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26.11.13
Laudatio auf die Förderpreisträger Marion Gay und Ingo Knosowski - von Dr. Klaus Jägersküpper

Begründung der Jury für die Vergabe der Förderpreise des Literaturpreises Ruhr 2013 an Marion Gay und Ingo Knosowski

Dr. Klaus H. Jägersküpper

 

Sehr geehrter Frau Oberbürgermeisterin, sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Preisträgerin, liebe Preisträger !

Hotel „Handelshof“, Hotel „Noy“, Hotel „Kuhn“ oder Schlosshotel Hugenpoet – das sind  Hotelnamen, die vielen Mülheimern bekannt sind und mit denen sie Erinnerungen oder Erwartungen verbinden, weil sie dort als Gast, Besucher oder Angestellte ein- und ausgegangen sind. Diese Hotels stehen für Service und Komfort, aber auch für Unverbindlichkeit und Heimatlosigkeit. Sie sind Projektionsflächen für Sehnsüchte und Bühne für Selbstinszenierungen, wo sich Reisende erholen, entspannen und sich verwöhnen lassen, geplante und unerwartete Begegnungen stattfinden und sich völlig Fremde kennenlernen können, wo Konflikte ausgetragen werden oder intime Nähe gesucht und gefunden wird. Hotels regen die Fantasie an und sind Entstehungsort, aber auch Schauplatz oder Thema von literarischen Texten. Viele Autoren haben sich in ihren Erzählungen und Romanen mit Hotels beschäftigt, z.B. Vicki Baum, Joseph Roth, Arthur Schnitzler, Stefan Zweig, Friedrich Dürrenmatt oder Thomas Bernhard. Sie alle haben entweder monate- oder jahrelang in Hotels gelebt oder sich zumindest auf Reisen immer wieder von ihnen inspirieren lassen. Einige Schriftsteller und Künstler wie der Wiener Peter Altenberg oder der selbsternannte Panikpräsident Udo Lindenberg haben ein Hotel als Wohnort gewählt, aus praktischen Gründen oder weil sie gerade auf die ganz spezifische Atmosphäre eines Hotels nicht verzichten wollen.

Viele berühmte Romanfiguren halten sich in entscheidenden Augenblicken ihres Lebens gerade in Hotels auf. Der Clown Hans Schnier in Bölls Roman „Ansichten eines Clowns“ blickt z.B. in einem Bonner Hotel auf sein zerstörtes Leben zurück. Thomas Mann lässt gleich in mehreren Romanen seine Protagonisten in Hotels wohnen oder arbeiten: Im „Zauberberg“ finden die entscheidenden Ereignisse in einem Schweizer Hotelsanatorium statt, Felix Krull arbeitet in einem Pariser Hotel, Gustav von Aschenbach ereilt der „Tod in Venedig“  im Grand Hotel Excelsior und in der Novelle „Mario und der Zauberer“ erlebt eine deutsche Familie den Faschismus in einem italienischen Badehotel. Einer der zentralen Handlungsorte des Romans „Tauben im Gras“ von Wolfgang Koeppen ist ein Münchener Hotel, Walter Fabers Leben spielt sich in Frischs Roman „Homo Faber“ in den verschiedensten Hotels zwischen Südamerika, New York, Paris und Athen ab.

Diese Aufzählung ließe sich beliebig ergänzen und zeigt die Bedeutung des Handlungsortes Hotel für die Literatur auf.

Zwischen Emscher und Ruhr, zwischen Duisburg und Hamm existieren im Jahre 2013 mehrere hundert Hotels, Luxusherbergen, Pensionen, Beherbergungsbetriebe und Gasthäuser. Es gibt Tagungshotels, mehrere Bildungshotels, aber auch ein Hotel in einer alten Waschkaue und ein Hotel an der Zeche. Viele Millionen Menschen aus über 150 Nationen übernachten, begegnen sich und arbeiten in diesen Hotels unserer Region. Es sind Menschen unterschiedlicher Mentalität und Kultur, Menschen, die berufliche, geschäftliche und private  Gründe für einen Hotelaufenthalt haben, die Kunst und Kultur erleben wollen, Städtetouren gebucht haben, Familien besuchen wollen, aber auch Menschen, die auf der Flucht sind, Abenteuer erleben wollen, Anonymität suchen, in besondere Schicksale verstrickt sind, von Verzweiflung getrieben werden oder riskante, manchmal auch verbrecherische Pläne verfolgen. Mit anderen Worten: Menschen, über die man und von denen man erzählen sollte.

Daher entschied sich die Jury des Literaturpreises Ruhr Anfang 2013 für das Thema „Hotelgeschichten“, um herauszufinden, wie sich Menschen in Hotels begegnen, in welcher Form sie miteinander sprechen, was sie sich und anderen zu sagen haben und was sie einander verschweigen. Und schließlich, ob es auch Geschichten von Hotels zu erzählen gibt, über ihre Vergangenheit, ihre Veränderungen und ihre Geheimnisse. Gesucht wurden Texte, die von den Hotels an der Ruhr, in den Stadtzentren, an den Ausfallstraßen und an den Autobahnen erzählen, dem Alltag und den Sensationen, die sich von Zeit zu Zeit dort abspielen, aber auch den kleinen oder großen Sünden, die in Hotelzimmern stattfinden. Würden es junge und nicht mehr ganz so junge Autorinnen und Autoren schaffen, ihren eigenen Ton für Erzählungen, Reportagen oder Essays zu finden, würden sie Klischees vermeiden können oder bewusst mit ihnen spielen?

Insgesamt gingen über 270 Bewerbungen ein, von denen 259 den in der Ausschreibung angegebenen Kriterien genügten. Das ist im Vergleich zu den letzten Jahren eine Rekordteilnehmerzahl und erforderte bei einem Umfang von meist 10 DinA4-Seiten ein wochenlanges Lesepensum der Jurymitglieder, die die anonym zugeleiteten Texte zu bewerten hatten. 122 Einsendungen kamen aus dem Ruhrgebiet, weitere 137 Texte kamen aus allen Teilen Deutschlands von Berlin, Leipzig, Nürnberg, Frankfurt bis Hamburg. Einige Einsendungen erreichten das Literaturbüro in Gladbeck aus dem Ausland, aus der Schweiz, aus Österreich, Luxembourg, Frankreich und Spanien. Die Altersspanne reichte von Jahrgang 1937 bis 1998.

Ein Überblick über die Titel der eingesandten Texte verdeutlicht, dass hauptsächlich von „Erlebnissen und Begegnungen in Hotels“ erzählt wird, dagegen stellten nur wenige Texte das Hotel selbst in den Mittelpunkt der Erzählung. Zwei Motive ließen sich in vielen Texten finden: Beziehungsprobleme und Verbrechen bzw. kriminelle Aktionen.

Als Resümee eines Schnelldurchgangs durch 259 Texte bzw. Überschriften bietet sich letztlich folgende Erkenntnis an: Trotz der eigentlichen angebotenen Entspannung, trotz allen Komforts bis zu Wellnessangeboten und exklusiver Atmosphäre wird erzählt von skurrilen Zwischenfällen und Irritationen, von Verzweiflung und Selbstmordgedanken, aber auch einigen tröstlichen Wiedererkennungsszenen mit Ausblicken auf ein Mehr an Menschlichkeit und Verständigung.

Nicht nur die hohe Zahl der Einsendungen überraschte die Jury, auch die Qualität der eingereichten Texte, die den Jurymitgliedern ohne Namensangaben vorlagen, war durchweg sehr hoch, es gab außerordentlich originelle Ideen, erstaunlich routiniert beschriebene Begebenheiten und auch erzähltechnisch sowie sprachlich überzeugende Texte, so dass die Jury gerne mehr als nur zwei Preise vergeben hätte.

 

Nach einem langwierigen Auswahlverfahren wurden aus über 40 absolut preiswürdigen Texten nach intensiven Vergleichen zwei Einsendungen ausgewählt, es sind die Texte 1 und 101. Dass gerade der erste eingetroffene Text einen Preis bekommt, hat uns schließlich selbst überrascht, aber er besitzt Qualitäten, die dann nur noch wenige Texte so souverän erreichten. Die Autorin ist Marion Gay aus Hamm, die schon seit einigen Jahren als Schriftstellerin arbeitet und sowohl Erzählungen, Gedichte, einen Roman („Drei Sonnen über Münster“) als auch einen Leitfaden zum Kreativen Schreiben veröffentlichte. Ihre Arbeiten wurden bereits mit einigen Preisen ausgezeichnet.

 

In der Kurzgeschichte „Das Nachspiel“ lässt Marion Gay eine junge Frau von einem irritierenden Zwischenfall in einem romantisch gelegenen Hotel erzählen. Mit ihrem Begleiter Michael verbringt die junge Frau den Urlaub in den Bergen. Trotz eines herrlichen Postkartenpanoramas und strahlenden Sonnenscheins fallen der Ich-Erzählerin in der Erinnerung Details ein, die von Anfang an die Stimmung trüben. Da ist zunächst die spiralförmige Treppe, eine Fehlkonstruktion, die Begleiter Michael mehrfach kritisiert, dann sind da: die verdeckte Sonne, „vergitterte Fenster“, die „galoppierende Stimme“ der Frau vom Nebentisch und ein Paar, das von der Erzählerin als „die Lichtscheuen“ bezeichnet wird. Besonders auffallend aber ist eine merkwürdige Frau, die beiden Urlauber nennen sie in ihren Gesprächen „die Blutleere“. Eines Abends klopft sie an der Zimmertür und bittet zunächst um Shampoo und beginnt dann ein seltsames Gespräch, das von ihren Familienangehörigen unterbrochen wird, die die sofortige Rückkehr der Frau verlangen. Doch die „Blutleere“ weigert sich und entschließt sich, nach einigen Gläsern Wein und einem Fernsehabend im Zimmer des überraschten Urlaubspaares, dort vorläufig zu bleiben. Doch im Laufe der Nacht gelingt es den Angehörigen mit Hilfe des Hotelmanagers, den ungewöhnlichen Gast unter Beschimpfungen abzuholen. Der Zwischenfall bleibt nicht ohne Folgen für die junge Frau, die sich abschließend eingesteht: „…aber ich war mir nicht sicher. Ich war mir überhaupt nicht mehr sicher.“

Marion Gay erzählt diese etwas merkwürdige Geschichte spannend und mit knapp skizzierten, glaubwürdigen Charakterisierungen. Man merkt an einigen erzähltechnischen Details wie den treffend formulierten Dialogen und den sparsamen Vergleichen und Metaphern (das Dorf liegt im Tal wie „vergessenes Spielzeug“) und der dichten Folge kurzer Sätze zur Beschreibung der Situationen, dass Marion Gay eine routinierte Erzählerin ist, eine Erzählerin mit sensiblem Spürsinn für kleine Veränderungen in der Beziehung der Erzählerin zu ihrem Partner Michael, der bedenkenlos das Zahnputzglas der Erzählerin der Blutleeren anbietet und trotz der Ereignisse einen beneidenswerten Schlaf hat, während seiner Partnerin nur der Liegestuhl für die Nacht bleibt. Dass jegliche Romantik verloren gegangen ist, wird spätestens klar, wenn die Ich-Erzählerin feststellen muss, dass nur in ihrer Einbildung Zikaden für das Sirren vor dem Balkon verantwortlich sind, tatsächlich aber die Stromleitung Geräusche produziert. Letztlich ist sie froh, dass „der Urlaub vorbei“ ist, denn der Hotelaufenthalt hat ein Nachspiel: Die Ich-Erzählerin ist sich überhaupt nicht mehr sicher. Das kann man auf die Wahl des Urlaubshotels, auf den Partner Michael, aber auch auf ihre ganze Lebenssituation beziehen. Gerade dieser offene Abschluss, der ein wenig an einige Erzählungen von Kafka (z.B. „Die Heimkehr“) erinnert, trägt zum besonderen Reiz und der Qualität der Erzählung bei und hebt sie aus einer Reihe vergleichbarer Texte heraus.

Die nachdenklich stimmende, vage Darstellung einer Reaktion auf diese Geschichte im Hotel, dieses irritierende Erlebnis, das zu einer starken Verunsicherung führt, teilt die Kurzgeschichte von Marion Gay mit einem zweiten Text, der unter der Nummer 101 eingereicht wurde und der nun ebenfalls für einen Förderpreis ausgesucht wurde.

 

Im Mittelpunkt der Erzählung „Bande“ steht eine nicht mehr ganz junge Frau namens Rose van Daag, die sich hilflos und gefesselt in einem billigen Hotelzimmer befindet und sich daran erinnert, wie sie von einem jungen VW-Busfahrer namens Daniel in diese Situation gebracht worden ist. Von Anfang an ist klar, dass in diesem Hotel etwas „nicht in Ordnung“ ist, dass eine „unklare Gemengelage schlechter Schwingungen“ herrscht.

Rose van Daag hat sich zunächst von dem viel jüngeren Daniel verführen lassen, in der Hoffnung, etwas Aufmerksamkeit zu erhalten, denn das „war die Währung, in der sie bezahlt werden wollte“. Dabei hat sie so etwas „noch nie getan. Vom Fleck weg. Einfach mit, irgendwohin. Mitgegangen.“ Rose hat Daniels Vorschlag, ins Hotel zu gehen, „einfach so“ zugestimmt, denn „Hotel, das hatte nach Zuflucht geklungen, wie McDonalds im Ausland, immer und überall das gleiche, der gleiche Geschmack,…Sicherheit im Fremden, Wärme im Winter.“

Daniel war höflich, hatte gelächelt und er hatte ihr gefallen, „vor allem, weil er im Großen und Ganzen beherrschbar schien.“ Doch dann ist die Straße zum Hotel leer und grau, der Schriftzug über dem Hotel leuchtet schief und der Mann am Empfang ist „ein hässlicher Mensch,…eklig“. Das Hotelzimmer ist geschnitten wie tausend andere Hotelzimmer der unteren Preisklasse, die Einrichtung völlig heruntergekommen und auch das Gespräch mit Daniel verläuft merkwürdig enttäuschend und wird immer seltsamer, insbesondere als Daniel von einer Kinderbande erzählt, deren Mitglieder ihn früher „Karnickelpriester“ genannt haben. Dann „hatte…Daniel ihr eine geknallt“, Gewalt war ins Spiel gekommen, Daniel hatte sie an die Bettpfosten gebunden und sie gefesselt im Hotelzimmer zurückgelassen. In dieser demütigenden Situation kommt der hässliche Mann von der Rezeption herein. Er und seine abgerissenen Freunden sprechen kein Wort und begaffen Rose: „Die drei Männer schwiegen weiter. Sie sahen sie nur an.“  Rose denkt: „Ich bin dran, ich bin dran, ich bin dran“, doch nichts geschieht, die Männer glotzen „neugierig wie Kinder auf dieses hilflose, sich windende Ding namens Frau“ und verlassen nach Bezahlung von einigen 10-Cent-Stücken an den Portier wortlos den Raum. Rose wird vom Portier befreit und erfährt, dass die Penner vom Amt im Hotel untergebracht wurden und für den Denkmalschutz das Hotel als Ein-Euro-Jobber in Schuss halten sollen. Der Portier meint, dass sie nichts hätten, „an das sie denken können, nichts, das (sie) durch die Nacht“ in ihrer Einsamkeit in fremden Hotelzimmern bringt. Die Erzählung endet mit der lakonischen Beschreibung: „Rose van Daag sagte nichts mehr. Sie zog sich an und fuhr heim, um sich zu waschen.“

Ingo Knosowski aus Wattenscheid erzählt diese Geschichte von Rose, Daniel und den Pennern mit einer subtilen Mischung aus banalen Details wie der Brache neben dem Hotel und der merkwürdigen Kleidung des Portiers sowie einem grotesk verknappten Dialog, der Kommunikation nur selten andeutet. Eine besondere Bedeutung hat das Wort „Bande“, denn dies bezieht sich auf die Kinderbande und es weist auf die Fesselung hin, lässt sich aber auch auf die Penner beziehen.

Knosowski, der als Redakteur für verschiedene Radiosender tätig war und heute für Radio Bochum arbeitet, schreibt seit vielen Jahren Romane und Erzählungen, von denen seit 2012 drei veröffentlicht wurden. Er setzt an das Ende seiner überzeugend aufgebauten, spannenden Erzählung, die ihren besonderen Reiz durch die Rückblenden erhält, die Beschreibung einer völlig verstörten, enttäuschten und desillusionierten Frau, deren Erwartungen von einem Hotelaufenthalt, der Sicherheit, Wärme und Zuflucht bieten sollte, bitter enttäuscht werden. Die versierte Erzählkunst des Autors profitiert von der sprachlichen Präzision, mit der die Personen und das Hotel geschildert werden, und von den dargestellten Situationen, die ein intensives Assoziationspotenzial  besitzen und dem Text eine große, atmosphärische Dichte verleihen, so dass man unweigerlich glaubt, das Geschehen laufe vor dem inneren Auge wie ein spannender Spielfilm ab.

 

Im Namen der Jury gratuliere ich Marion Gay und Ingo Knosowski, den beiden Förderpreisträgern des Jahres 2013, zu ihren ausgezeichneten Texten.

Ich wünsche Ihnen, dass die Preisverleihung Ihre schriftstellerische Arbeit beflügelt und dass Verleger sich möglichst bald zur Veröffentlichung Ihrer noch unveröffentlichten Werke entschließen.

Herzlichen Glückwunsch und viel Erfolg!