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25.11.13
Laudatio auf Karl-Heinz Gajewsky - von Jens Dirksen

Begründung der Jury für die Vergabe des Hauptpreises des Literaturpreises Ruhr 2013 an Karl-Heinz Gajewsky

Jens Dirksen

Der wahre „Pott-Cast“

Warum Karl-Heinz Gajewsky für seine Internetplattform „Reviercast“ den Literaturpreis Ruhr verdient hat 

Karl-Heinz Gajewsky mit dem Literaturpreis Ruhr auszuzeichnen, ist auf den ersten Blick ein Ding der Unmöglichkeit. Wie sollte das gehen?, fragt man sich unwillkürlich – wie, um Himmels willen, soll denn der Akt der Preisverleihung ablaufen, wenn der Ausgezeichnete zugleich der Aufzeichnende ist? Eine Preisverleihung, bei der ein Preisträger hin und her rennen müsste zwischen dem Rednerpult vorn und seinem Aufnahmegerät im Hintergrund. Eine unmögliche Situation, in der sich der Preisträger hin und her gerissen fühlen müsste, immer nur halb am richtigen Ort.

Karl-Heinz Gajewsky muss das trotzdem aushalten. Denn die sechsköpfige Jury zum Literaturpreis Ruhr hat sich einen Ruck gegeben und gegen derlei und andere kleinliche bis kleinmütige Einwände entschieden: Ja, diese Arbeit, die Karl-Heinz Gajewsky da seit dem Jahr 2007 für die Internetplattform „Reviercast“, für sein einzigartiges Text-, Ton- und Video-Archiv der Ruhrgebietsliteratur betreibt, diese Arbeit ist Arbeit an der Literatur und es deshalb allemal wert, ausgezeichnet zu werden. Sie ist es auch, weil Karl-Heinz Gajewsky seine Arbeit am „Reviercast“ ganz und gar aus eigenem Antrieb und bis hin zur Finanzierung mit gänzlich eigenem Engagement leistet. Sie ist es aber in erster Linie, weil all das Aufnehmen, das Sammeln und das Zugänglichmachen von Original-Tönen der Literatur für die denkbar größte Öffentlichkeit, bei allem Mangel an pekuniärem Verdienst, äußerst verdienstvoll in einem kulturellen, historischen, buchstäblich literarischen Sinne ist und – das dürfte in diesem Zusammenhang nicht ganz unwichtig sein – es auch bleibt.  

Denn was heißt und zu welchem Ende baut man ein Archiv auf?

Schon die ersten Archive, die in der Antike eingerichtet wurden, dienten auch, aber eben nicht nur als Entsorgungsplatz für Unterlagen, die eine allmählich sich ausbreitende Bürokratie vorderhand nicht mehr benötigte; Archive waren, wie die griechische Wortwurzel „archein“ ausweist, darüber hinaus aber etwas, was man heute nicht mehr so präsent hat, wenn man sich den Umgang unserer Gesellschaft mit Archiven ansieht: Ein „Archeion“ war im Griechischen ein Amts-, ein Regierungs-, ein Herrscher-Gebäude. Der Antike war der Zusammenhang von Überlieferung und Macht, von Vergangenheit und Gegenwart noch überaus präsent. Archive wurden als Häuser der Herrschaft angesehen. Nicht von ungefähr. Der Hort der hier aufbewahrten Urkunden, Briefe und Dokumente verbürgte die Rechtmäßigkeit von Besitztiteln, ja von Herrschaftsverhältnissen. Mit anderen Worten gilt seit der Antike: Ein Archiv haben sich immer diejenigen geschaffen, welche die Macht in Händen hielten. Deshalb auch baute die adelige Oberschicht ab dem Ende des Mittelalters ihre eigenen Archive auf, so wie es der Klerus und die Klöster schon zu Beginn dieses Zeitalters getan hatten.

Seit der Antike sind Archive die logische Konsequenz aus der Verschriftlichung öffentlichen Handelns. Sie setzen die allseitige Anerkennung der Schrift als Weg der Fixierung von Recht, Ansprüchen und Übereinkünften voraus, ein Umstand, durch den so etwas wie Zivilisation überhaupt erst definiert ist.

Archive sind in die Vergangenheit gerichtet – aber das ist nur ihr äußerer Anschein, die eine Hälfte ihrer Wirkmächtigkeit. Viel entscheidender ist nämlich, dass sie aus der Vergangenheit in die Gegenwart, auf die Gegenwart kommen, dass sie Geschichte aufbewahren, ja dass sie durch die Dinge, die sie aufbewahren, geradezu definieren, was in der Gegenwart als Geschichte angesehen wird, was letzten Endes dann auch Geschichte ist. Nicht von ungefähr plante Napoleon während seiner Eroberungsfeldzüge kreuz und quer durch Europa, sämtliche Adels-, Kirchen- und Staatsarchive zu einem einzigen Mega-Archiv in Paris zusammenzufassen. Napoleon, der moderne Denker unter den Herrschern seiner Zeit, hatte begriffen, dass aus dem alten Satz „Wer die Macht hat, hat ein Archiv“ längst eine reziproke Gleichung geworden war, die eben auch umgekehrt galt: Wer das Archiv hat, hat die Macht.

Wer das Archiv hat, hat nämlich nicht nur die Deutungshoheit über die Geschichte, sondern sogar deren unentbehrliche Grundlage, das Gedächtnis in seinem Besitz. Das scheint überhaupt der tiefere Sinn solcher Begriffe wie „bewahren“ oder „verwahren“ zu sein: die Dokumente werden wahr durch den Akt ihrer Konservierung. Zum Archivalium, wenn man das so sagen darf, werden solche Dinge, die von bleibendem Wert zu sein versprechen. Im Archivieren drückt sich Respekt vor den kulturellen Leistungen der Vergangenheit aus, ihre Würdigung, die das Gegenteil einer Barbarei der Gleichgültigkeit ist.

Und wer die Geschichte nicht nur umschreiben, sondern vielleicht gar umschreiben will, im wörtlichen oder im übertragenen Sinne, tut das füglich entweder in einem Archiv oder aus einem Archiv heraus – wenn denn gilt, dass Geschichte als Lernort, als Anschauungsunterricht für gesellschaftliches Handeln, die Gegenwart wie die Zukunft gleichermaßen ausprägen kann.

Wie bezeichnend nimmt es sich da aus, dass unter den Archiven des Ruhrgebiets, jedenfalls bis Mai kommenden Jahres, wenn das NRW-Landesarchiv in Duisburg seine Pforten für das Publikum öffnen wird, neben den allerorts vorhandenen städtischen Archiven bislang vor allem die Firmen-, die Industrie- und Wirtschaftsarchive vorherrschen - neben einigen kirchlichen und ebenso seltenen Adelsarchiven. Immerhin, das Archiv der Arbeiterjugendbewegung gibt es auch, in Oer-Erkenschwick, und das Dortmunder Fritz-Hüser-Institut bietet ebenfalls einige Archivalien zur „Literatur und Kultur der Arbeitswelt“. Ein Autoren-, ein Literaturarchiv aber, das war vollkommen neu, als Karl-Heinz Gajewsky vor sechs Jahren mit seiner Arbeit begann, die wir getrost als Akt einer Geschichtsschreibung „von unten“ begreifen können. Er begann an jenem Zeitpunkt, an dem die Bedeutung einer „Literatur der Arbeitswelt“ im Ruhrgebiet allmählich verblasst war, an dem Schriftstellerinnen und Schriftsteller, ihre Schreibweisen und Bücher „endlich so wie überall“ zu werden schienen, um einmal den Titel einer großartigen Ausstellung von Ruhrgebietsfotografie in den 80er-Jahren zu zitieren.

Was Karl-Heinz Gajewsky da mit seinem „Reviercast“ bislang 400fach und in Zukunft gewiss noch viel-hundertfach macht, ist in jeder Hinsicht zeitgemäß, nicht nur wegen der Aufnahmetechnik und der Präsentationsweise. Er sammelt zum einen die Spuren, die von der engagierten Arbeiterliteratur, dem bis heute herausragenden Beitrag des Ruhrgebiets zur Literaturgeschichte, noch erhalten sind, noch gehört, noch gesehen werden können. Ganz so, als hätten Autoren wie Kurt Küther und Ilse Kibgis insistiert, wie es einst Hans Sahl in einem sehr viel dunkleren Zusammenhang getan hat: „Fragt uns, wir sind die letzten!“ Es ist das Dokumentarische mit Blick auf die Vergangenheit, das Karl-Heinz Gajewskys „Reviercast“ zu einem derart einmaligen Projekt macht, dass wir es hier und heute preisen. Ja, es stimmt, für einige Stimmen der Ruhrgebietsliteratur wie etwa für Josef Büscher kam der „Reviercast“ zu spät – wie überhaupt die ganze Aufnahmetechnik ja eigentlich zu spät gekommen ist. Wie gern wüssten wir heute, wie Goethes und Schillers und Büchners Stimmen eigentlich klangen, wie gern hätten wir einmal gehört, ob jener überaus namhafte römische Politiker und Schriftsteller sich selbst nun „Kikero“ oder „Zizero“ nannte – oder vielleicht auch „Kizero“. Oder womöglich sogar „Zickero“.

Nun, wir wissen es nicht. Was wir aber wissen: Dass die Internet-Seite „Reviercast“ noch rechtzeitig kam, um Spuren der älteren Revierliteratur zu dokumentieren, noch rechtzeitig, um die Stimme des viel zu früh verstorbenen Michael Klaus und seine Worte in jeder Hinsicht aufzuheben. Zugleich aber hat Karl-Heinz Gajewsky, hat seine Internetplattform längst auch schon die neuere Ruhrgebietsliteratur im Blick. Und auf Band, wie man in analogen Zeiten vielleicht noch gesagt hätte - tatsächlich aber in Bits und Bytes, in html und mp3.

Unter www.Reviercast.de lässt sich besichtigen, welche Bandbreite die Ruhrgebietsliteratur heute hat – ein Grund zum Staunen! Nicht nur darüber, dass alle Träger des Literaturpreises Ruhr dort verzeichnet sind und gewiss jetzt schon einige der zukünftigen Preisträger (deshalb hat die Auszeichnung ja auch eine gewisse immanente Logik). Staunen lässt sich vielleicht noch mehr über die vielen, vielen Namen, die längst nicht mehr nur rheinisch-westfälisch-polnische Wurzeln haben, sondern auch türkische, italienische, georgische, ukrainische und andere.

Wenn einer wissen will, ob die Ruhrgebietsliteratur doch nicht nur „endlich so wie überall“ klingt, ob sie sich ihre Bücher, ihre Werke immer noch von ihren Rändern her erarbeitet, wie Gerd Herholz vom Literaturbüro Ruhr das einmal auf den Punkt gebracht hat, dann findet sich genau dies im „Reviercast“ eindrucksvoll dokumentiert. Die Ränder der Literatur, an denen das Revier so erfolgreich arbeitet, das sind nicht mehr nur die Reportagen aus der Arbeitswelt, das sind längst auch Krimi und Kinderbuch, das ist das Kabarett, die Satire, das Sachbuch oder eine mündliche Literaturform wie der Poetry Slam. Denn selbstverständlich sind auch solche untergründigen Kultfiguren wie Sebastian23 oder populäre Autoren wie das „Lehrerkind“ Bastian Bielendorfer im „Reviercast“ verzeichnet. Dass die Ruhrgebietsliteratur immer noch einen eigenen, wenn auch neuen Zungenschlag hat, das hört man nirgends besser als in den Aufnahmen, die Karl-Heinz Gajewsky da erstellt hat.

Daran kommt auch keine der vor drei, vier Jahren so zahlreich erschienenen Ruhr.2010-Anthologien heran – apropos: Die Organisatoren der Kulturhauptstadt haben sich seinerzeit dagegen entschieden, das Projekt „Reviercast“ zu unterstützen, zu fördern. Es war ihnen offenbar wichtiger, noch ein weiteres Theaterfestival und andere Dinge zu feuerwerken, deren eklatanter Mangel an Nachhaltigkeit sich schon jetzt abschließend herausgestellt hat.  

Wie für das Individuum, so ist es auch für eine Gesellschaft die Vergangenheit, die Kontinuität, ja  Identität stiftet. Schon der Aufbau eines Archivs drückt den Willen zu dieser Kontinuität, zu dieser Identität aus. Und so, wie für das deutsche Bürgertum des 19. Jahrhunderts aus Mangel an nationaler Einheit  die Kultur, die Verehrung der Dichter und Denker zum identitätsstiftenden Moment wurde, gehen vielleicht auch verdienstvolle Initiativen wie Karl-Heinz Gajewskys „Reviercast“ voran. Das jedenfalls wäre nötig in Zeiten, da sich die Wirkungen der Kulturhauptstadt, von der man sich doch so viel Einigungsdynamik erhofft hatte, schon fast erschöpfen im gemeinsamen Chorsingen alle zwei Jahre, in einer koordinierten Werbung der Revier-Museen und noch einer weiteren millionenschweren Kultur-Ruhr-Abteilung, die „urbane“ Kunst-Events übers Ruhrgebiet streut. Nur gut also, dass „Reviercast“ im Internet zu Hause ist und nicht irgendwo zwischen Holzwickede und Neukirchen-Vluyn. Denn sonst könnte es am Ende noch dazu dienen, dass sich irgendeine Ruhrgebietsstadt der anderen gegenüber wieder einmal kirchturmhoch überlegen fühlt.

Nein, „Reviercast“ ist nicht von einer Stadt zuwege gebracht worden, nicht von einer Universität, nicht von einem Unternehmen oder einem Verband, sondern von einer einzelnen Person: rund zehn Stunden wendet „Kalle“ Gajewsky, wie Freunde und Verehrer ihn nennen, im Durchschnitt für jeden neuen „Reviercast“-Beitrag auf. Manchmal interviewt Gajewsky Schriftsteller, manchmal restauriert und digitalisiert er alte Video- oder Tonbänder, manchmal besucht er Lesungen oder andere öffentliche Veranstaltungen wie zum Beispiel Literaturpreisverleihungen mit seinen Aufnahmegeräten. Die viele Arbeit, die das macht, reicht von der Aufnahme über den Schnitt eines solchen Beitrags bis hin zur Einstellung auf der Homepage, für die wiederum eine Formatierung nötig ist. Alles für sich immer nur ein leiser Tastendruck, ein kleiner Mausklick – alles zusammengenommen eine Riesenarbeit.  

Das aber, finden wir ja nur allzu gern, ist wirklich typisch Ruhrgebiet: Da lamentiert einer nicht herum, weil die öffentliche Förderung fehlt, weil keiner sonst sich kümmert, weil das eigentlich zu viel der Zumutung ist für einen allein. Nein, das alles macht Karl-Heinz Gajewsky nicht, sondern er krempelt die Ärmel auf. Und macht sich an die Arbeit. Besorgt sich mehr und mehr an professioneller Ausrüstung. Und fragt und nimmt auf und schneidet und konfiguriert es alles digital und stellt es ins World  Wide Web. Was dabei herausgekommen ist, lädt zu „einer akustischen Reise durch die Literaturlandschaft Ruhgebiet“ ein, wie es der Literarhistoriker Walter Gödden beschrieben hat. Es ist aber auch ein Denkmal der Revier-Literatur in Tönen und Bildern. Als im August des vergangenen Jahres der Tod von Kurt Küther zu betrauern war, meldete die WAZ wie zum Trost: „Die Beerdigung des beliebten und bekannten Wahl-Bottropers findet am 31. August auf dem Ostfriedhof in Bottrop-Boy statt. Wer Kurt Küther noch einmal hören will: Im Schallarchiv der Revierliteratur Reviercast.de sind diverse Aufnahmen mit Kurt Küther abrufbar.“

„Reviercast“, das Ton- und Bild-Archiv der Ruhrgebietsliteratur, das ist ein „Pott-Cast“ im wahrsten Sinne des Wortes, und der kommt wie gesagt ohne jede öffentlich-rechtliche Unterstützung zustande. Aber vielleicht stellt sich die ja eines Tages, irgendwann, wer weiß, vielleicht doch noch ein, zu wünschen wäre es allemal. Wenn diese Auszeichnung durch den Literaturpreis Ruhr einen kleinen Beitrag dazu geleistet haben sollte, dann hätten wir diesen Preis zwar vergeben, aber gewiss nicht vergebens. Dann hätte auch dieser eher vergängliche Vorgang einen gewissen Anteil an dem, was Karl-Heinz Gajewskys „Reviercast“ atmet: einen Hauch von Ewigkeit.