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22.11.12
Laudatio auf Harald Hartung von Dr. Hannes Krauss

Begründung der Jury für die Vergabe des Hauptpreises des Literaturpreises Ruhr 2012 an Harald Hartung

von Dr. Hannes Krauss

 

Sehr geehrter Herr Link, lieber Herr Obereiner, liebe Freunde der Literatur, verehrter Harald Hartung: Ihnen allen einen guten Abend – und Ihnen, Herr Hartung,  herzlichen Glückwunsch zum Literaturpreis Ruhr 2012!

Ein bisschen fühl ich mich gerade, wie es der früh verstorbene Jurek Becker mit dem Bild ‚Ornithologe spricht zum Vogel‘ umschrieben hat. Wenn der ‚Vogel‘ dann noch ein geschätzter Ornithologe ist, auf dessen Spezialgebiet der Laudator sich allenfalls zu gelegentlichem ‚birdwatching‘ wagt, muss dem doppelt bange sein. Gerne hätte ich ja Rat gesucht in den Essays unseres diesjährigen Preisträgers, denn dort steht viel Kluges über Lyrik – zeitgenössische und ältere, deutsche und internationale, aber leider wenig über die Gedichte von Harald Hartung. Jetzt müssen Sie halt verzichten auf fachlich Fundiertes zum lyrischen Werk des Gepriesenen und vorlieb nehmen mit den Bemerkungen eines respektvollen Lesers.

Harald Hartung wurde im Oktober 1932 in Herne geboren, konnte also unlängst seinen achtzigsten Geburtstag feiern (zu dem ich ihm nachträglich gratuliere). Sein Vater war Bergmann, arbeitete später bei Thyssen. Kindheit und Jugend verbrachte er in Herne, Mülheim, Dachau, Prag und wieder Herne. Er hat Germanistik und Philosophie studiert (in Münster und München), war Studienrat in Gelsenkirchen und Bochum, ging 1966 als Dozent an die Pädagogische Hochschule nach Berlin und war schließlich dort von 1979 bis zu seiner Pensionierung Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Technischen Universität.

Zu lesen begann er – eigenen Erinnerungen zufolge – in der Grundschulzeit, (während einer Grippe); die ersten lyrischen Schreibversuche datiert er auf die fünfziger Jahre. Seit 1970 hat Harald Hartung etwa 20 Bücher veröffentlicht, darunter die Gedichtbände „Hase und Hegel“, „Reichsbahngelände“ „Das gewöhnliche Licht“, „Traum im deutschen Museum“, „Langsamer träumen“, „Aktennotiz meines Engels“  und „Wintermalerei“. Die frühen Bände sind in Kleinverlagen erschienen und mittlerweile schwer aufzufinden, aber „Aktennotiz meines Engels“ bietet einen guten Überblick über das lyrische Gesamtwerk. Selbst Amateuren wie mir fällt die handwerkliche Virtuosität dieser Gedichte auf. Ihre Formenvielfalt ist so eindrucksvoll wie die Breite des Themenspektrums. Ihr Ton ist leise aber präzise, skeptisch aber nicht pessimistisch, reich an Zitaten und Anspielungen, nie hermetisch.

 

Da gibt es ruhrgebietstypische Kindheitserinnerungen:

„Im engen Hofe / stanken Hühnerställe / Im Garten wuchs / Spinat Tomaten Dill / Im Sommerglast / kam mit der Hitzewelle / das Mittagspausenpfeifen / dünn und schrill

Im Krüppelwald / in Laub Abfall und Asche / spielten wir Kinder / Räuber und Schandit / Ein schwarzer Mann / verrußt, mit Kaffeeflasche / nahm mich / zum Reibekuchenessen mit“

Und kindheitstypische Kriegserinnerungen:

„Am Morgen nach dem Luftangriff / kam das Brotauto, es hielt / wo es immer hielt vor dem Haus / das nicht mehr da war / Oesterwind stand auf der Hecktür / Als sie geöffnet wurde / schwamm ich im warmen Duft“

 

Andere Themen sind Nachkriegszeit, deutsche Teilung und Wiedervereinigung; die Liebe, das Lesen, Reisen (oft Italien) und – in den jüngsten Gedichten häufiger – das Alter: nie wehleidig, oft selbstironisch:

Zum Beispiel (Auskunft):

„Es ist sinnlos auf der Welt / Ende zu hoffen wenn man / alt ist oder unglücklich /

Es nimmt sich Zeit es trifft uns an / bei bester Verfassung“

 

Oder (Er und sein Schatten):

„Alter Mann: dein Schatten hat geringe / Mühe dir zu folgen wo du gehst / Du sprichst immer noch von Ausdruckszwang / er verspottet deinen schiefen Gang / Du sprichst von Krawatte er von Schlinge / und von Leben nur weil du darauf bestehst“

 

Hartungs Gedichte summieren sich zu lyrischen Momentaufnahmen aus dem Leben eines nachdenklichen, ungemein belesenen Zeitgenossen, der gegen alle intellektuellen Moden sich immer der Aufklärung verpflichtet fühlte. Seine Texte enden nicht auf dem Papier; sie setzen sich in den Köpfen ihrer Leser fort – und manchmal dort fest.

 Nicht minder bedeutend stehen neben der Lyrik die literaturkritischen Schriften, die Essays und die Editionsarbeit. In zahllosen Beiträgen für die Frankfurter Hefte, die Neue Rundschau, die Frankfurter Anthologie der FAZ und für Sinn und Form hat Harald Hartung sich als profunder Kenner zeitgenössischer Lyrik und ihrer Traditionen erwiesen. Seine Kritiken sind Branchen-untypisch gründlich und fundiert, nie verletzend aber auch nie gefällig. Neben unbestritten kanonischen Namen (wie  Gottfried Benn oder Paul Celan) finden wir Autoren, die kaum weniger wichtig, aber im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung geblieben sind: Tomas Tranströmer beispielsweise (lange vor dessen Auszeichnung mit dem Nobelpreis), Ernst  Meister oder Alfred Brendel (vielen wohl nur als Pianist bekannt). Gerade deshalb taugen die unter den Titeln „Masken und Stimmen“ und „Ein Unterton von Glück“ versammelten Essays auch als Lehrbücher der Lyrik-Interpretation.

 Im Rückblick auf sein erstes eigenes Buch („Hase und Hegel“) erinnert Hartung sich an die Ankunft in Berlin im Spätherbst 1966: „gerade rechtzeitig, um jene gesellschaftlichen Prozesse mitzubekommen, die zu Studentenrevolution und Außerparlamentarischer Opposition führten; aber auch zu der fanatischen Kultur- und Literaturfeindschaft von ’68. Meine anfängliche Sympathie schlug um in Kritik. (…) Ich schrieb (…) weiter an meinen Gedichten, und natürlich gab es auch aktuelle, politische Töne darin, jedoch mehr und mehr auch den Versuch, das Gedicht gegen seine Befeindung zu befestigen.“

Glücklicherweise war diese Position haltbarer. Ich will hier nicht ins populäre 68er-Bashing einstimmen. Im Gegenteil: mich, der ich – ein Dutzend Jahre jünger – etwa zur gleichen Zeit als Student nach Berlin gekommen war, hat diese Revolte (eine Art nachgeholter Adoleszenz) durchaus positiv geprägt. Ich erinnere mich aber auch an die klammheimliche Sorge schon damals, unsere – bei Lenin, Marx, Mao und Trotzki  – angelesenen  Vorstellungen zur Kultur könnten sich wirklich durchsetzen. Dass das ‚Hartung-Prinzip' eines skeptischen Umgangs mit der Realität ohne Preisgabe kultureller Traditionen nicht Abkehr vom kritischen Denken bedeutet, zeigt nicht zuletzt seine Kritik an Martin Mosebachs Büchner-Preis-Rede.

Mein Lob bliebe unvollständig ohne die Würdigung der von unserem Preisträger zusammengestellten und kommentierten Anthologien: „Luftfracht, Internationale Poesie 1940 bis 1990“ und „Jahrhundertgedächtnis. Deutsche Lyrik im 20. Jahrhundert“. In ihrer Vielfalt und Originalität bieten diese Bände nicht nur einen Querschnitt durch die Lyrik des 20. Jahrhunderts, sondern auch durch dessen Geschichte: lyrische Geschichtsbücher gewissermaßen..

 

Harald Hartungs jüngstes Buch heißt „Der Tag vor dem Abend“: Aufzeichnungen aus den letzten fünfzehn Jahren, in denen er uns teilhaben lässt an seinen nachdenklichen Blicken auf das Leben – als Lesender und Schreibender, als Zeitgenosse und Reisender, und als Mensch, dem persönliche Katastrophen nicht erspart blieben. Das schmale Bändchen taugt zum säkularen Brevier in vielen Lebenslagen. Allein die unter der Rubrik „Streusand“ im Text verteilten Denk-Splitter fordern den Kopf mehr als mancher dicke Wälzer

Wer in diesem Büchlein blättert, gerät in Versuchung zu zitieren. Gestatten Sie mir zwei Beispiele: „Wenn die Wünsche absterben, halte man sich an die Intensität des Verlusts. Falls da ein Feuer war – die Asche gibt noch Wärme ab.“ Oder – zur Inflation der Literaturpreise –: „… wo bleibt der Preis für das letzte Buch? Er könnte, angemessen dotiert, den Autor davon entbinden, sich weiterhin einer zerstreuten Öffentlichkeit aufzudrängen.“

 Der Preis, den Sie – lieber Herr Hartung – heute erhalten haben, ist das nicht. Verstehen Sie ihn als Auszeichnung für Ihr bisheriges lyrisches, editorisches  und literaturkritisches Werk. Die Jury wollte einen ‚homme de lettres‘ aus dem Ruhrgebiet ehren, auf den die Region stolz sein kann. Machen Sie‘s also bitte nicht wie Philip Roth; Ihre diskrete Art, „sich aufzudrängen“, ertragen wir gerne auch künftig, immunisiert sie doch ein bisschen gegen die rundum dröhnenden Zumutungen der Zerstreuung.

Bevor nun gleich der Preisträger das Wort hat, noch ein Hinweis für jene, die später mehr über ihn herausfinden wollen. Wenn Sie seinen Namen googeln, werden Sie zunächst auf einen Zahnarzt aus Ettlingen stoßen, dann auf einen Rettungsschwimmer aus Hünfeld, der T-Shirts feilbietet mit dem Aufdruck „Ich bin kein Lyriker“.

An den Texten von Harald Hartung führt wirklich kein Weg vorbei..