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KörperTräume

1999 erfand Martin Skoda jene Sätze, in denen viele Menschen aus dem Ruhrgebiet ihre gemischten Gefühle für die Region wiedererkennen dürften:

"Vielleicht ist es das, was mich an Oberhausen herausfordert: Dass man die Stellen kennen muss. Die Plätze, an denen aus nichts 'etwas' wird. Dass es Orte gibt, direkt in Oberhausen, die sind genau wie Frankreich, Berlin oder Neapel, ..., es gibt Stellen in Oberhausen, an denen kann man tatsächlich atmen."

Atmen können in der Stadt. Um diese und andere literarische Phantasien zum Verhältnis von Körper und städtischen Ober- oder Unterwelten soll es bei den ersten literarischen KörperTRäumen gehen, die in diesem Spätsommer die Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur mit dem Literaturbüro NRW-Ruhrgebiet e.V. (Gladbeck) vorstellen wird. Mit genug Luft zum Atmen dazu, um vom Grundthema KörperTRäume aus den Horizont zu öffnen für neue fremde Blicke auf die unzähligen Variationen des Verhältnisses von Fleisch, Stein und Stahl.

Das Leben im Ruhrgebiet war schließlich wie in kaum einer anderen Region geprägt von körperlicher Arbeit, von der Ausbeutung und Verherrlichung des Körpers zugleich. Ein Aspekt davon war neben der Betonung von Kraft und Lust auch die Erfahrung des Schmerzes. Im Alltag war der Körper vor allem Werkzeug, oft Anhängsel oder Opfer der Maschine. Der Körper des Kumpels war ein anderer als der eines Mackers; ein Naturfreund verhielt sich anders als ein Rocker, 'Intellelli' oder 'Itacker'. Figur und Frisur der Hausfrau in Kittelschürze unterschieden sich stark von der der Backfische und Direktoren-Gattinnen und noch stärker von denen der Idole Lollo und B.B.

Mit der Schließung der Stahlhütten und Zechen, mit der Gründung der Universitäten, mit dem Versuch, Dienstleistung, Mikroelektronik, Entertainment und Neue Medien anzusiedeln, fokussiert sich die Aufmerksamkeit vom ganzen Körper weg hin zum Kopf. Und schon steigt der Kopf körperlos ein in die zur Zeit noch mehr öden als abenteuerlichen Labyrinthe der virtuellen Welten, die ihren Besuchern immer komplexere künstliche Ersatzleiber und Körpererfahrungen versprechen.

Im Rahmen von Kommerz, Stadtentwicklung, von Architektur und Design nehmen die privaten, öffentlichen und die zum Beruf gehörenden Orte für die 'Kopfarbeiter' neue Gestalt an: Einkaufs-, Freizeit- und Innovations- bzw. Technologie-Parks. Das Leben als Leben im Park, die Illusion des allgegenwärtigen Garten Edens. Das Büro wird zum universellen Ort. Die 'Dreckschleudern' der Fabriken werden abgelöst von den Labors und Rein-Räumen der Chipentwickler. Daneben entstehen computer- und robotergestützte industrielle Fertigungsstraßen, oft menschenleere Stadt-Teile.

Die Orte der Industriegeschichte werden für Kultur, Freizeit und Produktion wiedergewonnen, die Natur ihrerseits erobert Areale industrieller Produktion zurück.

Für eine künstlerische Auseinandersetzung mit KörperTRäumen gibt es also in Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Ruhrgebiets und im internationalen Stadt- bzw. Literatur-Vergleich mehr als genug Anregungen und Stoff. Die Denkmale der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur bieten für diese Auseinandersetzungen nicht etwa nur eine bloße Kulisse, sondern einfach die idealen 'Spielstätten'.

Gerd Herholz

Nähere Informationen finden Sie in unserem Programmheft.