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21.11.16
Laudatio von Dr. Hannes Krauss auf Jürgen Brôcan

Begründung der Jury für die Vergabe des Hauptpreises des Literaturpreises Ruhr 2016 an Jürgen Brôcan

Nach 2012 hat die Jury erneut einen Lyriker für preiswürdig befunden, und wieder habe ich die Ehre, ihn loben zu dürfen. Obwohl Lyrik nicht zu meinen Spezialgebieten zählt, trau ich mich heute Abend, über ihn (und zu ihm) zu sprechen. Glücklicherweise ist er ja auch Essayist, Kritiker, Übersetzer und Herausgeber. Um all das herauszufinden, musste ich allerdings eine Weile suchen, denn er versteckt seine eindrucksvolle Produktivität hinter dem Bild des zurückhaltenden Zeitgenossen, der am Dorstfelder Schreibtisch sitzt, den Wechsel der Jahreszeiten im Garten beobachtet, gelegentlich an der nahen Autobahn und der nicht viel weiter entfernten Emscher entlang wandert, Gedichte verfasst und Texte von französischen, englischen oder amerikanischen Kollegen übersetzt. Wer – wie ich das in den letzten Wochen getan habe – den Spuren seiner Arbeit in Zeitungen und Zeitschriften, im Internet und natürlich in seinen Texten nachgeht, stößt auf eine Persönlichkeit, die nicht so recht ins Smartphone-, Whatsapp- und Facebook-Zeitalter passen will. Entdeckt habe ich unter anderem: einen profunden Kenner der Bibel und der Antike, der Botanik, der Malerei, der Musik und natürlich der Literatur (u.a. der deutschen, englischen und französischen). Das Material, auf das ich in seinen Büchern, Editionen, Übersetzungen und Kritiken gestoßen bin, war so umfangreich, dass ich darüber gelegentlich beinahe meine heutige Pflicht aus dem Blick verloren hätte. Zumal ich mich noch auf Nebenwege locken ließ, wo mir ambitionierte Kleinverlage (wie die ‚Edition Rugerup’ oder die ‚Edition Voss’) und Internetseiten („fixpoetry“, „poetenladen“) in die Quere kamen – Institutionen, die bei der Verbreitung von Lyrik heutzutage eine ganz wichtige Rolle spielen.

 

Der Denk-, Lese- und Schreibkosmos des Jürgen Brôcan ist unglaublich weit. Ich fragte mich – bzw. ihn – woher er das habe und erfuhr: die bekannten Bildungseinrichtungen waren es nicht. Unser Preisträger hat zwar in Göttingen, wo er 1965 geboren wurde, Abitur gemacht und dort auch Germanistik und Europäische Ethnologie studiert, war aber – nach eigenem Bekunden – kein guter Schüler. Als begabter Student wurde er später ohne vorherigen Abschluss zur Promotion zugelassen, verfasste sogar eine Studie zur Lyrik des deutschsprachigen Surrealismus, schloss die Promotion aber nicht ab, weil ihn der Unibetrieb nervte. Lieber schrieb er Gedichte – und er übersetzte: aus dem Altgriechischen, dem Französischen und dem Englischen – alles Sprachen, die er nie studiert hat. Seit fünfzehn Jahren lebt er in Dortmund, mittlerweile kann er ein beachtliches Oeuvre vorweisen: sieben Gedichtbände, mehrere Künstlerbücher (d.h. Texte zu Fotografien, Grafiken und Gemälden anderer Künstler), Erzählungen (für die er noch einen Verleger sucht), Essays, Rezensionen (meist in der Neuen Zürcher Zeitung oder auf fixpoetry.com) und eine kaum noch überschaubare Zahl von Übersetzungen – von der Johannes-Apokalypse über René Char bis Gustav Sobin, von Elisabeth Bishop bis Walt Whitman, von Ralph Waldo Emerson über Dana Gioa, Nathaniel Hawthorne, Ranji Hoskote und John Muir bis Arundhathi Subramaniam. Wenn Sie den einen oder anderen Autorennamen zum ersten Mal hören, geht’s Ihnen wie mir. Die Auseinandersetzung mit Jürgen Brocans Texten ist auch ein anspruchsvolles Weiterbildungs-Projekt.

 

Ich möchte jetzt aber nicht mit frisch erworbenem Wissen prahlen, sondern Sie einladen zu einem Blick auf Brôcans Gedichte. Auch die handeln oft von Kunst und Geschichte, von Literatur und Musik, vor allem aber eröffnen sie bislang ungesehene Alltags-Perspektiven: auf Vögel und andere Lebewesen im Garten, auf eine Natur, die verlassene Industrieanlagen zurück erobert, auf die herb-raue Schönheit von Gleisanlagen und Kanal-Ufern.

 

Das Gedicht aufbäumen beispielsweise beginnt so:

„die nachbargärten dürfen / sie nicht unbefugt betreten / darum müßten die apfelbäume / zurückgeschnitten werden / jetzt kommen auch die tage / an denen man die zweige der walnuß stutzen sollte, weil / in einigen jahren keiner über / scheitelhöhe klettern darf“

 

Die Natur wird gezähmt, umso üppiger wuchern die menschengemachten Trümmer.

In Brückenwildnis aus dem Zyklus Emscherspuren klingt das so:

„Schachtelhalme, Schuppenbäume aus Beton / die Kronentraufe mehrspurig, vom Motorenlärm / struppig verlichtet, überall Graffitiverbiß.

Wo es hingeht durch hosenzerrende Dornen / Brennessel, Stacheldraht, auch blühenden Holunder / rankt ein Kabel aus dem Boden / kauern Betonklötze wie Bruchstubben / die Reste eines Lagers daneben, Schnapsflaschen / Klopapier, Chipstüten, vorerst unangerostete Dosen / Der Abfall definiert die Kultur.“

 

Diese Gedichte handeln von Dingen, die man leicht übersieht, von Erinnerungen und subtilen Assoziationen. Einen guten Überblick bietet der Band „Ortskenntnis“, der Gedichte aus den Jahren 1996 bis 2006 versammelt. Danach erschienen „Antidot“ (2012) „Holzäpfel“ (2015), „Schädelflüchter“ (2015) und „hymnenrauh“ (2016).

Letzterem sind ein paar Worte von Johann Peter Hebel vorangesetzt (“zwar alles wie gewöhnlich und wie fast überall, aber man meint, man muß es sagen“), die als Maxime für Brôcans Schreiben gelten können. In seinen eigenen Worten hört sich das so an: „alles kann eingang zur staunwelt sein“. Seine lyrischen Subjekte sind „vernarrt in die verbrauchten Dinge“. Oft werden aufgelassene Industrielandschaften porträtiert. Damit reiht unser Preisträger sich ein in eine lange Tradition: der ‚unberühmte’ Ort, die Ruderalfläche spielt eine wichtige Rolle in der deutschen Literatur – vom dreißigjährigen Krieg bis zur Trümmerliteratur.

 

„Heimatpoesie von Arno Schmidtschem Temperament“ nennt eine Kritikerin das. Die ist weder idyllisierend, noch zeitfremd, noch unpolitisch. Die Bandbreite von Brôcans Dortmund-Gedichten beispielsweise reicht von Nelly Sachs über den Rombergpark bis zu Jens Lehmann. Sein Kollege Jan Kuhlbrodt schätzt an dieser Lyrik, dass „sie sich (nicht) im Appellativen ergeht, sondern (...) genau hinsieht.“

 

Jürgen Brôcan pflegt einen – mir fällt kein schlichteres Wort ein – einen ehrfürchtigen Umgang mit der Sprache:

„sprechen ist / die abwesenden / götter verkörpern. (...)

flüsse zur verlängerung / des arms machen / ein auge / dem hurrikan / einen rücken dem berg geben / bäumen die höchste / würde verleihen.“

Das schließt erinnernde Reflexion ein: „im flüssigharz der silben / ein paar dinge / damit man weiß, was war und / ist und sein könnte (...)“.

Wir finden in seiner Lyrik Bilder aus Kindheit, Elternhaus und Schule – und immer wieder Referenzen und intertextuelle Verweise – auf bekannte und weniger bekannte oder gar vergessene Dichter. Weil unser Autor ein freundlicher Mensch ist, entschlüsselt er derlei Bezüge oft in Anmerkungen (und nährt so den Wunsch, mehr über die Erwähnten zu erfahren). Seine auf den ersten Blick oft formlos erscheinenden Gedichte sind streng komponiert, nicht selten in Zyklen angeordnet; sie greifen lyrische Traditionen auf, spielen mit ihnen, schreiben sie fort.

 

Meine Lobrede wäre unvollständig ohne die Erwähnung des übersetzerischen Werkes. Aus der Vielzahl von Brôcans einschlägigen Arbeiten ragen ein paar Monumente heraus: die komplette Übertragung von Walt Whitmans „Grasblättern“, die Anthologie „Sehen heißt ändern“, in der er Originaltexte von dreißig amerikanischen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts mit seinen Übersetzungen konfrontiert, die Neuübersetzung von Nathanel Hawthornes „Scharlachrotem Buchstaben “, eine kommentierte dreibändige Übersetzung der Tagebücher von Ralph Waldo Emerson, die nächstes Jahr erscheinen wird. All diese Übersetzungen beeindrucken durch bedächtige Gründlichkeit. Im Nachwort zur Anthologie der amerikanischen Lyrikerinnen lässt Brôcan die Leser an seinen Skrupeln teilhaben: philologische Korrektheit gegen sprachliche Stimmigkeit, Reim oder Metrum gegen inhaltliche Nähe (manchmal offeriert er beides zur Auswahl), Übertragung oder Imitation von kulturell geprägten Begriffen und Wendungen. Seine Lösungen sind nachprüfbar und durchweg überzeugend.

 

Eigentlich müsste ich jetzt noch etwas zu der von Brôcan betreuten „edition offenes feld“ sagen. Ich breche aber hier ab, damit endlich er selbst zu Wort kommt. Nur dies noch: Mit stiller Beharrlichkeit setzt er Sprache(n) und ihre Qualität gegen populäre Varianten der Kultur. Damit kann er sogar gegen Martin von Tour, den Hoppeditz oder die Nationalmannschaft von San Marino bestehen.

 

Das Ruhrgebiet „verneige“ sich vor Ihm, titelte die WAZ am 27. Oktober. Mit dem Verneigen lass ich mir noch ein bisschen Zeit – vielleicht bis er mit Bob Dylan gleichgezogen hat. Aber gratulieren, lieber Jürgen Brôcan, gratulieren will ich Ihnen noch einmal ganz herzlich!

Dr. Hannes Krauss

Gladbeck, 11.11.2016