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27.11.14
Laudatio auf Marianne Brentzel von Dr. Hannes Krauss

Begründung der Jury für die Vergabe des Hauptpreises des Literaturpreises Ruhr 2014 an Marianne Brentzel (Dortmund)

Dr. Hannes Krauss

 

 

Sehr geehrte Frau Geiß-Netthöfel, sehr geehrter Herr Obereiner, liebe Freunde der Literatur, verehrte Preisträgerin: Ihnen allen einen guten Abend – und Ihnen, Frau Brentzel, herzlichen Glückwunsch zum Literaturpreis Ruhr 2014. Ihren runden Geburtstag haben wir knapp verpasst, zum bevorstehenden nächsten kommt dieser Preis hoffentlich auch noch gelegen.  

Marianne Brentzel, geboren und aufgewachsen in Ostwestfalen, gehört einer Generation an (wie ich übrigens auch), die im politischen Diskurs heute gerne für Vieles verantwortlich gemacht wird – für Gutes eher selten. Sie wuchs als jüngstes von fünf Kindern einer Arztfamilie auf, hat am Berliner Otto-Suhr-Institut Politische Wissenschaften studiert, Diplom- und Lehrerexamen abgelegt und die Studentenbewegung von der Betriebsarbeit bis zur Funktionärskarriere in einer maoistischen Gruppe ausgekostet. In diesem Kontext, auf der Suche nach den revolutionären Subjekten, ist sie vor 41 Jahren ins Ruhrgebiet gekommen. Die Gruppe (die sich selbst als Partei-Aufbauorganisation gerierte) gibt‘s schon lange nicht mehr, und die ideologischen Schaumkronen über ihren Rechtfertigungen fürs politische Engagement haben sich längst verflüchtigt. Manche der damaligen Kader bewiesen bei der weiteren Lebensplanung erstaunliche Flexibilität. Marianne Brentzel lebt immer noch in Dortmund. Sie hat dort zwei Kinder groß gezogen, mitgearbeitet in einer medizinischen Ambulanz für Obdachlose, sie hat Theater- und andere Projekte für Jugendliche und in der Erwachsenenbildung initiiert, seit einigen Jahren organisiert sie in der Stadt- und Landesbibliothek den „Dortmunder Bücherstreit“.

Das ist ehrenwert, aber dafür erhält man keine Literaturpreise. Die werden gestiftet, um Bücher auszuzeichnen (und manchmal auch die Stifter). Der, der heute Abend zum 29. Mal verliehen wurde, will die kulturelle Identität einer Region bekräftigen, die jahrzehntelang weniger als Ort der Kultur denn als industrieller Motor wahrgenommen wurde. Das hat sich zwar mittlerweile geändert (das mit der Kultur und das mit der Industrie), aber der Preis hebt immer noch auf Eigenarten der Region ab: sei es durch die Themen der ausgezeichneten Bücher oder durch die Biografien ihrer VerfasserInnen.

Marianne Brentzel hat natürlich auch Bücher geschrieben: nach meiner Zählung seit 1986 mindestens zehn. Einige spielen im Ruhrgebiet und alle sind geprägt durch eine Haltung, die hier gut gedeiht und geschätzt wird: durch unprätentiöses aber entschiedenes Engagement.

Beginnen wir mit den Büchern, die bei einem Literaturpreis nicht sofort ins Auge fallen: einer Reihe von Biographien über mehr oder weniger prominente Frauen: Else Ury, Hilde Benjamin, Bertha Pappenheim, Margherita Sarfatti, dazu Kurzporträts von sieben Autorinnen, die (neben 20 männlichen Kollegen) seit 1961 mit dem Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund ausgezeichnet wurden. Auf den ersten Blick ist schwer zu erkennen, was eine Berliner Erfolgsautorin der 1920er Jahre, eine (als Patientin Sigmund Freuds in die Geschichte der Psychoanalyse eingegangene) österreichische Frauenrechtlerin, eine schlecht beleumundete kommunistische Juristin, eine nicht minder umstrittene, reiche italienische Kunstkritikerin und sieben Dichterinnen (darunter zwei Nobelpreisträgerinnen) verbindet.

Am bekanntesten ist sicher die Verfasserin der bis heute populären „Nesthäkchen“-Romane. Weniger bekannt ist bzw. war bis vor einigen Jahren, dass diese aus Überzeugung in Deutschland gebliebene Autorin im Januar 1943 zusammen mit 1100 anderen Berliner Juden nach Auschwitz deportiert und dort kurz nach ihrer Ankunft ermordet wurde. Marianne Brentzel hat das akribisch recherchiert und in ihren “Annäherungen an Else Ury“ mit vielen anderen Informationen zu Urys Leben (und zu ihrer konservativ-deutschnationalen Haltung) zusammengefügt zu einer Biographie, deren Widersprüche und Brüche auch typisch sind für deutsche Traditionen. Hier zeigt sich zum ersten Mal, was auch die folgenden Biographien auszeichnet: eine ganz eigene Synthese von Empathie und Distanz. Diese vorurteilslose Neugier ist umso bemerkenswerter, als sie die politischen Klischees der 1970er Jahre, die Brentzel selbst einmal bedient, unter denen sie später wohl auch gelitten hat, souverän ignoriert. „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“ hat Wolf Biermann einst gesungen. [Ich weiß, das ist derzeit keine besonders populäre Referenz, aber von Biermann stammt ja auch der schöne Satz: „Manchmal bin ich nicht mehr meiner Meinung.“ Der, also seiner, bin ich schon länger nicht mehr.]     

 

Widersprüche kennzeichnen auch das Leben der anderen Frauen, über die Marianne Brentzel geschrieben hat: Hilde Benjamin beispielsweise, Witwe des im KZ ermordeten Bruders von Walter Benjamin, DDR-Justizministerin, von der gängigen Geschichtsschreibung als „rote Hilde“ abgestempelt (und entsorgt). Oder Margherita Sarfatti, reiche Tochter jüdischer Großbürger, radikale Sozialistin und zeitweilige Geliebte Mussolinis, dessen Karriere sie erst beförderte und später mit dem Satz kommentierte: „Ich habe mich geirrt. Was soll’s.“

 

Offenbar sind es gerade solche Widersprüche, die Marianne Brentzel reizten, sich in die Lebensgeschichten eigenwilliger Frauen zu vertiefen. Widersprüche, die auch ihr eigenes Leben geprägt haben. Sie begnügte sich allerdings nicht mit einem lakonischen Kommentar. Ihr 2011 erschienener Roman „Rote Fahnen – Rote Lippen“ rekonstruiert den Weg einer Bürgerstochter zur kommunistischen Funktionärin und schließlich zur Abkehr vom dogmatischen politisch-sozialem Engagement. Marianne Brentzel betont, dass ihre Protagonistin „anders ist als ich“ sei, räumt aber ein: „das Buch hat viel Autobiographisches“. Unpathetisch und präzise entfaltet sie eine Biographie, die repräsentativ ist für einen wichtigen Teil ihrer Generation. Sachlich, aber durchaus unterhaltsam werden der Weg in die Ideologie und der schmerzhafte Rückweg in den Alltag geschildert. Einen Alltag, in dem die Protagonistin (wie auch ihre Autorin) die Idee von sozialer Gerechtigkeit nicht preisgeben, sie aber künftig ohne ideologischen Psychoterror pflegen möchte. Von früheren Innenansichten aus der Welt kommunistischer Kaderspiele in der Bundesrepublik der 1970er und 1980er Jahre unterscheidet sich dieser Roman positiv durch eine erkennbare, zugleich unaufgeregte weibliche Perspektive. Die Frauenfiguren des Romans (die Protagonistin Hannah, ihre Mutter und Schwiegermutter, die Genossin Hilde und deren Mutter, die Parteifunktionärin Katharina) wären eine genauere Analyse wert.

 

Auch in diesem Roman beweist Marianne Brentzel ihr Talent, ungewöhnliche Frauenfiguren anschaulich und präzise zu zeichnen. Vielleicht gehört sie selbst dazu. Sie würde das vermutlich von sich weisen, und ich will hier nicht den Feministen spielen. Aber mich hat beeindruckt, wie sie den Weg einer Frau in den Dogmatismus schildert und ihre Desillusionierung – die nicht in Resignation oder Zynismus mündete.

 

Damit wären wir wieder bei der Autorin. Nach wie vor engagiert sie sich in kulturellen und sozialen Initiativen. Aus der Arbeit im Dortmunder Gast-Haus (einer Einrichtung für Obdachlose) ist ein Buch mit 15 originellen Porträts von Nutzern dieser Einrichtung entstanden. Last but not least erwähnt werden muss ihr Erstlingswerk „Rudi und der Friedenspudding“, ein Jugendbuch über eine Kindheit im Jahre 1945, das durchaus konkurrieren könnte mit den „Vorstadtkrokodilen“ des Preisträgers von 1988 – wenn es denn erhältlich wäre.

Noch eine Eigenschaft unserer Preisträgerin: sie hat im Laufe der Jahre ein beachtliches Werk geschaffen, aber literarischer Ruhm scheint ihr weniger wichtig zu sein. Ihre Bücher veröffentlicht sie, wie es kommt: mal in etablierten Verlagen (bei Christoph Links, Wallstein oder edition ebersbach), mal in Nischen (wie beim rührigen Geest-Verlag in Vechta), mal als „book on demand“. Für die Vorbereitung dieser Laudatio war das manchmal ganz schön mühsam. Vielleicht trägt der heutige Preis dazu bei, Marianne Brentzels Bücher stärker ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Verdient haben sie es.