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Barbara
Zoschke: „Meine Erfahrungen als
Schulschreiberin“
Vortrag, gehalten während der Tagung: „Modelle Kreativen
Schreibens für Schüler und Lehrer“ des Literaturbüros
Ruhrgebiet (Gladbeck) am 11.11.2003 im Leverkusener Schloss Morsbroich
Guten Tag!
Ich möchte Ihnen jetzt 20 Minuten von meinen Erfahrungen
berichten, die ich als Schulschreiberin gemacht habe. Ich war
im Schuljahr 2002/2003 am Landrat-Lucas-Gymnasium in Leverkusen
Schulschreiberin, und zwar in einer sechsten Klasse. Dort habe
ich zwei Stunden des regulären Deutschunterrichts übernommen,
der von vier auf fünf Wochenstunden aufgestockt wurde.
Was mich dazu (aus Sicht des Literaturbüros Ruhr und der
Schule) befähigt hat, ist die Tatsache, dass ich Kinder-
und Jugendbücher schreibe und als Autorin recht viele Lesungen
an Schulen und Bibliotheken durchführe – also die
Zielgruppe kenne - und als Referentin für Kreatives Schreiben
in NRW unterwegs bin.
Ich
habe meine Erfahrungen in fünf Thesen verpackt, die
ich Ihnen jetzt gern erläutern möchte. Dabei möchte
ich betonen, dass die Thesen allein meine Erfahrungen dokumentieren.
Sie sind nicht verbindlich für jeden Unterricht oder gültig
für jede Lerngruppe.
These 1
Kreatives Schreiben heißt, schreibend den eigenen Ton
zu finden.
Der
Großteil meiner 29 Schüler
war kreativ, in dem Sinne, dass sie ungehemmt drauflosschrieben.
Und
sie konnten auch schreiben. Die Grammatik- und Orthographiekenntnisse
waren einer sechsten Klasse durchaus würdig.
Aber:
Ihre Kreativität war so schablonenhaft. Die Schüler
bedienten ungewollt ein Klischee, das ich schon in vielen anderen
Schreibgruppen beobachtet habe: Mädchen (diesen Alters)
schreiben viel, über Liebe, Pferde und Gefühltes. Ihre
Handschrift ist meist schön. Jungen schreiben wenig, und
wenn, dann meistens über fremde Galaxien, Abenteuer und
Fantastisches. Ihre Handschrift ist ganz schnörkellos.
Und
immer gibt es welche, die glauben, Schreiben ist ihre Sache
nicht.
In ihrer Schullaufbahn – und sei sie noch so kurz – haben
sie schlechte Erfahrungen gemacht mit ihrer Art sich auszudrücken.
Sie assoziieren mit dem Schreiben und Lesen schwächliche
Gestalten, die zwangsläufig Brillen tragen und gekrümmt
hinter Büchern sitzen, weil sie es sportlich zu nichts bringen.
These 2
Sprachspiele (oder Methoden Kreativen Schreibens) sind geeignet
Schreibimpulse zu setzen und Textideen zu produzieren, die für
die Schreibenden selbst überraschend sind.
Als
Beispiel möchte ich hier von einer längeren Unterrichtseinheit
berichten, die ich mit den Schülern in der Vorweihnachtszeit
durchgeführt habe. Wir haben Plätzchen, Apfelsinen,
Tee und Kaffee mitgebracht. Einige Schüler trugen zu meiner Überraschung
Pantoffeln und hatten flauschige Decken um sich gehüllt,
als ich den Raum betrat. Sie hatten es sich gemütlich gemacht.
Zum
Auftakt las ich aus meinem Roman „Luzie und das Hochwasser“,
und zwar die Stelle, an der Luzie an Pauls Pullover riecht und
es ihr davon ganz kribbelig wird.
Im Anschluss baute ich meine Geruchsbar auf. Das waren 14 Plastikfläschchen
und Schraubgläser, in denen sich Gerüche verbargen.
Lakritz, Kaffee, Lavendel, 4711, ein Stück Gouda, Wick,
Apfelsine usw.
Die Schüler rochen an den Gläsern und entschieden sich
für einen „Duft“. So entstanden Duftgruppen.
Die Gruppen assoziierten Wörter zu den Düften und schrieben
sie auf. Im Anschluss wurden Elfchen, Gedichte, Geschichten mit
Hilfe der Wörter geschrieben.
Ein Schüler, der von sich behauptete, kein oder nur schlecht
Deutsch zu können und sich bis dahin am Unterricht nicht
beteiligt hatte, schrieb folgendes Gedicht:
WICK
Meine Kieferorthopädin
Es riecht ekelig.
Ich nenne sie Doolittle
Hass
Die
Klasse staunte nicht schlecht. Von nun an wartete der Schüler
wöchentlich mit neuen Elfchen auf und beglückte seine
ganze Umgebung damit.
These 3
Die Anleitung zu Schreibspielen ist erlernbar.
Machen Sie sich keine falschen Vorstellungen:
Es ist ja nicht so, dass wir Autoren über eine schulisch
oder pädagogisch relevante Methodenvielfalt verfügen
würden, was das Kreative Schreiben betrifft. Wir haben weniger
Tricks als so unsere Ticks, die sich im Laufe der Berufstätigkeit
entwickeln. Ich schreibe am besten frühmorgens, wenn der
Rest der Welt schläft. Ich kann bestimmte Texte nur mit
der Tastatur unter den Fingern zustande bringen, andere nur handschriftlich.
Und zu den Ideen? Wie sie entstehen? Wenn man Schreiben als Beruf
betreibt, dann lebt man verdichtet oder anders gesagt, dann scannt
man das Leben ab auf der Suche nach literarischer Verwertbarkeit.
Am Anfang meiner Tätigkeit als Autorin habe ich auf die
Frage: Wie bekommen Sie eigentlich Ihre Ideen? Folgendes geantwortet:
Meistens bekomme ich die Ideen, wenn ich liege. Sie sitzen in
der Schläfengegend irgendwo, am Anfang sind sie nebelig,
trüb und man darf nicht sofort zugreifen. Sonst sind sie
gleich wieder verschwunden. Es ist schwer, den richtigen Moment
abzupassen, um sie nach vorne ins Hirn zu ziehen. Es ist der
Moment, in dem die Ideen in diesem schönen Zustand der Originalität
sind, also noch nicht durchs Bewusstsein auf Funktionstüchtigkeit
gecheckt, aber auch nicht mehr so flüchtig, als dass man
ihnen gar keinen Namen geben könnte. Sie alle wissen, wovon
ich rede, denn Sie kennen das Gefühl: Sie haben etwas Bedeutendes
geträumt und Sie würden viel drum geben, sich daran
erinnern zu können. Aber: Es ist weg. Sie sind zu früh
aufgewacht oder haben zu lange geschlafen, oder haben in dem
Moment, als sie den Traum noch kannten, nicht reagiert. Ihm keinen
Namen gegeben.
Die
Antwort ist kompliziert und verwirrend manchmal. Ich gebe sie
jetzt
nicht mehr, nur wenn der Kreis vertrauter ist. Das
Erzählte eignet sich ja nicht als „Schreibspiel“.
Ich habe mich also methodisch vor dem Schulschreiberprojekt fit
gemacht. Aber dennoch:
These 4
Kreatives Schreiben im Regelunterricht sollte von einem Fachlehrer
begleitet werden.
Denn:
Es hat mir wenig genützt, eine methodisch erfahrene
Kinder- und Jugendbuchautorin zu sein, als ich vor der Klasse
6b des Landrat-Lucas-Gymnasiums stand. Es waren 29 Kinder da,
die von mir lehrermäßiges Verhalten erwarteten.
Sie wollten auf all die Fragen, die das Schülerdasein so
aufwirft, Antworten von mir.
Ich habe die Hausaufgaben vergessen. Muss ich nacharbeiten?
Kann ich das mit Rot schreiben?
Muss ich unbedingt das Skizzenbuch haben?
Warum bin ich immer mit Oliver in einer Gruppe?
Die Schüler erwarten zu Recht, dass meine Vorgaben zuverlässig
sind, dass sie mit ihnen planen können. Dass es ein Richtig
und ein Falsch gibt. Dass ich sie alle im Blick habe, dass ich
gerecht bin, dass alles im Dreiviertelstundentakt geschieht.
Denn so sind sie es gewohnt.
Vor allem sind sie gewohnt, dass es Noten gibt.
Meine 6b fühlte sich verloren und die Schüler fragten
in persönlichen Gesprächen immer wieder nach. „Ist
das denn jetzt eher gut oder nicht so? Also eher eine 1 oder
eine 3+?“
Ich
habe gemerkt: Hier kollidieren die Erwartungen der Schüler
mit meinen Ansprüchen. Ich war schließlich als Autorin
gekommen. Vieles von dem, was die 6b erwartete, konnte ich schlicht
und ergreifend nicht. Darin war ich ungeübt.
Ich
hatte vergessen, wie viel Zeit für Fragen draufgeht?
Wie lange die Schüler brauchen, um die Hausaufgabe zu verstehen?
Wie wenig bereit sie sind, mal fünf Minuten länger
zu bleiben? Schließlich fährt der Bus pünktlich.
Ich
habe die Situation mit der Deutschlehrerin Frau Rosenfelder
reflektiert
und wir haben uns darauf verständigt, das, was
wir ohnehin automatisch taten, nämlich die Lehrerin und
die Autorin zu geben, ganz bewusst zu verstärken.
Das entlastete mich enorm. Weil ich davor immer dachte, ich hätte
etwas nachzuholen – das Referendariat zum Beispiel .
These 5
Für die schöpferische Textarbeit nützen dem Schüler
professionelle Vorbilder.
Wir
hatten mittlerweile schon öfter die Situation erlebt,
dass ein Schülertext redigiert wurde. Öffentlich, von
allen oder in kleineren Redaktionsguppen.
Wir kamen an einen Punkt, an dem Schüler als Autoren merkten,
die anderen verstehen nicht, was ich sagen will. Meine Hauptfigur
ist doch der Ivo, um den geht es und nicht um Sarah, beispielsweise.
Manchmal differierten die eigenen Textaussagen, die Schüler
glaubten gemacht zu haben und das, was die Zuhörer/Leser
verstanden hatten so stark, dass richtiger Frust aufkam und das
Resultat die Resignation war: „Ich habe sowieso keine Lust
mehr weiter an dem Text zu arbeiten“, wurde dann gesagt.
An dem Punkt fing es an, richtig wichtig zu werden, dass ich
eine Autorin bin, die aus ihrer Werkstatt plaudern und was herzeigen
kann.
Denn
abgesehen von Aufwärm- und Einstiegsspielen, geht
es beim Kreativen Schreiben ja auch um die fortgeführte
Textarbeit und um die Motivation das Angefangene weiterzuschreiben.
Hier hilft in bedeutsamer Weise das Vorbild.
Ich
habe also vorgelesen, Manuskripte vor und während und
nach der Bearbeitung gezeigt. Meine Notiz und Skizzenbücher
geöffnet. Und ganz viele Fragen beantwortet.
Zum Beispiel diese:
Wie wird man Autorin?
Muss man was Bestimmtes lernen, muss man was Bestimmtes tun,
muss man ein bestimmtes Leben führen, um den Beruf zu erlangen?
Wie fangen Sie einen Text an?
Wann arbeiten Sie? (Tageszeit)
Wie lange arbeiten Sie täglich?
Wie bekommen Sie die Ideen?
Schreiben Sie mit der Hand oder mit dem Computer?
Sind Sie verheiratet?
Haben Sie Kinder?
Welche Hobbys haben Sie?
Haben Sie schon als Kind geschrieben?
Wie groß sind Sie?
Seit wann schreiben Sie?
Wie alt sind Sie?
Wieviel verdienen Sie?
Haben Sie Stress?
Bekommen Sie Hilfe?
Was tun Sie, wenn Sie keine Idee mehr haben?
Malen Sie auch?
Welches ist Ihr Lieblingstier?
Welches ist Ihr Lieblingsbuch (von den eigenen)?
Haben Sie ein Vorblid?
Lesen Sie Harry Potter?
Sind Ihre Bücher verfilmt, vertont, übersetzt?
Sind Sie berühmt?
Die
Kinder haben aus den Gesprächen mit mir gelernt, dass
jedes Schreibunterfangen für mich wieder ganz neu ist. Ich
habe nicht das Rezept für mich und schon gar keines, das
für 29 andere passt. Es geht darum, durch jeden Text den
eigenen Weg zu finden und dabei ein bisschen Ausdauer zu zeigen.
Gerade für die Schreibtollen hieß das oft: nicht möglichst
viel schreiben, nicht drauflosschreiben, und nicht gefrustet
sein, wenn die erste Idee für eine lustige Geschichte nicht
automatisch den Fortgang der Handlung mitliefert, dass ein Ende
im Zweifel unauffindbar ist. Manchmal ist es besser, die Geschichte
einmal durchzudenken und eine Kernaussage inklusive Höhepunkt
und Schluss zu finden. Planvoll zu schreiben. Manchmal bzw. meistens
muss man ganz viel streichen, was nicht wichtig ist für
die Geschichte.
Zu einem anderen Zeitpunkt, bei einem anderen Thema galoppiert
der Stift voraus und man muss gedanklich folgen. Und alles ist
gut.
Das zu vermitteln, behaupte ich, ist ohne schriftstellerische
Erfahrung unmöglich. Schreibanfänger diesen jungen
Alters dazu zu bringen, einen einmal geschriebenen Text zu überarbeiten
und eventuell wieder zu überarbeiten und, womöglich,
sogar noch einmal von vorne zu beginnen, nur damit das, was gesagt
werden wollte, auch gesagt werden kann, das ist schwer. Denn
es zu tun, macht Mühe, ist mitunter langwierig und sein
Ausgang ungewiss.
Wie
haben die Kinder gestaunt, als ich ihnen ein Manuskript und
die redigierte
Fassung desselben mitgebracht und den Entstehungsprozess
des Buches genau wiedergegeben habe. Wie anteilnehmend waren
ihre Blicke angesichts der vielen Randbemerkungen der Lektorin,
wie erschrocken und verwirrt klangen ihre Fragen: „Mussten
Sie das dann alles noch mal abschreiben?“ „Haben
Sie da nicht geweint?“ „Haben Sie da trotzdem Geld
für gekriegt?“
Wie konzentriert haben die Schüler gearbeitet, als wir gemeinsam
einen Text aus ihrer Mitte lektoriert haben. Wie stolz waren
sie auf das Ergebnis!
Das
war ein großer Schritt für die 6b: Zu erkennen,
dass die Geschichten in Büchern, die sie lesen, nicht vom
musengeküssten Genius aufs Papier geworfen ist. Dass die
Autorin, die da vor ihnen sitzt, eine Wortarbeiterin ist, die
mit Worten arbeitet, wie, na sagen wir, ein Maler mit Farbe.
Beide tragen ihr Material in Schichten auf und manchmal ab, bis
die gewünschte Textur sichtbar wird.
Der
Wille so zu arbeiten, setzt den unbedingten Wunsch nach sprachlicher
Entäußerung voraus. Den haben nicht alle – zugegeben.
Aber meiner Meinung nach ist das kein Argument gegen das Kreative
Schreiben im Unterricht. Ich finde, alle sollten Gelegenheit
haben, das selbst herauszufinden. Auch, wie weit sie Lust haben,
sich auf den sprachlichen Ausdruck einzulassen.
Unter meinen eigenen Mitschülern in der Oberstufe von 1980-1983
waren großartige Wortarbeiter. Die sind nicht alle preisgekrönte
Autoren geworden. Es gibt Sketchschreiber, VIVA-Moderatoren,
Schauspieler, Sänger, WDR-Redakteure und solche, die das
vergessen konnten.
Wie man sich mit seinen Worten durchs Leben schlägt, ist
wieder etwas ganz anderes. Aber Schule sollte sich nach allen
Seiten öffnen, um Chancen zu geben, denn schließlich
lernen wir doch am besten, wenn es ums Leben geht.
Manche
in der 6b jedenfalls haben gemerkt, wie viel sie können,
wenn sie unbedingt wollen. Sie haben sich schreibend gemäßigt.
Sie haben ein Genre gewählt. Sie haben sich Notizen gemacht.
Sie haben geübt und trainiert, ohne Notendruck und Zwang,
einfach so, freiwillig. Ich finde, das ist sehr viel.
Es sind wunderbare Texte entstanden, die teilweise im Kölner
Stadtanzeiger veröffentlicht wurden und in einer Bestenauswahl
im aktuellen Reader zu finden sind.
Conclusio:
Der Schulschreiber muss für die Schüler erkennbar
aus einem anderen Berufs- und Lebenszusammenhang als der Schule
kommen.
Er sollte Autor sein.
Er sollte bei seiner Tätigkeit von einem Lehrer unterstützt
werden, der die Schüler kennt und der dem Credo folgt: soviel
Zurückhaltung wie möglich, soviel Einmischung wie nötig.
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