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Ralf Thenior
Das geheime
Leben der Wörter
Freies Schreiben in der Schule
Was Sprache ist, kann ich nicht erfahren, indem ich darüber
nachdenke, sondern ich muß sie schreibend praktizieren.
Peter Handke: "Die Geschichte des Bleistifts"
Vorbemerkung
Das Zitat von Peter Handke führt mitten in das Geschehen
und die Probleme der Arbeit des Schulschreibers oder Schreiblehrers
hinein. Doch bevor wir uns diesem schwierigen Unterfangen in
seinen einzelnen Aspekten zuwenden, gilt es, auf eine grundlegende
Entscheidung hinzuweisen. Der Verfasser vermeidet in diesem Aufsatz
den Begriff 'Kreatives Schreiben', weil dieser in seinem konnotativen
Hof ein diffuses Bedeutungsgemisch mit sich führt, das zwischen
Hobby, Freizeitvergnügen, Schriftstellerausbildung und psychologischer
Entlastungspraxis changiert. Das, worum es hier geht, hat mit
alldem wenig zu tun. In Ermangelung eines besseren Ausdrucks
wird er fortan vom 'Freien Schreiben' sprechen. (Wer eine passendere
Bezeichnung findet, möge sie einsetzen.)
1.
Was heißt 'Freies Schreiben'?
Freies Schreiben ohne Noten, ohne Zwänge heißt: auf
spielerische Weise die Freuden, Funktionen und Möglichkeiten
der Sprache zu erkunden, um zu einer höheren Sprachkompetenz
und einem besseren Verständnis von Rede und Text zu gelangen.
Für den Begriff 'Freies Schreiben' entschied sich der Verfasser
auch deshalb, weil hinter diesem für ihn die Vision einer
selbstbewussten, autonomen und freien Persönlichkeit aufscheint.
- Stichwort: Sprachkompetenz als Akt der Emanzipation. - Womit
das Ziel der hier behandelten Arbeit im Groben schon umrissen
ist.
Freies Schreiben bedeutet allerdings nicht, dass jeder einfach
drauflosschreibt. Das ließe sich höchstens einmal
als Übung durchführen. (Chor der Schulkinder: "Ich
weiß nicht, was ich schreiben soll!"). Um Wirkungen
zu erzielen und Einsichten zu ermöglichen, bedarf es einer
Reihe von Übungen, die vom einfachen Wortspiel zum Bau von
komplexen Textstrukturen voranschreitet.
2.
Die drei großen L
Um wirklich zu schreiben, um Literatur als Kunst zu betreiben,
bedarf es der drei großen L: Lust (an der Sprache), Leidenschaft
(für das Schreiben, für die Literatur mit allen damit
verbundenen Schmerzen) und Lebenserfahrung (die der Fundus
ist, aus dem sich Geschichten und Gedichte speisen). Das sind
Maximen, denen sich in jeder Generation nur einige wenige sprachverliebte,
literaturbesessene junge Menschen verschreiben, um Dichter
oder Schriftsteller zu werden.
Im Freien Schreiben in der Schule jedoch geht es nicht um die
Erziehung von Jungliteraten, sondern um eine spielerische Annäherung
an die Sprache als Kommunikations- und Ausdrucksmittel.
Spielen heißt: etwas tun, ohne für Fehler zahlen zu
müssen. Spielen heißt auch: durch eigene Tätigkeit
erzeugte Ausschüttung von Botenstoffen im Gehirn, die zu
einer allgemeinen Aufhellung des Gemütszustands führt.
Spielen und Lernen sind nicht nur im Tierbereich eng miteinander
verknüpft. Spielerisch lernt das Kleinkind den Sprachgebrauch
- vom Lallen zum Wortklang. (Sprachforscher ließen kürzlich
einem dreiwöchigen Säugling eine Geschichte in italienischer
Sprache vorlesen, um die Hirnreaktionen zu beobachten; beim Abspielen
der Erzählung zeigte sich eine rege Hirntätigkeit,
lief das Band rückwärts blieb die linke Gehirnhälfte
still. - Schon Säuglinge reagieren auf Sprache!)
Das spielerische Treiben im Freien Schreiben wird aber, wenn
dies auch der Motor ist, nicht allein zur Erheiterung der Kinder
in Gang gesetzt. Es geht um Lernziele, die nicht unmittelbar
quantifizierbar sind: ein besseres Verständnis für
die Sprache als Werkzeug, das den Menschen vom Tier unterscheidet,
eine mit der Verbesserung im Sprachgebrauch einhergehende größere
Kompetenz und Genussfähigkeit bei der Lektüre.
Um dieses Ziel zu erreichen, kommen wieder die drei großen
L ins Spiel: Denn, wer wäre besser geeignet, Begeisterung
für Klang und Audrucksmöglichkeit der deutschen Sprache
zu wecken als diejenigen, die sich mit Haut und Haar der Literatur
verschrieben haben: die DichterInnen und SchriftstellerInnen.
Das Modell, das hier vorgestellt wird, basiert darauf, dass professionelle
AutorInnen in Schulen gehen und mit SchülerInnen arbeiten.
Da AutorInnen nicht überall zu finden sind und manchmal
auch nicht bezahlt werden können, wollen die folgenden Überlegungen
auch sprachbegeisterte LehrerInnen anregen, es mit dem freien
Schreiben in der Klasse zu versuchen. Es wird dies aber kein
vollgültiger Ersatz für professionelle Autorenkurse
sein.
3. Seelengeld und leichter Lohn
Um an und mit der Sprache erfolgreich arbeiten zu können,
ist Flexibilität unabdingbar. Die Voraussetzung Nummer eins,
ohne die der Kandidat sein Ziel verfehlt: Er muss Kinder und
Jugendliche gern haben und Verständnis für ihren Entwicklungsstand
mitbringen. Er muss sich auf den jeweiligen Horizont der Kinder
und Jugendlichen, die vor ihm sitzen, einstellen können.
Gelingt dies, wird er Mittel und Wege finden, die Kinder der
Altersgruppe, mit der er arbeitet, anzusprechen.
Sicher ist: Er kann nur mit dem Potential arbeiten, das er vorfindet.
Dass die allgemeine Sprachkompetenz schon im Alter von zwölf
Jahren als ungenügend zu bezeichnen ist, davon kann jede
Lehrerin, jeder Lehrer ein Lied singen. Aufbegehren nützt
hier nichts. (Höchstens gegen die Bildungspolitik. Doch
das steht auf einem anderen Blatt.) Der Schulschreiber, der ein
Schreibmeister sein sollte, muss sich überlegen, wie er
es anfängt. Er muss mit genau den Kindern arbeiten, die
vor ihm sitzen. Das erfordert oft Geduld und eine gewisse Demut.
Denn der Schulschreiber weiß, er kann nur einen winzigen
Beitrag in einem großen Zusammenhang leisten. Frust ist
eingebaut. - Doch es gibt auch Erfolgserlebnisse.
Wenn der Schulschreiber kommt, hat jeder noch einmal die gleiche
Chance. Und siehe da, in der geglückten Unterrichtsstunde
beginnt sogar der Stotterer witzige Ideen beizutragen und das
leseschwache Mädchen entpuppt sich als wunderbare Worterfinderin.
Klassenlehrer, die im Unterricht hospitieren, berichten immer
wieder über ihr Erstaunen, dass selbst schwierige Kinder
sich mit überraschenden sprachlichen Hervorbringungen am
Freien Schreiben beteiligen. Solche Rückmeldungen stärken
die Arbeitsfreude des Schulschreibers erheblich und versüßen
ihm seine schwierige Aufgabe.
4. Methodologische Überlegungen
Viele Wege führen nach Rom. Die Möglichkeiten und Verfahrensweisen,
Sprachlust und Erzählfreude zu stimulieren, sind zahlreich
und vielfältig. Wenn der Sprachlehrer von seiner Sache wirklich überzeugt
ist, wird er den richtigen Weg finden. Der Verfasser bekennt
sich an dieser Stelle zum Purismus, der es ablehnt mit Zusatzmitteln
wie Schminke, Ton, Tamburins oder schamanistischen Ritualen zu
arbeiten. Für ihn zählen nur das gesprochene und geschriebene
Wort, sowie als Arbeitsmaterial Schreibwerkzeug und Papier. Das
weiße Blatt ist die Bühne, auf der sich das geheime
Leben der Wörter entfaltet. In jedem mit Lust, Aufmerksamkeit
und Hingabe verfassten Text lassen sich Wortklänge, Bedeutungen,
Satzmelodien und Querverweise entdecken, die beim Schreiben gar
nicht geplant waren. Sie sind der Mehrwert, den die Sprache dem
ernsthaft spielenden Benutzer schenkt.
Die folgenden methodologischen Grundlagen bilden ein offenes
System, das in jeder Richtung erweiterbar ist. Der Natur einer
jeden Schulung folgend schreiten wir vom einfachen Text zu komplexeren
Textstrukturen voran.
Wir beginnen mit Lockerungsübungen, Buchstaben- und Wortspielen,
die aus Figuren der klassischen Rhetorik erarbeitet sind. Es
handelt sich hierbei um recht schnelle, kurzweilige Schreibvorgänge,
die dazu dienen, erst einmal ein Gefühl für die buchstäbliche
Materialität des Einzelwortes zu entwickeln, und daraus
folgend ein Gespür für den Stoff, mit dem wir arbeiten
werden. In diesem Zusammenhang lernen wir den schüchternen
Dichter kennen, der, um die Last des Ruhmes nicht tragen zu müssen,
ein Pseudonym aus den Buchstaben seines Geburtsnamens macht (Anagramm).
Wir schreiben den Vornamen einer geliebten oder gehassten Person
untereinander und ordnen dieser Eigenschaften zu (Akrostichon).
Wir stellen die Frage: Was haben Daniel Düsentrieb und Marilyn
Monroe gemeinsam? (Alliteration) Wir schreiben Geschichten ohne
den Buchstaben R (Lipogramm) usw. Die klassische Rhetorik hält
einen großen Vorrat an Stilfiguren bereit, aus denen sich Übungen
erarbeiten lassen. Derlei Buchstabenspiele und Wortschatzübungen
können zur Auflockerung zwischendurch immer mal wieder in
verwandelter Form in die Unterrichtsstunden mit eingebracht werden.
In der zweiten Phase geht es um die Erarbeitung einfacher Texte
vom Dreizeiler über kleine Prosa bis hin zu Quatschnachrichten.
Ziel dieser Arbeitsphase ist neben der Erprobung von Strukturelementen
kurzer Texte die Lockerung und Entfaltung der Phantasie und die
Entwicklung des Imaginationsvermögens. In diesem Bereich,
der besonders - aber nicht nur - geeignet ist für eine Altersgrupe
von Neun- bis Vierzehnjährigen, ist alles möglich:
ein Leben im Schlaraffenland (Wie sieht es aus? Was tun wir dort?),
eine Rückkehr ins Mittelalter mit Rüstung, Pferd und
Schwert (Für welche Sache kämpfen wir?), eine phantastische
Reise, auf der die Teilnehmer zu Botanikern des Wunderbaren werden
und das Nachtleben der Wollmäuse erforschen.
Wie wichtig derartige Phantasielockerungsübungen sind, zeigt
sich dem Schreiblehrer spätestens dann, wenn er anstelle
von individuellen Hervorbringungen mit stereotypen Bildern und
Handlungselementen der Unterhaltungsindustrie konfrontiert wird.
An diesem Punkt wird erkennbar, welche Wirkung es hat, wenn Kinder
dem medialen Dauerfeuer ungeschützt ausgesetzt sind. Der
Verfasser geht jedoch davon aus: Jedes gesunde Kind besitzt Phantasie,
d. h. die Fähigkeit, sich die Welt phantasierend und träumend
anzueignen. Wenn diese Phantasie keinen (Ruhe-) Raum findet,
in dem sie keimen, wurzeln und wachsen kann, wird sie von den
die Kinder überflutenden, scheinbar alles erklärenden,
alles verdeckenden Bildern verschüttet. Was mindestens zu
einer emotionalen Verarmung des Heranwachsenden führt. Für
den Schreiblehrer bedeutet dies: geduldige Räumungsarbeit.
In der Arbeit mit der Altersgruppe der Fünfzehn- bis Siebzehnjährigen
und aufwärts lässt sich über das trojanische Pferd "Massenphänomene
der Jugendkultur" in die entrückte Welt der Pubertierenden
gelangen. In kleinen Geschichten, Interviews, Reportagen, Hintergrundberichten,
Selbstdarstellungen - stimuliert durch die Interessen der Jugendlichen
(Zyniker beziffern sie in dieser Altersgruppe auf drei) - reflektieren
sich Wunschbilder und Erfahrungen und wir lernen verschiedene
Textsorten und ihre Funktionsweisen kennen. Wobei der Faktor
Lust (zur Arbeit) hier wie nirgendwo unter den Tisch fallen darf.
Anknüpfend an Wortschatzübungen der ersten Phase versuchen
wir uns in der Reimmeisterschaft; wobei der mit dem großen
Wortschatz im Vorteil ist, denn er hat mehr Möglichkeiten
zu reimen und mit der Sprache zu spielen um Wörter reimwärts
zu biegen. Das muss nicht gleich ein durchgestylter Rap werden,
eine kleine Geschichte, in der soviel Reime untergebracht sind
wie möglich, soll fürs Erste genügen.
Eine andere - Recherche voraussetzende - Übung könnte
lauten: a) Welche Charaktereigenschaften und Qualitäten
zeichnen die Guten und die Bösen in einem vorgegebenen Manga
aus? b) Entwickle nach diesem Muster zwei Figuren mit unterschiedlichen
Zielen und schreibe eine Geschichte. - Und so weiter.
In fast allen Altersgruppen stößt man auf erhöhte
Aufmerksamkeit, wenn angekündigt wird, die Strukturen von
Erzeugnissen kultureller Massenproduktion zu erforschen (Manga,
Comic, Krimi, Gruselgeschichte, Rap, Horrorfilm, Popsong). Der
schöpferischen Phantasie des Schreiblehrers sind in der
Erfindung neuer Übungen keine Grenzen gesetzt.
In der dritten Phase, die nur bei einem längerfristigen
Projekt erreicht wird, lassen sich die Strukturen und Möglichkeiten
des Theaters, des Hörspiels, des (phantastischen) Reiseberichts,
der Genreliteraturen etc. in Gruppen und als Gemeinschaftsprojekt
durchspielen und größere zusammenhängende Texteinheiten
erstellen. (Siehe dazu die vorhergehenden Arbeitsberichte des
Schulschreibers.)
Es versteht sich von selbst, dass die entstandenen Texte in der
Klasse oder in der Gruppe vorgelesen und zur Diskussion gestellt
werden. (Aber nicht immer muss jeder vorlesen.) Wobei es nicht
verkehrt ist, zuerst die Positivkritik und danach die Fragen
und Verbesserungsvorschläge anzugehen.
Zum Abschluss noch ein kleiner Hinweis: Auf Wunsch lassen sich
nach Absprache mit den Fachlehrern auch fächerübergreifende Übungen
einsetzen. Bsp.: Paraphrase eines Zauberspruchs der Inuit (Religion); Übung:
Mein Baum (Biologie); Übung: Chip-Implantation für
Rentner (Gemeinschaftskunde), etc. Diese Möglichkeiten des
Freien Schreibens lassen sich nach Absprache in den Unterricht
mit einbringen. Allerdings ist darauf zu achten, dass das Freie
Schreiben frei bleibt und nicht für den Regelunterricht
instrumentalisiert wird.
5.
Utopie einer sprachmächtigen Gesellschaft
Wenn wir die Schriftsprache, das geschriebene Wort, als Medium
zur Bewahrung und zum Erhalt von Erfahrung und Erinnerung nicht
aufgeben wollen zugunsten eines blind wuchernden Maschinengedächtnisses,
das den Einzelnen von der Verantwortung für seine Geschichte
entbindet, müssen wir Mittel und Wege finden, das Schreiben
so zu lehren, dass es bei den Kindern ankommt. Und es geht
nicht allein um das Schreiben, sondern es geht um den Wert
der Sprache an sich. Die Sprache ist die Fakultät, die
alle Fachbereiche umfasst, die in allen wissenschaftlichen, öffentlichen
oder privaten menschlichen Situationen eine wichtige Rolle
spielt. Es ist die verbale Sprache, die das Säugetier
Mensch von den anderen Lebewesen auf diesem Planeten unterscheidet.
Nur über die Sprache ist es den Menschen möglich,
mit ihrer Umgebung, mit der Vergangenheit, mit dem Universum
Kontakt aufzunehmen.
Immer wieder, etwa wenn der Schulschreiber einen Schüler
anhört, der seine noch tintennasse Schrift schon nicht mehr
lesen kann und damit Zeugnis für grassierende Konzentrationsschwäche
und Gedankenflüchtigkeit ablegt, steigt vor seinem inneren
Auge die Vision einer anderen Schule auf:
6. Gespielter Sprachunterricht
Drei Wochen Sprachunterricht in jeder Klasse vom ersten bis zum
dreizehnten Schuljahr, das wäre schon etwas. In jedem
Schuljahr nur drei Wochen, in denen ausschließlich die
Belange der Sprache verhandelt werden, in denen Spracherwerb,
Sprachspiel, Sprachnutzen thematisiert und aktualisiert werden.
Nur drei Wochen, in denen Zuwandererkinder aus anderen Kulturkreisen über
ihre Sprache sprechen und lernen können, stolz darauf
zu sein, in denen die elementaren Formen sprachlichen Umgangs
miteinander geprobt werden und das Verhältnis von Muttersprache
und Fremdsprachen mit den Schülerinnen und Schülern
zu erforschen wäre. Sicher bedürfte es einer großen
Anstrengung (auch von Seiten der LehrerInnen) Spiele, Übungen
und Schreibanlässe für die verschiedenen Altersgruppen
zu entwickeln bzw. vorhandenes Material einzusetzen. Schon
an den Universitäten müssten die Studenten auf diese
Arbeit vorbereitet werden. Sprachunterricht und Sprecherziehung
sollten in den jährlichen Sprachphasen des Unterrichts
Hand in Hand arbeiten: viele Kinder können nicht richtig
schreiben, weil sie nicht richtig hören. Das Wort will
auch als Klangkörper erfahren sein, damit es in seiner
buchstäblichen Physiognomie erfasst werden kann.
All diese Bilder und Vorstellungen von einer dreiwöchigen
Sprachphase in der Schule wirbeln sehr ungeordnet, wie es in
der Natur der Träume liegt, am inneren Auge des Schulschreibers
vorbei. Es ist klar, dass Arbeitszeit investiert werden muss,
um ein solches Ziel zu erreichen. Doch ist der Schulschreiber überzeugt
davon, dass eine regelmäßige spielerische Auseinandersetzung
mit Sprache und Kommunikation, ein Bewusstsein für den Wert
der Sprache (und damit eine höhere Sprachkompetenz) bei
Schülern und Lehrern zu wecken vermag. - Natürlich
würde ein solcher Sprachunterricht nicht die Defizite der
elterlichen Erziehung ausgleichen, aber er könnte zumindest
das soziale Verhalten der Schüler untereinander in der Schule
und im Alltag verbessern helfen.
Nachbemerkung
Die Tradierung kultureller Werte steht in geringem Ansehen. Etwas
zu können, ist kein Wert mehr an sich. Fähigkeiten
und Kompetenzen, mit denen sich kein Geld verdienen lässt,
sind in den Augen der meisten überflüssig. Im Jahre
zwei nach PISA (also im dritten Jahr des einundzwanzigsten
Jahrhunderts) sind ganz andere Probleme zu bewältigen:
Die Kommunen haben kein Geld (Kindergärten, Soziale Institutionen,
Schulen, Bibliotheken und andere kulturelle Projekte werden
weggekürzt, d.h. Hunderttausende verlieren Ansprechpartner,
Krippe, Arbeit und Bildungsmöglichkeit), eine gewaltige
Misswirtschaft ist im Schwange und der Standort Deutschland
steht auf schwachen Beinen. Es fröstelt bei der Vorstellung,
dass mit dem Abbau des Sozialstaates auch der Gedanke von sozialer
Gerechtigkeit noch weiter verloren gehen könnte.
Hat nicht eine bekannte Sozialistische Partei einmal Lesesäle
zur Bildung der arbeitenden Bevölkerung unterhalten? Davon
sind wir heute Lichtjahre entfernt. Die Vorstellung mancher Politiker,
man brauche nur teure Hochkultur einzukaufen, um aus einer schwächelnden
Region eine blühende Kulturlandschaft zu machen, erscheint
naiv. Kultur beginnt sehr viel weiter unten mit den sogenannten
Kulturtechniken des Lesens und Schreibens, die Grundrechenarten
nicht zu vergessen.
Werden diese nicht eingeübt sowie die schöpferischen
Fähigkeiten des Kindes nicht angeregt und gefördert,
so kommt es zu einer sprachlichen und damit geistigen Verwahrlosung,
die zu emotionaler Verrohung führt. - Vor kurzem ging eine
kleine (!) Meldung durch die Presse: Fünfzehnjährige
polnische Schüler haben einen Lehrer gedemütigt, gequält
und halb totgeschlagen und dabei eine Kamera mitlaufen lassen.
Kopien des Videos waren später auch unter Schülern
anderer Schulen begehrte Ware.
- Ist es noch zu verhindern, dass eine neue Zweiklassengesellschaft
eine verarmte, ungebildete, rohe Menschenhorde in die Zukunft
schickt?
Dortmund, Januar 2004
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