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8.05.07
Ein (fast chronologischer) Streifzug

durch die Literaturgeschichte Nordrhein-Westfalens

 
Zeitleiste:

  • 23. August 1946: Literatur am Nullpunkt? Autoren fordern Neubeginn oder wagen Comeback
  • 10. September 1947: Gruppe 47 prägt Nachkriegsliteratur
  • 6. Juni 1950: Neueste Artikel statt literarischer Utopien. Nordrhein-Westfalen gibt sich demokratische Verfassung
  • 1. Januar 1956: Traumtexte, Ohrenzeugenberichte, Schallmontagen – der WDR in Köln wird zum Hörspiel-Mäzen
  • 4. Oktober 1959: Oskar für Leser. Günter Grass' Die Blechtrommel erscheint
  • 31. März 1961: Dortmunder Gruppe 61 recycelt Arbeitswelt zu Kunst-Stoff!
  • 31. März 1965: Zwischen Träumen und Traumata – Rose Ausländer zieht nach Düsseldorf
  • 1. Oktober 1969: Realismus – aber welcher? Dieter Wellershoff und die unabschließbare Entdeckung der Wirklichkeiten
  • 7. März 1970: In Köln beschließt der Werkkreis Literatur der Arbeitswelt sein Programm
  • 13. März 1970: NRW – zum Sterben langweilig?
  • 10. Dezember 1972: Literatur und Dynamit: Verleihung des Nobelpreises an den Kölner Schriftsteller Heinrich Böll
  • 11./12. Juli 1974: Die jungen Milden? Literarische Wiederentdeckung des Ich bietet mehr als nur Neue Weinerlichkeit
  • 1. Juni 1980: Schreiben befreit? Oder: Was bewegt die Schreibbewegung?
  • 7. Oktober 1985: Die Wahrheiten des Enthüllungsreporters Wallraff oder Wie dokumentarisch ist die Vorspiegelung richtiger Tatsachen?
  • 18. April 1986: Literaturförderung à la NRW: Das dritte von vier Literaturbüros wird eröffnet
  • 19. November 1988: Literaturpreis Ruhrgebiet für Max von der Grün
  • 8. März 1991: Immer mehr & sowieso gut: Schriftstellerinnen in NRW
  • 31. Dezember 1991: Zweite Heimat: Für viele Autoren ausländischer Herkunft ist NRW Zuflucht, Zwischenstation oder neues Zuhause
  • 25-28. Mai 1994: Tatort NRW – Mordslust auf Krimis
  • 2. Juli 1995: Profis gegen Lesefutter light: In Unna setzen Kinder- und Jugendbuchautoren auf Kids statt auf Kasse
  • 31. August 1995: Formchaos und auseinanderdriftendes Themenuniversum: Neue Unübersichtlichkeit längst auch in NRW
  • 1. April 1996: Pointenpower & Anarrchie: Nordrhein-Westfalen Spitze beim Breitenspott
  • 1997: Eloge auf Ralf Rothmann




Literatur am Nullpunkt? Autoren zwischen Neubeginn oder Comeback

Per Besatzungsverordnung gründen die Briten am 23. August 1946 das Land Nordrhein-Westfalen. Den Schriftstellerinnen und Schriftstellern geht es in diesen Tagen wie vielen anderen auch. Die einen fühlen sich angesichts der Schrecken des Krieges geschlagen, gelähmt, vielleicht sogar geläutert; manche kehren heim aus dem Exil, die meisten aber werden von den Siegermächten entnazifiziert und umerzogen. Man versucht, zu überleben und weiterzuschreiben, versucht, sich von der Nazibarbarei, ihrer Sprache und Dichtung radikal abzugrenzen. Es sind vor allem jene Autoren, deren Werke später das Etikett "Trümmer-" oder "Kahlschlagliteratur" erhalten, die kühn die trügerische Hoffnung schüren, daß die deutsche Literatur nach 1945 ganz neu beginnen könne. Pathetisch schreibt Wolfgang Weyrauch: "Die Verfasser des Kahlschlags (...) fangen in Sprache, Substanz und Konzeption von vorn an." Ihre Methode – so Weyrauch weiter – sei "die Bestandsaufnahme, ihre Absicht die Wahrheit". Bestandsaufnahme jedoch setzt Erinnern voraus: Was ist? Wie ist es so geworden? In der Sprache neu anfangen kann nur, wer die mißbrauchte Sprache auf ihre noch brauchbaren Teile hin abklopft. Auch 1946 gilt: Nichts geht mehr ohne ein neues Verhältnis zum Alten. Die Stunde Null, einen voraussetzungslosen Neubeginn der deutschen Nachkriegsliteratur hat es also nie gegeben. Exilschriftsteller oder die Dichter der sogenannten "inneren Emigration", Naturlyriker oder die Verfasser von Heldenepen, viele schrieben vor 1945 und danach. Auch Literaten aus dem Rheinland oder Westfalen hatten bereits vor 1945 Gedichte, Geschichten oder Dramen veröffentlicht und taten es weiterhin. Die Besten von ihnen, um über die "Rückkehr Deutschlands zur Menschlichkeit" (Thomas Mann) nachzudenken oder die psychischen und gesellschaftlichen Konsequenzen des Krieges zu verarbeiten, so etwa Heinrich Böll, Paul Schallück oder Rolf Schroers. Doch das war angesichts äußerer wie innerer Trümmerlandschaften nicht leicht. "Die ungeheure, oft mühselige Anstrengung der Nachkriegsliteratur hat ja darin bestanden, Ort und Nachbarschaft wiederzufinden. Man hat das noch nicht begriffen, was es bedeutete, im Jahr 1945 auch nur eine halbe Seite deutscher Prosa zu schreiben", erklärte später Heinrich Böll, dessen erster Roman Der Zug war pünktlich Weihnachten 1949 im Opladener Middelhauve Verlag erschien.

Textauszug aus: Heinrich Böll – Der Zug war pünktlich

"Auf einem anderen Bahnsteig steht ein Zug, der nach Deutschland fährt. Die Lokomotive dampft schon, und die Soldaten blicken mit bloßen Köpfen aus den Fenstern hinaus. Warum steige ich nicht ein, denkt Andreas, das ist doch seltsam. Warum setze ich mich nicht in diesen Zug und fahre zurück an den Rhein? Warum kaufe ich mir nicht einen Urlaubsschein in diesem Land, wo man alles kaufen kann, und fahre nach Paris, Gare Montparnasse, und rolle die Straßen vor mir auf, eine nach der anderen, stöbere alle Häuser durch und suche, suche nach einer einzigen kleinen Zärtlichkeit von den Händen, die zu den Augen gehören müssen. Fünf Millionen, das ist ein Achtel, warum sollte sie nicht darunter sein ... warum fahre ich nicht nach Amiens an das Haus, wo die durchbrochene Backsteinmauer ist, und schieße mir eine Kugel vor den Kopf, an der Stelle, wo ihr Blick ganz nah und zärtlich, wirklich und tief in meiner Seele geruht hat, eine Viertelsekunde lang? Aber diese Gedanken sind so lahm wie seine Beine. Es ist herrlich, die Beine auszustrecken, die Beine werden lang und länger, und er meint, er müsse sie bis nach Przemysl hinein ausstrecken können. (...) Die Sonne hat einen weiten Bogen gemacht, als Andreas erwacht. Der Bärtige ist immer noch nicht zurück. Der Blonde ist wach und raucht. Der Zug nach Deutschland ist abgefahren, aber es steht schon ein neuer Zug nach Deutschland da, und unten aus der großen Entlausungsbaracke kommen die grauen Gestalten mit ihren Paketen, ihren Tornistern, die Gewehre um den Hals gehängt, um nach Deutschland zu fahren."

Aus: Heinrich Böll: Der Zug war pünktlich. Erzählung. Deutscher Taschenbuch Verlag. München 198718. S.47/48.


Weiterführende Literatur:

  • Arnold, Heinz Ludwig (Hg.): Bestandsaufnahme Gegenwartsliteratur. Bundesrepublik Deutschland, Deutsche Demokratische Republik, Österreich, Schweiz. Edition Text + Kritik. München 1988
  • * Barner, Wilfried (Hg.): Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis zur Gegenwart. Verlag C.H. Beck. München 1994 Böll, Heinrich: Frankfurter Vorlesungen. Kiepenheuer & Witsch Verlag. Köln, Berlin 1966
  • * Bohn, Volker: Deutsche Literatur seit 1945. Suhrkamp Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1993 Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.): KulturTrip. Heft 3: Literatur aus Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf 1995
  • * Schnell, Ralf: Geschichte der deutschsprachigen Literatur seit 1945. Verlag J.B. Metzler. Stuttgart, Weimar 1993

 

10. September 1947 Gruppe 47 prägt Nachkriegsliteratur

Die Gruppe 47 traf sich zum ersten Mal am 10. September 1947 nahe Füssen im Allgäu. Die geplanten Gespräche über neue Literatur und die Lesungen in einem Hause am Bannwaldsee sollten eigentlich dazu dienen, Beiträge für eine neue literarisch-satirische Zeitschrift zu sammeln: den Skorpion. Unter der Leitung Hans Werner Richters diskutierte man unveröffentlichte Texte anwesender Autoren und bemerkte dabei, wie sehr solche Auseinandersetzung über konkrete Texte allen gefehlt hatte. Man beschloß also, weitere Treffen folgen zu lassen. Wie beim ersten Mal, so lebten auch die späteren literarischen Werkstattgespräche von der Qualität der vorgetragenen Texte, von der Güte und Offenheit der Kritik und nicht zuletzt der Spielregel, daß es dem vortragenden Autor verboten war, seinen Text selbst zu verteidigen. Mit Ausnahme von Heinrich Böll dürften nordrhein-westfälische Autorinnen und Autoren die Gruppe 47 kaum beeinflußt haben. Keine der 29 Tagungen zwischen 1947 und 1967 fand in Nordrhein-Westfalen statt, nur wenige Literatinnen und Literaten mit Wohnsitz Nordrhein-Westfalen lasen im Rahmen der Werkstattgespräche der Gruppe; neben Böll gerade noch Paul Schallück, Rolf Schroers und die gebürtige Siegburgerin Ruth Rehmann. Die Gruppe 47 selbst allerdings, ihre Autoren und ästhetischen Positionen haben sicherlich nicht nur nur die westdeutsche Nachkriegsliteratur, sondern gewiß auch die jüngeren Schriftsteller in Nordrhein-Westfalen nachhaltig beeinflußt. Öffentlich zeigte sich dies spätestens während der letzten Tagung der Gruppe 47 im Oktober 1967 in der Gaststätte Pulvermühle nahe Erlangen. Der Kölner Jürgen Becker liest Auszüge aus einer Prosaarbeit namens Ränder und wird nach Eich, Böll, Bachmann u.a. nun der letzte Preisträger der Gruppe 47; er erhält 6.000 DM Preisgeld. Nach der 67er Tagung trifft sich die Gruppe 47 nur noch zu informellen Runden im Hause Hans Werner Richters. 1977 wird dann in Saulgau bei Ulm die sog. "Begräbnis-Tagung" ausgerichtet, während der auch Jürgen Becker noch einmal neue Texte präsentiert.

Textauszug aus: Jürgen Becker Ränder

"Früher war das alles ganz anders. Die Städte alle waren alle viel größer und die Dörfer waren noch Dörfer. Früher gab es noch Gerechtigkeit, und wer nicht hören wollte, mußte eben fühlen. Da waren unsere Lehrer noch die Lehrer unsere Eltern. Sonntags zogen wir noch Sonntagsanzüge an. Die Kirche stand noch im Dorf. Die Wacht stand noch am Rhein. Früher wußten wir, daß Gott mit uns ist. Früher kam auch noch Hans Muff. Wen wir fingen, der kam an den Marterpfahl. Die Sommer waren richtige Sommer. Die Ferien sahen immer endlos aus. Die Milch war noch gesund. Früher wußten wir, woran wir uns zu halten hatten. Da wurde noch gewandert. Wer im Wirtshaus saß, der saß auch bald im Klingelpütz. Früher ging man noch zu Fuß. Da schützte man seine Anlagen. Da gabs sowas nicht. Da gab es noch Feinde, bei denen man das Weiße im Auge erblicken konnte. Wohin man auch ging, man traf immer auf Gleichgesinnte. Wer es nicht besser wußte, der hielt auch den Mund, und wem es absolut nicht passen wollte, der konnte ja bleiben, wo der Pfeffer wächst. Früher gab es noch Mohren, Indianer und Chinesen. Früher ging das alles viel einfacher. Da wäre doch sowas nie passiert. Da gab es das doch alles nicht. Früher hörte man noch zu, wenn man von früher erzählte."

Aus: Becker, Jürgen: Ränder. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 19702. S. 19

Weiterführende Literatur:

  • * Arnold, Heinz Ludwig (Hg.): Bestandsaufnahme Gegenwartsliteratur. Bundesrepublik Deutschland, Deutsche Demokratische Republik, Österreich, Schweiz. Edition Text + Kritik. München 1988
  • * Arnold, Heinz Ludwig (Hg.): Die Gruppe 47. Ein kritischer Grundriß. Sonderband Reihe Text + Kritik. Edition Text + Kritik. München 19872
  • Neunzig, Hans A. (Hg.): Hans Werner Richter und die Gruppe 47. Nymphenburger Verlagsbuchhandlung. München 1979
  • * Richter, Hans Werner: Im Etablissement der Schmetterlinge. Einundzwanzig Portraits aus der Gruppe 47. Carl Hanser Verlag. München, Wien 1986 (Zweite Auflage)



6. Juni 1950
Neueste Artikel statt literarischer Utopien

Nordrhein-Westfalen gibt sich demokratische Verfassung. Am 6. Juni beschließt der Landtag die Verfassung für das Land Nordrhein-Westfalen mit dem Willen, "die Not der Gegenwart in gemeinschaftlicher Arbeit zu überwinden". Am 18. Juni 1950 billigt die Mehrheit der Abstimmenden diese neue Verfassung durch Volksentscheid. Während ganze Verfassungsartikel sich detailliert der Religionsfreiheit bis hin zur Anstaltsseelsorge widmen, finden sich nirgendwo Aussagen zur Freiheit der Kunst oder solche zu ihrem Schutz. In Artikel 18, Absatz 1 heißt es lediglich lapidar: "Kultur, Kunst und Wissenschaft sind durch Land und Gemeinden zu fördern." Sicher, der Krieg ist gerade fünf Jahre vorbei, auch in Nordrhein-Westfalen fehlt es noch an Lebensmitteln, Wohnraum, gelebter Demokratie. Zu diesen Mängeln, aber auch zu den Möglichkeiten ihrer Behebung mußte sich eine neue Landesverfassung selbstverständlich vorrangig äußern. Doch während des Naziterrors hatte zu den Über-Lebensmitteln für viele auch die Literatur gezählt. Die Landesverfassung vom 6. Juni jedoch zeigt sich nicht inspiriert von literarisch gestalteten Freiheitsutopien, die immer schon Entwürfe geliefert hatten für ein selbstverantwortliches Leben unter Gleichen. Selbst Goethe und die Schlußworte des "Faust" scheinen vergessen: "Das ist der Weisheit letzter Schluß:/ Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,/ Der täglich sie erobern muß./ Und so verbringt, umrungen von Gefahr,/ Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr./ Solch ein Gewimmel möcht ich sehn,/ Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn." Die nordrhein-westfälische Landesverfassung echot auf Goethe da nur noch mit den Bestimmungen des Artikel 29, Absatz 3: "Die Kleinsiedlung und das Kleingartenwesen sind zu fördern" sowie mit dem Wunsch nach freien Tagen in "Ehrfurcht vor Gott", zum Beispiel in Artikel 25, Absatz 2: "Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage werden als Tage der Gottesverehrung, der seelischen Erhebung, der körperlichen Erholung und der Arbeitsruhe anerkannt und gesetzlich geschützt."

Textauszug aus: Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.) Verfassung für das Land Nordrhein-Westfalen

Präambel

"In Verantwortung vor Gott und den Menschen, verbunden mit allen Deutschen, erfüllt von dem Willen, die Not der Gegenwart in gemeinschaftlicher Arbeit zu überwinden, dem inneren und äußeren Frieden zu dienen, Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand für alle zu schaffen, haben sich die Männer und Frauen des Landes Nordrhein-Westfalen diese Verfassung gegeben: (...)

Artikel 18

(1) Kultur, Kunst und Wissenschaft sind durch Land und Gemeinden zu fördern.

(2) Die Denkmäler der Kunst, der Geschichte und der Kultur, die Landschaft und Naturdenkmale stehen unter dem Schutz des Landes, der Gemeinden und Gemeindeverbände.

Artikel 19

(1) Die Freiheit der Vereinigung zu Kirchen oder Religionsgemeinschaften wird gewährleistet. Der Zusammenschluß von Kirchen oder Religionsgemeinschaften innerhalb des Landes unterliegt keinen Beschränkungen.

(2) Die Kirchen und die Religionsgemeinschaften ordnen und verwalten ihre Angelegenheiten selbständig (...)"

Aus: Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.): Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Verfassung für das Land Nordrhein-Westfalen. Schwann Verlag. Düsseldorf 1964


Weiterführende Literatur:

  • Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.): Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Verfassung für das Land Nordrhein-Westfalen. Schwann Verlag. Düsseldorf 1964
  • Goethe, Johann Wolfgang: Faust I/II, Urfaust. Aufbau-Verlag. Berlin und Weimar 1980, S. 410/411
  • Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.): KulturTrip. Heft 3: Literatur aus Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf 1995



1. Januar 1956
Traumtexte, Ohrenzeugenberichte, Schallmontagen der WDR in Köln wird zum Hörspiel-Mäzen

Als Blütezeit des Hörspiels gelten in der Bundesrepublik die fünfziger Jahre. Die Aufnahme des UKW-Betriebs im Mai 1950 war eine wichtige Voraussetzung, um Hörspieltexte klangvoll über den Äther zu schicken und auf den inneren Bühnen der Hörer-Phantasie lebendig werden zu lassen. Mit dem Radio kam auch anspruchsvolle Literatur ins Haus und in die Köpfe, und das zu einer Zeit, in der für viele Fernsehen, Kino oder Theater nicht zur Verfügung standen oder nicht erschwinglich waren. 1954 trennten sich die Sendeanstalten NDR und WDR (vorher NWDR); in den folgenden Jahren und Jahrzehnten gewann das Kölner WDR-Studio zunehmend Bedeutung für nordrhein-westfälische Autoren. Seit der eigenständige WDR ab dem 1. Januar 1956 auf Sendung ging, kaufte man in Köln nicht nur Hörspiele ein, sondern regte auch deren Produktion als Auftragsarbeit an. Beim WDR konnten Autoren also Geld verdienen und bekamen eine Chance mehr zur Veröffentlichung ihrer dramatischen Hörtexte. Mit den Jahren fächerten sich auch die literarischen Stile, die übers Radio zu hören waren, kontrastreich auf. Vom bloßen Kammertheater im Radio über surreale Traumtexte bis zum sogenannten Feature, vom Heimkehrer-Drama bis zum erzählten Krimi mit eingestreuten Dialogen konnten Hörerinnen und Hörer ihren ganz persönlichen Radio-Spielplan zusammenstellen. Wichtige Hörspielproduzenten aus NRW waren Heinrich Böll, Rolf Schroers, Dieter Wellershoff, Dieter Kühn und später zum Beispiel Gisbert Haefs oder Erasmus Schöfer. Wellershoff erhielt 1960 den "Hörspielpreis der Kriegsblinden" für sein Hörspiel Der Minotaurus, "einem Abbild der gestörten Kommunikation zwischen zwei Liebenden, die sich in inneren Monologen und angedeuteten imaginären Szenen mit dem Problem einer Abtreibung und dadurch belasteten Beziehung zueinander beschäftigen" (Würffel: Das deutsche Hörspiel). Neben die konventionellen – vom Theater her kommenden – Rollen- und Stimmenspiele trat in den sechziger Jahren das Neue Hörspiel. Hier interessierten weniger Themen wie die Sinnlosigkeit des Krieges oder die Monotonie des Ehelebens als vielmehr die Frage, inwieweit man mit jedwedem akustischem Material Schallspiele erzeugen konnte: mit den Originaltönen von der Straße, mit der Collage von Geräuschen oder mit experimentellen Wort-Musik-Verbindungen. Geräusche, Töne, Laute – das akustische Material selbst war zum Thema des Hörspiels geworden.

Textauszug aus: Walter Adler – Centropolis, Science-Fiction-Hörspiel (Walter Adler aus Köln erhielt 1976 für Centropolis den "Hörspielpreis der Kriegsblinden".)

[Stationszeichen von Centropolis tv-radio: die ersten sechs Töne der US-amerikanischen Nationalhymne, nach dem sechsten Ton die gleiche Folge rückwärts.] 

[Musiksignal.]

Sprecher:  Unser täglicher Tip zum Überleben.

[Musiksignal.]

Sprecherin: (Naive, kindliche Stimme). Leisten Sie keinen Widerstand, wenn Sie überfallen werden; das erhöht ihre Chance, lediglich beraubt und nicht auch noch umgebracht zu werden! Halten Sie den Kopf hoch und die Augen offen! Wenn Sie aussehen wie ein Opfer, werden Sie eins.

[Stationszeichen Centropolis tv-radio.]

Sprecherin: In wenigen Sekunden schalten wir um in die große Halle des Senats, wo zur Zeit die Trauerfeier für den vor vier Tagen einem entsetzlichen Attentat zum Opfer gefallenen Minister für Industrie, Handel und Fernmeldewesen, Ernährung und Bodenschätze, Dr. Joschua Schumacher, stattfindet. Anschließend an diesen Staatsakt übertragen wir im ersten Programm von "Centropolis tv-radio" ein Totenamt, das vom Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, Ihrer Heiligkeit Papst Katharina II., unter freiem Himmel im Olympiastadion zelebriert wird. 

Aus: Walter Adler: Centropolis. Science-Fiction-Hörspiel. In: Klöckner, Klaus (Hg.): Und wenn du dann noch schreist ... Deutsche Hörspiele der 70er Jahre. Wilhelm Goldmann Verlag. München 1980. S. 241


Weiterführende Literatur:

  • * Schöning, Klaus: Neues Hörspiel. Essays, Analysen, Gespräche. Edition Suhrkamp 476. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 1970
  • * Schöning, Klaus (Hg.): Neues Hörspiel O-Ton. Der Konsument als Produzent. Versuche. Arbeitsberichte. Edition Suhrkamp 705. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 1974
  • * Schiffer, Wolfgang: Das Hörspiel. Spiegel der literarischen Vielfalt im Land. In: Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.): KulturTrip. Heft 3: Literatur aus Nordrhein Westfalen. Düsseldorf 1995
  • Schwitzke, Heinz: Reclams Hörspielführer. Philipp Reclam jun. Verlag. Stuttgart 1969
  • Würffel, Stefan Bodo: Das deutsche Hörspiel. Sammlung Metzler 172. J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung. Stuttgart 1978



4. Oktober 1959
Oskar für Leser. Günter Grass' Die Blechtrommel erscheint

Bei einem Streifzug durch die Literaturgeschichte Nordrhein-Westfalens kann es nicht nur um die Literatur hier ansässiger Autoren gehen. Zumindest ein grandioser Roman muß einfach erwähnt werden, dessen Verfasser zwar kein Nordrhein-Westfale ist, der aber seine Erzählung unter anderem auch in Nordrhein-Westfalen, genauer gesagt in Düsseldorf und Umgebung spielen läßt. Gemeint sind natürlich Günter Grass und Die Blechtrommel. Ein Roman, der wie kein zweiter in der Nachkriegsgeschichte Aufsehen erregte und bald schon zu den Werken der Weltliteratur gezählt wurde. In der Welt am Sonntag vom 4. Oktober 1959 schreibt ein Rezensent enthusiastisch. "Es ist die verrückteste, tolldreisteste Ausgeburt der neuen Literatur. (...) Das Buch (...) ist ein Geniestreich! Ein Glückstreffer! Eine hinreißende Zeitsatire, neben der die bisherigen Wunderkinderromane in Deutschland wie Schablonenprodukte unterernährter Normalverbraucher erscheinen." Doch schon damals hatte Grass einen einflußreichen Gegenspieler, der lieber verriß als lobte: den Kritiker Marcel Reich-Ranicki. Zur Blechtrommel schrieb M.R.R.: "Wäre der Roman um mindestens zweihundert Seiten kürzer, er wäre – wenn auch sicher kein bedeutendes Werk – doch weit besser." Kürzen könne man – so Reich-Ranicki später – vor allem im dritten Buch des Romans, dessen Schauplatz Düsseldorf ist. Auf der Fahrt nach Düsseldorf – das Grass später einmal abfällig als "die Hauptstadt des ausbrechenden Wirtschaftswunders" bezeichnete – beginnt Grass' Romanfigur Oskar Matzerath – bis dahin von der Statur eines Dreijährigen – unter Schmerzen zu wachsen. Knapp einen Meter dreißig groß, erprobt sich der Zwerg dann als Steinmetz, Modell an der Kunstakademie und Jazztrommler in der Kneipe Zwiebelkeller, bevor er als nicht zurechnungsfähig in eine Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen wird. Hier beginnt er seine Memoiren zu schreiben, hier läßt ihn sein Autor Günter Grass rückblickend jene phantastische Geschichte erzählen, die von nichts anderem handelt als eben der Roman Die Blechtrommel.

Textauszug aus: Volker Neuhaus – "Das biedermeierliche Babel" – Günter Grass und Düsseldorf

"'Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt' – für Düsseldorfer hat der im berühmten ersten Satz der Blechtrommel genannte Ort von Oskars Erzählen einen konkreten Namen; es ist das Rheinische Landeskrankenhaus Düsseldorf-Grafenberg. Düsseldorf ist aber nicht nur fiktiver Schreibort der Blechtrommel; es ist auch, ebenso wie in Katz und Maus und im dritten Buch der Hundejahre, der Ort der Nachkriegshandlung; und noch in den achtziger Jahren wohnt der Medienzar Matzerath in einer Villa in Düsseldorf-Oberkassel (...). Wie in Oskars Leben in seiner Danziger Zeit sind auch in seine Düsseldorfer Jahre viele Grass-Biographica eingeflossen. Oskars Bildungshunger, Lesewut und Theatersucht in der frühen Nachkriegszeit (...) sind die seines Schöpfers (Günter Grass, G.H.); und beide erlebten in Düsseldorf ebenso ihren 'Nachkriegsrausch' wie den anschließenden 'Kater'." (S. 133)

Grass' Wunsch nach einer künstlerischen Ausbildung führt in Anfang 1947 nach Düsseldorf. "Die Fahrt (...) ins verschneite Düsseldorf mit Stromsperren und Kohlenmangel wird zur Fahrt in die Weite und die Freiheit. Die verbotene entartete Kunst, die verbrannten oder unterdrückten Bücher, die verfemte 'Niggermusik' – zu all dem stehen jetzt die Türen weit offen. Grass erinnert sich noch 1981 daran: 'Damals (...) waren wir alle unvorstellbar fleißig und kreativ. Es galt, viel nachzuholen; alles, was meiner Generation während der Zeit des Nationalsozialismus vorenthalten worden war, mußte neugierig erobert, aufgesogen, verarbeitet, hier epigonal, dort mit Ansätzen von Selbständigkeit in eigenes Tun umgesetzt werden.'"

Aus: Volker Neuhaus: "Das biedermeierliche Babel" - Günter Grass und Düsseldorf. In: Die "Danziger Trilogie" von Günter Grass. Texte, Daten, Bilder. Herausgegeben von Volker Neuhaus und Daniela Hermes. Sammlung Luchterhand 979. Luchterhand Literaturverlag. Frankfurt am Main 1991. S.133/134


Weiterführende Literatur:

  • Görtz, Franz Josef (Hg.): "Die Blechtrommel". Attraktion und Ärgernis. Ein Kapitel deutscher Literaturkritik. Sammlung Luchterhand 544. Luchterhand Verlag. Darmstadt und Neuwied 1984 (Zweite Auflage)
  • Grass, Günter: Die Blechtrommel. Roman. Luchterhand Verlag. Darmstadt und Neuwied 1959
  • Neuhaus, Volker und Hermes, Daniela (Hg.): Die "Danziger Trilogie" von Günter Grass. Texte, Daten, Bilder. Sammlung Luchterhand 979. Luchterhand Literaturverlag. Frankfurt am Main 1991



31. März 1961
Dortmunder Gruppe 61 recycelt Arbeitswelt zu Kunst-Stoff!

Innerhalb der Literatur seit 1945 versuchten wohl die Autoren der Dortmunder Gruppe 61 als erste, das Thema Arbeitswelt ernsthaft für Erzähler, Lyriker oder Dramatiker zurückzugewinnen. Möglichkeiten und Formen moderner Arbeiter- und Industriedichtung hieß eine Tagung, zu der Büchereidirektor Fritz Hüser nordrhein-westfälische Autoren und Journalisten nach Dortmund eingeladen hatte. Nach vielen Referaten und Diskussionen kommen die Tagungsteilnehmer zu dem Schluß, "einen Arbeitskreis für künstlerische Auseinandersetzung mit der industriellen Arbeitswelt zu gründen und sich regelmäßig in Dortmund zu treffen". Im Juli hat man den Namen für den neuen Arbeitskreis gefunden: "Wir nennen uns: Dortmunder Gruppe 61 (...)." 1964 verabschiedet die Gruppe 61 ein Programm, in dem als Aufgabe formuliert wird: "Literarisch-künstlerische Auseinandersetzung mit der industriellen Arbeitswelt und ihren sozialen Problemen." Zu den prominentesten der gut drei Dutzend Autoren der Gruppe 61 gehören bis 1969: Max von der Grün, Angelika Mechtel, Günter Wallraff und Peter Paul Zahl. Die Mitglieder der Gruppe 61 schreiben in allen literarischen Genres: Kurzgeschichten und Romane, Gedichte und Industriereportagen, Revuen, Hörspiele und Fernsehfilme. Als Erfolg der Gruppe 61 muß festgehalten werden, daß es ihr gelungen ist, Mißstände und Repressalien im Gefüge westdeutscher Industriebetriebe und Bürokratien aufgedeckt zu haben; bis dato nichtöffentliche gesellschaftliche Bereiche, deren konkret-kritische Betrachtung auf der Grundlage authentischer Erfahrungen weitgehend tabu war. Dennoch: Die Gruppe 61 scheiterte an den eigenen Ansprüchen, denn gerade literarisch-künstlerisch waren die Texte vieler Autoren der Gruppe 61 auf Dauer nicht haltbar genug. Dies hat sicher auch daran gelegen, daß es den meisten schreibenden Arbeitern nie wirklich gelang, über die Laienschriftstellerei hinaus zu arbeitenden Schreibern, sprich: versierten Berufsautoren zu werden. Ausnahmen wie Max von der Grün bestätigen da nur die Regel. Zudem waren die Texte der Gruppe 61 vielen Lesern seit der Politisierung Mitte der 60er Jahre und der 68er Bewegung nicht agitproppig genug, ließen sich also für den konkreten politischen Tageskampf nicht nutzen. So waren es schließlich Autorinnen und Autoren der Gruppe 61 selbst, die mit dem Werkkreis Literatur der Arbeitswelt sozusagen eine politisch-literarisch Konkurrenzgruppe aufmachten. Hier sollten Arbeiter "durch theoretische Anleitung und praktisches Beispiel" soweit geschult werden, bis sie selbst für ihre Kolleginnen und Kollegen jene "gesellschaftskritische, sozial verbindliche Literatur" hätten schreiben können, die angeblich gebraucht wurde, um "die gesellschaftlichen Verhältnisse im Interesse der Arbeitenden zu verändern" (aus dem Programm des Werkkreises).

Textauszug aus: Programm der Dortmunder Gruppe 61

"Die Dortmunder Gruppe 61 stellt sich die folgenden Aufgaben: Literarisch-künstlerische Auseinandersetzung mit der industriellen Arbeitswelt der Gegenwart und ihrer sozialen Probleme. Geistige Auseinandersetzung mit dem technischen Zeitalter. Verbindung mit der sozialen Dichtung anderer Völker. Kritische Beschäftigung mit der früheren Arbeiterdichtung und ihrer Geschichte. Die Dortmunder Gruppe 61 setzt sich zusammen aus Schriftstellern, Journalisten, Lektoren, Kritikern, Wissenschaftlern und anderen Persönlichkeiten, die durch Interesse oder Beruf mit den Aufgaben und der Arbeit der Gruppe 61 verbunden sind. Die Dortmunder Gruppe 61 will durch Kritik, Aussprache, Beratung und Diskussion in Lesungen, Zusammenkünften und Veröffentlichungen das Schaffen der Gruppenmitglieder fördern. Die Dortmunder Gruppe 61 ist in jeder Beziehung unabhängig und nur den selbstgestellten künstlerischen Aufgaben verpflichtet – ohne Rücksicht auf andere Interessengruppen. Die Begegnung verschiedener Charaktere, die Entfaltung unterschiedlicher Begabungen, der Austausch gegensätzlicher Meinungen und Gestaltungsformen soll befruchtend auf die Arbeit der Gruppe und ihrer Mitglieder einwirken. Unter Berücksichtigung der Thematik bleibt jedem Mitglied der Dortmunder Gruppe 61 grundsätzlich die Wahl der Themen, der Gestaltungsmittel und Ausdrucksformen überlassen. Die künstlerischen Arbeiten müssen individuelle Sprache und Gestaltungskraft ausweisen oder entwicklungsfähige Ansätze zu eigener Form erkennen lassen. (...)"

Aus: Kühne, Peter: Arbeiterklasse und Literatur. Dortmunder Gruppe 61, Werkkreis Literatur der Arbeitswelt. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1972. S. 249


Weiterführende Literatur:

  • Industriegewerkschaft Bergbau und Energie (Hg.): Wir tragen ein Licht durch die Nacht. Gedichte aus der Welt des Bergmanns. Zusammengestellt und bearbeitet von Fritz Hüser und Walter Köpping. Bund-Verlag. Köln 1961 (Zweite Auflage)
  • Kühne, Peter: Arbeiterklasse und Literatur. Dortmunder Gruppe 61. Werkkreis Literatur der Arbeitswelt. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1972
  • Nowak, Krystyna: Arbeiter und Arbeit in der westdeutschen Literatur 1945-1961. Pahl-Rugenstein Verlag. Köln 1977



31. März 1965
Zwischen Träumen und Traumata Rose Ausländer zieht nach Düsseldorf

1939 erscheint Rose Ausländers erster Gedichtband Der Regenbogen im Verlag Literaria in Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina. Hier ist sie als Rose Scherzer 1901 auch geboren worden. (Rose Ausländer selbst gab oft 1907 als Geburtsjahr an.) Fast drei Jahrzehnte sollte es dauern, bevor 1965 ihr zweiter Gedichtband Blinder Sommer veröffentlicht wird. 1965 ist auch das Jahr, in dem die große Lyrikerin von Wien nach Düsseldorf zieht. Das erste Mal offiziell gemeldet ist sie in Düsseldorf seit dem 31. März 1995, und zwar im Hausbuch des Hauses Gustav-Poensgen-Straße 9. Im Nelly-Sachs-Haus, einem jüdischen Altersheim, lebt sie später für lange Zeit in einem kleinen Zimmer krank und ans Bett gefesselt. In Düsseldorf entsteht auch ihr lyrisches Spätwerk. Gezeichnet von Krieg, Ghetto, Verfolgung und Heimatlosigkeit spricht Rose Ausländer mit virtuoser Einfachheit, ausgesucht schlichten Worten und dennoch voller Hoffnung auf Humanität zu ihren Lesern: "zum Menschen/ bekenne ich mich/ mit allen Worten/ die mich erschaffen" schreibt sie in ihrem Gedicht Ich bekenne mich. Nicht nur die Worte aber erschaffen erst den Menschen Rose Ausländer, sondern sie in ihrer Menschlichkeit erschafft auch die Worte neu. Immer wieder ruft sie ihre poetischen Träume ins Leben, um die Traumata ihrer jüdischen Leidensgeschichte nicht übermächtig werden zu lassen: "Ich/ im Niemandsland/ baue Luftschlösser/ aus Papier". Während der Besetzung Czernowitz' durch die Nazis hatte sie im Kellerversteck lernen müssen, daß angesichts einer unerträglichen Realität nur "die andere Wirklichkeit, die geistige" überleben hilft. Aus solcher Erfahrung hat sich Rose Ausländer ihr eigenes Vokabular er-funden, archaische Urworte und Wortfelder zwischen Äther und Asche, Atem und Tod. Dornen, Haus, Hügel, Milch, Rauch, Rose, Schatten, Schlaf, Stern, Stille, Traum und Urne, das sind nur einige der "Grundworte", mit denen sich Rose Ausländer ihre ganz eigene Heimat im Utopischen, Nichtverortbaren zu guter Letzt doch noch selbst erschaffen hat. Am 3. Januar 1988 stirbt Rose Ausländer 86jährig in Düsseldorf.

Text aus: Rose Ausländer Im Atemhaus wohnen. Gedichte

Noch bist du da
Wirf deine Angst
in die Luft
Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends 

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da 

Sei was du bist
Gib was du hast

Aus: Rose Ausländer: Im Atemhaus wohnen. Gedichte. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1981. S. 135


Weiterführende Literatur:

  • Ausländer, Rose: Gesammelte Werke in sieben Bänden und einem Nachtragsband. Herausgegeben von Helmut Braun. S.Fischer Verlag. Frankfurt am Main
  • Gnüg, Hiltrud/ Möhrmann, Renate: Frauen, Literatur, Geschichte. Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 1991 (Zweite Auflage)
  • Serke, Jürgen: Frauen schreiben. Ein neues Kapitel deutschsprachiger Literatur. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1982



1. Oktober 1969
Realismus aber welcher? Dieter Wellershoff und die unabschließbare Entdeckung der Wirklichkeiten

Nur wenige nordrhein-westfälische Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben sich parallel zu ihrem literarischen Werk auch literaturtheoretisch so oft und kenntnisreich geäußert wie Dieter Wellershoff. Der 1925 in Neuss geborene und heute in Köln lebende Autor schrieb als literarisch-wissenschaftliches Multitalent nicht allein Gedichte, Erzählungen, Romane, Theaterstücke, Hör- und Fernsehspiele, sondern auch eine ganze Reihe von Essays und literaturwissenschaftlichen Arbeiten. Dieter Wellershoff gilt seit den späten 60er Jahren als Verfechter eines "Neuen Realismus", zuweilen auch "Kölner Realismus" genannt. Keinesfalls aber meint der abgenutzte Begriff "Realismus" bei Wellershoff etwa literarische Versuche, eine scheinbar fest umrissene, objektive Wirklichkeit mit herkömmlichen sprachlichen und literarischen Stilmitteln zu erfassen. Eher könnte man paradox formulieren: Dieter Wellershoff plädiert für einen experimentellen Realismus, eine realistische Avantgarde. Wellershoff konstatiert, daß die sogenannte Realität immer vielschichtiger ist, als wir erfassen können. Er weiß, daß wir uns über Wahrnehmung und Sprache nur Ab-Bilder von Realitätsfragmenten konstruieren, die extrem subjektiv geprägt sind, flüchtig, historisch und psychisch bedingt. Um unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit zu erweitern, soll Literatur vor allem die unbekannten, verdrängten und verbotenen Anteile der äußeren wie inneren Wirklichkeit zur Sprache bringen. In der Wahl seiner sprachlichen Mittel ist der Autor dabei nicht festgelegt, er bleibt aber aufgefordert, über seine Themen und Formen nicht nur Fülle und Tiefe von Wirklichkeit darzustellen, sondern auch starre Muster der Wahrnehmung und Sprache aufzubrechen. So wird das Fremde vertrauter, das Vertraute überraschend fremd. So verstanden, ist Realismus nur der immer neue Versuch, sich gegenüber den verschiedenen Wirklichkeiten in und um uns zu öffnen und sie sich sprachlich anzueignen, statt sich mit literarischen Abziehbildern des vordergründig Sichtbaren zufrieden zu geben. Solchen immer noch aktuellen "Neuen Realismus" hat Wellershoff nicht nur seit der 1969 erschienenen Aufsatzsammlung Literatur und Veränderung gefordert, sondern als Literat auch selbst zu gestalten versucht, wie nicht zuletzt seine Novelle Die Sirene beweist, eine der meisterhaftesten Novellen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Textauszug aus: Dieter Wellershoff Realistisch schreiben

(...)

11

Realismus ist eine Tendenz, vereinfachende realitätsabwehrende Schemata aufzulösen zugunsten größerer Komplexität.

12

Realistische Kunst ist inhaltlich und formal nicht festzulegen, denn sie erweitert dauernd ihren Aufmerksamkeitsbereich und ihre Darstellungsformen, sie ist eine unabschließbare Entdeckungsreise.

13

Die Entdeckungsreise kann extensiv sein, das heißt unbekannte oder verbotene Bereiche der Wirklichkeit und des Lebens erschließen; ein Beispiel ist die mit dem Naturalismus beginnende Entdeckung bzw. Wiederentdeckung der Sexualität. Heute, unter den Bedingungen der totalen Information wird die Entdeckungsreise eher intensiv als extensiv sein. Sie sucht das Unbekannte im scheinbar Bekannten, sie gibt der durchinterpretierten Welt ihre Fremdheit zurück, um sie neu erfahrbar zu machen. Denn wir haben die Realität nicht für alle mal, sie muß immer wieder neu aktualisiert werden.

14

Durch Gewohnheit und Wiederholung verblaßt die Erfahrung der Realität, sie wird erst wieder frisch, wenn die gewohnten Schemata der Informationsverarbeitung gestört werden.

(...)

Aus: Dieter Wellershoff: Realistisch schreiben. In: Laemmle, Peter (Hg.): Realismus – welcher? Sechzehn Autoren auf der Suche nach einem literarischen Begriff. Edition Text + Kritik. München 1976, S. 16/17


Weiterführende Literatur:

  • Arnold, Heinz Ludwig: Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur. Heft 88: Dieter Wellershoff. Verlag Text + Kritik. München 1985
  • Laemmle, Peter (Hg.): Realismus – welcher? Sechzehn Autoren auf der Suche nach einem literarischen Begriff. Edition Text + Kritik. München 1976
  • Wellershoff, Dieter: Das Verschwinden im Bild. Essays. Verlag Kiepenheuer & Witsch. Köln 1980



7. März 1970
In Köln beschließt der Werkkreis Literatur der Arbeitswelt sein Programm

Spätestens seit man 1968 in der Zeitschrift Kursbuch den Tod der sogenannten spätbürgerlichen Literatur diskutiert hatte, waren die lesenden Zeitgenossen empfänglich geworden für operative, also angeblich unmittelbar in die Wirklichkeit eingreifende Texte. Vor allem für solche Erzählungen oder Gedichte, die die gesellschaftsverändernde Kurzzeitwirkung auf ihren Buchdeckeln gleich mit garantierten. Der Werkkreis Literatur der Arbeitswelt erklärte in seinem Programm vom März 1970 kurzerhand seine Wünsche zur Wirklichkeit: "Die im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt hergestellten Arbeiten wenden sich vor allem an die Werktätigen, aus deren Bewußtwerden über ihre Klassenlage sie entstehen." Gesagt. Getan? Was das Programm beschwor, das schien für kurze Zeit sogar in der Praxis zu funktionieren; bundesweit entstanden Dutzende von Werkkreis-Schreibwerkstätten. War also das Schreiben als Produktion von Klassenbewußtsein tatsächlich geglückt, die Indienstnahme der Literatur durch die Politik gelungen? Wohl kaum. Eher beweisen die unzähligen Textsammlungen etwas ganz anderes: Daß nämlich ein enormes Nachholbedürfnis bestand an literarischer Auseinandersetzung mit Werk- und Alltagsverhältnissen, ein Nachholbedürfnis auf Autoren- und Leserseite. Doch Ende der siebziger Jahre hatten sich die meisten satt gelesen an einer handwerklich mittelmäßigen Literatur mit ihren unermüdlich kämpfenden Arbeiterfiguren. Zu gern gesehen war in den meisten Kurzromanen oder Gedichten der pädagogische Zeigefinger und die rote Moral von der Geschicht. Der ewige Bergmann und Stahlarbeiter bestimmten das Szenario. Die Nostalgie-Realisten ignorierten Veränderungen innerhalb der Arbeiterklasse, den Strukturwandel insgesamt. Seit 1980 – so meldeten die Nachrichten – zählte man in der Bundesrepublik erstmals mehr Angestellte als Arbeiter. Schon vorher begannen auch die Verkaufszahlen der Arbeiterbücher drastisch zu sinken. Der Werkkreis existiert zwar noch heute, ist aber literarisch vollends bedeutungslos geworden.

Textauszug aus: Leo Kaleck Ein Baukran stürzt um

"Bis Willi, der Kranführer, die Betonplatten an seinen Kran hing. Ein Maurer war von der dritten Etage nach unten gegangen, wo die Platten gestapelt lagen. An den vier äußeren Enden oben auf den Platten waren eiserne Ösen einbetoniert, in welche die Haken des Zugseiles eingehängt werden. Da die Platten möglichst waagerecht transportiert werden mußten, um das Einsetzen an Ort und Stelle zu erleichtern, war ein Maurer zum Einhängen gegangen, weil ein Hilfsarbeiter doch nicht das richtige Gefühl für fachkundige Arbeit mitbringt. Willi steuerte mit dem 18 Meter langen Arm des Kranes, an welchem das Seil mit den vier Haken hing, den Stapel der Betonplatten an, ließ das Hubseil herab, damit der wartende Maurer die Haken einhängen konnte; dieser erwischte die hin und her pendelnden Haken, hakte sie in den Ösen auf der Betonplatte ein, wartete, bis Willi etwas angehoben hatte, um zu sehen, ob die Platte gerade hing, und kletterte von dem Stapel der Betonplatten herunter, um wieder an seinen Arbeitsplatz zu gehen. Niemand achtete mehr auf den Kran und wie Willi den weiteren Transport der tonnenschweren Betonplatte vornahm. (...) Hierbei geschah es – niemand wußte später zu erklären, wie es eigentlich passierte, weil jeder auf seine eigene Arbeit geachtet hatte und nicht auf Willi, den Kranführer, welcher mit der Betonplatte am Kranseil jonglierte. Er hatte das Schwenkwerk des Krans eingeschaltet, um den Kran mit der Last zu drehen; als er ungefähr eine halbe Umdrehung geschafft hatte, schrie plötzlich jemand: der Kran fällt um!"

Aus: Bredthauer, Karl D., Pachl, Heinrich und Erasmus Schöfer (Hg.): Werkkreis Literatur der Arbeitswelt. Ein Baukran stürzt um. Berichte aus der Arbeitswelt. R. Piper & Co. Verlag. München 19745. S. 55/56


Weiterführende Literatur:

  • * Alberts, Jürgen: Arbeiteröffentlichkeit und Literatur. Zur Theorie des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt. VSA Verlag. Hamburg/Westberlin 1977
  • * Bredthauer, Karl D./ Pachl, Heinrich/ Schöfer, Erasmus (Hg.): Werkkreis Literatur der Arbeitswelt. Ein Baukran stürzt um. Berichte aus der Arbeitswelt. R. Piper & Co. Verlag. München 1970
  • Fischbach, Peter/ Hensel, Horst/ Naumann, Uwe (Hg.): Zehn Jahre Werkkreis Literatur der Arbeitswelt. Dokumente, Analysen, Hintergründe. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1979
  • * Hensel, Horst: Werkkreis oder Die Organisierung politischer Literaturarbeit. Die Entstehung des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt als Modell kultureller Emanzipation von Arbeitern. Pahl-Rugenstein Verlag. Köln 1980.
  • Kühne, Peter: Arbeiterklasse und Literatur. Dortmunder Gruppe 61, Werkkreis Literatur der Arbeitswelt. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1972
  • Schütz, Erhard: Wo ist die Arbeiterliteratur geblieben? In: Arnold, Heinz Ludwig (Hg.): Bestandsaufnahme Gegenwartsliteratur. Edition Text + Kritik. München 1988



13. März 1970
NRW zum Sterben langweilig?

Anders als zum Beispiel Berlin zog Nordrhein-Westfalen in seinen frühen Jahren nur selten einmal weltläufige deutschsprachige Schriftsteller an. Dem Münchner Romancier und PEN-Club-Mitglied Gerhard Köpf, der seit den achtziger Jahren als Professor für Gegenwartsliteratur an der Duisburger Universität lehrt, ist sicher nie eingefallen, seinen Wohnsitz in der Stadt Montan zu nehmen, um vor allem hier die Konflikte für den allenthalben geforderten großen Gegenwartsroman deutscher Feder aufzuspüren. Und das, obwohl das Ruhrgebiet sicher ebensoviel Stoffe, Themen und soziale Spreng-Sätze bereithält wie Dublin, New York oder Kalkutta. Das Revier, ganz Nordrhein-Westfalen gelten immer noch (zu Unrecht) als aliterarisch. Maloche sei hier eben bekannter als Mallarmé, winken Literaturgourmets ab, als ob das bei ihnen zwischen Flens- und Ravensburg ganz anders wäre. Böse Zungen könnten gar behaupten, daß man ins Drei-Buchstaben-Land bestenfalls zum Sterben käme. Der bedeutende Essayist und Satiriker Sigismund von Radecki zum Beispiel – er erhielt 1962 den Immermann-Preis der Stadt Düsseldorf – übersiedelte wegen eines schweren Nierenleidens im Februar 1970 von Zürich nach Gladbeck. Ausgerechnet dort wohnten jene treuen Freunde und Leser, die ihm auch ärztliche Behandlung zukommen ließen. Nur wenig später, am 13. März desselben Jahres, ist Radecki, dessen ABC des Lachens 1953 als eines der ersten Bücher in der Reihe Rowohlt Rotations-Romane erschienen war, zwar nicht an Gladbeck, aber in Gladbeck gestorben. Dort wird sein Grab auf dem Zentralfriedhof auch heute noch von der Stadt und seiner Nachlaßverwalterin Ruth Weilandt-Matthaeus liebevoll gepflegt. Viele der Essays und Satiren Sigismund von Radeckis sind noch heute mit großem Vergnügen und befreiendem Lachen zu lesen. Es stünde einem nordrhein-westfälischen (Klein-)Verlag gut an, diesen last-minute-Westfalen neu zu entdecken und zu verlegen.

Textauszug aus: Sigismund von Radecki – Die Sündenbock-A.G.

"Nachdem der Berufsberater meine Kleidung, meine Handschrift sowie meine Seele analysiert hatte, schob er sich die Brille auf die Stirn und sagte: 'Mr. Williams, Sie sind der geborene Rentner. Ich kann Ihnen nur den Rat geben, sich in eine Unfallversicherung einzukaufen und sodann fleißig über die Straße zu gehen. Vielleicht haben Sie Glück, und es geschieht ein Unglück.' Seitdem machten alle Autos einen Bogen um mich herum oder hielten kreischend wie vor einem Polizisten. Da ich immerhin Seele und Körper zusammenhalten mußte, so wurde ich nacheinander Bürsten-Reisender, Unfallsreporter, Wahrsager-Assistent und Reklameberater. Ich war für jeden dieser Berufe begeistert, aber immer nur die ersten drei Tage. Dieser Berufsberater hatte recht: ich suchte instinktiv aus allen Dienstverhältnissen eine Altersrente zu machen, worauf ich dann nach spätestens einem Monat vor der Tür saß. Besonders komisch war das Reklamebüro: daß man da alle drei Tage für eine Zahnpasta oder einen Kaugummi in Verzückung geraten mußte. Immerhin erwarb ich auf die Art eine ganz hübsche Übung im Entlassenwerden. So einen langjährigen Angestellten trifft die Kündigung wie ein Schlaganfall, mich dagegen wie ein Kuß der Freiheitsgöttin. Um so schöner entwickelte sich dafür mein Privatleben. Ich hatte mich beim Rosenfest in zwei eisblaue Augen verliebt, die ich bald im Tanz ganz nah an meiner Wange spürte. Helen besaß eine Kette von Kosmetik-Salons, die einen unerbittlichen Kampf gegen Runzeln, Schlaffheit und Leibesumfang führten, als ob diese Welt nicht schon vollkommen genug sei. Sie gestand mir, daß sie Runzeln im speziellen haßte, jedoch im allgemeinen segnete, weil diese ihr 65% des Gesamtgewinns hereinbrächten."

Aus: Sigismund von Radecki: Bekenntnisse einer Tintenseele. Geschichten und Erinnerungen. Herausgegeben von Ruth Weilandt-Matthaeus. Verlag F.H. Kerle. Freiburg/Heidelberg 1980. S.11/12


Weiterführende Literatur:

  • Herholz, Gerd: Leser ohne Lobby. Dichter auf der Durchreise? Literaten und literarisches Leben in Nordrhein-Westfalen. In: Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.): KulturTrip. Heft 3: Literatur aus Nordrhein Westfalen. Düsseldorf 1995
  • Radecki, Sigismund von: Bekenntnisse einer Tintenseele. Geschichten und Erinnerungen. Herausgegeben von Ruth Weilandt-Matthaeus. Verlag F.H. Kerle. Freiburg/Heidelberg 1980.
  • Radecki, Sigismund von: Weisheit für Anfänger. Plaudereien und Essays. Herausgegeben von Ruth Weilandt-Matthaeus. Verlag F.H. Kerle. Freiburg/ Heidelberg 1981



10. Dezember 1972
Literatur und Dynamit: Verleihung des Nobelpreises an den Kölner Schriftsteller Heinrich Böll

Der nach Alfred Nobel, dem Erfinder des Dynamit, benannte Nobelpreis wird in der Sparte Literatur dem westdeutschen Schriftsteller Heinrich Böll verliehen. Für viele seiner Leserinnen und Leser ist Böll eine Art Vaterfigur, ein glaubwürdiger Antimilitarist und zugleich militanter Mahner gegen den Krieg. Bölls politische Gegner dagegen diffamieren ihn als Terroristensympathisant, etwa wegen seines Artikels Freies Geleit für Ulrike Meinhof, in dem er 1971 um Gnade und Verständnis für die Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe warb. Auch vorher hatte Böll bereits des öfteren – wie in seiner Rede gegen die Notstandsgesetze – gegen restaurativ-konservative Politik seine Stimme erhoben. Seine Schriftstellerkollegen rief Böll 1969 zum "Ende der Bescheidenheit" auf und riet den dichtenden Einzelgängern, sich gewerkschaftlich zu organisieren. "Von Natur aus gehört jeder Künstler zur außerparlamentarischen Opposition", formulierte Böll einmal. Kein Wunder, daß seine Romane, Erzählungen, Hörspiele und Gedichte geprägt sind von einem kritischen Realismus, der vor allem den Mut, das Aufbegehren und die Courage der Schwachen gegen die Ignoranz und Gewalt der Mächtigen vorführt. Besonders die weiblichen Hauptfiguren seiner Romane (Katharina Blum aus Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder Leni Pfeiffer aus Gruppenbild mit Dame) handeln, ob nun aus Notwehr, Gefühl oder Erkenntnis – als subversive Madonnen gegen die scheinheiligen Patriarchen an den großen und kleinen Schalthebeln der Macht. Immer wieder gelingt es dem Erzähler Böll, für die Freiheit, aber auch die Verantwortung des Einzelnen mit literarischen Mitteln überzeugend zu plädieren: über seine Ästhetik des Humanen, über seine melancholischen Antihelden, ihre Anarchie und ihre Mitmenschlichkeit.

Textauszug aus: Heinrich Böll – Versuch über die Vernunft der Poesie (Nobelvorlesung)

"Man mag für sich selbst – um einen asketischen Weg der Veränderung zu wählen, auf Kunst und Literatur verzichten. Man kann das nicht für andere, bevor man ihnen nicht zur Kenntnis oder Erkenntnis gebracht hat, auf was sie verzichten sollen. Dieser Verzicht muß freiwillig sein, sonst wird er pfäffische Vorschrift wie ein neuer Katechismus, und wieder einmal würde ein ganzer Kontinent wie der Kontinent Liebe, zur Dürre verurteilt. Nicht aus bloßer Spielerei und nicht nur, um zu schockieren, haben Kunst und Literatur immer wieder ihre Formen gewandelt, im Experiment neue entdeckt. Sie haben auch in diesen Formen etwas verkörpert, und es war fast nie die Bestätigung des Vorhandenen und Vorgefundenen; und wenn man sie ausmerzt, begibt man sich einer weiteren Möglichkeit: der List. Immer noch ist die Kunst ein gutes Versteck: nicht für Dynamit, sondern für geistigen Explosivstoff und gesellschaftliche Spätzünder. Warum wohl sonst hätte es die verschiedenen Indizes gegeben? Und gerade in ihrer verachteten und manchmal sogar verächtlichen Schönheit und Undurchsichtigkeit ist sie das beste Versteck für den Widerhaken, der den plötzlichen Ruck oder die plötzliche Erkenntnis bringt."

Aus: Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Heinrich Böll. Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur. Heft Nr. 33: Edition Text + Kritik. München 19742, S. 15


Weiterführende Literatur:

  • Böll, Heinrich: Rom auf den ersten Blick. Landschaften, Städte, Reisen. Lamuv Verlag. Bornheim-Merten 1987. Darin S. 117 - 122: Nordrhein Westfalen (1960)  
  • * Hoffmann, Gabriele: Heinrich Böll. Eine Biographie. Lamuv Verlag. Bornheim-Merten 1986
  • * Arnold, Heinz Ludwig (Hg.): Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur. Nr. 33: Heinrich Böll. Edition Text + Kritik. München 19742
  • * Schröter, Klaus: Heinrich Böll in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlts Monographien. Rowohlt Taschenbuch Verlag. Reinbek bei Hamburg 1982



11./12. Juli 1974
Die jungen Milden? Literarische Wiederentdeckung des Ich bietet mehr als nur Neue Weinerlichkeit

In Begriffe wie "Neue Subjektivität" und "Neue Innerlichkeit" zwängten die Feuilletons unterschiedlichste Texte jener Autoren, die Anfang/Mitte der 70er Jahre – in einer Art Gegenbewegung zu den vordergründig politischen Texten der APO-Zeit – das Subjekt, die eigene Person als Motor und als Motiv des Schreibens wiederentdeckten. Allzu selbstbezogene Texte verspottete man später gar mit Zuschreibungen wie "Neue Weinerlichkeit" oder "Laber-" bzw. "Lamentolyrik". Doch die besten Vertreter der Neuen Subjektivität/Innerlichkeit waren weit entfernt von autistischer Ich-Bezogenheit oder literarisch verbrämtem Selbstmitleid. Für den gebürtigen Duisburger Nicolas Born und den in Köln lebenden Rolf Dieter Brinkmann galt, daß sie – indem sie radikal ihre persönlichen Erfahrungen und Wahrnehmungen zur Sprache brachten, auch sich selbst und andere als gesellschaftlich geformte und verformte Subjekte thematisierten. Von seinen Gedichten sagte Born einmal, sie seien "Gespräche (...) zwischen unseren vielen möglichen Ichs und dem Ich, das aus uns geworden ist". Borns Reisen durch "innere Kontinente" oder zu der "erdabgewandten Seite der Geschichte" fiel für ihn selbst und für seine Leser zu kurz aus. Der gebürtige Duisburger ist nur 41 Jahre alt geworden und starb am 7. Dezember 1979. Auch Borns schriftstellernder Wahlverwandter Rolf Dieter Brinkmann wird gerade 35 Jahre alt, er verunglückt 1975 in London. Beeinflußt von zeitgenössischer amerikanischer Underground-Literatur, Rockmusik und Drogen rebellierte Brinkmann in seinen Selbst- und Spracherkundungen gegen die Häßlichkeit westdeutschen Alltags und gegen eine Literatur, die das Vokabular und die Grammatik der gesprochenen Sprache mißachtet. Brinkmann will ausbrechen aus dem überlieferten Gefängnis der Worte. In der Vorbemerkung zu seinem Gedichtband Westwärts 1&2 schreibt er mit Datum vom 11./12. Juli 1974: "Vielleicht ist es mir manchmal gelungen, die Gedichte einfach genug zu machen, wie Songs, wie eine Tür aufmachen, aus der Sprache und den Festlegungen raus. Mag sein, daß deutsch bald eine tote Sprache ist. Man kann sie so schlecht singen."

Textauszug aus: Rolf Dieter Brinkmann Westwärts 1&2. Gedichte

"Vorbemerkung (...)

Einmal sah ich eine Reklame für elektrische Schreibmaschinen in einem Schaufenster, worin Büromöbel aufgestellt waren. Ein Comicbildchen zeigte, wie jemand Zeichen in eine Steinplatte schlug, und eine Fotografie zeigte eine Schreibmaschine. Ich war verblüfft. Wo ist der Unterschied, fragte ich mich. Sie wollten mir doch damit einen Unterschied klar machen. Hier sitze ich, an der Schreibmaschine, und schlage Wörter auf das Papier, allein, in einem kleinen engen Mittelzimmer einer Altbauwohnung, in der Stadt. Es ist Samstagnachmittag, es ist Sonntag, es ist Montag, es ist Dienstagmorgen, es ist Mittwoch, es ist Donnerstag, es ist Freitagnachmittag, es ist Samstag und Sonntag. Es ist ein erstaunliches Gefühl, meine ich, das den Verstand erstaunt. Nun erinnere ich mich, an mich selbst, und da gehe ich eine lange Strecke zurück, gehe über warme Asphaltschichten von Seitenstraßen, die Turnschuhe kleben daran, aus einer Musikbox, ganz weit zurück, kommt Rock'n'Roll-Musik und läßt mich die lateinische Übersetzung vergessen. Ich haue ab, trete über verharschte Wiesen im Winter, außerhalb des Ortes, (...). Meine Eltern waren jung, sie sprachen deutsch. Ich mußte das erst lernen, man wächst immer in eine schon gesprochene Welt rein. Das Lernen macht weiter. Deutsch macht weiter. Wiesen im Winter und warme Asphaltstraßen machen weiter, die Straßenecke macht weiter, die Wetterberichte machen weiter, die Bücher machen weiter, Pistolen, Schultaschen, Turnschuhe machen weiter. (...)"

R.D.B. 11./12. Juli 1974, Köln

Aus: Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts 1&2. Gedichte. Rowohlt Taschenbuch Verlag. Reinbek bei Hamburg 1975


Weiterführende Literatur:

  • Ewers, Hans-Heino (Hg.): Alltagslyrik und Neue Subjektivität, mit Materialien. Editionen für den Literaturunterricht. Ernst Klett Verlag. Stuttgart 1982
  • Jordan, Christa (Hg.): In Sachen Literatur. 25 Jahre Text + Kritik. Eine Auswahl. Verlag Edition Text + Kritik. München 1988
  • Theobaldy, Jürgen (Hg.): Und ich bewege mich doch. Gedichte vor und nach 1968. Verlag C.H. Beck. München 1978 (Zweite Auflage)



1. Juni 1980
Schreiben befreit? Oder: Was bewegt die Schreibbewegung?

Leider hatte die Aufbruchsstimmung der 70er Jahre zwischen Brandtschem "Mehr Demokratie wagen" und Beuysschem "Jeder ist ein Künstler" auch eine Menge Etikettenschwindel und Zwergwuchs in der Literaturszene nicht nur NRWs begünstigt. Nach dem Vorbild des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt entstehen Ende der 70er/ Anfang der 80er Jahre überall im Land neue Schreibzirkel. Über 180 sogenannte "Schreib-" oder "Literaturwerkstätten" existieren nach einer Umfrage des Literaturbüros NRW-Ruhrgebiet dann Mitte der 90er Jahre zwischen Münster und Siegen, Aachen und Bielefeld. Motoren dieser Schreibbewegung sind u.a. Volkshochschulen, Frauengruppen, Arbeitslosenzentren, Bibliotheken oder Freunde der plattdeutschen Sprache. Eine Vielzahl privater Schreibinitiativen und lokaler Literaturzeitschriften kommt hinzu. Man kann getrost davon ausgehen, daß viele zehntausend Menschen in NRW für Schubladen, Freunde und Wettbewerbe dichten. Und das ist auch gut, so lange die Versuche der Hobbyschreiber nicht mit dem Beruf des Schriftstellers verwechselt, so lange kleine Schritte in der persönlichen Schreibentwicklung nicht als Großtaten zeitgenössischer Literatur ausgegeben werden. Doch die pseudo-demokratischen "Schreiben befreit"- & "Schreiben kann jeder"-Parolen mündeten leider auch in einer allzu generösen "Veröffentlicht-wird-alles"-Praxis. Erst Ende der achtziger Jahre begann man wieder zaghaft zu unterscheiden zwischen literarischen Laien, Nachwuchs- und Berufsautoren und versuchte, – chacun à son gout – jeden gemäß seiner eigenen Ansprüche, aber auch seiner tatsächlichen literarischen Leistungen zu fördern. Das Mißverständnis, daß Literaturförderung bedeute, auch den letzten fragwürdigen Text noch zu veröffentlichen, scheint vor allem angesichts knapper öffentlicher Mittel– ausgeräumt. Literaturförderung in NRW unterscheidet heute wieder deutlicher zwischen der wünschenswerten Belebung einer literarischen Laienkultur und – auf der anderen Seite der Förderung wirklicher (Nachwuchs-)Schriftsteller durch Lesungen, Stipendien, Druckkosten-Zuschüsse, Autorenweiterbildungen oder Literaturpreise.

Textauszug aus: Schalk/Rolfes Schreiben befreit

Als Heidi für größenwahnsinnig erklärt wird

"Es ist ein sonniger Dienstagmorgen. Die Sonne reicht bis in Heidis düstere Seele. Am schwarzen Brett der Kulturfabrik sieht sie einen Zettel: "Schreibwerkstatt sucht noch Leute, die gern schreiben. (...)." Begeistert erzählt sie ihrem Freund, ihrer Mutter und ihren Freundinnen davon. Doch die Reaktionen sind niederschmetternd: Fängst du jetzt auch mit dem Quatsch an, jeden Pups aufzuschreiben und als Offenbarung zu verkaufen?

(...)

Heidi fühlt sich nicht größenwahnsinnig, aber ziemlich wütend: "Wenn Carola Klavier spielt, beschimpft ihr sie doch auch nicht, sie wolle Pianistin werden. Und wenn schon."

"Jeder Mensch zeichnet in seiner Kindheit, tanzt, denkt sich treffende Wörter aus und singt. Warum dann aber genießt er, wenn er erwachsen ist, selbst extrem ausdrucksarm geworden, nur manchmal die 'Schöpfung' eines Künstlers?" schreibt Sergej Tretjakov.

Warum können wir nicht schreiben wie wir malen, musizieren, tanzen? Zum Spaß, zur Anregung, zur Problembewältigung, zum Abreagieren, aus Lust am Gestalten. Schreiben als ein Stück Alltagskultur wie andere musische Tätigkeiten auch. Vielleicht wollen Leute wie Heidi eines Tages wirklich nicht nur für sich, sondern auch für andere schreiben. Ausschließen läßt sich das nicht, aber selbstverständlich ist es auch nicht. Wenn Heidi den nötigen Freiraum hat, wird ihr das schon klar werden."

Aus: Schalk, Gisela/ Rolfes, Bettina: Schreiben befreit. Ideen und Tips für das Schreiben in Gruppen und im stillen Kämmerlein. Verlag Kleine Schritte. Bonn 1986. S. 10/11


Weiterführende Literatur:

  • Gesing, Fritz: Kreativ Schreiben. Handwerk und Techniken des Erzählens. DuMont Buchverlag. Köln 1994
  • * Herholz, Gerd: Aua, Weh, HerrJemine – Blabla, Credos, Dada. Schreibwerkstätten zwischen Urschrei und Literatur. In: Ermert, Karl/ Bütow, Thomas: Was bewegt die Schreibbewegung? Kreatives Schreiben– Selbstversuche mit Literatur. Loccumer Protokolle. Evangelische Akademie Loccum 1990
  • * Herholz, Gerd: Checkpoint Gottfried: Achtung, Genieästheten! Sie betreten den Sektor Kreativen Schreibens. In: Literaturbüros NRW (Hg.): NRW literarisch. Heft 7, 2. Jahrgang. Düsseldorf 1993
  • Jens, Walter (Hg.): Schreibschule. Neue deutsche Prosa. Angeregt, betreut und herausgegeben von Walter Jens. Collection S. Fischer. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1991
  • * Mosler, Bettina/ Herholz, Gerd: Die Musenkuß-Mischmaschine. 132 Schreibspiele für Schulen und Schreibwerkstätten. Gesammelt, erdacht und kombiniert von Bettina Mosler und Gerd Herholz. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Essen: Neue Deutsche Schule Verlagsgesellschaft, 2003.
  • Schalk, Gisela / Rolfes, Bettina: Schreiben befreit. Ideen und Tips für das Schreiben in Gruppen und im stillen Kämmerlein. Verlag Kleine Schritte. Bonn 1986. S. 10/11
  • Scheidt, Jürgen vom: Kreatives Schreiben. Texte als Wege zu sich selbst und zu anderen. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1989



7. Oktober 1985
Die Wahrheiten des Enthüllungsreporters Wallraff oder Wie dokumentarisch ist die Vorspiegelung richtiger Tatsachen?

Mitte/Ende der sechziger Jahre war Schluß mit dem Glauben an ein ewigwährendes Wirtschaftswunder. Ökonomische Krise, (wilde) Streiks, Entlassungen: Die soziale Marktwirtschaft zeigte ihre asoziale Seite, der Mythos vom ungebrochenen Wirtschaftswachstum bekam tiefe Risse. Auch die Intellektuellen wollten nach den Reparaturen und Umbauten der Nachkriegszeit endlich wieder öffentlich darüber diskutieren, ob es nicht noch ein anderes, ein demokratischeres Deutschland als das der Adenauer Zeit geben könnte. Man organisierte sich. Ab '68 probten die Studenten den Aufstand, Autorinnen und Autoren schlossen sich '69 im Verband deutscher Schriftsteller (VS) zusammen. Auch die Literaten wollten schnell und gründlich Gesellschaft verändern. Kein Wunder, daß die subversive Kraft, die bewußtseinserweiternde Langzeitwirkung leiser poetischer oder sprachkritischer Literatur selbst vielen Autoren jedenfalls öffentlich nicht mehr viel galt. Statt dessen waren vor- oder außerliterarische Texte gefragt: Reportagen, Protokolle, Dokumentation, Spruchbandgedichte. Das Vor-Gefundene sollte dem phantastisch Erfundenem politisch und ästhetisch überlegen sein. Besonders Günter Wallraffs Industrie- und Enthüllungsreportagen (Der Mann der bei "Bild" Hans Esser war, 1977) traute man zu, gesellschaftliche Mißstände nicht nur zu beschreiben, sondern auch beseitigen zu helfen. Große "Wirkungen in der Praxis" erhoffte sich Wallraff von seinen Texten. Seit dem Oktober 1985 kann allerdings auch diese Illusion endgültig als enttäuscht gelten. Mit dem Erscheinen des Buches Ganz unten enthüllte Günter Wallraff nicht nur einmal mehr skandalöse Zustände, diesmal die unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen türkischer Arbeiter, sondern sein Buch selbst wurde zum Skandalon. Man unterstellte Wallraff, am Mitleid mit gesellschaftlich Benachteiligten verdienen zu wollen. Vor allem aber die Glaubwürdigkeit des Dokumentaristen Wallraffs und der Echtheitsanspruch seiner Sozialreportagen wurden unterminiert, als sich herausstellte, daß Wallraffs Ganz unten eigentlich von einem Autorenteam stammte, daß ganze Passagen des Buches aus einem anderen Buch plagiiert worden waren, ja, daß manches aus dem Buch frei erfunden sein könnte. Nach dem Motto "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht" schien Wallraffs Authentizitäts-Bonus verspielt, der Wahrheitsgehalt der in Ganz unten geschilderten Zustände durfte bezweifelt werden. Wallraff, der Dokumentation und Reportage immer jeglicher literarischer Fiktion vorgezogen hatte, war nun selbst als Dokumentarist demontiert worden: Diesmal waren es die Leser, nicht nur die Bosse, die sich von Wallraff getäuscht fühlten. Man wollte gerade von Wallraff keine Schein-Dokumentationen oder Reportage-Märchen, sondern vom Autor persönlich verbürgte, märtyrerhaft ertragene oder seriös recherchierte Wirklichkeit pur. Wenn selbst Wallraff die nicht mehr liefern konnte oder wollte, warum dann nicht gleich phantastisch gut erfundene Geschichten lesen, die sich dem Leser wenigstens offen als Phantasien, als interpretierte und gestaltete Wirklichkeit zu erkennen geben?

Textauszug aus: Günter Wallraff – Ganz unten

(...)

"Sicher, ich war nicht wirklich ein Türke. Aber man muß sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muß täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden.

Ich weiß inzwischen immer noch nicht, wie ein Ausländer die täglichen Demütigungen, die Feindseligkeiten und den Haß verarbeitet. Aber ich weiß jetzt, was er zu ertragen hat und wie weit die Menschenverachtung in diesem Land gehen kann. Ein Stück Apartheid findet mitten unter uns statt – in unserer Demokratie.

Die Erlebnisse haben alle meine Erwartungen übertroffen. In negativer Hinsicht. Ich habe mitten in der Bundesrepublik Zustände erlebt, wie sie eigentlich sonst nur in den Geschichtsbüchern über das 19. Jahrhundert beschrieben werden.

So dreckig, zermürbend und an die letzten Reserven gehend die Arbeit auch war, so sehr ich Menschenverachtung und Demütigungen zu spüren bekam: es hat mich nicht nur beschädigt, es hat mich auf eine andere Weise auch psychisch aufgebaut. In den Fabriken und auf der Baustelle habe ich – anders als während der Arbeit in der Redaktion der Bild-Zeitung - Freunde gewonnen und Solidarität erfahren, Freunde, denen ich aus Sicherheitsgründen meine Identität nicht preisgeben durfte.

Jetzt, kurz vor Erscheinen des Buches, habe ich einige ins Vertrauen gezogen. Und es gab keinen, der mir wegen meiner Tarnung Vorwürfe gemacht hat. Im Gegenteil. Sie haben mich verstanden und empfanden auch die Provokationen innerhalb meiner Rolle als befreiend. Trotzdem mußte ich zum Schutz meiner Kollegen ihre Namen in diesem Buch zum großen Teil verändern.

Günter Wallraff Köln, 7. Oktober 1985


Weiterführende Literatur:

  • * Literatur Konkret, Heft 11, 1986/87: Günter Wallraff: Von ganz unten nach oben. Gremliza Verlags GmbH. Hamburg 1986
  • Runge, Erika: Bottroper Protokolle.
  • * Schütz, Erhard: Kritik der literarischen Reportage. Wilhelm Fink Verlag. München 1977
  • Wallraff, Günter: Industriereportagen. 1966
  • * Wallraff, Günter: Ganz unten. Verlag Kiepenheuer & Witsch. Köln 1985.



18. April 1986
Literaturförderung à la NRW: Das dritte von vier Literaturbüros wird eröffnet

Nach den Literaturbüros in Düsseldorf und Unna wird in Gladbeck die dritte gemeinnützige Einrichtung dieser Art gegründet, ein viertes Büro in Detmold soll bald folgen. Auch das Literaturbüro NRW-Ruhrgebiet e.V. (Gladbeck) hat das erklärte Ziel, Literatur in all seinen Spielarten zu vermitteln, Autorinnen und Autoren zu unterstützen und das Lesen im Lande zu fördern. Zwar berieten die Literaturbüros zu Anfang auch Autoren und Hobbyschreiber in Sachen Manuskriptgestaltung, Textlektorat oder Vertragsrecht. Doch bald verlagerte sich die Arbeit vom Service für Einzelne zur professionellen Projektgestaltung. Die vier vom Kultusministerium NRW geförderten Büros helfen heute den Hobbyschreibern als literarischen Laien lieber anders weiter, z.B. über Veröffentlichungen zum Kreativen Schreiben oder über Seminare für Schreibwerkstättenleiter. Vor allem aber fördern die NRW-Literaturbüros Berufs- und NachwuchsautorInnen, etwa durch Autorenweiterbildungen, Lesungen, Lehraufträge oder Preise. So werden jungen Schriftstellern (Berufs)Perspektiven und den Lesern literarische Horizonte eröffnet. Darüber hinaus führen die Büros Modellprojekte zur Leseförderung durch, konzipieren und organisieren NRW-weite Literaturtagungen zu aktuellen Themen, laden internationale Autoren nach NRW ein. Doch nicht Literaturbüros allein geben dem literarischen Leben in Nordrhein-Westfalen kräftige Impulse. Im Europäischen Übersetzer-Kollegium in Straelen fördert das Land durch Aufenthaltsstipendien für Übersetzer den Export deutscher und den Import internationaler Literatur. Auch im Künstlerdorf Schöppingen wohnen NRW-Stipendiaten neben Schriftsteller-Kollegen aus ganz Europa. Europäische Politik und Literatur hat in Bonn mit dem Haus der Sprache und Literatur ein Forum gefunden. In der Essener Universität lehren renommierte Schriftsteller als poets in residence, in Düsseldorf fördert die Filmstiftung NRW Drehbuchschreiber und – man höre und staune – Hörspielautoren. Um größere repräsentative Buchprojekte, Manuskriptankäufe usw. kümmern sich dagegen eher die Nordrhein-Westfalen-Stiftung Naturschutz, Kultur- und Heimatpflege sowie die Stiftung Kunst und Kultur des Landes. Natürlich kann und will Literaturförderung in NRW nicht – sozusagen am Fließband – mehr und bessere Autoren erzeugen. Doch eine facettenreiche Förderstruktur trägt entscheidend dazu bei, daß in der bunten und abwechslungsreichen literarischen Szene in NRW immer öfter jene Talente ermutigt werden, die sich den Sprung in die professionelle Autorenschaft zu Recht zutrauen dürfen.

Textauszug aus: Gerd Herholz – Von der Schwierigkeit, auf einem Flickenteppich das Fliegen zu lernen oder Dilemmata der Literaturförderung

Kleine Talk-Show mit Autoren und ihren Figuren:

"Voss, der Millionär aus Thomas Bernhards Ritter, Dene, Voss: 'Die Künstler sollen sich selbst helfen/ vor allem die jungen Künstler/ sollen sich selbst helfen/ dadurch wird ja aus den jungen Künstlern nichts/ weil ihnen andauernd geholfen wird/ wer einem Künstler hilft/ vernichtet ihn/ vor allem wer einem jungen Künstler hilft/ zerstört und vernichtet ihn/ das ist die Wahrheit ...'

Wolf Wondratschek: 'Genau! Wer nicht von der Schriftstellerei leben kann, soll mit dem Schreiben aufhören.'

August Strindberg: 'Ein Mensch, der nach einem halben Leben übermenschlicher Arbeit seine Produktionskosten nicht decken kann, ist schlecht bezahlt und hat als solcher das Recht unzufrieden zu sein. Er hat darum nur ausstehende Forderungen und keine Schulden.'

Erich Fried: 'Ein Stipendium zur Förderung meiner literarischen Tätigkeit hatte ich eigentlich nie, obwohl ich es am Anfang meines Londoner Exils dringend gebraucht hätte.'

Gerald Zschorsch: 'Kunst muß man machen, machen wollen, unter allen Umständen. (...) Wir haben heute eine so fettige Literatur, weil es allen zu gut geht. Kunst zu machen, zu schreiben, hat erstmal mit Verdienen nichts zu tun. Das macht man, weil man es muß, weil das für einen die einzige Möglichkeit ist, erstens zu überleben und zweitens seine Position in der Gesellschaft klarzumachen. (...) Mein Verhältnis zu Geld oder Armut empfehle ich nicht zynisch zur Nachahmung. Es geht nur, wenn man das bewußt will und nicht von den Umständen erschlagen wird.'

Max von der Grün: 'Leute, Ihr könnt noch so viele hunderttausend Mark zur Verfügung stellen, dadurch wird die Literatur nicht besser (...)'

Robert Musil: 'Ich kann nicht weiter. Ich schreibe von mir selbst, und seit ich Schriftsteller bin, geschieht es zum ersten Mal. Was ich zu sagen habe, steht in der Überschrift. Es ist kältester Ernst. Wer mich persönlich kennt, wird wohl wissen, daß mir diese Sprache schwerfällt. Was heißt: ich kann nicht weiter? Das heißt: Ich (....) besitze (...) nichts, denn auf den Ertrag meiner Bücher hat der Verlag die Hand. (...) Ich besaß vor der Inflation ein Vermögen, das es mir in bescheidener Weise gestattete, meiner Nation als Dichter zu dienen. Denn die Nation selbst gestattete mir das nicht in der Weise, daß sie meine Bücher gekauft hätte. Sie las sie nicht.'

Ernst Jandl: '... man kann als Schreibender ausgehungert werden, durch Boykott.'

Aus: Gerd Herholz: Von der Schwierigkeit, auf einem Flickenteppich das Fliegen zu lernen oder Dilemmata der Literaturförderung. In: Die Literaturbüros in Nordrhein-Westfalen (Hg.): Wege der Literaturförderung. Dokumentation. Düsseldorf 1994. S. 10-23.


Weiterführende Literatur:

  • Deutscher Kulturrat (Hg.): Das Literaturbuch 1993/94. Literarisches Leben in der Bundesrepublik Deutschland. Nomos Verlagsgesellschaft. Baden-Baden 1993
  • Literatur-Rat Nordrhein-Westfalen e.V./ Nordrhein-Westfalen-Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege (Hg.): Literatur-Atlas NRW. Ein Adreßbuch zur Literaturszene. Kölner Volksblatt Verlag. Köln 1992
  • Wiesand, Andreas Johannes (Hg.): Handbuch der Kulturpreise 1986-1994. Preise, Ehrungen, Stipendien und individuelle Projektförderungen für Künstler, Publizisten und Kulturvermittler. ARCult Verlagsbuchhandlung Kultur & Wissenschaft. Bonn 1994



19. November 1988
Literaturpreis Ruhrgebiet für Max von der Grün

Am 19.11.1988 erhält Max von der Grün in Bochum den mit 10.000 DM dotierten Literaturpreis des Kommunalverbandes Ruhrgebiet für sein literarisches Gesamtwerk. In der Bundesrepublik ist Max von der Grün ohne Zweifel der prominenteste "Arbeiterdichter", ein Etikett, das er selbst vehement ablehnt: "Ich kann mit dem Wort Arbeiterdichtung nichts anfangen." Von der Grün will – wie seine Lieblingsautoren Balzac und Gorki – nicht mehr und nicht weniger, als ein guter Schriftsteller sein. Daß er dabei vor allem das vielschichtige Thema Arbeitswelt bearbeitet, hat schlichtweg mit seiner Biographie zu tun, mit seinen Erfahrungen als Kaufmannsgehilfe, Maurer, Gelegenheitsarbeiter oder Bergmann. Aber natürlich schreibt von der Grün auch über die Liebe, den Tod, den Krieg und all die anderen großen Themen, die seit jeher Schriftsteller bewegt haben. Eines der schönsten Bücher von der Grüns ist sicher das Jugendbuch Vorstadtkrokodile, in das er auch seine Erfahrungen im Zusammenleben mit seinem behinderten Sohn einfließen läßt.

Max von der Grüns erster Roman Männer in zweifacher Nacht (1962) war dagegen noch ganz geprägt von eigenen Erlebnissen unter Tage: 1955 erlitt von der Grün einen schweren Unfall, als er mit seinem rechten Fuß in einen Panzerförderer geriet. Quasi mystisch und oft in Anlehnung an biblische Sprache erzählt von der Grün vom Kampf zwischen Berg und Mensch. Später werden seine Romane und Erzählungen dann sprachmächtiger und gesellschaftskritischer. Die Gegner seiner couragierten Arbeiter-Figuren sind nun weniger der Berg oder die Fabrik, als vielmehr jene, die für schlechte Arbeitsverhältnisse verantwortlich sind; dazu können neben den Bossen, dann auch schon einmal angepaßte Gewerkschafter zählen. Mit Stellenweise Glatteis gelingt von der Grün 1973 sein bester Roman aus der Arbeitswelt.

Viele seiner Bücher danach werden von der Kritik – zu Recht – arg verrissen. Der Roman Die Lawine (1986) zum Beispiel strotzt nur so vor hölzernen Dialogen, Binsenweisheiten und Klischees. Oft wird Alltag einfach nur abgebildet statt literarisch gestaltet. Ganze Passagen des Romans lesen sich wie Trivialliteratur. Hier eine Kostprobe aus Die Lawine (S. 56): "Er baute sich vor ihr auf und sagte: 'Nun beschweren Sie sich. Der Chef bin ich. Wie heißt du?' 'Mathilde', antwortete sie. 'Ich werde dich Kitz nennen', sagte Böhmer. Noch am gleichen Tag wurde Mathilde Schneider die Geliebte des Chefs. Damals war sie sechzehn Jahre alt. Auch wenn Heinrich Böhmer gewollt hätte, er konnte nicht mehr zurück, wollte nicht umkehren, er war Mathilde verfallen bis zur Selbstaufgabe."

Textauszug aus: Max von der Grün Männer in zweifacher Nacht

"Die Säge hatte noch nicht die Hälfte des Holzes zerteilt, und Stacho war im Begriff etwas zu sagen – spuckte er doch mehrmals den Priemsaft aus, was seinen Reden vorauszugehen pflegte –, da kam wieder der Berg in Bewegung und vernichtete die eben erst begonnene Arbeit. Was folgte, war das Werk eines Augenblicks. Nach einem erneuten Knall folgte ein Knistern, als würden tausend Feuerchen mit dürren Reisern gefüttert.

Dann kam Steinregen, der Kohlenauslauf, das Krachen und Splittern des Tragholzes. Vor und hinter ihnen streute der Berg sein Verderben, Steine und Kohlen fielen nieder. Staub wirbelte auf, wie sonst nirgendwo. Donnerartiges Rollen folgte, wie bei einer niedergehenden Steinlawine im Hochgebirge, und übertönte das Geknister. Der Staub wälzte sich durch den Schlund, wie der Wasserdampf durch das plötzlich geöffnete Waschküchenfenster.

Die Männer hasteten zum Ort. Was tat es, daß Kießling stürzte, die Folgenden auf ihn niederfielen? Sie rappelten sich hastig hoch, liefen weiter, und Johannes vergaß in der Angst sein Licht, er taumelte den voranwankenden Lichtern nach. Sie flohen vor dem Zorn des Berges, und der Zorn beschränkte sich nicht auf Donner und Aufschrei allein.

Sie hielten erst im Lauf inne, als die Tonnenwagen vor Ort aus dem Staub erwuchsen wie Hindernisse aus tiefstem Nebel, und dann umkrallten sie die Wagenränder, unfähig, auch nur ein Wort zu sprechen.

So standen sie Minute für Minute, hustend, keuchend, wortlos. Nach einer Ewigkeit endlich lagerte der Staub ab, die Sicht wurde besser. Sie blickten einander in die Augen, die aus den schwarzen Gesichtern wie Irrlichter funkelten."

Aus: Max von der Grün: Männer in zweifacher Nacht. Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe. Bergisch-Gladbach 19742. S. 24/25


Weiterführende Literatur:

  • von der Grün, Max: Die Lawine. Roman. Luchterhand Verlag 1986. Darmstadt und Neuwied 1986
  • * von der Grün, Max: Männer in zweifacher Nacht. Roman. Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe. Bergisch Gladbach 1974 (Zweite Auflage)
  • von der Grün, Max: Die Saujagd und andere Vorstadtgeschichten. Luchterhand Literaturverlag. München 1995
  • * Reinhardt, Stephan (Hg.): Max von der Grün: Auskunft für Leser. Sammlung Luchterhand 644. Luchterhand Verlag. Darmstadt und Neuwied 1986
  • * Schonauer, Franz: Max von der Grün. C.H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung. München 1978



8. März 1991
Immer mehr & sowieso gut: Schriftstellerinnen in NRW

Als mit der erstarkten neuen Frauenbewegung Ende der 60er Jahre auch Schriftstellerinnen selbstbewußter und zahlreicher ins Licht der Öffentlichkeit traten, ging es – zunächst mehr theoretisch als tatsächlich in Texten realisiert – um eine erst noch zu erfindende weibliche Ästhetik, eine bisher ungehörte-ungehörige weibliche Sprache. Doch nach einer Welle von Frauen-Selbstverständigungstexten und -Autobiographien, wollte frau nicht mehr länger allein über oder für Frau schreiben, sondern als Künstlerin für Menschen. Engagement war damit aber nicht passé, sondern wurde nur umfassender verstanden. Den vorherrschenden Männerphantasien in Gestalt literarischer Frauenfiguren, den männlichen Mythenmonopolen wurde etwas anderes entgegengestellt: die Wahrnehmung, die Lebenserfahrung, die Phantasie und die auf patriarchalische Muster hin abgeklopfte Sprache von Frauen, kurzum: Entwürfe weiblichen Schreibens. Schriftstellerin zu sein - das war nicht länger eine historische Ausnahme, sondern die immer deutlicher zutage tretende Lebensperspektive und Berufsrolle von Frauen. In NRW schreiben seit den 60ern zum Beispiel Ingrid Bachér, Angelika Mechtel, Erika Runge, Hannelies Taschau, Eva Zeller u.a. Über die Frauenbewegung oder eben ganz alltäglich als Einzelgängerinnen entwickeln sich später Schriftstellerinnen-Persönlichkeiten wie Karin Struck, Herrad Schenk, Anna Dünnebier, Liane Dirks oder Inge Meyer-Dietrich. Dennoch wurden in dem 1991 erschienenen Lesebuch Literarische Porträts. 163 Autoren aus Nordrhein-Westfalen nur 38 Schriftstellerinnen aus NRW vorgestellt. Relativ viel Autorinnen angesichts der langen Geschichte der Benachteiligung von Frauen; zu wenig aber angesichts ihrer gewachsenen Bedeutung im Lande. Die Literarischen Porträts (und die überwiegend darin schreibenden Männer) berücksichtigten jedenfalls noch nicht, wie viele Schriftstellerinnen in NRW sich über die 38 vorgestellten Autorinnen hinaus mittlerweile im Krimi-Genre oder als Kinder- und Jugendbuchautorinnen einen Namen gemacht hatten. Doch wie Männer – oft auch heute noch – über schreibende Frauen denken, wußte schon sehr früh eine andere aus Westfalen stammende Schriftstellerin, nämlich Annette von Droste-Hülshoff, die im Dramenfragment Berta bereits 1813 ihrer Figur Cordelia in den Mund legte, was Männer einzuwenden beliebten: "Wenn Weiber über ihre Sphäre steigen,/ Entfliehn sie ihrem eignen bessern Selbst;/ Sie möchten aufwärts sich zur Sonne schwingen/ Und mit dem Aar durch duft'ge Wolken dringen/ Und stehn allein im nebelichten Tal./ Wenn Weiber wollen sich mit Männern messen,/ So sind sie Zwitter und nicht Weiber mehr./ (...) Doch glaube dieses Mal nur meinen Worten,/ Das gute Weib ist weiblich allerorten ..."

Es blieb und bleibt also Frauen noch viel zu powern, wenn Männer mauern, auch im Literaturbetrieb NRWs.

Textauszug aus: Liane Dirks – Der Sprung in die Professionalität Sprung ins kalte Wasser?

"'Die Wahrheit ist, daß ich Frauen oft mag. Ich mag ihre unkonventionelle Art. Ich mag ihre Vollständigkeit. Ich mag ihre Anonymität.' Das ist ein Satz aus Virginia Woolfs Essay Ein Zimmer für sich allein. Ich mag ihre Gefährlichkeit, füge ich noch hinzu. Ihr radikales Potential (nicht alles platt zu machen, sondern alles über den Haufen zu werfen).

Daß ich aus diesem Essay zitiere, hat etwa mit Professionalität zu tun. So schreibt man. Man recherchiert, schaut nach, stellt Bezüge her und Neues daneben. Es hat auch etwas mit Professionalität zu tun, weil es der früheste Text ist, den ich über das Thema Arbeitsbedingungen schreibender Frauen gefunden habe. Es ist professionell sich auf die Vergangenheit zu berufen, sich auf sie zu beziehen.

Unsere Vergangenheit ist aber eine kurze, das Modell Schriftstellerin gibt es eben noch nicht so lang. Und als ich dann weitergesucht habe, fand ich denn auch mehr nicht. Es gibt zwar inzwischen ungeheuer viel Literatur über das weibliche Schreiben, aber keine darüber, wie es denn eigentlich entsteht. (...)

Für die Frau ist die Vorstellung, Schriftstellerin zu werden/ zu sein, immer noch etwas Unvorstellbares. (...) Und das hat etwas damit zu tun, was das Schreiben für uns ist und bedeutet.

Es ist ja immer noch ganz stark im Bereich Rückzug und Lebensrettung angesiedelt. Das ist es bei den Männern auch, doch wird es bei ihnen Ausdruck, wird es bei uns bewahrender Eindruck. Ich will es mal zugespitzt sagen: unser Zimmer für sich allein ist keine Sprachzentrale, sondern immer noch ein stilles Kämmerlein. Wir dichten, denken und wir retten uns.

Aus: Roters-Ullrich/ Theißen (Hg.): Schriftstellerinnen im Gespräch. Eine Dokumentation. Tende Verlag. Dülmen-Hiddingsel 1995. S. 20/24


Weiterführende Literatur:

  • * Frauenkulturbüro NRW e.V. (Hg.): Künstlerinnen in NRW. Edition Ebersbach im eFeF-Verlag. Zürich, Dortmund 1995
  • * Gnüg, Hiltrud/ Möhrmann, Renate: Frauen, Literatur, Geschichte. Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 1991 (Zweite Auflage)
  • * Kirchhof, Peter K. (Hg.): Literarische Porträts. 163 Autoren aus Nordrhein-Westfalen. Schwann im Patmos-Verlag. Düsseldorf 1991
  • Droste-Hülshoff, Annette von: Werke in einem Band. Herausgegeben von Clemens Heselhaus. Carl Hanser Verlag. München, Wien 1970



31. Dezember 1991
Zweite Heimat: Für viele Autoren ausländischer Herkunft ist NRW Zuflucht, Zwischenstation oder neues Zuhause

Ausländische Schriftsteller kann es aus unterschiedlichen Gründen nach Nordrhein-Westfalen verschlagen. Die einen fanden über berufliche Kontakte den Weg hierher, andere kamen zu Studienzwecken oder blieben nach Besuchen bei Freunden gleich für immer hier, viele aber mußten auch aus politischen Gründen ihre Herkunftsländern verlassen. Letzteren hilft übrigens der Heinrich-Böll-Fonds für verfolgte ausländische Autoren im Exil (Kultusministerium NRW). Zum Redaktionsschluß, am 31.12.1991, zählt der Literaturatlas NRW über 100 Autorinnen und Autoren, die als fremdsprachige Mitbürger Nordrhein-Westfalen zu ihrer zweiten Heimat gemacht haben. Sie kommen aus den Vereinigten Staaten oder der Türkei, aus China oder Chile, aus dem Iran oder Italien, aus Rumänien oder Rußland. Doch nicht nur Schriftsteller nichtdeutscher Muttersprache haben ihren ersten Wohnsitz in NRW genommen, auch Literaten aus der DDR, aus Österreich oder der Schweiz zog es hierher. In Köln zum Beispiel lebt Gerhard Rühm, einst Mitgründer der berühmten Wiener Gruppe, dem Sprachlabor für experimentelle Texte und Konkrete Poesie. Aus der DDR kam neben anderen Karl-Heinz Jakobs, 1972 Heinrich-Mann-Preisträger seines Landes. Er lebt heute in Velbert am Niederrhein. Auch aus der Türkei sind viele Autoren emigriert, andere kamen aus freien Stücken nach Nordrhein-Westfalen: auf der Suche nach Wohlstand oder persönlichem Glück. Die türkischen Literaten dürften wohl die größte Gruppe der Autoren ausländischer Herkunft stellen. Vor allem, wenn man die jungen Autoren der sog. "Zweiten Generation" hinzuzählt, solche also, die schon in Nordrhein-Westfalen geboren wurden oder aufgewachsen sind. Wie außerordentlich die Texte dieser Autoren die heimische Literatur bereichern, beweist zum Beispiel ein Roman der Wahl-Düsseldorferin Emine Sevgi Özdamar: Das Leben ist eine Karawanserei hat zwei Türen aus einer kam ich rein aus der anderen ging ich raus. Hier verbinden sich orientalische Erzählkunst, magischer Realismus und die deutsche Sprache zu einem wunderbar eigenständigen Ton.

Textauszug aus: Emine Sevgi Özdamar Das Leben ist eine Karawanserei ...

"Erst habe ich die Soldaten gesehen, ich stand da im Bauch meiner Mutter zwischen den Eisstangen, ich wollte mich festhalten und faßte an das Eis und rutschte und landete auf demselben Platz, klopfte an die Wand, keiner hörte.

Die Soldaten zogen ihre Mäntel aus, die bisher von 90.000 toten und noch nicht toten Soldaten getragen waren. Die Mäntel stanken nach 90.000 toten und noch nicht toten Soldaten und hingen schon am Haken. Ein Soldat sagte: 'Mach für die schwangere Frau Platz!'

Die Frau, die neben meiner Mutter stand, hatte in einer Nacht weiße Haare gekriegt, weil sie hörte, daß ihr Bruder tot war. Sie hatte nur einen Bruder und einen Ehemann, den sie nicht liebte. Diese Frau nannte ich später im Leben 'Baumwolltante', und ab und zu mal, wenn ich ihr die Tür aufmachte, hörte ich von ihr. 'Mädchen, du warst eine kleine Scheiße im Bauch deiner Mutter, als ich dich und deine Mutter den Soldaten im Zug übergab.'

Die Baumwolltante sagte zu den Soldaten: 'Schützt diese Frau wie eure eigenen Augen. Ihr Mann ist auch Soldat, sie fährt zu ihrem Vaterhaus zurück für die Geburt. Wenn ihr diese unschuldige Frau bis zu ihrem Vater über euren Köpfen tragt, trägt Allah eure Mütter und Schwestern auch über seinem Kopf.'

Der Zug schrie, die Baumwolltante stieg aus und rief ins Zugfenster: 'Fatmaaaa, keiner bleibt drin, alle kommen raus. Aber warte noch, bis du im Haus deines Vaters bist!' Der Zug fährt ab."

Aus: Emine Sevgi Özdamar: Das Leben ist eine Karawanserei hat zwei Türen aus einer kam ich rein aus der anderen ging ich raus. Verlag Kiepenheuer & Witsch. Köln 1992. S. 9


Weiterführende Literatur:

  • * Kirchhof, Peter K.(Hg.): Literarische Porträts. 163 Autoren aus Nordrhein-Westfalen. Schwann im Patmos-Verlag. Düsseldorf 1991
  • * Stadt Duisburg (Hg.): Türkische Literatur in deutscher Sprache. Eine Bibliographie deutscher Übersetzungen aus der türkischen Literatur. Zusammengestellt und bearbeitet von Tayfun Demir und Carl Koß. Duisburg 1987
  • * Özdamar, Emine Sevgi: Das Leben ist eine Karawanserei hat zwei Türen aus einer kam ich rein aus der anderen ging ich raus. Verlag Kiepenheuer & Witsch. Köln 1992.
  • Pazarkaya, Yüksel: Farbtupfer auf der literarischen Landkarte. Autorinnen und Autoren nichtdeutscher Muttersprache in NRW. In: Kultusministerium des Landes NRW (Hg.): KulturTrip. Heft 3: Literatur aus Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf 1995



25.-28. Mai 1994
Tatort NRW –
Mordslust auf Krimis

"Zeig mir einen Menschen, Mann oder Frau, der Kriminalromane nicht ausstehen kann, und ich zeige dir einen Narren: einen klugen Narren vielleicht – aber einen Narren gleichwohl." Da kann man Raymond Chandler nur zustimmen, besonders in Nordrhein-Westfalen, der neuen Oase für Krimischreiber und ihre Leser.

Vom 25.-28. Mai 1994 findet zwischen Dortmund und Duisburg die Criminale – Krimitage im Ruhrgebiet statt. Dabei sind auch viele der etwa 50 Kriminalschriftsteller(innen) aus NRW. Die Namensliste reicht hier von Akif Pirincci (Felidae, Bonn) bis zur schreibenden Kölner Staatsanwältin Gabriele Wolff, vom pseudonymen Leo P. Ard bis zu Jacques Berndorf mit seinen Eifel-Krimis, von der Dortmunder lady of crime Sabine Deitmer zu ihrer Kerpener Kollegin Petra Hammesfahr, genannt "die deutsche Highsmith".

Ob nun Köln, Düsseldorf, Bochum, Wesel oder sonstwo zwischen Rhein und Weser: Fast jede Stadt in Nordrhein-Westfalen hat mittlerweile ihre local heroes, ihre Privatschnüffler oder selbstbewußten Kommissarinnen. Justizbeamte, Rechtsprofessoren, Journalisten, Psychologen oder Laien schreiben Regionalkrimis von Format und liefern ihren Lesern Wort und Mord mit Nachbarschaftsgeruch: mit sex aus Essen, crime aus Bielefeld oder drugs aus Datteln. Die neue Generation der Krimi-Autor(innen) verbindet berufliche Kompetenz mit knallharter Recherche und flottem – an angelsächsischen Vorbildern orientiertem – Schreibstil. Kein Thema ist tabu, weder der Politfilz in den örtlichen Rathäusern noch dubiose Versuche in den Universitäten des Landes, weder Wirtschaftskriminalität noch Gewalt von oder gegen Frauen. Daß dabei oft mehr als rasante Großstadtliteratur entsteht, beweisen hochkarätige Romane wie Hans Werner Kettenbachs Minnie oder Ein Fall von Geringfügigkeit oder die Polit-Thriller Gisbert Haefs.

Seit 1989 ist zudem der Dortmunder Grafit-Verlag zu einem vitalen Paten für die junge Krimi-Szene in NRW (und bundesweit) geworden. Der Grafit Verlag druckt nicht nur Krimis, er 'macht' auch Autorinnen und Autoren. Durch eine erste Veröffentlichung hier werden junge, talentierte Literaten ermutigt, die nächsten Schritte in Richtung (neben-)berufliche Schriftsteller-Existenz zu wagen und sich in ihrem Metier zu professionalisieren. Obwohl Kleinverlag, beweist Grafit so, daß die Förderung von Autor(inn)en letztlich immer der Literatur und ihren Lesern zugute kommt.

Textauszug aus: Hans Werner Kettenbach – Minnie oder Ein Fall von Geringfügigkeit

"Lauterbach trat aufs Gaspedal, aber es war zu spät. Der alte Wagen ging fast gleichzeitig mit ihm in die nächste, enge Kurve hinein. Lauterbach sah die schmutzige Motorhaube dicht neben sich. Er bremste, zog das Steuer nach rechts, um den Zusammenstoß zu vermeiden. Der alte Wagen passierte ihn, schleuderte von einer Straßenseite zur anderen, stellte sich quer und blieb stehen, die Vorderräder am Rand des Straßengrabens. Lauterbach sah, während er seine Reifen kreischen hörte, die beiden Männer auf dem Vordersitz wie in einem Traum herangleiten. Der Beifahrer sah ihm entgegen. Lauterbach glaubte zu sehen, daß der Beifahrer grinste, eine häßliche Fratze, ein Alptraum.

Ihm wurde klar, daß er nur noch eine Chance hatte. Die Tür des alten Wagens öffnete sich, ein Bein in Jeans und Stiefel kam hervor. Lauterbach trat aufs Gaspedal. Er riß seinen Wagen nach links. Die Lücke zwischen dem Straßengraben und dem Kofferraum des alten Wagens war eng, sie schien ihm viel zu eng, aber er fuhr hinein, die Hände um das Lenkrad gekrampft. Das Rad riß an seinen Händen, aber er hielt es fest. Er streifte das Heck des alten Wagens, er hörte das Blech aufknallen und dann den kreischenden Schleifton. Aber er kam durch.

Nach drei Meilen, die er in hohem Tempo zurücklegte, erreichte er Jasper. Bretterbuden am Waldrand. Dann eine Imbißstube. Tankstellen, Stapel von alten Reifen. Das offene Tor einer Werkstatt, davor ein paar verrostete Karosserien. An der Kreuzung ein Restaurant. (...) An der Zapfsäule gegenüber stand ein alter Mann. Er trug eine Mütze mit langem Schirm, eine blaue Latzhose. Er rieb sich mit einem Putzlappen die Hände ab. Er sah Lauterbach an."

Aus: Hans Werner Kettenbach: Minnie oder ein Fall von Geringfügigkeit. Roman. Diogenes Verlag. Zürich 1984. S.26/27


Weiterführende Literatur:

  • Jahn, Reinhard: Mordgeschichten. In: Kultusministerium des Landes NRW (Hg.): KulturTrip. Heft 3: Literatur aus Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf 1995
  • Leonhardt, Ulrike: Mord ist ihr Beruf. Eine Geschichte des Kriminalromans. C.H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung. München 1990
  • Nusser, Peter: Der Kriminalroman. Sammlung Metzler, Realien zur Literatur. Verlag J.B. Metzler. Stuttgart, Weimar 1992 (Zweite Auflage)



2. Juli 1995
Profis gegen Lesefutter light: In Unna setzen Kinder- und Jugendbuchautoren auf Kids statt auf Kasse

Schon Anfang der siebziger Jahre hatte es eine Trendwende in der Kinder- und Jugendliteratur gegeben. Außer zu phantastischen Abenteuern brach man nun auch auf zu Expeditionen ins Alltagsleben. Kinder als ganze Menschen rückten in den Mittelpunkt vieler neuer Geschichten: ihre Rechte, ihre Nöte, ihre Stärke, ihre Sexualität, aber auch ihre Flucht- und Ausbruchsphantasien. Natürlich konnte man auch all die Themen in den Büchern für Kinder und Jugendliche wiederfinden, von denen die (erwachsenen) Erzähler und Dichter glaubten, sie hätten junge Menschen zu interessieren: Nationalsozialismus, Benachteiligung der Mädchen, Friedensbewegung, Dritte Welt, Fremdenfeindlichkeit, Umweltverschmutzung.

Seit den 80er Jahren gelang es immer mehr Autorinnen und Autoren aus NRW anspruchsvolle, spannende und erfolgreiche Kinder- und Jugendbücher zu schreiben, damit sogar nationale wie internationale Preise einzuheimsen. Neben Altmeister wie Willi Fährmann (Xanten) treten Tilman Röhrig (Hürth), Jürgen Banscherus (Witten), Inge Meyer-Dietrich (Gelsenkirchen), Christa Zeuch (Bonn) oder Margaret Klare (Essen).

Trotz der aufklärerischen Ambitionen vieler Autoren: die meisten Kinder- und Jugendbuchverleger können und wollen sich den Gesetzen von Angebot und Nachfrage nicht entziehen. Vielen Verlagen geht es nur selten darum, jungen Menschen sowohl die Welt neu als auch neue Welten zu zeigen. Viel lieber werfen sie möglichst schnell möglichst oberflächliche Bücher zu den neuesten Trends auf den Markt: "Schreiben Sie doch mal was zu Dinosauriern/ Drogen/ Computern/ Mädchenmißbrauch." Mit Recht kritisieren sechzehn Kinder- und Jugendbuchautoren am 2. Juli 1995 in Unna, daß nicht allein die Reizthemen (der Erwachsenenwelt) und gewinnträchtige Spielzeug- oder Hobbymoden den Rahmen für ihre Literatur abzugeben hätten. Es soll auch um anderes gehen, nämlich darum, Kinder und Jugendliche ernst zu nehmen, statt sie – wie und zu was auch immer – abzurichten, statt aus jungen Lesern brave Konsumenten oder politische Musterschüler zu machen. "Das Wesen des Kindes ist nicht das Kleinsein, sondern das Großwerden", meint der niederländische Autor Paul Biegel. Und beim Größe-entwickeln möchten auch die Autoren aus NRW mit ihren Geschichten und Gedichten gerne helfen.

Textauszug aus: Inge Meyer-Dietrich – Plascha

"Abends liegt Plascha im Bett und versucht, nicht einzuschlafen. Sie hat sich fest vorgenommen, so lange zu beten, bis Mama kommt, und rollt sich immer wieder auf Mamas Seite, damit das Bett schön angewärmt bleibt.

Die Geschwister schlafen schon alle.

Sogar Franja, die Große. Aber die muß auch den ganzen Tag hart arbeiten, seit sie bei Kolpes in Stellung ist. Böden schrubben und Wäsche waschen und Berge von Kartoffeln schälen.

Plascha ist froh, daß sie noch nicht arbeiten gehen muß, obwohl es bei Kolpes alle Tage gutes Essen gibt. Und reichlich, sagt Franja.

Jetzt wälzt sich die große Schwester im Schlaf unruhig auf die andere Bettseite, wo Lischa schläft. Weck sie nicht auf, denkt Plascha, sie muß doch morgen früh als erste raus und Zeitungen austragen.

Der kleine Felix murmelt im Traum undeutlich etwas vor sich hin. Er schläft bei Lodja am Fußende.

Von Lodja hört man nichts, nicht einmal ihre Atemzüge. Sie ist auch nachts die Ruhigste von allen.

Und Plascha ist die Unruhigste aus der Familie. Die mit den wilden Locken. Plascha fällt immer so viel ein, was sie tun oder jemand erzählen muß; und sie kann nie lange damit warten.

Ein Wunder, meint Mama, daß Plascha in der Schule stillsitzen kann, denn nicht einmal im Schlaf liegt sie ruhig. Deshalb schläft sie mit Mama im großen Bett, seit der Papa im Krieg gegen die Franzosen kämpft. Die letzte Karte aus Frankreich hat er vor über drei Monaten geschrieben. Jeden Tag staubt Plascha die Karte ab, die oben auf der Kommode steht, und gibt dem Papa einen Kuß."

Aus: Inge Meyer-Dietrich: Plascha oder: Von kleinen Leuten und großen Träumen. Anrich Verlag. Kevelaer 1988. S. 7/8


Weiterführende Literatur:

  • Bundesverband der Friedrich-Bödecker-Kreise e.V.: Autoren lesen vor Schülern – Autoren sprechen mit Schülern. Autorenverzeichnis Nr. 5. Mainz 1994
  • Härtling, Peter (Hg.): Helft den Büchern, helft den Kindern! Über Kinder und Literatur. Carl Hanser Verlag. München, Wien 1985
  • Meyer, Franz et al. (Hg.): Blaubuch. Adressen und Register für die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur. Ein Nachschlagewerk vom Arbeitskreis für Jugendliteratur. München 1994



31. August 1995
Formchaos und auseinanderdriftendes Themenuniversum: Neue Unübersichtlichkeit längst auch in NRW

Selten genug, um so erfreulicher: Am 31. August 1995 lädt Johannes Rau literarisch Interessierte ins Haus des Ministerpräsidenten nach Düsseldorf. Das geplante vierbändige Anthologie-Projekt Literatur in den Rheinlanden und Westfalen – Literatur in Nordrhein-Westfalen wird der Öffentlichkeit vorgestellt. Im Pressetext dazu heißt es: "Dokumentiert werden soll dabei eine Regionalliteratur, die offen ist, zur national und international bedeutsamen Literatur werden kann und die im kontinuierlichen Austausch mit Literaturen anderer Länder und Nationen steht. Auf keinen Fall ist dabei ein neuer Provinzialismus oder gar 'Heimattümelei' angestrebt. Eine Abgrenzung nach außen würde eher eine Gefahr bedeuten."

Die Bände 3 und 4 der Anthologie wollen über hundert Autorinnen und Autoren vorstellen, die NRW verbunden waren oder sind. Und dennoch wurden wichtige Autoren und literarische Genres nicht berücksichtigt. Der bisher allein vorliegende Band Wir träumen uns ins Herz der Zukunft. Literatur in Nordrhein-Westfalen 1971-1994 vergißt schlichtweg alle bundesweit bekannten Kinder- und Jugendbuchautoren aus NRW. Daneben fehlen in der Textsammlung renommierte Literaten wie der Rowohlt-Satiriker Michael Klaus oder der bei Suhrkamp verlegte experimentelle Lyriker Thomas Kling aus Köln. Vielleicht verdanken sich solche Unterlassungssünden tatsächlich der vom Feuilleton verkündeten 'Neuen Unübersichtlichkeit' in der zeitgenössischen Literaturszene. In NRW gibt es neben einem Boom der Krimis auch Talente der Lyrik (Norbert Hummelt, Angelika Janz ...). Neben den deutschsprachigen Ausländern und deutschen Staatsbürgern ausländischer Herkunft schreiben der gebürtige Bochumer Gerhard Bolaender, dessen kunstvolle Prosa im renommierten Residenz-Verlag (Salzburg) erscheint, aber auch noch die Altvorderen der Arbeiterliteratur. Der WDR pflegt weiter alle Spielarten des Hörspiels und die Filmstiftung des Landes fördert hierzulande auch die Drehbuchschreiber. Fazit: In der Mitte der 90er Jahre ist Nordrhein-Westfalen zu einem Land geworden, in dem sich als Schriftsteller(in) leben, arbeiten, diskutieren, ja sogar etwas verdienen läßt.

Textauszug aus: Marcel Beyer – Das Menschenfleisch

10. Extreme Rituale

"Wir sprachen darüber neue Körperlichkeit ist alles nicht so einfach also stellen uns vor allein so eine leichte Verspannung der Nackenmuskulatur morgens beim Aufstehen das genügt schon und man hat den ganzen Tag Ärger man liest ja überall nur noch über Sex und alles was damit zusammenhängt kaum schaut man mal in ein Magazin rein schon wird man mit Prognosen für das nächste Jahrzehnt bombardiert zum Beispiel das Sperma wird entmachtet weil der Orgasmus an Bedeutung verliert hast du ihm etwa in die Kamera gesprochen Frauen bestimmen den Marktwert der Männer und das Tempo beim Sex zum Beispiel den Spruch tiefgefrorenes Sperma der kurze Ich-Verlust das wurde aber auch höchste Zeit natürlich da habe ich keine Probleme können wir ruhig drüber reden ja das macht glaub ich Sinn aber die meisten geben sich ohnehin mit ein paar Schlagworten zufrieden die erste Zehntelsekunde ist das Schlimmste nur der erste Schmerz dann geht es nur der Moment da die Nadel den Körper durchstößt dann geht es wieder dann ist es vorbei dann hängen wir da Flügel noch aufgespannt und farblich nichts abgewischt muß man aufpassen darf man nicht auf die Flügel fassen weil sonst die Farbe abgeht klebt auf der Haut es bleibt einem nur sie unter Wasser abzuwaschen und dann ist sie weg und der Falter nichts mehr wert kann man ihn gleich zerknüllen und wegwerfen da drin das Blut fließt durch den Körper oben rum und unten durch dann wieder oben rum nachdem die uns bekannte Pumpstation das stets arbeitende elastische Muskelfleisch der rotbraunen Flüssigkeit einen Schubs gegeben hat das ist doch eine sehr angenehme Maschine die ich hier bediene mein Körper das Interessanteste daran ist daß sie es mir ermöglicht andere ebensolche Maschinen zu beobachten mein Leben ändern das müßte doch bei der Zellstruktur losgehen (...)"

Aus: Marcel Beyer: Das Menschenfleisch. Roman. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 1991. S. 63/64


Weiterführende Literatur:

  • * Dörr, C. et al. (Hg.): "Wir träumen uns ins Herz der Zukunft". Literatur in Nordrhein-Westfalen 1971-1994. Insel Verlag. Frankfurt am Main und Leipzig 1995.
  • * Frauenkulturbüro NRW e.V. (Hg.): Künstlerinnen in NRW. Edition Ebersbach im eFeF-Verlag. Zürich, Dortmund 1995.
  • * Kirchhof, Peter K. (Hg.): Literarische Porträts. 163 Autoren aus Nordrhein-Westfalen. Schwann im Patmos-Verlag. Düsseldorf 1991.
  • Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.): KulturTrip. Heft 3: Literatur aus Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf 1995.
  • Literatur-Rat Nordrhein-Westfalen e.V./ Nordrhein-Westfalen-Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege (Hg.): Literatur-Atlas NRW. Ein Adreßbuch zur Literaturszene. Kölner Volksblatt Verlag. Köln 1992.



1. April 1996
Pointenpower & Anarrchie: Nordrhein-Westfalen Spitze beim Breitenspott

"Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück." Dieser Satz Karl Kraus' könnte auch das Motto vieler Kabarettisten, literarischer Kleinkünstler aus und in Nordrhein-Westfalen sein. Schon seit den fünfziger Jahren (Hans Dieter Hüsch, Kay und Lore Lorentz) waren sie es, die aus der Tristesse der politischen Verhältnisse hierzulande weithin leuchtende Sprachfunken schlugen, gingen sie den Wörtern und mit ihnen immer auch den gesellschaftlichen Verhältnissen auf den Grund.

Neben den politischen Kabarettisten der alten Schule klampften und spotteten in den 60ern satirische Liedermacher (Dieter Süverkrüp u.a.) oder Politrevue-Rocker wie Floh de Cologne. Das Sudel-Lexikon des Floh-Texters Gerd Wollschon ist noch heute eins der schärfsten Satire-Bücher aus NRW.

Seit den 70er Jahren haben Kabarett und Kleinkunst in Nordrhein-Westfalen ein paar Luftwurzeln mehr. Besonders im Umfeld selbstverwalteter Kulturzentren (Kultur von unten!) groß gewordene Theater- und Kabarettgruppen schafften den Sprung vom gutgemeinten zum gutgemachten Kabarett. Richard Rogler zum Beispiel, ab 1974 Mitglied des Kindertheaters Ömmes & Oimel, schlug sich mit Heinrich Pachl als politisches Straßentheater-Duo Der wahre Anton durch. Heute kennt ihn jeder aus den WDR-Satiren Mitternachtsspitzen oder – mit seinem Solostück Freiheit aushalten – als Grenzgänger zwischen Kabarett und Theater.

Frauenbewegte Kreise und Krisen brachten so frech-phantastische Solistinnen wie Rosa K. Wirtz oder das Oberhausener Duo Missfits hervor. Der Kölsch-Bonner Klüngel ist vielleicht der fruchtbarste Nährboden für drastische Politsatire, Nonsens und schrillen Wortwitz. Aus dem anarchistischen Geist des alternativen Kölner Karnevals samt der Kult-Stunksitzung entliefen Neu-Dadaisten und gar nicht ratlose Sprachartisten wie das Dreigestirn Köln Eins, Ars Vitalis, Pause und Alich oder Jürgen Becker. Aber auch andere Städte und Regionen müssen nicht darben: Aus Münster kabarettete sich Volker Pispers, aus Paderborn Rüdiger Hoffmann, vom Niederrhein singt immer noch H.D. Hüsch, als Wahl-Rheinländer kalauert Konrad Beikircher und den Ruhrpott weckt das Rocktheater Nachtschicht aus tiefem Kleinkunst-Schlaf.

Textauszug aus: Richard Rogler/Jörg Metes – Mitternachtsspitzen
Letzte Meldung (9.11.1989)

Menschliche Tragödie um Erich Honecker.

"Ostberlin. Offenbar in geistiger Umnachtung hat sich heute abend gegen 21 Uhr der ehemalige SED-Vorsitzende Erich Honecker, aus Protest gegen die Öffnung der deutsch-deutschen Grenzübergänge, beim Brandenburger Tor an die Mauer gekettet. Honecker, der angeblich bewaffnet ist und auch droht, von seiner Waffe gegen jeden Grenzverletzer ohne zu zögern Gebrauch zu machen, fordert Augenzeugenberichten zufolge eine sofortige Unterredung mit Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer. Um ein Blutbad zu vermeiden, erwägen die DDR-Grenzbehörden nun eine letztmalige Anwendung des Schießbefehls gegen den greisen Ex-Diktator."

Aus: Richard Rogler/Jörg Metes: Mitternachtsspitzen. Richard Roglers gesammelte Auftritte. Verlag Kiepenheuer & Witsch. Köln 1990. S. 126


Weiterführende Literatur:

  • Beikircher, Konrad: Die Wiege des deutschsprachigen Kabaretts. In: Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.): KulturTrip. Heft 3: Literatur aus Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf 1995
  • Rogler, Richard/ Metes, Jörg: Mitternachtsspitzen. Richard Roglers gesammelte Auftritte. Verlag Kiepenheuer & Witsch. Köln 1990
  • Wollschon, Gerd/ Floh de Cologne: Sudel-Lexikon. Satirisches Wörterbuch für gelernte Deutsch. 250 Hieb- und Stichwörter mit vielen praktischen Zeichnungen. Vorwort: Werner Finck. Satire Verlag. Köln 1977


1997
Lesetip für Zeitgenossen: eine kleine Eloge auf Ralf Rothmann


Ende Oktober 1997 liest und diskutiert Ralf Rothmann im Rahmen des Projektes "Renaissance des Erzählens" auf Einladung des Gladbecker Literaturbüros in Mülheim an der Ruhr. Das Projekt versucht durch Lesungen und Poetikvorlesungen der beteiligen Autoren zu zeigen, daß deutschsprachige Erzähler besser sind als ihr Ruf. Seit Jahren wird schließlich in den Feuilletons von FAZ, ZEIT & Co. die Krise der deutschsprachigen Literatur beschworen (und vermarktet), wird "das Erzählen" totgesagt. Schlagzeilen wie "Erzähler müssen her", "Warum das Ausland die besseren Erzähler hat" suggerieren, daß hierzulande nicht oder nichts Gutes erzählt werde. Aber vielleicht ist die Krise der Literatur eher eine Krise der Wahrnehmung der Kritiker und ihrer Nach-Leser? Denn natürlich wurde und wird erzählt; gerade in den letzten Jahren gibt es so etwas wie eine kleine Blüte des 'neuen Erzählens', was alte und neue Namen wie Katja Lange-Müller, Hanns-Josef Ortheil, Burkhard Spinnen, Ingo Schulze, Karen Duve, Ilija Trojanow, Kerstin Hensel, Marcel Beyer, Jens Sparschuh oder Michael Kleeberg belegen mögen.

So oder so – Ralf Rothmann zählt zu den wichtigen Erzählern der jüngeren Generation. Der heute in Berlin lebende Rothmann wuchs im Ruhrgebiet auf, sein Vater arbeitete im Bergbau als Kohlenhauer. Seine letzten beiden Romane, die irgendwo im magisch-tragischen Dreieck von Oberhausen, Bottrop, Essen spielen, sind also sicher autobiographisch gefärbt, aber genauso sicher keine autobiographischen Romane.

Daß Ralf Rothmanns Lyrik und Prosa so welthaltig ist, hat auch mit eigenen Berufserfahrungen zu tun. Ralf Rothmann arbeitete nach der Volksschule und Maurerlehre als Krankenpfleger, Drucker und Koch. Kein Wunder also, daß man bei ihm so viel "scharf gesehene und melancholische Alltäglichkeit" (Gustav Seibt, FAZ) findet. In einem Interview sagte er: "Schreiben war das, was ich immer wollte. Ich wußte, wofür ich die anderen Arbeiten machte." Und den Wunsch Schriftsteller zu werden, hat er sich erfüllt. Neben dem Gedichtband Kratzer erschienen die Erzählungen Messers Schneide (1986) und Der Windfisch (1988). Für seinen Debütroman Stier (1991) erhielt Rothmann mehrere Literaturpreise. 1994 erschien sein zweiter Roman Wäldernacht und 1997 veröffentlichte er das Schauspiel Berlin Blues. Irgendwann in den nächsten Jahren – so Rothmann in Mülheim – will er seine Ruhrgebiets-Trilogie mit einem Roman über seinen Vater abschließen, "aber das wird noch dauern".

In seinen bisher erschienenen Gedichten und Erzählungen geht es mit oft bedrückender Intensität um die verborgenen Innenseiten von Außenseitern. Ralf Rothmanns Themen sind: Entzauberung und Verlust der Jugend, aber auch eine nicht enden wollende Pubertät, der schmerzhafte Prozeß des Erwachsenwerdens. Ein aphoristisches Fazit dazu lautet: "An dem Tag, an dem mir auffiel, daß es nichts Zufälliges mehr gibt, war die Jugend vorüber." Ohne Lamento erfahren wir von Rothmann viel über vitale Verlierer und jenen Erfolg, der arm macht: "Was wir unternehmen ist erfolgreich – aber ohne Segen".

Immer wieder handeln seine Texte aber auch von der Gewalt. Verbale und körperliche Gewalt, die sich Luft macht zum Beispiel in den furiosen Finales von Messers Schneide und Wäldernacht. Gewalt hier als der hilflose Versuch, den kleinen Verhältnissen zu entkommen, die immer nur noch kleiner zu machen drohen. Eine Alternative zur Gewalt bietet in Rothmanns Werken vor allem die Kunst, das literarische Schreiben. Und in der Tat: Durch Ralf Rothmann beschrieben, wird auch der Alltag im Revier plötzlich mehr als Elend und Monotonie, wird dieser Alltag zur unerhörten Begebenheit, deren oft grotesker Verlauf auch davon berichtet, daß Provinz vor allem da ist, wo man sie zuläßt.

Gegen die Ruhrpottümelei ehemals zünftig-zweckoptimistischer Arbeiterliteratur oder selbsternannter Dichter-Darsteller des Reviers setzt der Wahl-Berliner Rothmann den kühlen Blick auf das brodelnde Alltagsleben im Revier. Rothmann schreibt dem Ruhrgebiet endlich genau jene artistischen Haß- und Liebeserklärungen, die es schon längst verdient hatte. Über das Ruhrgebiet der 60er/70er Jahre heißt es in Rothmanns Wäldernacht: "Oberhausen. Niemand hat eine Ahnung wie durch und durch trostlos mir diese Stadt einmal vorgekommen war: Ein Reversbild des Raubbaus, den man unter ihr, in den Flözen betrieb, eine Metropole der Unkultur, von Gott und jedem guten Geist verlassen. Nirgends fand der Blick Versöhnliches, alles Grün wuchs nur zur Tarnung industrieller und architektonischer Abscheulichkeiten, alles Himmelsblau stank, und das bonbonfarbene 'Schloß' im Kaisergarten, an dem der Bus gerade hielt, schien direkt aus Disneyland importiert".

Apropos "aus Disneyland importiert". Rothmanns Oberhausen ist sich treu geblieben: mit der gigantischen Einkaufs-Mall CentrO und dem angrenzenden Bottrop-Kirchhellener Film- und Vergnügungspark Warner Brothers Movie World.

 

Zum Autor:
Gerd Herholz, Philologe und in den achtziger Jahren auch in der Stadtteilkulturarbeit (Ruhrwerkstatt e.V., Oberhausen) tätig, ist Ko-Autor des Buches Die Musenkußmischmaschine. 132 Schreibspiele für Schreibwerkstätten und Schulen (Verlag Neue Deutsche Schule, Essen 1992). 1983 erschien sein Gedichtband auf- und abgesänge, 1998 gab er Poetikvorlesungen und Vorträge zum Erzählen in den 90er Jahren unter dem Titel Renaissance des Erzählens heraus. Er leitet das Literaturbüro NRW-Ruhrgebiet e.V. in Gladbeck.