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27.11.14
Laudatio auf Merle Wolke und Frauke Angel von Jens Dirksen

Begründung der Jury für die Vergabe der Förderpreise des Literaturpreises Ruhr 2014 an Merle Wolke (Berlin) und Frauke Angel (Dresden)

Jens Dirksen

 

Museumsrevier.

Merle Wolke und Frauke Angel haben den Förderpreis zum Literaturpreis Ruhr  2014 verdient

 

Schauplatz Museum – warum die Jury zum Literaturpreis Ruhr in diesem Jahr den Schreib-Wettbewerb um die Förderpreise eigentlich mit diesen Schlagwörtern überschrieben haben, mag man fragen. Aber schon die Frage ist falsch. Sie müsste eigentlich lauten: Warum erst jetzt? Man stelle sich vor: Das Ruhrgebiet hat nicht nur die 20 Kunstmuseen, die sich durch die Kulturhauptstadt dichter zusammengeschlossen haben, das Revier hat über 200 Museen! Das reicht  vom Aquarius Wassermuseum in Mülheim bis zum Zwiebackmuseum in Hagen, vom Radio- oder Bienenmuseum in Duisburg bis zum Kochbuch- oder Giraffenmuseum in Dortmund, vom Motorradmuseum in Moers über das Bunkermuseum in Oberhausen bis zum Soul-of-Africa-Museum in Essen.  Überhaupt: Das griechische Museion, die Mutter der Museen, war das Heiligtum aller neun Musen, eine Art griechischer Folkwang, sozusagen. Und  das Museion von Alexandria, das vor  2400 Jahren gegründet  wurde, umfasste die berühmteste Bibliothek der Antike, Literatur und Museum gehören einfach zusammen. Die Reihe der dort vertretenen Musen reicht von der geschichtsschreiberischen Klio über die komödiantische Thalia bis zu Kalliope mit der schönen Stimme, die für Rhetorik, Wissenschaft, Philosophie und – natürlich – epische Dichtung steht.

 

Gemessen an der Vielfalt griechischer Musen und rheinisch-westfälischer Museen spielten allerdings recht viele der aus ganz Deutschland eingereichten 141 Beiträge in einem Kunstmuseum. Und mehr als einer davon spielte mit dem Gegenteil von Museumsraub, nämlich  mit der heimlichen, meist nächtlichen, zuweilen aber auch schlicht dreisten Ergänzung, ja Fortentwicklung von Sammlungen durch Gemälde, Skulpturen und Omma-Stühlen – die manchmal sogar am helllichten Tag stattfindet. Die schönste, allemal aber amüsanteste von ihnen hat die gelernte Fotografin, Fotografielehrerin und Drehbuchautorin Merle Wolke aus Berlin geschrieben. Wir waren uns in der Jury recht schnell einig, dass der freche, rasante Witz, mit dem der einstige Bergrennfahrer namens Zumpel nun als fliegender Hausmeister die kleinen und großen Museen des südwestlichen Westfalen von Werdohl bis Dortmund vor großen und kleinen Katastrophen bewahrt, diese Geschichte unter manchen ähnlichen heraushob. Die Museumsdirektoren und ihre akademischen Lakaien kommen darin nicht besonders gut weg, sie sind ein blasiertes, realitätsfernes Völkchen, das schon mal „Mon Dieu“ sagt und gern die Welt erklärt, wobei das Museum schon ihre Welt ist, eine  Kunstwelt im doppelten Sinne, aber oft die einzige, in der sie wirklich leben. Und in der man auf einen reisenden Handwerker wie Zumpel herabsieht, obwohl man doch angewiesen ist auf jemanden, der Schlösser reparieren kann und Stromleitungen auch.

Gänzlich unvertraut mit dem Arbeitsplatz und der Scheinwelt Museum, seinem Innenleben und seinen Abhängigkeiten im 21. Jahrhundert kann Merle Wolke nicht sein, sonst würde nicht ein Pressesprecher als Mädchen für alles fungieren, sonst wäre nicht der Chef der sponsernden Stadtwerke der heimliche Herrscher des Hauses. Auch die Direktoren der eher zwergenhaften Heimatmuseen sind mit wenigen Strichen verdächtig realitätsnah getroffen. Überhaupt ist die Charakterisierung mit wenigen Strichen, wenigen Gesten, wenigen Worten die große Stärke von Merle Wolke, soweit man das von diesem einen Text her beurteilen kann. Ihr Zumpel, so eine Art Mischung aus Eulenspiegel und Sancho Pansa ohne Quijote, leidet etwa dezent, aber nachhaltig unter seiner körperlichen Massivität. Umso mehr erfüllt seine Rache des kräftigen, aber kleinen Mannes mit pfiffigen Mitteln das Grundbedürfnis, die Mauer der Selbstimmunisierung von Museen und ihrer Verantwortlichen einmal zu durchbrechen. Ursprung dieses Bedürfnisses ist aber nicht etwa der Verdruss über moderne Kunst und ihre sehr speziellen Eigenarten, der sehr leicht in einer intellektualitätsfeindlichen Pauschalablehnung mündet. Ursprung ist die selbstgewählte Hermetik der Museen. Zumpel fertigt als handwerklich Begabter nicht etwa die bessere  Kunst an, er weiß sehr wohl, dass es sich bei seiner Lichtkunst-Parodie um ein „Schrottgebilde“ handelt – und auch seine neue, kunstsachverständige Liebe Eleanor, der er ausgerechnet vor diesem Schrottgebilde zum ersten Mal begegnet, weiß, dass dieses hier „totaler Mist“ ist. Wobei sie eben zu unterscheiden weiß und sich eine Putzfrau nur für die Entfernung schlechter Kunst aus den Museen wünscht.

Am Ende aber geht es in „Eintritt frei“ gar nicht um Museen, sondern um das Glück. Und um Menschen mit Charakter, sofern sie nicht ersetzt werden durch das Amt, das sie bekleiden. Merle Wolke gibt ihnen klare Konturen und eine Lebensgeschichte, die nach Individualität riecht und doch so nachvollziehbar scheint. Außerdem spricht jene „Mittagsmaschine nach Sofia“, die Zumpel aus seiner Werkstatt in Dortmund-Brackel starten sieht, für eine souveräne Ortskenntnis der geborenen und praktizierenden Berlinerin Merle Wolke – mindestens aber auch für eine gekonnte, sorgfältige Recherche bei Google Maps. Und dass das östliche Ruhrgebiet in ihrer Erzählung „Eintritt frei“ als ein abgeschlossener Raum, eine Gegend für sich erscheint, ist ja auch nicht völlig fernab jeder Realität....

Ebenfalls nicht völlig fernab jeder Realität ist, dass das Ruhrgebiet sich aus der Perspektive eines sanierten Plattenbaugebietes im Osten tatsächlich wie „Dunkeldeutschland“ ausnehmen mag. So steht es jedenfalls in Frauke Angels Erzählung „Und samstags wird gebadet“, die das Wettbewerbsthema so ganz anders angeht, uns aber mindestens genauso überzeugt hat.

Eine Familie mit drei Kindern aus dem Osten Deutschlands reist, weil die Mutter dort vor Jahrzehnten aufgewachsen ist, ins Ruhrgebiet. Das ist für die Kinder und den Mann ein „unbekanntes Land, das es in wilder Expedition zu erforschen gilt“, weshalb das jüngste der Kinder schon „Juhu, nach Afrika!“ ruft. Die Erzählinstanz dieser Geschichte ist nur scheinbar allwissend, in Wirklichkeit verbirgt sich hinter der unpersönlichen Erzählweise die Perspektive jener Frau mit der Ruhrgebietskindheit. Eigentlich will sie ihrem Mann ihre Kindheit zeigen, die Treppe in den Kohlenkeller, den alten Bunker auf der Brache, die Köttelbecke, er soll staunen. Doch fast nichts ist mehr so, wie es vor 20 Jahren in der Kolonie noch war, als der Pott noch glühte und Sauerampfer im Garten wucherte. „Phönix liegt in der Asche“, „kein Rauch nirgends“. Die Kinder halten die Halde für einen Vulkan und freuen sich über Pommes Schranke zum Frühstück. 

Zum Glück aber gibt es ein kleines Denkmalhaus des Ruhrgebietsalltags mit Plumpsklo und Badeofen, Nachttopf und einem greisen Teddy, denn „die Welt hier, die alte, ist schon ausgestorben und muss ins Museum“. Hier lässt sich noch der Abstand zwischen Gestern und Heute ausmessen. Und leise Komik kommt auf, wenn die naivschräge Sicht der Kinder von heute auf die Dinge von früher sich kreuzt und verheddert mit der melancholischen Erinnerung ihrer Mutter an ihre eigene Kindheit. Kein einziger Satz von Frauke Angel, der gelernten Schauspielerin, leidenschaftlichen Dramaturgin und gebürtigen Essenerin, ist überflüssig, jeder birgt in sich eine neue kleine Episode, eine Sichtweise, ein Thema. Eine türkische Freundin von früher kommt vor in der Geschichte, der ebenso hellhörige wie schimpffreudige Nachbar im Plattenbau und dass auch nicht alles echt ist im Museum, in dem sogar der Nachttopf ausprobiert werden darf und die kleine Elisa jenen Schleier mitnehmen darf, mit dem sie Heilige Barbara gespielt hat, alles „original Importware“, versichert der Museumsführer.

Das Schönste an Frauke Angels schöner Erzählung sind die vielen pulswarmen Sätze darin. Oft gelten sie dem Kind, das die anderen Autist nennen: „Doch dann sieht sie Richard, wie er inwändig brennt, während er seine Reiseunterlagen ordnet, ein ums andere Mal den gelben Zettelblock im Koffer platziert und sich schließlich doch dafür entscheidet, den Schatz bei sich zu tragen, weil er so wenig Vertrauen in den Koffer hat wie in seine Mutter, die immer zu laut und kraftvoll in dem Leben steht, das ihm Angst macht.“

 

Dieser eindringlich-zarte, zwischen leiser Melancholie und glasklarem Realismus pendelnder Ton, der die Geschichte durchzieht, die oft zärtliche Genauigkeit, mit der sie zugleich Zwischentöne im Miteinander von Menschen einfängt, ist hier vielleicht sogar noch wichtiger als das, was Germanisten mit dem Terminus „Fabel“ benennen. Die allerdings mündet in ein kleines Wunder, zumindest aber in einen wundervollen Moment. Richard, der Junge mit den gelben Zetteln, der so sehr in seiner Welt lebt, vertraut seiner Mutter an, dass er am nächsten Tag nicht mit zur gemeinsamen Grubenfahrt kommen kann. Denn am nächsten Tag ist Samstag. Und samstags, man ahnt es, wird gebadet. Für einen Moment hat Richard seine Welt verlassen, hat sich eingelassen auf die andere Welt, die die seiner Mutter war, Teil ihrer Identität immer noch ist. Dieser Moment stiftet eine Gemeinsamkeit, die wirkt wie ein kurzer Ausgang aus dem inneren Gefängnis, in dem sich der Junge befindet. Es war nicht allein das kleine Museum, das diese Wirkung hatte. Aber es war der Schauplatz, an dem sie eintrat.

 

Wir haben zu danken für zwei großartige Geschichten und verneigen uns vor den Autorinnen, den Preisträgerinnen.