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19.11.15
Laudatio auf Britta Heidemann und Robin Berg von Ulli Langenbrinck

Begründung der Jury für die Vergabe der Förderpreise des Literaturpreises Ruhr 2015 an Britta Heidemann (Essen) und Robin Berg (Bochum)

Ulli Langenbrinck

 

Liebe Preisträgerin, liebe Preisträger, liebe Gäste,

 

das Thema für die Förderpreise war in diesem Jahr „Doppelleben“, ein Wort, das eine rasante literarische Achterbahnfahrt aus möglichen Plots und Figuren auslösen könnte, so hofften wir,  „von der Agentenexistenz in Politik und Industrie bis hin zu bürgerlicher Heimlichkeit oder den kläglichen Versuchen von Süchtigen aller Art, ein ‚normales‘ Leben vorzuspielen. Über ‚Doppelleben‘ zu schreiben, das kann aber auch bedeuten, Schatten- und Spiegelbilder des Lebens hervortreten zu lassen – oder eine Fülle, die es wie doppelt wirken lässt“, hieß es in der Ausschreibung. Ein schier unübersehbares labyrinthisches Spielfeld also für Geschichten.  Und ein doch auch sehr anspruchsvolles Thema, wenn man an literarische Vorbilder denkt. Das populärste dürfte Stevensons „Dr. Jekyll und Mr Hyde“ sein, eines der poetischen Schwergewichte sicherlich Fernando Pessoa, der auf die Frage, warum er sich in so viele Dichterpersönlichkeiten und Existenzen aufgespalten habe, lakonisch antwortete: „Wenn schon Gott keine Einheit ist - wie sollte ICH es dann sein?"

Oder die vielen im Wortsinne wunderbaren Beispiele aus der lateinamerikanischen Literatur von Julio Cortázar bis Gabriel García Márquez, Autoren, die eine doppelte Wirklichkeit, eine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit entstehen lassen, weil sie etwa die europäisch-rationalistische Vorstellung von der Zeit als einer linearen Bewegung nicht teilen. Warum sollte die Zeit statt linear nicht kreisförmig verlaufen?

 

230 Einsendungen erzählten – wie häufig in sehr unterschiedlicher Qualität – z.B. von geklonten Gehirnen, der Doppel-Identität von Migranten, von Stimmen im Kopf, dem Verwirrspiel eineiiger Zwillinge, von geheimen erotischen Leben, von der mordenden Krankenschwester, vom realen/analogen und dem virtuellen Leben etwa bei Facebook, von heimlichen Auftragskillern, professionellen oder zufälligen Doppelgängern, vom alten Leben vor und dem neuen Leben nach einem Unfall oder von parallelen Leben in verschiedenen Jahrhunderten. Nachdem die Jury den großen Stapel nach einigen Diskussionen  auf 18 Texte reduziert hatte, hatten wir es mit Geschichten zu tun, die gekonnt überraschende Facetten des Themas präsentierten.

Ganz besonders überzeugt haben uns schließlich die Geschichten von Robin Berg und von Britta Heidemann, weil sie jeweils auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Thema Doppelleben spielen.

„Im anderen Bett“ heißt Robin Bergs Geschichte. Der Titel führt auf eine falsche Fährte, denn der Held der Geschichte erlebt nicht etwa ein klischeehaftes Doppelleben in seinem sowie in einem fremden Bett, sondern Claudio Augustino Wagenstein erwacht „eines sonnigen Morgens (nach einer mit Freunden durchzechten Nacht) in einem Bett, in dem er noch nie zuvor gelegen hatte, eingehüllt in eine fremd riechende Decke und dicht neben einer Frau, deren Schnarchen so gar nicht jenem unwiderstehlichen Prusten glich, das er von seiner eigentlichen Frau, der guten Rosalia, zur Genüge kannte.“

Dabei war er doch am Abend zuvor „mit dem Taxi in sein gewohntes Umfeld gefahren und (hatte) sich ratzfatz im altbekannten Schlafzimmer neben seine Rosalia gelegt, umgeben von einer wohlvertrauten Dunkelheit.“

Verwirrt und entsetzt muss Claudio Augustino Wagenstein feststellen, dass sich außer ihm niemand über seine Anwesenheit wundert. Zwei kleine Töchter springen ins Zimmer und dem Claudio auf die Brust, „Papa, Papa“ rufend, und seine schlaftrunkene und ihm komplett unbekannte Ehefrau bittet ihn, ihren „Schatz“, doch schon einmal Kaffee zu machen.

 „Alles war falsch, fühlte sich falsch an, wirkte falsch, Claudio Augustino Wagenstein glaubte, sich in einem Traum zu bewegen, natürlich, das ist der naheliegendste Gedanke, war sich mit einem Mal, furchtbar deutlich, im Klaren, dass sein Leben fortan in anderen Bahnen, dass sich das Schicksal umschreiben würde, wuchtig und rücksichtslos. Dass etwas aus den Fugen geriet. Aus den Angeln gehoben und falsch wieder eingesetzt wurde. (…) Diese Existenz hatte ihn über Nacht wie eine zweite Haut überzogen.“

Das Vexierbild seines bis zu diesem Moment gelebten Lebens war durch eine kleine Drehung, für die wer oder was auch immer verantwortlich war, plötzlich und womöglich unwiderruflich verrutscht.

Claudio Augustino Wagenstein flüchtet vor der zugegebenermaßen schönen Frau, vor den Kindern, „seinen“ Töchtern, er will zu seiner Rosalia, die zuhause sicherlich verzweifelt auf ihn wartet, und flieht im Pyjama auf eine Straße, die er nicht kennt, deren Asphalt sich falsch anfühlt und über der selbst der blaue Himmel falsch aussieht.

Eine wunderbare Bühne für Situationskomik, die Robin Berg lakonisch inszeniert, zum Beispiel in der folgenden Szene:

„Eine ältere Dame schlurfte mit einem Rollator an ihm vorbei und erkundigte sich, kurz neben ihm verweilend, nach seinem Wohlbefinden. Es geht schon, sagte Claudio, ohne aufzusehen. Es geht schon, danke.

Die ältere Dame summte beruhigt. Freut mich.

Wo sind wir?, fragte Claudio, nachdem die Dame bereits weitergegangen war. Wo sind wir? Gemächlich drehte sie sich um. Bitte?

Welche Stadt ist das hier?

Das ist Bochum, mein Guter, antwortete sie. Bochum.“

Eine wildfremde Stadt. Kilometerweit entfernt.

Claudio Augustino Wagenstein sucht verzweifelt nach dem Ausgang aus diesem fremden Leben,  er irrt im Pyjama weiter durch die Straßen und entdeckt eine Telefonzelle, schnorrt sich an einem Kiosk mit seiner hanebüchenen Geschichte ein paar Cent, um endlich Rosalia anzurufen, seine Frau, die ihn doch vermissen muss. Als er endlich ihre Stimme hört, ist er schon so in seinem anderen Leben gefangen, dass er sie – verwirrt, unbeholfen – nur immer wieder fragt, ob ihr Mann daheim sei. Rosalia erkennt seine Stimme nicht und verweigert die Antwort.

Wir müssen fürchten, dass für Claudio Augustino Wagenstein das Vexierbild an dieser falschen Stelle eingerastet bleibt.

So originell wie der ganze Plot ist auch die Sprache des Erzählers, der als allwissende Instanz („Hört zu und staunt“, damit beginnt die Geschichte) wie auf einem orientalischen Markt sitzend, die äußere Handlung mit dem Innenleben des Helden wortgewaltig und farbig-assoziativ verknüpft. Der preiswürdige Auftakt des noch sehr jungen Autors Robin Berg aus Bochum.

 

„Schwimmen mit Seehund“ ist die zweite Geschichte, die die Jury einstimmig mit dem Förderpreis auszeichnet: Ein poetisch-artistisches Jonglier-Kunststück über das Thema Doppelleben von Britta Heidemann. Sie stammt aus Mülheim, arbeitet als Kulturredakteurin in Essen und beherrscht als Journalistin die ‚kurze Form‘ mit großer Professionalität. Ihre eindringliche, kunstvoll einfache und bildhafte Sprache dagegen dürfte eher von literarischen Vorbildern wie Alice Munroe beeinflusst sein.

In 26 Mini-Kapiteln erzählt Britta Heidemann, mal in Rückblenden, mal linear, die Geschichte von Marie, einer ungewöhnlichen jungen Frau, die eine Leidenschaft für Fotos, Momentaufnahmen aus fremden Leben hegt. An der Fototheke im Drogeriemarkt sucht sie in fremden Fototüten nach Schnappschüssen, die sie brauchen kann.

Der Drogeriemarkt ist kühl und leer, die Fototheke schon nicht mehr besetzt. Marie blättert, Matthiessen, Meyer, Meierling. Da, Muscheid: ein dicker Umschlag. Im Urlaub machen die Menschen Fotos, als bemäße sich ihr Glück in der Zahl der Bilder. Marie schaut immer nur beim M, und sie sucht nur in den dicken Umschlägen.

Muscheid, K.: Sommertage in New York. Altehrwürdige Hochhäuser, gelbe Taxen, der Park. Eine junge Frau auf einer Fähre, die Skyline im Hintergrund. Auf dem letzten Bild verdreht sie die Augen und presst den Mund zusammen. Marie nimmt es an sich, schiebt den Umschlag zurück zwischen die anderen und steckt das Foto in ihre Tasche.“

Marie hatte in dieser Stadt, die stark an Mülheim erinnert, einen Laden für Fotoalben.

„Sie hatte vor allem den Geruch ihres Ladens geliebt: Papier und Stoff, dazwischen der blumige Duft der Kerzen (sie hatte auch Kerzen verkauft, damit nicht alles in ihrem Laden eckig wäre). Ihre Kunden waren meist Kundinnen, mittelalte Frauen, die im Begriff standen, ihre Erinnerungen zu sortieren oder die ersten Schritte ihrer Enkel festzuhalten; sie wollten reden, und Marie tat so, als würde sie zuhören. Manchmal kamen Hochzeitspaare, flüsternde, doppelköpfige Wesen unter der Glasglocke ihres Glücks; Marie hatte sie in Ruhe gelassen und nur an der Kasse ihre Wahl gelobt.“

Den Laden hat Marie aufgegeben. Sie feiert mit Freunden, vielleicht die neue Freiheit, sie blödeln herum, was nun als nächstes aus dem Laden werden solle: vielleicht ein Hundekindergarten, ein Nagelstudio, eine Seitensprung-Agentur, eine Alibi-Vermittlung… oder eine Agentur für Doppelleben. Marie liegt schon im Bett, als ihre Freunde ein Schild malen: Agentur für Doppelleben, Neueröffnung, und es ins Fenster stellen.

Gleich am nächsten Morgen betritt Simon Möllering den Laden.

„Simon Möllering ist ein Mann, den jeder zu kennen glaubt. Er ist der Kumpel aus Kindertagen, der alte Schulfreund, der Flirt einer Kneipennacht vor Jahren. Simon ist alle Männer und der eine. Er ist der Ehemann, der Liebhaber. Maries erster Kunde, oder sagt man: Fall?, in einem Unternehmen, dessen Gründung sie verschlafen hat.

Simon lebt zwei Leben an zwei Orten, nur wachsen ihm seine beiden Leben über den Kopf (denn es ist ja doch nur einer). Seiner Frau hat er erzählt, er arbeite hier, in der Stadt am Fluss. Weil in diesem Fluss ein Seehund aufgetaucht sei, beschäftige die Stadt einen Meeresbiologen (ihn), um die Sache aufzuklären. Seine Frau hat das geglaubt, glaubt das schon seit Monaten. Während Simon in Wahrheit auf einer Nordseeinsel jobbt. Dort lebt auch seine Freundin.“

Und jetzt drohe Unheil, denn Simons Ehefrau möchte ihn in Mülheim besuchen, erzählt er Marie. Wo er gar nicht wohnt. Und Simon bittet Marie, ihm ein Doppelleben in der Stadt am Fluss zu erfinden. Sie sucht ihm eine Wohnung direkt am Fluss, richtet sie – sich in sein Leben vortastend – ein, die Wohnung, die Möbel, die persönlichen Gegenstände, die Kleidung, die CDs, die sie ihm kauft, sollen seine Seele widerspiegeln, doch was für eine Seele ist dieser Simon Möllering? Manchmal erscheint es Marie, als „wäre Simon ein Meeressäuger, der sich ins Süßwasser verirrt hat, einfach, weil er eine falsche Abzweigung genommen hat.“

Marie erfindet ihm immer weitere Fragmente eines Pseudo-Lebens, das sich jedoch zunehmend verselbständigt. Langsam und fast unmerklich gleitet Marie in Simons Doppelleben, unmerklich und hypnotisch auch aufgrund der magisch-subtilen Erzählkunst Britta Heidemanns. Das hochkomplexe Verwirrspiel um Liebe, Identität und Lebensentwürfe schwebt wie ein beständiges Flirren in der Luft. Längst beobachtet Marie mit einem Fernglas Simon in seiner Wohnung, selbst, wenn er behauptet, auf der fernen Nordseeinsel zu sein. Und als sie wieder mal im Drogeriemarkt unter dem Buchstaben M die Fototüten durchsucht, entdeckt sie …

Meier, Mirkus - Möllering. Ein dünner Umschlag, aber Maries Neugier siegt.

Maries schlafendes Gesicht, ganz nah. Simons hellgrüne Bettwäsche, das Paisley-Muster wie ein Strudel. Maries Fuß, der unter der Decke hervorschaut. Und wieder ihr Gesicht: Augen geschlossen, die Wange ins Kissen gedrückt. Einmal, zweimal, dreimal. Bis die Kamera ihr so nah ist, dass Haut und Haare verschwimmen.“

So endet Britta Heidemanns Geschichte von Marie, Simon und dem Seehund, in der wohl nichts ist, wie es scheint. Eine Autorin, von der wir sehr gern noch sehr viel mehr lesen würden.

Im Namen der Jury des Literaturpreises Ruhr gratuliere ich Robin Berg und Britta Heidemann zum diesjährigen Förderpreis. Herzlichen Glückwunsch.