» Startseite » Vorträge » Aktuelle Vorträge
Druckversion

19.11.12
Laudatio auf Nadine d'Arachart & Sarah Wedler und Alexandra Trudslev von Jens Dirksen

Begründung der Jury für die Vergabe der Förderpreise des Literaturpreises Ruhr 2012 an Nadine d'Arachart & Sarah Wedler und an Alexandra Trudslev

von Jens Dirksen

 

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Link, sehr geehrte Damen und Herren: Guten Abend!

 

Da ich der Jury zum Literaturpreis Ruhr angehöre, möchte ich Ihnen erläutern, warum wir welche Texte für die beiden Förderpreise ausgesucht haben, die der Regionalverband Ruhr alljährlich vergibt.

 

„Ganz schön schräg – eine Liebe“, hieß das Thema – das klingt vielleicht selbst ein bisschen schräg. Aber schon Adorno wusste ja, dass Erzählen heißt: etwas Besonderes zu sagen haben. Und so haben wir von der Literaturpreis-Jury in diesem Jahr einen der ältesten Gegenstände der Literatur als Prüfstein und Klippe aufgerufen für all jene, die sich um den Förderpreis bewerben wollten: Die Liebe in Zeiten wachsender Ungleichheit, könnte das etwa heißen. Die Liebe in Zeiten, die aus der Balance geraten sind. Die Liebe in Zeiten, in denen so manches und so mancher auf der schiefen Bahn landet. Wir sind bis zum heutigen Tage überrascht, ja erfreut über die bereits erwähnten 206 Einsendungen zum Thema, von denen die weitaus meisten Erzählungen waren. Allerdings haben es auch einige der wenigen eingesandten Gedichte bis in die Endrunde unserer in diesem Jahr besonders schwierigen Entscheidung über die besten Texte geschafft. Aber auch sie brachten nichts von dem, was wir eigentlich suchten. Wir suchten keineswegs die – womöglich unerwiderte - Liebe zum Ruhrgebiet. Und wir suchten auch nichts, obwohl sehr verbreitet, über die Liebe zur Vergangenheit, in Fachkreisen auch Nostalgie genannt! Wir suchten Geschichten von einer besonderen Liebe, einer einzig- oder unseretwegen auch abartigen Liebe. Nur keine 08/15-Liebe, die ja bestenfalls zwei Menschen glauben lässt, sie sei etwas Einmaliges… Aber wenn Sie die vielen Texte gelesen hätten, die uns vorlagen, dann wären wahrscheinlich auch Sie überrascht davon, wie viele ganz normale Liebesgeschichten dabei waren. Und schon deshalb haben wir hier zwei überaus würdige Preisträger-Texte, die der Aufgabenstellung mehr als gerecht geworden sind, und das sicherlich nicht nur in unseren Augen.

 

Die erste Erzählung, die ich über den schrägen Klee loben möchte, heißt „Sonnenwende“. Sie  handelt von einem schlichten Gemüt in Gestalt eines Schuljungen, so lernen wir ihn kennen, in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Er lebt in einer bäuerlich wirkenden Siedlung oder auf dem Dorf, irgendwo in der Mitte von Nirgendwo, wie unsere amerikanischen Freunde sagen würden, die sich mit so etwas besonders gut auskennen. Am Ende wird aber nicht der Junge erschlagen daliegen, dessen Perspektive wir die ganze erzählte Zeit über teilen und den sie „Dorftrottel“ nennen, sondern - ein anderer. Der Schuljunge mit dem schlichten Gemüt aber, dem sich beim Diktat immer die Buchstaben verheddern, wird nicht ganz unschuldig sein an diesem Tod.

 

Nadine d’Aracharts und Sarah Wedlers Geschichte „Sonnenwende“ erzählt eben auch davon, dass sich die Verantwortung für diesen Tod eines Rottenkönigs, eines Bandenführers auf viele verteilt. Ein Gutteil – oder Bösteil - dieser Verantwortung trifft sogar den Toten selbst, aber eben auch seine Mitläufer und eine Sozialstruktur, oder sagen wir ruhig: Gesellschaft, auch wenn sie tief geprägt ist von massiver Ungeselligkeit, eine Gesellschaft, deren latente, verdrängte, künstlich befriedete Gewalt immer wieder aufbricht. An den Stellen, wo sie austritt, fließt auch Blut, und manchmal verliert einer ein Auge dabei, zumal, wenn eine Heugabel im Spiel ist. Es ist die Zeit, in der Lehrer vor der Klasse noch mit Soldatenschritt auf und ab gehen, in der mancher noch von der Zucht und Ordnung des „Dritten Reichs“ träumt und lustvoll den Einsatz der Prügelstrafe pflegt. Eine Zeit, in der die vielen Blindgänger aus den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs noch eine echte Gefahr sind. Mobbing, um einmal ein gänzlich unzeitgemäßes Wort zu benutzen, Mobbing aber gibt es in diesen Zeiten auch schon. Das Zusammenrotten und jenes „Dissen“, zu dem die aufgeklärte Verrohung von heute die ungeahnt subtile, aber auch schamlos offen betriebene Diskriminierung und Ausgrenzung verbal verkürzt, ist ja keine Erfindung des 21. Jahrhunderts – das hat lediglich die Methoden dazu verfeinert und vervielfacht.

Beinahe schulbuchmäßig trifft es in der „Sonnenwende“ den Schwächsten unter allen, es trifft ihn jedenfalls am häufigsten: Philipp, der wie die anderen in einem Jahr fertig sein wird mit der Schule, aber etwas langsam im Mitschreiben ist - also das geborene Opfer für die „Lemminge“, wie er selbst sie nennt, ohne zu wissen, was Lemminge sind. Aber der Lehrer hat sie so genannt, die Jungs, die ihrem Anführer Gerry Hellmann treudumpf ergeben sind. Ausgerechnet in dieser Konstellation wird es einen homoerotischen Ausbruch geben, der ebenso unerwartet wie plausibel daherkommt. Und dieser Ausbruch, dieser kurze, sehr kurze, bald widerrufene Moment einer Liebe, der einzige übrigens, den die Erzählung aufblitzen lässt, wird, so schräg wie er ist, alles ins Rutschen geraten lassen, wird am Ende gar den Tod bringen.

Das ländliche Milieu schildert diese Erzählung  mit sprachlicher Präzision und vielsagender Bildhaftigkeit, ein pointillistisches Sittengemälde, wenn man so will. Es gibt Wolken, „die wie schmutzige Schafe“ aussehen, es gibt Heu, das fast nach Marzipan duftet und Schuhe, die irgendwann ihren Besitzer tragen, als wären sie Echsen. Scharf beobachtet ist auch die jugendliche Lust am Ausbruch aus jenen Sozialstrukturen, an die eigentlich nicht gerührt werden soll, nicht gerührt werden darf, weil sie nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs so gerade eben gekittet werden konnten. All dies kommt so authentisch herüber, als wäre es selbst erlebt. Nicht von ungefähr hat die Jury, die alle Texte liest, ohne die Namen der Urheber zu kennen, die leise Sorge gehegt, wir müssten einen der beiden Förderpreise in diesem Jahr an einen Herrn vergeben, der die Pensionsgrenze schon eine ganze Weile überschritten hat und beim Wettbewerb des Regionalverbands Ruhr angetreten ist mit einer biografisch nicht ganz schlackenlos verdauten Reminiszenz an seine Jugend irgendwo im Münsterländischen, im Bergischen oder am Niederrhein. Umso mehr hat es uns dann gefreut, als wir feststellen durften, dass ,das Talent im fortgeschrittenen Reifestadium‘, das wir da mit diesem Preis fördern würden, nicht nur ein doppeltes ist, sondern auch noch jung, hoffnungsvoll und womöglich am Anfang einer Karriere stehend, deren Tragweite sich heute noch gar nicht absehen lässt.

Schon deshalb möchte ich betonen, dass Nadine d’Arachart und Sarah Wedler ihre Erzählung „Sonnenwende“, deren Titel vielleicht ein bisschen zum dramatischen Übersteigern neigt, mit einer gruppen- und individualpsychologischen Plausibilität ausgestattet haben, die sie zu einer Text über das Jahr 2012 und seine Gesellschaft macht, selbst wenn dieser Text in den 50er-, 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts spielt. Es ist diese Aktualität, mit der die Erzählung die Jury am Ende rundweg für sich eingenommen hat.  

Lassen Sie mich noch kurz all jenen, die mit Nadine d’Arachart und Sarah Wedler nicht auf vertrautem Fuße stehen, eine Vorstellung davon geben, um wen es sich bei den beiden Autorinnen handelt. Sie sind beide vor rund zweieinhalb Jahrzehnten im beschaulichen Hattingen geboren und leben  dortselbst, was helfen könnte, ihre durchaus zu erkennende Neigung zu schauerromantischen bis kriminellen Stoffen zu erklären - neben dem Studium des Sozialwissenschaften, das sie ebenfalls beide betreiben, wenn auch nicht ganz so gemeinsam wie das Schreiben. Das wiederum geschieht schon so lange Jahre im Teamwork, dass sie beide nach einer Weile nicht mehr erkennen können, welche Passage welche von ihnen beiden geschrieben hat. Und wenn man sich einmal die seitenlange Liste ihrer Erfolge bei Literaturwettbewerben bis hin zum Finale des Open-Mike 2011 in Berlin anschaut, war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis sie auch den Förderpreis zum Literaturpreis Ruhr erhalten würden. Im Frühling dieses Jahres ist ihr erster Roman „Die Muse des Mörders“ erschienen, ein „Remake“, wie das so schön heißt, von E.T.A. Hoffmanns viel gelesener und oft verarbeiteter Geheimdienst-, Diamantenmord- und Detektivgeschichte „Das Fräulein von Scuderi“; die haben Nadine d’Arachart und Sarah Wedler nach Wien verlegt und zum Krimi für unsere Zeit aktualisiert. Kleine Werbedurchsage deshalb an dieser Stelle: Unser Preisträger-Duo liest am 22. November, also nächste Woche Donnerstag, im Bochumer Planetarium aus diesem Roman, Beginn 20 Uhr, Eintritt: 7,50 Euro, ermäßigt 5 Euro. Ende der Werbedurchsage!

Ein zweiter Roman von Nadine d‘Arachart und Sarah Wedler mit dem vielsagenden Titel „Abgründe“ ist als E-Book erschienen, ein weiterer selbstverständlich längst in Arbeit und nach dieser Preisverleihung fehlt eigentlich nur noch der Erfolg beim Publikum, der sich hoffentlich bald einstellen wird, wir wünschen dafür und für die literarische Qualität in den nächsten Jahren alles erdenklich Gute.

 

Doch ob es damit klappt, kann heute noch niemand sagen, in der Literatur funktioniert eben nichts automatisch, womit wir denn auch schon bei „Drück mich jetzt!“ wären, der zweiten Preisträger-Erzählung, die von Alexandra Trudslev aus Dortmund stammt. Wir haben es hier mit dem unter unseren 206  Preisbewerbern leider recht seltenen Fall einer durch und durch ironischen Erzählhaltung zu tun, von der zwinkernden Überschrift bis zur futuro-amourischen Pointe. Aber das war längst nicht alles, was für diesen Text mit eingebauter Lächelautomatik  sprach. Es ist ja eine durchaus kritische Geschichte aus der marketing-verseuchten Gegenwart; es geht um etwas scheinbar Alltägliches wie die Kundenberatung vor den neuen Fahrkartenautomaten im Bahnhof, um den „täglichen Wahnsinn in der Wartehalle“, wie es da heißt, an jenem Ort also, wo zwar nicht alles rennet, rettet, flüchtet, weil taghell die Nacht ist gelichtet – wo aber „all dieses Kommen, Gehen, Gucken, Rennen, Fluchen“  herrscht. Und wo ausgerechnet Menschen anderen Menschen ausgerechnet jene Automaten erklären müssen, die nur deshalb angeschafft wurden, um die Menschen hinterm Schalter zu ersetzen, weil die angeblich nicht automatisch genug funktionieren. Jetzt funktionieren die Automaten nicht menschlich genug. Und deshalb laufen erklärungskundige Exemplare dieser unautomatischen Zweibeiner in der Wartehalle herum und haben T-Shirts an, auf denen „Noch kein Ticket?“ steht, oder, je nach Verknautschungsgrad des T-Shirts, auch schon mal „och ein Ticket“. Der ganze Irrsinn liegt also schon im Hier- und Dasein unserer Heldin. Sie beobachtet das Nervige, das Bizarre, das Komische des „Was-kann-ich-für-sie-tun“-Getues in einem Meer aus Ignoranz und Kälte ganz genau und bringt es auf den Punkt, mit eben jenem Ton, der bei aller kritischen Perspektive mit einer gewissen Heiterkeit grundiert ist. Vor allem aber ist es das geradezu schmerzhaft exakt Beobachtete im nur allzu vertrauten Bahnhofstreiben am Freitagnachmittag, was an dieser Erzählung beeindruckt. Der Sprachgebrauch ist der Realität abgelauscht, die Erzählweise aber, wie schon zu hören war, rhetorisch durchgeformt. Die genauen Beobachtungen, die etwa in einem „Meer aus zackig geschnittenen Kurzhaarsträhnchenfrisuren“ zwischen Samba-Express und Kegelzug nach Kärnten ihren Widerhall finden, sie verdanken sich gewiss, wir sind da jenseits aller Spekulation und Kollegenhuberei, der journalistischen Profession von Alexandra Trudslev. Sie, die ausgebildete Redakteurin, hat für die WAZ und die taz gearbeitet, für den WDR und für Spiegel online, hat das Auswählen von sprechenden, vielsagenden Details zu ihrem Beruf gemacht und das illusionslose Hinsehen als Grundlage auch. Alexandra Trudslev, Tochter eines dänischen Vaters und einer tschechischen Mutter, ist in Prag geboren, kam nach Deutschland, ließ sich zur Journalistin ausbilden und widmet sich solch unterschiedlichen Themen wie der tabuisierten Frauengewalt und der Oderflut, dem Gegensatz zwischen Heiß und Eis auf Island und dem Schicksal von Mädchen, die schon als Teenager Mutter werden. Bisher waren also vor allem nicht-fiktionale Sachtexte von Alexandra Trudslev zu lesen, vielleicht hat unser Wettbewerb um die Förderpreise ja die Lust am Erfinden, Fabulieren, Erzählen in ihr wachgeküsst, und wir lesen eines Tages noch Romane aus der Feder unserer Preisträgerin, wer weiß.

Realismus und Reflexion schließen einander jedenfalls nicht aus bei Alexandra Trudslev, und so zeichnet sie in ihrer Geschichte „Drück mich jetzt!“ wie nebenbei das Porträt einer Generation, die über ihrer fanatischen Konzentration auf Außendarstellung jeglicher Art das Gefühl für innere Bewegung verloren, ja durch eine Ästhetik der Wirkungsabsicht ersetzt hat. So streift die Erzählung auch Überlegungen zur Rolle der Fotografie im Empfinden der Gegenwart, die ins Essayistische ausgreifen.

Aber derlei lesen wir bei Alexandra Trudslev wie gesagt fast nebenbei. Am Ende geht es um das selbst-entfremdete Leben im digitalen Zeitalter, das Menschlichkeit aufzuspalten scheint in eine legitime, nützliche Hälfte und in eine, die für überflüssig erklärt wird, weil sie so etwas wie Schwächen in sich birgt und von einem eklatanten Mangel an Äußerlichkeit getragen wird. In solchen Verhältnissen kann eine Liebe gar nicht anders als schräg ins Leben gebaut sein. So braucht es für das scheinbare Happy-End dieser Geschichte einen menschlich werdenden Deus ex Machina, wobei der Verdacht nicht von der Hand zu weisen ist, dass der Gott sich nicht etwa der Maschine bedient, sondern die Maschine selbst zum Gott geworden ist. Aber auch diese skeptische Zeitgeist-Diagnose der Erzählung kommt mit einem Lächeln daher – höchst menschlich also.

Und nur allzu menschlich wäre es, wenn Sie meinen Ausführungen so recht keinen Glauben schenken würden, für kritische Zeitgenossen gehört ja auch eine gewisse Portion Skepsis zur Grundausstattung. Prüfen Sie also getrost nach, was ich Ihnen gerade vorgeschwärmt habe, lesen Sie die Texte unserer Förderpreisträger selbst!

Bleibt mir nur noch zu danken! Zum einen für Ihre Aufmerksamkeit - zum anderen für Ihre ganz schön schräge Liebe zur Literatur, die Sie heute hat hierherkommen lassen! Ich wünsche einen guten Abend!