Europäisches Literaturhaus Ruhr
Über lebenswerte Orte, das Ruhrgebiet und die Literatur:
"Ich möchte weg, bitte glauben Sie mir, ich möchte wirklich weg. Es läßt sich hier nicht aushalten, aber es gibt Plätze; Plätze, Orte und vor allem Menschen, mit denen es geht, ohne die es einfach nicht gehen würde." Und "Vielleicht ist es das, was mich an Oberhausen herausfordert: Daß man die Stellen kennen muß. Die Plätze, an denen aus nichts 'etwas' wird. Daß es Orte gibt, direkt in Oberhausen, die sind genau wie Frankreich, Berlin oder Neapel, ich schaue mich nur um und kann atmen, es gibt Stellen in Oberhausen, an denen kann man tatsächlich atmen."
Martin Skoda in seiner Erzählung "Oberhausen" (Dokumentation zum Oberhausener Literaturpreis 1999, Verlag Karl Maria Laufen, Oberhausen 1999)"Es hat mir trotzdem in Essen gefallen. Warum – weiß ich nicht mehr so genau. Vielleicht weil Essen im Ruhrgebiet liegt und diese gebrochene Landschaft so primär nach Literatur schreit."
Günter Grass in Essener Unikate, Berichte aus Forschung und Lehre. Nr. 8, Universität GH Essen, 1996
DAS EUROPÄISCHE LITERATURHAUS RUHR
Im Ruhrgebiet fehlt ein Mittelpunkt fürs literarische Leben
Ein Plädoyer von Gerd Herholz, Leiter LiteraturBüro Ruhr e.V.
(Stand: 2000, zuletzt überarbeitet im März 2007)
Kein Ort, nirgends
Soll man das nun für ein gutes oder ein schlechtes Zeichen halten?
Literaturhäuser finden sich zwar nicht, wohin man schaut, aber wenn man erst einmal schaut, dann zum Beispiel in Berlin, Hamburg, München, Frankfurt, Stuttgart, Kiel, Magdeburg, Rostock, Wien oder Salzburg. Und daneben gedeihen verwandte Einrichtungen wie die LiteraturWERKstatt und das Literarische Colloquium in Berlin, Künstlerhöfe wie in Schöppingen oder Edenkoben, die Akademie Schloss Solitude ...
Berlin leistet sich nicht nur drei Literaturhäuser, Berlin nutzt sie auch, um seine metropole Stellung im Literaturbetrieb auszubauen, sieht in ihnen die Facetten eines lebendigen literarischen Lebens, das vom Literaturmarkt lebt und ihn vice versa bereichert. (Berlin ist mit Milliarden-Umsatz die größte Stadt des Bucheinzelhandels, dort werden ca. viel Tausende Verlagstitel pro Jahr gemacht.) Anderswo weiß man also sehr gut um die Verbindung von Geist und Geschäft.
Schaut man auf der Suche nach Literaturhäusern dagegen ins Ruhrgebiet (mehr als fünf Millionen Einwohner), dann heißt's: Fehlanzeige!
Dabei herrscht Aufbruchstimmung im Ruhrgebiet. Es gibt gelungene Versuche, Mythen und Moderne zu verbinden und es gibt ihr Scheitern. Allzu gern demonstriert man hierzulande, was man sich leisten kann, statt vielmehr endlich aufzuzeigen, was man zu leisten imstande wäre. Das hat sicher auch damit zu tun, dass die Kulturpolitik unter das Diktat der Wirtschaftsförderung geraten ist.
Ein Ort für die Lust am Text
Ein Europäisches Literaturhaus Ruhr als Kristallisationspunkt fürs literarische Leben im Revier könnte viel bewegen, sogar unter kulturwirtschaftlichen Aspekten. Es böte aber neben dem unvermeidlichen 'Event-Marketing' vor allem endlich ein Stück Infrastruktur zur Belebung der literarischen Szene und des literarischen Marktes im Revier. Es wäre das Forum für die Begegnung mit Literatur in all ihren Schattierungen, ein Ort "für die Lust am Text" (Roland Barthes), ein Ort der Literaturvermittlung, der Konzentration, des spielerischen Umgangs wie des Widerspruchs, ein Ort für Leser, Schriftsteller, Verleger und Kritiker im Gespräch und Ideenaustausch, ein Ort der Vorstellung vergessener und zu entdeckender Schriftsteller, ein Haus der Zusammenarbeit von Literaten mit anderen Künsten und Medien. Regional verwurzelt und weltoffen wäre ein Europäisches Literaturhaus Ruhr ein Tor zur Welt der Sprache und Dichtung.
2:0! Zwei Literaturhäuser für Köln-Bonn – Zero fürs lustlose Ruh(r)gebiet?
Ganz in der Nähe des Reviers verfügt der Köln-Bonner Raum seit November 1999 gleich über zwei mehr oder weniger von Bürgern und Sponsoren finanzierte Literaturhäuser (Haus für Sprache und Literatur Bonn und Literaturhaus Köln). Im Ruhrgebiet – der literarischen Diaspora – aber wird nicht einmal ernsthaft diskutiert, was woanders – wie gelungen auch immer – längst umgesetzt wurde.
Frische Seeluft statt Mief
Im Hamburger Literaturhaus feierte man im September 2004 das fünfzehnjährige Bestehen. Das Börsenblatt schrieb schon 1999: "Der Sitz des Literaturhauses, eine denkmalsgeschützte Villa, beherbergte früher unter anderem einen Orthopäden, eine Tanzschule, und ein 'Durchgangsheim für Mädchen'. 1987 erwarben die 'ZEIT'-Stiftung und der Bremerhavener Großkaufmann Eddy Lübbert das Objekt. Nach der Renovierung überließen sie das Haus 1989 mietfrei dem Literaturhaus Verein, den 13 engagierte Hamburger gegründet hatten und der heute gut 600 Mitglieder zählt. So entstand in Hamburg das zweite Literaturhaus Deutschlands – nach dem Vorreiter in Berlin. Die Bilanz der ersten zehn Jahre: 100.000 Besucher, mehr als 1.000 Veranstaltungen mit insgesamt 1.000 Autoren. (...) Zum Jubiläum präsentierte sich das Literaturhaus mit einem neuen Logo – spendiert vom Designunternehmen Winderlich Enterprise. Auch sonst ist die Finanzierung der Institution gesichert: Die Kulturbehörde steuert 270.000 Mark bei, weitere Gelder kommen von Verlagen, ausländischen Kulturinstituten, der Buchhandlung Samtleben, der Hamburgischen Kulturstiftung und anderen Geldgebern."
(Börsenblatt, 10.9.99).
Den Musen sei Dank, beim Literaturhaus Hamburg ist zudem so viel Geld in der Stiftungskasse, dass auch von den Zinsen sich einiges an Programm-, Betriebs- und Personalkosten begleichen lässt. Dazu kommen Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung, etwa des wunderbaren Café Schwanenwik im Literaturhaus.
Tagtraum (A2 zwischen Duisburg und Gladbeck)
Man stelle sich vor: In einem Europäischen Literaturhaus Ruhr (irgendwo zwischen Bochum und Duisburg) träfen sich gute Autorinnen und Autoren aus aller Welt, also auch aus NRW. Gespräche über alles, was mit Literatur zu tun hätte, würden dort geführt, man stritte, äße und tränke, kaufte sich Bücher, läse, sähe Literatur-Ausstellungen, Literaturverfilmungen, hörte mit Freunden Lyrik & Jazz, mit den Kleinen die besten Kinderbuchautoren, wärmte sich gelegentlich Herz und Verstand an literarisch-politischer Kleinkunst, hörte eine Nacht lang Bochumer Schauspielern zu, die aus dem Ulysses läsen, besuchte zum ersten Mal ein "poetry café", griffe gelegentlich sogar in literarische, politische und philosophische Debatten ein, um nicht als Konsumenten-Narziss das Leben nur blöde zu vertrödeln.
Junge und ältere Autoren träfen sich zu Textdiskussionen und Werkstattgesprächen, lernten von versierten Kollegen in Meisterklassen auf Zeit etwas über das Handwerk des Schreibens. Schriftsteller lüden Künstler anderer Sparten ein, um an Libretti zu arbeiten oder Texte und Grafik zu einem Buch zusammenzustellen, während nebenan die Videofreaks ihren Clip zu einem Gedicht Barbara Köhlers oder zu einem Krimi Jörg Juretzkas schnitten.
Wo kämen wir denn da hin, dichtete der Schweizer Kurt Marti, wenn alle sagten, wo kämen wir denn da hin, und niemand ginge, um zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.
Nüchternheit und Mut zur Größe statt Zweckpessimismus oder Größenwahn
Gegenargumente gab's und gibt's natürlich genug, nicht nur rund um die Gründung der Literaturhäuser in Frankfurt, München und anderswo. In den Diskussionen um die Literaturhäuser in Berlin oder Hamburg hörte man vor deren Gründung ziemlich düstere Horrorvisionen eitler Vereitler. Zum Beispiel die von den Villen, in denen die Avantgarde ganz nebenbei zwischen Plüsch und Pomp erstickt würde. Oder die Vision vom Clubhaus für den Klüngel, von der Schwätzerbude für Hobby-Literaten oder die von der subventionierten Sozialstation für alle, die ihre Tinte nicht halten könnten, von der Wärmestube für lokale Heimatdichter.
Ähnlich Überzogenes raunten auch die Befürworter von Literaturhäusern. In ihren Konzepten überfrachteten sie die Literaturhäuser so mit Hoffnung, dass die unter solcher Last als virtuelle Luft- und Lustschlösser schon einstürzten, bevor sie als Bau dastanden.
Ein 'Literaturhaus auf dem Papier' bot und bietet tausendfach alles unter einem Dach: "die zeitgemäße Form des Salons der Rahel Varnhagen" (Diepgen in Berlin), Caféhaus für Autoren und die demokratisch-literarische Öffentlichkeit, Schreibschule, Haus der Autorinnenförderung und Multi-Kulti-Austausch, Dokumentationszentrum, Archiv und Service-Station(?) für Autoren (Wien), Medienwerkstatt, Autorenwohnung, Buchladen, Experimentierbühne und so weiter ...
Auch dieses Plädoyer hier steht in der Gefahr, einem Europäischen Literaturhaus Ruhr und seinen möglichen Befürwortern zu viel zuzumuten, doch anderseits: Das Literaturhaus wird hier präsentiert als ein Ort, an dem nichts weniger geschähe, als dass mit Hilfe der Literatur über uns und unsere Gesellschaft nachgedacht würde.
Lernen am Modell: Hamburg und Berlin
Wer an der Ruhr wirklich ein Literaturhaus will, sollte genauer nach Hamburg und Berlin schauen und von den dortigen Muster-Häusern gründlich lernen.
In Berlin erklärte einst Herbert Wiesner: "Wir verstehen uns als ein Haus der Literatur für Berlin, aber nicht als ein Haus der Berliner Literatur, nicht nur jedenfalls. Obwohl Berliner Autoren bei uns auftreten, sind wir sind kein Clubhaus für Berliner Schriftsteller. Wir arbeiten, um eine im Grunde zwar anerkannte, aber schwierigere, sich nicht von selbst schon vermittelnde Literatur vorzustellen."
In dieses Horn stieß auch vordem Uwe Lucks, einer der ersten Geschäftsführer in Hamburg, brachte aber andere Töne hervor: "Also populistisch gehen wir nicht vor. Uns interessiert Qualität. Wir konzentrieren uns auf das, was uns wichtig erscheint. Das ist die Präsentation der aktuellen internationalen literarischen Szene."
Beide Häuser organisieren pro Jahr jeweils etwa 100 Veranstaltungen rund um die Literatur mit durchschnittlich 100 bis 110 Besuchern. Beide Häuser bemühen sich um neue Akzente in der Literaturvermittlung. Wiesner: "Ein Literaturhaus, das nur eine Aneinanderreihung von Lesungen böte, hätte keine Berechtigung". Und so lasen in Berlin nicht nur Viktor Pelewin und Paul Auster, sondern es gab auch öffentliche Uraufführungen von Hörspielen, die im Literaturhaus vor Publikum und gleichzeitig über den Sender liefen.
Auch im stolzen, alten Hamburger Haus ums Jahr 2000 ein anspruchsvolles, manchmal sperriges Programm von Paule Constant bis zu Mahmud Doulatabadi, das Flagge zeigt, ohne zu vergessen, dass es viele verschiedene Leser gibt, mit vielen verschiedenen Lesebedürfnissen. So lud man immer wieder Autoren der Gruppe OuLiPo (internationaler Arbeitskreis für Potentielle Literatur) ein, Eduard Goldstücker und Raymond Federman hielten hier im Rahmen der 'Hamburger Poetik-Dozentur' Vorlesungen. Beim 'Spaß mit Büchern' denkt man auch an den Lesernachwuchs. Autoren wie Peter Bichsel (Kindergeschichten) lesen, sprechen und spielen mit den Jüngeren und Jungen.
Ansteckend lebhaft
Beide Häuser öffnen anderen literarischen Vereinigungen ihr Haus als Forum und geben ihnen die Möglichkeit, kostenlos Veranstaltungen durchzuführen. So reicht man etwas von den eigenen Subventionen weiter. Unkenrufe von Kritikern, die glaubten, ein zentrales Literaturhaus veröde die literarische Szene einer Großstadtregion und nähme den anderen Initiativen Geld oder Publikum weg, haben sich nicht bestätigt. Im Gegenteil. "Es hat ja nur einen sehr kleinen Literaturetat gegeben, bevor wir überhaupt antraten. Wir haben die Kulturbehörde über unsere Existenz eher motiviert, viel mehr für Literatur in Hamburg insgesamt zu tun", sagte Uwe Lucks in Hamburg, und Herbert Wiesner bilanziert in Berlin: "Was kleinere Literaturinitiativen angeht, da gab's sogar einen Schub von Neugründungen, seitdem unser Literaturhaus die Arbeit aufgenommen hat."
Die Trägervereine beider Literaturhäuser bekamen ihre denkmalgeschützten Gebäude kostenlos renoviert und residieren dort mietfrei. Beim Berliner Literaturhaus jedoch werden anders als in Hamburg Programm und Haus noch stärker von der öffentlichen Hand gefördert. Aber auch die Berliner müssen dazuverdienen. Über Mitgliederbeiträge, Spenden, Eintrittspreise bei Veranstaltungen, die Verpachtung des Erdgeschosses ans Café Wintergarten und des Souterrains an den Buchladen, über Vermietungen und wechselnde Sponsoren.
Ankommen und stiften gehen ...
Mit Uwe Lucks fasse ich noch einmal das Rezept für ein Literaturhaus wie das Hamburger zusammen:
Man nehme eine Handvoll Enthusiasten, die hoffentlich wenig Image- oder Ego-Probleme haben. Die tatkräftig sind, die konzeptionell denken können. Die Fortune haben, Ausdauer bei der Suche nach einem geeigneten Haus, bei den Kontakten zu gediegenen Mäzenen, gebefreudigen Sponsoren, Politikern und den Kulturbehörden. Lucks warnte aber auch: "Es gibt zur Zeit einen Trend. Jede Stadt möchte gern ihr eigenes Literaturhaus. Da bin ich skeptisch. Literaturhäuser gehören in Ballungsräume mit großem Einzugsgebiet. Und sie sollten – falls noch mehr gegründet werden – unterschiedliche Konzepte und Programme haben. Ein Literaturhaus Ruhr oder Köln, das wäre schon sinnvoll. Aber dann wird's Zeit für mehr Arbeitsteilung in der Literaturförderung zwischen Berlin und Wien, Frankfurt und z.B. Duisburg oder Essen oder Bochum."
Sicher ist auch: Ohne eine Stiftung geht wahrscheinlich gar nichts. Vom Duisburger Lehmbruck Museum zum Beispiel und ihrem engagierten Leiter, Dr. Christoph Brockhaus, wäre zu lernen, wie man sich über eine Stiftung finanziell unabhängiger macht und auf Teile von Subventionen verzichten kann.
Warum überhaupt ein Literaturhaus?
Weil der Geist weht, wo er will, aber am liebsten doch dort, wo Intelligentes schon in der Luft liegt. Weil alle Künste feste Häuser haben, in denen Kunst gemacht oder dem Publikum präsentiert wird (Musikschulen, Konservatorien, Opernhäuser, Schauspiel, Museen, Atelierhäuser, Tanzzentren ...), die Literatur aber nicht. Bibliotheken und Buchhandlungen bieten keine Alternative. Sie sind vor allem Orte der Ausleihe und des Verkaufs, die daneben vielen anderen Zwecken dienen. Letztlich sind sie keine verlässlichen Orte des geistigen Austauschs, der Debatten über Literatur, des Gesprächs über Bücher und mit Autoren. Sie sind bestenfalls temporäre, flüchtige Veranstaltungsorte für zwei, drei Stunden, aber keine Mittelpunkte des öffentlich-literarischen Lebens, des literarischen Diskurses.
Kritisches Denken stimulieren, statt simulieren
In einem Literaturhaus bestünde die Chance, die Begegnung mit Literatur und Schriftstellern tatsächlich zu kultivieren, abseits von Bestseller-Marketing oder Lesung-als-Gottesdienst-Kulisse. Gerade im Aufkommen der Neuen Medien liegt dabei eher eine Chance als eine Gefahr für die Literatur. Literatur, Schreiben und Lesen, öffentliche Lektüre und Diskussion haben das Zeug dazu, "Kult" zu werden. Geistig-literarische Geselligkeit könnte eine Renaissance erleben, genau den geistigen Luxus bieten, den sich in einer offenen Gesellschaft alle die leisten, die kritisches Denken nicht nur simulieren, sondern auch stimulieren wollen. Ein Literaturhaus wäre die Insel der hintergründigen Phantasie im Meer der vordergründigen Fun-Kultur. Der Literatur, den Gesprächen über Literatur täte es gut, etwas mehr als bisher um ihrer Inhalte willen 'inszeniert' zu werden. Dazu bedarf es einer kultivierten Umgebung. Es ist überfällig, dass der Stil, den man von Autoren und ihren Texten fordert, endlich auch im Umgang mit Schriftstellern und ihren Werken geboten würde.
Warum ein Europäisches Literaturhaus?
Historisch ist das Ruhrgebiet geprägt von Zuwanderern, kulturellen Einflüssen aus ganz Europa und weltweitem Handel. In dieser 5-Millionen-Einwohner-Metropole, zentral gelegen in einem Europa der Regionen, lässt sich Literaturförderung gar nicht anders denken als im Spannungsfeld von lokaler Verwurzelung und internationalen Beziehungen, von Identitätssuche und Weltoffenheit.
Auch das hier bereits seit 1986 in Gladbeck ansässige, für die Region arbeitende Literaturbüro NRW-Ruhr e.V. war und ist eine hervorragende Einrichtung der Literatur-, Lese- und Autorenförderung, die auf internationale Kontakte Wert legt und könnte in einem Literaturhaus aufgehen. Ein Europäisches Literaturhaus Ruhr hätte die Vielfalt und Einzigartigkeit internationaler Literaturen und Sprachen zu präsentieren und zu vermitteln, das darin zu entdeckende Widerständige, Fremde und Neue. Das Literaturhaus hätte Leserinnen und Lesern Orientierungen in der Welt der Bücher zu ermöglichen und mit internationalen Projektpartnern Lesekultur zu gestalten.
Eine Adresse für die Präsentation von Weltliteratur
Die literarische Öffentlichkeit könnte vom regen 'Import' internationaler Literatur profitieren. Schon für das Literaturbüro Ruhr e.V. lasen und lesen von den frühen Nächten der Literatur bis zu den interkulturellen Literaturprojekten von 2006 und 2007 Österreicher, Schweizer, Spanier, Franzosen, Türken, Russen, Amerikaner, Ungarn und Polen, Argentinier und Nicaraguaner, Marokkaner und Algerier.
Doch wo das Literaturbüro, untergebracht in zwei kleinen Büroräumen, an wechselnden, nicht immer für Literatur geeigneten Orten im Revier ein wechselndes Publikum gewinnen muss, um internationale Schriftsteller und ihre Werke vorzustellen, hätte es ein Europäisches Literaturhaus Ruhr leichter. Endlich hätte die Vorstellung von Weltliteratur im Ruhrgebiet eine feste Adresse.
Daran wären nicht zuletzt die (großen) Verlage interessiert, für die erst dann Kooperationen und Förderungen interessant werden. So unterstützte die Bertelsmann Buch AG im Literaturhaus Frankfurt z.B. das 1. Internationale Literaturgespräch; das Thema: die Rolle der deutschsprachigen Literatur im Ausland. Die Bertelsmann Stiftung veranstaltet im Literaturhaus München und im Europäischen Übersetzer Kollegium Straelen regelmäßig seine Autorenweiterbildungen und die internationalen Übersetzer-Treffen.
Seit jeher beeinflussen sich Literaten und Literaturen über alle Grenzen hinweg in ihren Themen, Figuren, literarischen Mitteln. Jede Literaturvermittlung – auch in einem Literaturhaus – hat heute auf diese Intertextualität durch ein internationales Programm zu reagieren, das von der Komparatistik profitieren sollte, wo immer es ginge.
Warum ein Europäisches Literaturhaus Ruhr?
Das literarische Leben hat – wie gesagt – kein wirklich adäquates Zuhause im Ruhrgebiet, kein Obdach, bestenfalls Unterstellplätze und Tagesherbergen. Ein Europäisches Literaturhaus Ruhr hätte auf die besonderen Gegebenheiten des Reviers zu reagieren (karge Verlagslandschaft, fehlende Feuilletonvielfalt, fehlende Medienpräsenz).
Ein Europäisches Literaturhaus Ruhr hätte die junge Literatur, die Verlage und Literaturzeitschriften aus dem Ruhrgebiet (etwa Marion Poschmanns Schwarzweißroman, den Grafit Verlag oder das 'Schreibheft') in gelungenen Veranstaltungen sozusagen in einer Art 'Schaufenster nach außen' auch bundesweit zu präsentieren; parallel dazu müsste internationale Literatur über ein 'Schaufenster nach innen' vorgestellt werden.
Ein Europäisches Literaturhaus Ruhr wäre kein Allheilmittel gegen alle Defizite des literarischen Lebens im Revier, aber es könnte genau die Initialzündungen auslösen, die nötig wären, um eine lebendigere literarische Szene im Ruhrgebiet entstehen zu lassen und damit vielleicht auf Dauer auch mehr Autoren, Verleger und Medien ans Revier zu binden. Zur Zeit wandern viele große Talente noch nach Berlin und anderswo aus, kaum ein Autor von Rang lässt sich dagegen im Ruhrgebiet nieder.
Binden und fesseln durch Abenteuer für den Kopf
Zudem: Auch das Publikum will gepflegt werden. Nicht nur die Folkwang-Hochschule oder Schauspielhäuser wie das Bochumer Theater oder das Theater an der Ruhr, auch die Einrichtungen der soziokulturellen Szene haben in der jüngeren Vergangenheit deutlich gemacht, wie wichtig Treffpunkte, feste Einrichtungen für die Entwicklung der (klein-)künstlerischen Szene und die Herausbildung eines dazugehörenden Publikums sein können.
Ein Europäisches Literaturhaus Ruhr sollte zwar einen Sitz haben, ein halbwegs repräsentatives Domizil mit angemessenen Veranstaltungs- und Büroräumen, gleich ob nun in einer Villa, einem IBA-Gebäude oder im Rahmen eines attraktiven Innovations- oder Gründerzentrums, aber es dürfte als Europäisches Literaturhaus Ruhr keinesfalls nur dort tätig sein.
Das Ruhrgebiet braucht ein Literaturhaus als regionalen Veranstalter, als Agentur, als Markenzeichen. Das Europäische Literaturhaus Ruhr hätte als Literaturhaus auch in der Region Veranstaltungen durchzuführen. Unter dem Titel Das Europäische Literaturhaus Ruhr zu Gast in ... könnten Autoren, Diskussionen, interdisziplinäre Kunst-Projekte (zum Beispiel) im Landschaftspark Duisburg-Nord, im Gasometer Oberhausen, in der Zeche Zollverein usw. durchgeführt werden. Nicht zuletzt deshalb, um das Publikum in der Region auf das Mutter-Literaturhaus aufmerksam zu machen und es fest daran zu binden.
Allerdings hätte ein solches Europäisches Literaturhaus Ruhr auch seinen Preis. Karge Zuschüsse, halbherzige personelle und materielle Förderung wie die für das engagierte Literaturbüro Ruhr e.V. (Gladbeck) verweigern von vornherein die finanzielle Mindestausstattung für dauerhaft professionelles Kulturmanagement, das nicht nur auf Kosten der Mitarbeiter ginge, und für kontinuierlichen internationalen Literaturaustausch. Kompetenz der Mitarbeiter allein kann kein erfolgreiches Europäisches Literaturhaus Ruhr begründen. Der politische Wille zu profilierter regionaler Literaturpolitik mit bundesweiter und internationaler Ausstrahlung, der Wille zur Bündelung der Kräfte ließe sich nur umsetzen, wenn endlich auch auf solider materieller Grundlage hochkarätige Literaturförderung in der Region betrieben werden könnte.
Über die Bedeutung der Utopie und die Baukosten bei Luftschlössern
"Nicht nur nachts, auch noch im Wachen wird geträumt. Beiden Arten Traum ist gemeinsam, daß sie von Wünschen bewegt sind und sie zu erfüllen suchen. Doch unterscheiden sie sich schon dadurch, daß im Tagtraum das Ich ständig erhalten ist. Als dasjenige, das sich bewußt Zustände, Bilder eines erwünschten, eines besser erscheinenden Lebens privat ausmalt, sich als künftig vorführt. So legt der Tagtraum also auch inhaltlich keine Reise zurück, wie der Nachttraum, zurück in verdrängte Erlebnisse und ihre Einkleidungen. Er begibt sich vielmehr auf eine tunlichst ungehemmte Fahrt nach vorwärts, derart daß statt eines wieder rezent werdenden Nicht-Mehr-Bewußten Bilder eines Noch-Nicht in Leben und Welt heraufphantasiert werden können. Jedenfalls werden Fluchtträume errichtet, auf Spaziergängen oder in ruhigen Pausen bezogen. Oft windige, weil da ja nicht mit viel Überlegung des Drum und Dran gebaut wird, oft ausschweifend kühne und schöne, weil die Baukosten bei Luftschlössern keine Rolle spielen. Aber auch das Ausmalen von Geschenken gehört hierher, in der Kindheit, die Wunschlinie der Jugend, ein großer Mann zu werden, vor allem ihr Bild der künftigen Geliebten. Ja das blaue Tagträumen reicht vom gemeinen Auftrumpfen und Heimzahlen, von Spiegeleien und Goldstoff bis zu weltverbessernden Plänen, keineswegs mehr auf das werte Ich des Vorwegnehmenden allein bezogen. Gleichwohl bleibt leicht ein Schwärmen, das liebend gern die Mittel und die Lage überfliegt. Das uns dadurch freilich ebenso gespannt halten kann, nämlich voll Leben und dadurch auch möglichem Streben nach vorwärts.
Besonders dann, wenn der Tagtraum aus seinem Schein heraustritt."
Ernst Bloch, Tübinger Einleitung in die Philosophie. Darin: Weisungen utopischen Inhalts
7.09.10
Text des Monats September 10: Martijn den Ouden "Ohne Titel"
Martijn den Ouden
Ohne Titel
grau vor Himmel sieht Ballonfahrer Botsema-blau
weiß...





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