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27.11.14
Laudatio auf Dr. Sarah Meyer-Dietrich von Dr. Klaus Jägersküpper

Begründung der Jury für die Vergabe des vom Rotary Club Essen gestifteten Förderpreises 2014 für den literarischen Nachwuchs

Dr. Klaus Jägersküpper

 

Seit vielen Jahren engagieren sich die Essener Rotary Clubs in ganz unterschiedlichen Bereichen der Kulturförderung. Dabei steht fast immer die Unterstützung von jungen Künstlern oder Nachwuchstalenten im Vordergrund, z. B. im musikalischen Bereich, in der bildenden Kunst oder in der Unterstützung von Studierenden der Kunst- und Musikhochschulen. Der älteste Club des Ruhrgebiets, der 1950 gegründete Rotary Club Essen, hat in den letzten Jahren hauptsächlich verschiedene Projekte der Folkwang Universität der Künste unterstützt, aber auch anlässlich seines 60-jährigen Jubiläums 2010 erstmalig einen Förderpreis im Rahmen des Literaturpreises Ruhr ausgelobt. In diesem Jahr hat der Vorstand unter Präsident Koschany entschieden, sich erneut am Literaturpreis Ruhr zu beteiligen und einen Preis für den schriftstellerischen Nachwuchs zu finanzieren. Dabei spielte auch das vorgeschlagene Thema „Schauplatz Museum“ eine wesentliche Rolle, das interessante Einsendungen erwarten ließ.

Aus der großen Anzahl der in Frage kommenden Texte von jüngeren Autorinnen und Autoren hat die Jury nach intensiven Diskussionen mehrere absolut preiswürdige Texte ausgewählt, von denen schließlich Text 66 den Vorzug erhielt, da er die Ausschreibungskriterien souverän erfüllte und auf sehr originelle Art den Schauplatz Museum zum Handlungsort einer überraschend vielschichtigen und erzähltechnisch ambitionierten Erzählung machte.

Der Titel „White Cube“ irritiert zunächst, da ein direkter Bezug zum bekannten Ausstellungskonzept vieler Museen, Kunst in weißen Räumen zu präsentieren, nicht zu erkennen ist. Vielmehr schildert eine weibliche Ich-Erzählerin von einem Seminartag im Museum, bei dem Max Pechsteins Gemälde „Das Mädchen am Tisch“ sowie die souveräne Seminarleiterin Katharina im Mittelpunkt stehen. Während Katharina, die zugleich auch Kuratorin der Ausstellung ist, mit der Studentengruppe spricht, sehnt sich die Erzählerin namens Charlotte nach den Händen ihres Liebhabers Peter, der so zärtlich Linien auf der Haut von Charlotte zeichnen kann.

Einige Tage später unterhält sich Charlotte mit ihrem Freund Peter über Pechstein und über die Seminarleiterin Katharina. Charlotte gesteht sich selber ein, dass sie an dem Seminar nur teilnehme, „weil (sie) Katharina studieren will.“ Ihr innerer Monolog enthüllt, dass sie den Kontakt zu Katharina nur sucht, um Peter verstehen zu können, denn Peter ist der Mann von Katharina. Wenn Charlotte an Katharina denkt, dann kann sie nicht schlafen, dann fühlt sie, dass ihr Inneres weiß und leer ist, wie eine weiße Leinwand, eben ein „white cube“.

Um sich abzulenken und auch Katharina zu verstehen, geht Charlotte wieder ins Museum  und betrachtet Pechsteins „Mädchen am Tisch“. Dabei wird sie von Peter überrascht, der ihr Details zur Entstehung des Bildes verrät. Charlotte denkt währenddessen an alle Regeln, die im Museum einzuhalten sind: Abstand halten, Lautstärke reduzieren. Aber eine Regel hat sie missachtet: „Lass dich nicht mit dem Mann der Kuratorin ein.“

Am nächsten Tag wird das Seminar vor Pechsteins Bild fortgesetzt, alle Studenten geben sich große Mühe der Seminarleiterin Katharina zu gefallen. Charlotte gibt zu: „Selbst ich will ihr gefallen. Obwohl ich mit ihrem Mann schlafe.“ Sie begreift plötzlich, dass es in Pechsteins Bild um die Anwesenheit eines unsichtbaren Mannes geht, um Pechstein selbst oder um Peter, wie sie denkt. Charlotte kann immer öfter nicht schlafen, fühlt sich unglücklich, leer: „Weiße Wände. White Cube.“

Bei der Finissage kommt es zum Eklat: Katharina trifft Charlotte und macht sie triumphierend auf den ebenfalls anwesenden Peter aufmerksam, der mit einem noch jüngeren Mädchen die Ausstellung besucht. In Charlotte „dröhnt die weiße Stille…explodieren die Farben“ und sie kratzt mit den Fingernägeln die Farbe von Pechsteins Gemälde ab, bis das Personal sie fortreißt und Peter sie endlich ansieht.

Diese komplexe, faszinierende Erzählung stammt von Sarah Meyer-Dietrich, die in Bochum und Hagen studierte und an der Ruhr-Uni Bochum promovierte. Seit 2001 lebt sie in Bochum, veröffentlicht Gedichte, Erzählungen und Essays in Anthologien, arbeitet als Geschäftsführerin des F.-Bödecker-Kreises NRW e.V., leitet Schreibwerkstätten, arbeitet als Herausgeberin und Redakteurin. Für ihre Texte erhielt sie schon zwei Auszeichnungen.

Ihr Wettbewerbsbeitrag „White Cube“ macht den Schauplatz Museum zum Ort widerstreitender Gefühle um Liebe, Eifersucht und Enttäuschung. Zur Pointierung der wechselnden Gefühlszustände wählt Meyer-Dietrich als Metapher den Begriff des „White Cube“, der im Kontrast zum Farbenrausch des Expressionisten Pechstein steht. Die besondere, preiswürdige Qualität des Textes zeigt sich nicht nur im souveränen Aufbau der Beziehungsgeschichte, sondern in vielfältigen sprachlichen Details wie den kunstvoll verknappten Sätzen, zahlreichen sensiblen Charakterisierungen und präzisen Dialogen. Die intelligent konstruierte Handlung steigert sich kaum merklich, aber doch spannungsvoll bis zum überraschenden Höhepunkt, der das Beziehungsgeflecht, den Schauplatz Museum und das „White Cube“-Konzept eindrucksvoll miteinander kombiniert.

Sarah Meyer-Dietrich ist eine außerordentlich talentierte und offensichtlich schon erstaunlich routinierte Erzählerin, der ich im Namen des Rotary Clubs Essen herzlich gratulieren darf. Wir wünschen ihr, dass der Förderpreis Motivation und Ansporn für die noch junge schriftstellerische Arbeit ist. Mit großen Erwartungen sehen wir weiteren Erzählungen oder vielleicht auch Romanen entgegen und wünschen ihr verständnisvolle Verleger und ein großes Lesepublikum.

Herzlichen Glückwunsch und weiterhin viel Erfolg!