiz
nehmen, / Notiz nehmen von jemandem oder etwas, / aufmerksam
werden, / auf jemanden oder etwas aufmerksam werden, / sich
Notizen machen, / sich Notizen zu jemandem oder etwas machen,
/ auf eine Sache aufmerksam werden / und sich Notizen machen.
(ebd.)
In Theniors
Jugendbüchern wird nichts beschönigt. Die Protagonisten
sprechen keine Kunstsprache, sie reden wie im tatsächlichen
Leben, und das ist oft ein Jargon, in dem die Fäkalsprache
dominiert. Mit einer solchen Auffassung vom Kinderbuch provoziert
Thenior, ohne diese Provokation herauszufordern. Die Realität
wird so schonungslos, brutal und grob gezeigt, wie sie nun
einmal ist; es sind jedoch positive Gefühle nicht nur
möglich, sondern notwendig.
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Auszug aus
dem Eingangskapitel von Die Nacht der Sprayer:
Power. Vor
blauem Hintergrund steht das Wort an der Wand. Es steht nicht.
Es hängt eher. Ziemlich schlapp. Die Buchstaben sind nicht
ausgewogen, kippen. Das O ist eierig. Die linke Zacke vom W hängt
tiefer. Die Fill Ins gekleckert und getropft. Power.
Die 3-D-DNS Gang hat wieder zugeschlagen.
Kein Burner! sagt ZANE.
Das unterschreib ich nicht! mault ROC.
Du hast es doch gemacht! sagt DASH.
Mit euch!
Red kein' Scheiß! Wer wollte denn unbedingt malen?
Da kommt wer! zischt ZANE.
DASH dreht sich um. Der Schatten eines Riesen fällt auf ihn.
Ein Zwei-Zentner-Mann kommt quer über den Spielplatz auf
die Sprayer zu. Er hat zwei junge Kerle im Schlepptau, mindestens
genauso schwer wie er.
Der Zwei-Zentner-Mann grinst. Gleich hat er sie.
Na, die Herren! ein bisschen spritzen?
Er betrachtet die Mauer und nickt, mimt Anerkennung.
Nicht schlecht. Wir ham's bloß nich' gern, wenn man unsre
Tagesstätte beschmiert.
Ihr Wichser! sagt einer der beiden jungen Kerle. Er tritt mit
dem Fuß auf ROCs Rucksack. Krack, sagt es. Irgendwas ist
zu Bruch gegangen.
Du Drecksau! schreit ROC. Er haut dem Typen seinen Turnschuh vors
Schienenbein. Leider zu weich. Der Typ springt zurück.
Ich mach dich fertig! schreit er.
Reiß ihm die Eier ab, Wolle! brüllt der andere Junge
und stürzt sich auf ZANE. Dann hagelt es Schläge.
Stiefel trifft Knie. ROC taumelt. Riesenfaust saust durch die
Luft. ZANEs Rippen krachen. Dreckschweine! Hand drückt Gurgel.
DASH keucht. Tritt in die Eier. Braune Sau! Ein Stoß. DASH
fliegt gegen die Wand. Die Augen des Riesen sind Schlitze. Er
schlägt zu. WUMM! Faust gegen die Mauer. Bissken schneller
musste schon sein, Oppa! ZANE ächzt. Hält ihn auf Distanz.
Ich polier dir die Fresse! ZANE weicht aus. Der Kerl läuft
ins Leere. Du Sau!
Die schaffen wir nie! Abmarsch! Erst mal rauskommen aus dem Clinch.
Scheiße, wo hat der den Pfahl her? Holli, pass auf! Zaunpfahl
saust durch die Luft. Knallt auf Schlüsselbein. ROC bricht
zusammen. Blut! Zwei gegen ZANE. Wieder saust Zaunpfahl. DASH
hängt fest. Der Riese stößt ihn gegen die Mauer.
Mitten in die nasse Farbe. Jetzt bist du dran!
Ralf Theniors
Schreiben hat viele Wendungen genommen. Nach frühen Lyrik-
und Prosabänden, die im weitesten Sinne der Richtung der
Neuen Subjektivität zuzurechnen sind, schwenkte er
zur Erzählung um. Seit 1982 erschienen die Erzählsammlungen
Der Abendstern, wo ist er hin (Stuttgart 1982), Radio Hagenbeck.
Sieben schmutzige Geschichten in schmutziger Sprache (Hamburg
1984) und Die Nachtbotaniker (Hamburg 1986). 1989 folgte
die Textsammlung Westerwinkler Hundegras, die Theniors
Erfahrungen des Landlebens in poetischer Form und Reflexion spiegelt.
Die schmale Veröffentlichung, die abseits des großen
Literaturmarkts im Bielefelder Pendragon- Verlag erschien,
macht deutlich, was Schreiben unter veränderten Lebensbedingungen
für Thenior auch bedeutete, nämlich: Die Sinne säubern,
den Blick, Ruhe spüren, beobachten, sich gehen lassen, sich
zulassen, die Erfahrung von Zwanglosigkeit, heraus aus dem Großstadtmief,
der zubetonierten Anonymität.
Theniors Registrier-Blick
prädestiniert ihn gleichsam für Reisegedichte, die er
1990 in einem eigenen Bändchen Drache mit Zahnweh im Wind
(Dülmen 1990) - zusammenstellte. Diese Aufzeichnungen weisen
ihn noch einmal als Vertreter der lost generation aus, der er
ja wirklich war, hatte er doch in jenen Jahren Amerika, Kanada,
Mexiko, gar Grönland mit der Reisetasche durchstreift, um
auf Distanz zum Vertrauten zu gehen.
Die Poesie
des Alltags, der gar nicht so diskrete (dafür aber umso eigenwilligere)
Charme des Sub-Milieus wurde in seinem Roman Ja, mach nur einen
Plan (München 1988) literarisch dingfest. Handlungsort
ist die Dortmunder Feldherrnstraße, jene Straße, in
der der Autor heute wohnt. Und auch sonst ist alles ganz authentisch.
Der Roman schildert das Zusammenleben, Zusammenkleben von drei
Personen in einer Mietskaserne, Personen, die sich immer wieder
über den Weg laufen, halb zufällig, halb gewollt, die
anfangen, sich auszusprechen, viel Bier miteinander trinken und
sich schließlich vornehmen, ein Ding zu drehen,
einen Kunstraub, was zwangsläufig schiefgeht, schiefgehen
muss, weil es diesen Halbgestrandeten zwar nicht an subversivem
Potential und an krimineller Energie fehlt, dafür aber an
kriminellem Know-How. Die Helden, um die es dabei geht, sind Typen
mit liebenswerten Macken, Lebenskünstler auf ihre Weise,
die sich irgendwie durchschlagen, ohne jemals auf den grünen
Zweig zu kommen, eine Single-Männerwirtschaft ganz eigener
Couleur.
Ebenfalls
dem - wie Thenior es nennt - poetischen Journalismus verpflichtet
ist auch sein zweiter Roman Das Gelächter der Sterne
aus dem Jahre 1992. Zwei Personen werden gleichsam mit der Kamera
verfolgt. Sie hatten vor Jahren einmal eine Liebesbeziehung, gingen
dann aber getrennte Wege. In Ostende haben sie sich zu einem Wiedersehen
verabredet. Dort geraten beide in eine ungewöhnliche Versammlung
skurriler und alltäglicher Existenzen, deren Schicksale kurz
eingeblendet werden.
Ralf Thenior
wurde 1945 in Bad Kudowa (Schlesien) geboren. Er wuchs in Hamburg
auf und erlernte den Beruf des Verlagskaufmanns. Er jobbte als
Gärtner, Maurer und Kellner, reiste viel, studierte Germanistik
und beendete ein Übersetzerstudium im Fach Englisch. Für
sein bisheriges Gesamtwerk wurde er 1993 mit dem Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis
ausgezeichnet. Thenior lebt heute als freier Autor in Dortmund.
aus:
Walter Gödden - Iris Nölle-Hornkamp - Jan Van Coillie
- Rita Ghesquiere
"Die Lust Nein' zu sagen". Eine kleine Geschichte
der westfälischen und flämischen Kinder- und Jugendliteratur
(herausgegeben im Auftrag des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe
und der Provinz Westflandern
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