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9.05.07
Events, Effekthascherei und Ellbogengesellschaft

Die Chefdesigner der neuen regionalen Kulturpolitik (ver-)blenden das Ruhrgebiet mit einer Festival- & Fun-Fassade

 
(Stand: Sommer 1998)

"Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann", lautet ein berühmter Aphorismus Francis Picabias. Richtungswechsel zu erproben, das hatte und hat auch das kulturpolitische Denken im Ruhrgebiet bitter nötig. Und damit ist nicht zuletzt immer das eigene Denken gemeint, hier also auch das der Künstlerinnen und Künstler, der Mitarbeiter in soziokulturellen Zentren, gemeinnützigen Kunstvereinen und freien Künstlergruppen. Die Internationale Bauausstellung Emscher Park (IBA) und andere forschen Zukunftsschmieden machen vor, wieviel staunenswerte Anregungen von luxuriös alimentierten, hauptberuflichen Denkrichtungswechslern ausgehen und Gestalt annehmen können. Anregungen, die mehr verdient haben als nur den Medienbeifall in einer Zuschauerdemokratie, nämlich endlich auch öffentliche Diskussion und qualifizierten Widerspruch.

In dieser Polemik soll es daher zunächst nicht um den Wandel und ein mögliches Frühlingserwachen der freien Kunst- und Kulturszene zwischen Duisburg und Dortmund gehen, sondern um eine Kritik ihrer Kritiker, eine Kritik der sog. neuen regionalen Kulturpolitik, ihrer Medienstars und Verwaltungssternchen. Denn allein, daß deren Denken die Richtung gewechselt hat, ist noch lange kein Qualitätsbeweis für irgend etwas. Die Frage muß erlaubt bleiben: In welche Richtung wechselte es? In einem weniger berühmten Spruch sagt Picabia schließlich auch: "Es regnet und ich denke an die armen Leute, die keinen Regen haben."

Eine gut gemeinte Idee und wie sie durch den Wolf gedreht wurde

Fast wie im Märchen. Es war einmal eine rot-grüne Landesregierung, die hatte in ihrer Koalitionsvereinbarung auf Betreiben der Grünen festgeschrieben, daß man die Kultur in den nordrhein-westfälischen Regionen stärken wolle. Und Ilse Brusis, die ehrbare Ministerin für Stadtentwicklung, Kultur und Sport, verkündete von da ab dem hocherfreuten Kulturvolk in Stadt und Land: "Die regionalen Entwicklungskonzepte sollen als KONSENS aus dem intensiven DIALOG mit den in der Region an der Kultur Beteiligten und für die Kultur Verantwortlichen erstellt werden."

Doch Konsens und Dialog mit den in der Region an der Kultur Beteiligten und für die Kultur Verantwortlichen lassen – zumindest im Ruhrgebiet – auch Mitte 1998 noch auf sich warten. Statt dessen Parteienproporz im Aufsichtsrat der Kultur Ruhr GmbH und die closed-shop-Diskussionen (von wem?) berufener Persönlichkeiten. In den letzten beiden Jahren wurde – unter der Regie sich selbst so betitelnder "handelnder Akteure" – aus einer offen gemeinten kulturpolitischen Initiative eine verbalradikale Kulturrevolte von oben, bei der bisher vor allem Parteien, Verwaltungsspitzen, Lobbyisten der Wirtschaft und zwei, drei Quotenfrauen mitmachen durften: quasi die neue Kaste einer kulturpolitischen Oligarchie. Bevor das Fußvolk, die Künstler, Kulturschaffenden, Kulturvermittler aus der Region die Chance bekamen, ihre Ideen zu einer regionalen Kulturpolitik einzubringen, war längst alles entschieden. In dem großspurigen Programmentwurf Industrie, Kultur und die Menschen von morgen. Ein neues Profil für die Kulturregion Ruhrgebiet – Kunst, Kultur und Wirtschaft im Strukturwandel des Ruhrgebiets auf dem Weg in die Zukunft hieß es auf mehr als nur das jährliche 10-Millionen-DM-Regionalkulturbudget zielend: "Nicht zuletzt durch die Initiative Regionalkultur der gegenwärtigen Landesregierung und mit Blick auf die internationale Konkurrenz der Regionen entstand in den letzten Jahren verstärkt der Wunsch, durch Bündelung der Kräfte das Kulturangebot des Ruhrgebiets in seiner Gesamtheit zu profilieren und weiterzuentwickeln. (...) Es besteht bei den handelnden Akteuren Einigkeit darüber, daß dafür eine 'regionale Organisation' geschaffen werden muß, in deren Mittelpunkt der Kommunalverband Ruhrgebiet (KVR) steht. Deshalb wird (...) unter der Bezeichnung 'Kultur Ruhr GmbH' eine Gesellschaft gebildet, in der neben dem KVR (Kommunalverband Ruhrgebiet, G.H.) der Verein pro Ruhrgebiet (VpR) als Sammlungsorgan kulturbewußter Unternehmen im Revier und die Internationale Bauausstellung Emscher Park (IBA) (...) die Gesellschafter sind."

Schon bald lagen allerhand Pläne, Projekte und Pressemappen vor, aus denen hervorging, daß sich die Wortführer der Kulturrevolte von oben regionale Kulturpolitik vor allem als privatistische Planer- und Verwalter-Chefsache vorstellten. Kulturfernen Wirtschaftsunternehmen räumte man im Rahmen dieser Vorgehensweise früh großen Einfluß ein, nicht aber den Künstlern und Kulturvermittlern der Region. Immerhin, ab Ende1997 durften letztere dann doch noch die demokratische Endstufe zünden: Indem sie Anträge auf Förderung ihrer Kunstprojekte stellten, in deren Rahmen sie die Vorstellungen der Kultur Ruhr GmbH in nachhinkendem Gehorsam möglichst sorgfältig berücksichtigen sollten.

"Der TUI ist der Intellektuelle dieser Zeit der Märkte und Waren. Der Vermieter des Intellekts", schreibt Brecht. Und eben solche Tuis haben sich der regionalen Kulturförderung inklusive ihrer Gelder gründlich angenommen. Unter ihrer Kontrolle und Richtlinienkompetenz plant man zur Zeit internationalen Highlight-Wanderzirkus und ein Einwegkultur-Eldorado an der Ruhr. Im Rahmen einer global sich zeigenden Festivalisierung der Stadtpolitik überrascht solches Vorgehen nicht, schließlich gab's 'City-Marketing'-Vorlaufmodelle zuhauf in Berlin, London und anderswo. "Ein gemeinsames Merkmal dieser Strategie ist die Schaffung von Sonderorganisationen (...). Dazu werden die (angeblich, G.H.) engagiertesten und kreativsten Mitarbeiter in task-force-Organisationen zusammengefaßt. Die anderen bleiben in der Linienverwaltung zurück. Damit wird die öffentliche Verwaltung qualitativ polarisiert in eine lahme für den Alltag und eine brillante für das große Ereignis. (...) Die Festivalisierung der Politik und ihre organisatorischen Konsequenzen führen zu einem Brain-drain des normalen politisch-administrativen Systems, der auch in neuen Positionen und besserer Entlohnung institutionalisiert wird. Die Sonderorganisation dient dazu, privatwirtschaftliche Management-Methoden, Erfolgsorientierung und all das, was gemeinhin mit 'Professionalität' umschrieben wird, in der politischen Führungsebene zu verankern, und möglichst jenseits demokratischer und verwaltungsmäßiger Kontrollen (...)." (Häußermann/ Siebel)

"Aber nicht nur die 'Freien', sondern auch die 'Etablierten', nämlich die kommunalen Kulturpolitiker im Ruhrgebiet reagieren mit Argwohn auf die Formel 'Regionale Kulturpolitik'", schreibt der engagierte Gelsenkirchener Kulturdezernent H. Peter Rose. "Sie befürchten, leer auszugehen und fühlen sich ins kulturpolitische Abseits gedrängt, falls die vom Land bereitgestellten Finanzmittel ausschließlich für wenige repräsentative Image-Projekte, sprich 'Highlights' verwendet werden sollten. (...) Es ist also höchste Zeit, durch einen Diskurs Klarheit zu schaffen über Ziele, Inhalte, Verfahren und Förderkriterien. Leider wurde hierzu eine Chance auf dem Bochumer Symposion ('Regionale Kulturpolitik im Ruhrgebiet' am 20. Mai 1997, G.H.) vertan, weil der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Kultur Ruhr GmbH, IBA Geschäftsführer Professor Dr. Karl Ganser, unmittelbar nach seinem exzellent zugespitzten und provozierenden Statement die Veranstaltung verlassen mußte und somit seine Position in der Diskussion nicht vertreten konnte. Nach Ganser soll die Kultur Ruhr GmbH 'Ideen, Konzepte und Aufträge möglichst im Wettbewerb und in Alternativen' formulieren und 'nach dem Prinzip der Auftragsförderung' verfahren, denn: 'Mit dem schmalen Budget der regionalen Kulturarbeit können nur wenige Impulse von kräftiger Qualität das Ziel sein.'" (Ruhrgebiet – Kulturgebiet)

Mit Vollgas in die vierspurige Sackgasse: Kulturpolitik als Wurmfortsatz der Wirtschaftsförderung

Finanzmärkte, Spekulanten und Großindustrie steuern die soziale Marktwirtschaft in die Krise. Eine entfesselte Weltwirtschaft treibt Staaten und Menschen in den Ruin. Arbeitslosenquoten in Richtung 20 Prozent, Rationalisierungen, feindliche Übernahmen auch erfolgreicher Unternehmen zum Zwecke der 'Marktbereinigung', Steuerboykott, Kapitalflucht und Verlagerung von Produktionsstätten ins Ausland sind der sichtbare Beweis. Die so auch erzwungenen Kürzungen öffentlicher Haushalte degradieren Politiker zu bloßen Statisten und Mängelverwaltern beim Abbau des Sozial- und Kulturstaates, auch deshalb, weil die allermeisten von ihnen keine politischen Alternativen zum neoliberalistischen Marktfundamentalismus zu formulieren wagen, sondern nur noch die von ihm erzeugten Mängel verwalten.

Die Prognosen sind mehr als düster. In ihrem Buch Die Globalisierungsfalle. Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand berichten die SPIEGEL-Redakteure Martin und Schumann von einer Tagung, die im September 1995 in San Francisco mit 500 führenden Politikern, Konzernchefs und Wissenschaftlern aus aller Welt stattfand und fassen deren zynische Vorhersagen für das 21. Jahrhundert so zusammen: "Die Einschätzung der Weltenlenker ist verheerend: Nur mehr ein Fünftel aller Arbeitskräfte werde in Zukunft benötigt. Der überwältigende Rest – 80 Prozent – müsse mit 'tittytainment' bei Laune gehalten werden, einer Mischung aus Entertainment und Ernährung am Busen ('tits') der wenigen Produktiven."

Obwohl also die ökonomischen und ökologischen Abgründe einer asozialen Marktwirtschaft immer eklatanter sichtbar werden, gibt es nach dem Zusammenbruch des stalinistisch geprägten Realsozialismus hierzulande strenge Denk- und Diskussionsverbote in Richtung jeder Art von sozialer Utopie. Groteskerweise war es ein CDU-Politiker, der als einer der ersten auszusprechen wagte, wie die Phrase vom 'Umbau des Sozialstaates' – und man muß hinzufügen: des Kulturstaates – im Klartext zu verstehen ist. WAZ-Titelseite, 13. 3.1997: "Geißler warnt vor einem 'Klassenkampf von oben'. (...) 'Neo-Kapitalisten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft machen Druck auf den Sozialstaat' sagte Geißler (...). Das Ziel seien amerikanische oder englische Verhältnisse des Heuerns und Feuerns. Wer jedoch Kapitalismus pur auf seine Fahnen schreibe, müsse 'die Folgen tragen'. Tatsache sei, 'daß in den USA 40 Millionen keinen Krankenschutz haben, Armut selbst in der Mittelschicht grassiert, mittlerweile eine vierfach höhere Kriminalität als bei uns herrscht'. In England 'hangeln sich zwei Drittel der Arbeiter mit Gelegenheitsarbeiten von Job zu Job.'"

Um der Wirtschaftskrise zu entkommen, so schlägt man hierzulande aber rein systemimmanent vor, müsse man eben genau jener Wander-Wucherwirtschaft der Spekulanten, Finanzmärkte und transnationalen Konzerne noch einmal Investitionsanreize bieten, die nie wirklich bereit war, für gerecht entlohntes Personal, Steuern und Sozialleistungen ihre Gewinne zu schmälern und deshalb die Region längst verlassen hat. Bequemer und profitabler kann man schließlich ohne Gewerkschaften, Gewerbeaufsicht und Grüne in Singapur oder Ungarn produzieren lassen.

Politik hierzulande aber gibt sich naiv und tut so, als ob man die nomadisierenden Egotripper in Nadelstreifen über Subventionen, Sozialabbau, Abschaffung profitfeindlicher Vorschriften und Gesetze vielleicht noch ein letztes Mal zum Hierbleiben oder Wiederkommen animieren könnte. Zu einer effektiven Wirtschaftsförderung – so halluziniert man – gehöre sozusagen als Zugabe auch eine Neuordnung der Kunst- und Kulturlandschaft im Sinne der Wirtschaft und ihrer leitenden Angestellten. So etwas heißt dann in schlechtem Deutsch: "Attraktivierung" einer Stadt oder Region durch Kunst und Kultur, Standortvorteile gewinnen durch – genau! – weiche Standortfaktoren. Kunst- und Kulturförderung werden ausschließlich unter dem Primat der Wirtschaftsförderung gesehen. Dabei könnte man es selbst in dieser Region besser wissen. Schon im Januar 1994 kritisierte Richard Serra bei der Verleihung des Lehmbruck-Preises in Duisburg die Eindimensionalität einer nur von der (Kultur-)Industrie geformten und geförderten Kunst: "Die amerikanische Kultur sei längst unter die Kontrolle von 'Profitmachern und Konsumenten' geraten, deren Politik zur 'Unterdrückung' der Künstler in allen kulturellen Gattungen führe, die ein Hindernis für die 'Kommerzialisierung der Kunst' darstellen." (WAZ, 14.1.1994)

Dennoch, hierzulande plant man jetzt energisch, die US-amerikanischen Fehler in großem Stil noch einmal zu machen. Alles, was der Wirtschaftsförderung, dem weiteren Ausverkauf des Staates an die Wirtschaft – auch auf Umwegen – dienen könnte, wird vorangetrieben. Alles, was unter Aspekten der Wirtschaftsförderung oder Wirtschaftlichkeit in Kunst und Kultur nur noch Ballast zu sein scheint, wird abgeschafft. Kunst und Kultur sollen für die Wirtschaft auf den Strich gehen und für sie anschaffen helfen. Als Schlagzeile firmiert das dann unter "Die Kultur soll den Strukturwandel im Ruhrgebiet vorantreiben", (WAZ, 5.7.96). Ausgerechnet. Am liebsten hört man zur Zeit Nachrichten wie "In der NRW-Reisebilanz des letzten Jahres ist das Ruhrgebiet eindeutig der Gewinner. 13,4% mehr Gäste als 1995 – für Kulturtourismus (...) ist das Revier zu einer guten Adresse geworden. Attraktionen wie die Musicals und der Filmpark locken Besucher nicht nur zu Tagestrips an. Rund um die Bottroper Movie World stieg die Übernachtungszahl um 25 %." (WAZ, 27.2.97) Daß dabei zwischen 'Movie World', Musicals und dem geflissentlich vergessenen 'Centro Oberhausen' von Kultur überhaupt keine Rede sein kann, sondern nur von blankem Konsum, möchte angesichts inszenierter Aufbruchsstimmung und eines verordneten Wir-Gefühls niemand mehr laut sagen, um nicht als Spielverderber oder Nestbeschmutzer zu gelten.

Und wenn doch, verbindet man seine Einsichten am besten mit dem Gang in den vorzeitigen Ruhestand. So der Rektor der Folkwang-Hochschule Essen, Prof. Dr. Wolfgang Hufschmidt, der im August 1996 in einem WAZ-Interview auf die Frage, wie unsere Gesellschaft Kultur definiere, immerhin antwortete: "Sie definiert Kultur immer mehr als Sponsorenkultur. Es wird privatisiert, als wenn es um die Bundesbahn ginge. Bei Sponsoren steht letztlich das Image des Förderers im Vordergrund. Entertainment und eine diffuse Religiosität ersetzen heute Werte. Über Inhalte wird nicht mehr gesprochen." (WAZ, 18.7.96) Ganz anders der Chef der Landeseinrichtung IBA und die graue Eminenz der Kulturpolitik im Revier, Prof. Dr. Karl Ganser. Gegenüber der WAZ fordert er unverdrossen "mehr Unternehmenskultur und Liberalität. Der Boden für die Kultur müsse bereitet und abgesichert werden. Zusammenarbeit, Organisation und Werbung müßten verbessert werden" (5.7.96).

Der Geist soll endgültig kuschen vor Mainstream und Macht, vor Geld und Geltungssucht, vor international beglaubigter Spitzen- und Spaßkultur. Kunst und Kultur haben sich heutzutage ununterbrochen vor einer Politik zu legitimieren, die selten mehr ist als die Lobby von Industrie und Handel. Jede umgekehrte Begierde aber, die inhumane Wirtschaftssphäre durch Intellektuelle, also auch durch die Künstler oder Kulturschaffenden kritisieren zu wollen, gilt als altlinke Altlast, reif für den Schrottplatz der Geschichte. Ungeachtet aller Informationen zu Mißmanagement, Geldwäsche, Steuerflucht oder Wirtschaftskriminalität: Wirtschaft allein liefert heute den opinion leaders der Kulturpolitik die angeblich neuen, angeblich erfolgreichen Modelle für Kunst- und Kulturmanagement. Modelle von Budgetierung und Controlling, von Marktforschung und Marketing. Fragt sich nur, warum Künstler und Kulturfreunde sich immerzu Modelle aus Industrie und Handel aufzwingen lassen, die dort selbst zu nichts anderem als ökonomisch-ökologischer Dauerkrise und Menschenverachtung weltweit geführt haben. Konsequenter wäre es, deutsche Minus-Manager gleich zu vergessen und direkt von erfolgreichen japanischen Unternehmensideologen auch für die Bereiche Kunst- und Kulturmanagement abzukupfern. Nur vom Samurai lernen, hieße doch wirklich siegen lernen, oder?

Dem Kotau vor der Wirtschaft und ihren gewinnorientierten gesellschaftspolitischen und betriebswirtschaftlichen Modellen entspricht die endgültige Abkehr von allen demokratischen Ansprüchen einer sicher auch lange naiv-wurstelnden "Kultur für alle"-, "Kultur von unten"-Bewegung. Kultur ist heute auf keinen Fall mehr, wie der ganze Mensch lebt, sondern Kultur ist heute jede halbseidene Platitüde, die in Musicalsongs oder multimedialen messages verpackt, mediengerecht verkauft werden kann. Dem muß man mit Roberto Ciulli, dem Leiter des Mülheimer Theaters an der Ruhr, energisch widersprechen: "Es kann nicht sein, daß Wirtschaft und Kapital auf dem Feld der Kultur künftig das letzte Wort haben." (WAZ, 20.2.1998)

Fehlstart ins 3. Jahrtausend: Kulturpolitik von oben zwischen Größenwahn, "Ankündigungsgeschwätz" und dem "Menschen von Morgen"

Kulturpolitik im Ruhrgebiet muß umdenken, klar, weg von Kleinklein und lokal-borniertem Kirchtumsdenken. Aber lautet die Alternative wirklich: Festivalitis, Repräsentatitis, kulturelle Scheinblüte und name-dropping bis zum Größenwahn? Gegenüber der WAZ noch einmal Ganser (17.7.96): "Vor lauter Breite, etwa im Kulturangebot, laufe das Revier Gefahr, daß man die Spitze nicht sieht." Das mußte natürlich anders werden, und zwar so anders, daß man bald vor lauter Spitzen- keine Breitenkultur mehr sehen dürfte.

Die schon aus dem Papier Industrie, Kultur und die Menschen von Morgen bekannten handelnden Akteure jedenfalls fühlen sich – drunter tut man's ja nicht – "im Blick auf die internationale Konkurrenz der Regionen" aufgefordert, im Rahmen regionaler Kulturpolitik "höchste Qualität nach internationalen Maßstäben zu fördern", "hohes Niveau" zu präsentieren und "Qualifizierung in der Region zu leisten".

Dabei erwachsen aus den kritiklos akzeptierten Vorgaben der Wirtschaftsförderung und den Sparzwängen der öffentlichen Haushalte zwei Trends, die nicht mal am Rande mit moderner Kulturpolitik zu tun haben: Auf der einen Seite wird de facto und rigoros an der kulturellen Grundversorgung gekürzt, auch wenn bei Sonntagsreden und Lippenbekenntnissen das Gegenteil verkündet wird. Die Schreckensmeldungen dazu sind bekannt. Auf der anderen Seite werden mit immensen Subventionen der öffentlichen Hand Kommerz-Kultur-Mogule hofiert und flankierend dazu eine in Teilen sicher überfällige, in Teilen aber auch völlig verfehlte Modernisierung des Kunst- und Kulturbetriebes im Ruhrgebiet vorangetrieben, indem man u.a. vorgibt "im Ballungsraum ein regionales Kulturmanagement auf neuem anspruchsvollem Niveau (zu) entwickeln" (WAZ, 5.7.96).

Im Rahmen dieses Modernisierungsmagermixes irgendwo zwischen Marketing und Städtetourismus wurden auch über Sprache kulturpolitische Positionen besetzt, Macht und Geld in den Institutionen neu verteilt, Krisengewinnler- und Krisenverlierer-Rollen zugewiesen. Auch die Kaste der neuen Kulturmanager mußte sich noch profilieren und ihre Pfründe sichern; schließlich wurden in Mülheim, Bochum und anderswo schon ganze Kulturämter und -dezernate wegrationalisiert.

Die neue-alte Sprache der vorgeblichen Modernisierer ist von daher nicht zufällig eine sich nur demokratisch gebärdende Sprache der Macht, also immer auch eine Sprache des "Dummdeutsch" wie es nach einem Buchtitel des Schriftstellers Eckhard Henscheid heißen müßte. Die wohlbestallten Modernisierer in ihrer grenzenlosen Inkompetenzkompensationskompetenz (Odo Marquard) drängen ihre Gegner zur Zeit nicht zuletzt mit Hochglanzvokabeln aus der Werbebranche in die Defensive, denn sie halten nur sich selbst für wackere Kämpfer auf der Seite des Fortschritts, für die Generalisten mit der Aura der Kultur-Stararchitekten. Ihnen kommt es zur Zeit gar nicht darauf an, sog. neues Denken wirklich zu stimulieren, sondern es geht vor allem darum, neues Denken öffentlichkeitswirksam nur zu simulieren. "In einem System gibts keine Ferien", formulierte einst Jean Paul. Zur Sprache der Modernisierer gehört deshalb ein lückenloses Repertoire recycelter Worthülsen und Denkblasen. Die Broschüren und Konzepte Zeichen setzen. Zeichen geben., kultour Herbst '96, Industrie, Kultur und die Menschen von Morgen machen geradezu unverschämt inflationären Gebrauch von "Neo- und Zeitlosquatsch", von "verbalem Imponiergewurstel bei gleichzeitiger Verschleierungs- und Verhöhnungsabsicht" (E. Henscheid). Zitat zum Emscher-Landschaftspark: "Auf den Reißbrettern der Planer entsteht eine Stadt-Landschaft neuen Typs, Grundlage für neue Lebens- und Arbeitskultur." Klingt das nicht ein bißchen wie Fünfjahresplan, DDR 1980?

Tatsächlich gipfelt das ganze Wortgeklingel aus der Phrasendreschmaschine des öfteren in militaristischen Sätzen, die deutlich machen, daß es um die Definitionsmacht im Bereich Kulturpolitik gehen soll. Etwas O-Ton gefällig? "Eine 'regionale Kulturoffensive' soll den Strukturwandel stützen und eine neue Urbanität schaffen." Und dazu muß man "das gesamte Ruhrgebiet mit Stützpunkten des kulturellen Lebens durchsetzen", dafür wiederum war und ist natürlich "logistische Generalstabsarbeit zu leisten" (kultour Herbst '96).

Die Autorin Christa Wolf hat einmal gesagt: Sprachmuster transportieren Denkmuster. In welchen Denkmustern denken die selbsternannten Modernisierer? Ich vermute: Letztlich nur noch in solchen, die – entliehen aus der Wirtschaft und ihrem Handelskrieg – Kulturpolitik vor allem als Kampf um Geld, Investoren sowie marktgängige Kunst- und Kulturprodukte sehen. Kunst und Kultur interessieren zur Zeit nur noch unter der Prämisse, daß mit ihrer Hilfe Arbeitsplätze geschaffen oder angelockt werden. Der Rest ist Ausnahme von der Regel. Kunst und Kultur sollen sich also im neuen Ruhrgebiet vor allem verkaufen bzw. die Architektur-, Avantgarde- und Multimedia-Kunst-Kulissen liefern, in deren Schatten sich Industrielle, Banker und Händler bei ihren Geschäften hoffentlich so wohl fühlen, daß ein Teil des verhandelten Geldes vielleicht auch im Ruhrgebiet bleibt. Im Rahmen dieser Wunschvorstellungen ist sogar Modisch-Widerständiges und importierte Avantgarde durchaus erwünscht, natürlich nur echt mit dem Weltniveau-Gütesiegel. Zumindest die Illusion von der Freiheit der Kunst soll ja erhalten bleiben. Sozial verantwortliche Kunst und Kultur allerdings werden neben Kommerz und Repräsentation, neben Kunstangeboten für die Pseudoeliten, neben der Erlebniskultur für die Sich-Berauschenden nur noch als kleine Biotope eingeplant. Man bereitete sich schließlich mehr oder minder heimlich auf Olympia im Ruhrgebiet vor (neuerdings, nach der Olympia-Absage, nun auf die 'World Games'). Und in Atlanta oder Barcelona hatte man vor den Olympiaden die Ärmeren und Deklassierten aus den Innenstädten gefegt und an den Attrappen für Touristen und Mastercard-Matadore gebaut. The winner takes it all.

Außerdem: Wer als "Planer am Reißbrett" eine Zukunft mit dem "Menschen von Morgen" entwirft, ja der kann bei so viel Planungsekstase und hybrider Schöpfungsphantasie schon mal die Gegenwart und die Menschen von heute aus den Augen verlieren. Größenwahn ist eben immer die Kehrseite eines gehörigen Minderwertigkeitskomplexes. Und warum sollte man den Menschen und Künstlern der Region vertrauen, wo es nur noch um "Weltmusiktage" oder um die "Weltavantgarde des Theaters als Dozenten" im Ruhrgebiet geht, um ein "Veranstaltungsszenario", welches "höchste Maßstäbe" erfüllt. Die hiesigen Künstler und Kulturproduzenten konnte man sich da allerdings – von ein paar Vorzeige-Ausnahmen abgesehen – nur noch als Nachhilfeschüler vorstellen: Obwohl sie seit Jahrzehnten einfallsreich mit Minimalförderung und schlechten Rahmenbedingungen arbeiten, hält man ihnen gerne vor, daß es heutzutage um "intelligente Lösungen" gehe. Deshalb werde ja das neue Kulturmanagement der Modernisierer gebraucht: Das werde die Künstlerinnen, Künstler und kulturellen Einrichtungen im Ruhrgebiet schon "vernetzen", "qualifizieren", "stimulieren" und so von außen "freisetzen". In Abwandlung eines Tagebuchsatzes von Max Frisch ließe sich sagen: Die ruhrgebietlerische Angst, schon Provinz zu sein, bloß wenn man einen Ruhrgebietler ernst nähme; nichts ist provinzieller als diese Angst.

Das Gute kann nur von außen kommen, auch das Teil des Minderwertigkeitskomplexes hierzulande. So durfte etwa André Heller auf einer Pressekonferenz im Februar '97 ein Projekt vorstellen, von dem nun wirklich noch keiner wußte, wie es eigentlich aussehen sollte. Aber Hauptsache, man brachte erst einmal Heller ins Provinzdunkel, dann versprach der damalige NRW-Wirtschaftsminister Clement auch gleich, daß "80 Millionen Mark" eine realistische Größenordnung für Hellers Projekt seien, während der selbst wiederum nur schwafelte "Ankündigungsgeschwätz finde ich unerträglich", dann aber doch schon mal gottgleich ankündigte, daß er auf dem alten Bochumer Krupp-Gelände "einen paradiesischen Splitter in die zerstörte Landschaft werfen" wolle. "Es wird eine Schule der Sinnlichkeit, wie es sie bisher nirgendwo gibt. (...) Ich rede darüber sehr viel mit sehr begabten Menschen." Gemeinsam wolle man in Bochum "Ideen verwirklichen, die auch für Rom, Wien oder Rio gelten könnten: ein Epizentrum der Qualität und der ökologischen Schönheit. Ich bitte sie, das wirklich so zu glauben". Immerhin kommentierte die WAZ im selben Artikel (21.2.97): "Nichts Genaues sagt er nicht." Ob Heller aber überhaupt noch wußte, was er sagte? Oder galt auch für ihn das Brecht-Wort "Unsichtbar macht sich die Dummheit, indem sie sehr große Ausmaße annimmt. Ganz ungereimte Behauptungen sind unwiderlegbar" (Der Tui-Roman. Fragment)? Denn "Epizentrum" meint laut Duden einen "senkrecht über dem Erdbebenherd liegender Erdoberflächenpunkt". Vielleicht arbeiteten KVR oder IBA ja schon an einem Slogan wie "Schneller dämmert uns mit Heller, daß sich's oben sorgenfreier lebt, wenn's drunter einmal kräftig bebt"?

Noch mehr Dummdeutsch für Anfänger

Daß die Sprache der Modernisierer und ihrer importierten Wunderheller – pardon: Wunderheiler – nicht nur militaristische Konnotationen enthält, sondern geradewegs ins "Epizentrum" der Dummheit weist, mag eine nun wirklich nicht vollständige Liste ihrer Lieblingswörter ergeben. Als da wären:

"Bewegung, Dynamik, Erneuerung, flächendeckend vernetzen, Herausforderung, Impulse zum kulturellen Schulterschluß, Innovation, innovatives Niveau, Kräfte und Fähigkeiten bündeln, Kreativität, Kulturmarketing, Landmarke, Landschaftspark, Leitbilder, Masterplan, Motor des Strukturwandels, multimediale Projekte, neue Organisationsformen, Phantasie, Potential, Profil entwickeln, Qualifizierung, Sensibilität, Synergie, Urbanität, Vision, Vitalisierung, Wille zur Konzentration, Zeichen setzen...".

Viel von diesem "Rauschen der Sprache" (Roland Barthes), viel von dieser wichtigtuerischen Brühe hat Eckhard Henscheid bereits 1993 in seinem Buch Dummdeutsch lächerlich gemacht. Ich muß also nur noch zitieren.

Zum Beispiel das Stichwort ...

"... Innovation: Plötzlich und kaum mehr abweisbar war auch dieses Wort da. Nicht mehr ganz zu ergründeln, ob es ein Architekt, ein Hochglanzdesigner oder ein allgemeiner Scharffortschrittskulturschwätzer war, der es zu verantworten hat. Macht und Einfluß des Wortes neigen sich aber schon wieder zum Verweslichen hin: r.i.p."

Zum Beispiel das Stichwort ...

"... Marketing: Ursprünglich Eingeweihten-Deutsch aus dem Bereich Werbung und Public Relations; nämlich für die Gesamtheit der Maßnahmen, die alle betrieblichen Funktionen auf den Absatz, auf den Markt und auf den Kunden abrichtet. Mittlerweile ist der Begriff so zum allgemeinen Schrott-Deutsch verkommen – daß sich vornehmere Bereiche der Werbebranche mit der noch etwas geriebener, ja fast durchtriebener tönenden Kreation ® Merchandising schadlos halten."


"Neue" Kulturpolitik der Region und die Abwertung des Bestehenden: Die sog. kulturelle Infrastruktur wurde zur Abwicklung freigegeben?

Nach Meinung der selbsternannten Modernisierer sind die meisten bestehenden Kultur-Verwaltungen, -Institute oder -Zentren – außer denen der Modernisierer selbst natürlich – in ihren Konzeptionen, ihren Angeboten und ihrem Know-how "veraltet", "verkrustet", also borniert ...

"Kulturelle Strukturen möglichst stabil zu halten, gehört zu den Kennzeichen der Kulturpolitik im Ruhrgebiet. (...) Die Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre vorherrschende, teils zögerliche, teils ablehnende Haltung von Politik und Verwaltungen, alternative Kulturarbeit zu akzeptieren oder gar zu fördern, beruhte auf einem institutionellen Konservatismus, der mehr auf Bewahrung denn auf Bewährung setzte." (Broschüre Zeichen setzen, Zeichen geben) Aus dieser durchaus zutreffenden Analyse wird heute geradezu ein Rotstift-Allround-Argument: Was in den 70er Jahren für eine bleierne kommunale Kulturpolitik galt, soll in den 90er Jahren auch für die Einrichtungen der sog. kulturellen Grundversorgung, für die Soziokultur und die freie Kunstszene im Ruhrgebiet gelten.

Anfang Dezember 1996 schrieb IBA-Chef Ganser in Unkenntnis (?) der Leistungen und Arbeitsbedingungen freier Träger an die Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren: "Kultur war immer voller Dynamik und mit dem Prinzip verbunden: 'Neues verdrängt Altes'. Es wäre vermutlich zu unkulturell gedacht, wenn man diese Dynamik nicht wollte. Ich halte auch wenig von einer Position, die da lautet: 'Erst habe die öffentliche Hand die Grundversorgung zu sichern, danach könne man an Regionalkultur denken'. In Zeiten, in denen alle bestehenden Aufgaben auf Notwendigkeit und Effizienz befragt werden, also Aufgabenkritik angesagt ist, müssen natürlich auch alle Einrichtungen der kulturellen Grundversorgung auf den Prüfstand. (...) Wir haben uns aber vollgefressen durch das Wachstum der bestehenden Einrichtungen und durch die Addition neuer, weshalb wir uns eben nicht mehr weiter ausbreiten können. Das Umverteilen ist aber schmerzlich und eigentlich haben wir es noch nicht gelernt."

Wir haben uns vollgefressen??? Verwechselt Guru Ganser da seine Reisen zu den A-là-carte-Menues weltweiter Architektur nicht mit der Schmalhans-Küchenmeister-Kost, die soziokulturelle Zentren, gemeinnützige Kulturvereine und freie Künstler zu sich nehmen, wenn sie bis an die Grenzen von künstlerischem Engagement und Selbstausbeutung gehen? Die freie Szene jedenfalls leidet nicht unter Subventionsblähungen. "Lean administration", schlanke Verwaltung muß hier nicht eingeführt werden. Magerer ausgestattet als zum Beispiel die freie Kinder- und Jugendtheaterszene, als manche gemeinnützigen Kunsthäuser oder die Literaturbüros kann man gar nicht sein.

Wer Widerspruch anmeldet, dem unterstellt man ausschließlich Eigeninteressen, "Selbsterhaltungstendenzen" und "Beharrlichkeit, mit der reformatorische Veränderungen (...) abgelehnt werden". Dem kopflosen Ausbau des öffentlichen Kulturbetriebes in der 70er Jahren soll nach den Vorstellungen Gansers & Co. nun der kopflose Abbau in der 90ern folgen: Weg mit funktionierenden Zentren, Büchereien oder Kulturbüros; her mit den freiwerdenden Subventionen für das kulturelle face-lifting des Ruhrgebiets. Bürgerbeteiligung ist bei dieser "Modernisierung" des kulturellen Lebens nicht gefragt; Künstler und kulturpolitische Initiativen aus dem Raum freier Gruppen scheinen im Übergang zu einer Kultur-light- , 'Tittytainment'-, Festival- und Fun-Gesellschaft nicht mehr up-to-date. Jetzt geht es eben nur noch darum (um H. Peter Rose noch einmal sinngemäß zu zitieren) zu zeigen, was das Ruhrgebiet sich leisten kann, nicht, was es zu leisten imstande wäre.

Rolle der freien Kulturinitiativen im Ruhrgebiet

Freie Gruppen, Initiativen und Zentren waren es aber, die gemeinsam mit anderen in den letzten Jahrzehnten Kulturpolitik im Ruhrgebiet kritisch erneuert haben. Zwischen produktiver Provinzialität ("Die Provinz ist ein guter Ort", Max Frisch) und Sehnsucht nach mehr Urbanität (re)präsentieren und vermitteln sie die Vielfalt von Kunst und Kultur, das darin zu entdeckende Widerständige und Neue, aber auch bewahrenswerte Traditionen.

Durch die Kontinuität und Professionalität ihrer Kulturprojekte haben freie Gruppen, Initiativen und Zentren für Austausch und Auseinandersetzung zwischen Künstlern und Kulturmachern in der Region gesorgt und dem kulturellen Leben im Ruhrgebiet immer wieder wichtige Anregungen gegeben.

Freie Gruppen haben kulturpolitische Veränderungen im Ruhrgebiet nicht nur gefordert, sondern auch getragen. Der Gedanke, alte Gebäude, Zechen und Bahnhöfe nicht abzureißen, sondern neu zu gestalten und zu beleben, wurde durch freie Gruppen und Bürgerinitiativen erst geprägt und in die Tat umgesetzt. Die Forderung nach Erhalt unabdingbarer kultureller Grundversorgung und der Förderung freier Gruppen, Initiativen und Zentren bleibt also bestehen, wenn es bei "neuer" Kulturpolitik nicht allein um Kommerzmassenkultur hie und Edel-Avantgarde für Geld- oder Bildungs-Eliten da gehen soll.

Natürlich wissen wir: Die Sicherung der kulturellen Grundversorgung und der freien Szene kann und soll nicht über neue Modelle und Gelder wie die zur regionalen Kulturförderung betrieben werden, wohl aber hätten die freien Gruppen, Zentren und Initiativen mit ihrer erfrischenden Kompetenz in diesem neuen Politikfeld und seinen Fördereinrichtungen vertreten sein sollen, um einen Rest von demokratischer Willensbildung im Rahmen regionaler Kulturförderung zu gewährleisten. Diese angemessene Beteiligung in den entsprechenden Strukturen der neuen Kultur Ruhr GmbH aber hat nicht stattgefunden. Wenn hier beim Nachdenken über Formen und Inhalte neuer Kulturpolitik Weichen gestellt werden sollten, so genügte es den freien Gruppen nicht, daß hier ohne sie und über sie hinweg diskutiert wurde. Demokratisierung und Transparenz müssen Bestandteile neuer Kulturpolitik sein. Daß die Kultur Ruhr GmbH schließlich einen Mentor für das sog. "Freie Feld" in ihrem Aufsichtsrat einsetzte, der den Kontakt zur freien Kunst- und Kulturszene hielt, ihre Anträge im Aufsichtsrat vorstellte, war nur noch kulturpolitisches Alibi. Der versprochene Konsens und Dialog in der neuen regionalen Kulturpolitik wurden niemals hergestellt. Insgesamt erwies sich der Gremien- und Persönlichkeiten-Apparat der Kultur Ruhr GmbH als verlängerter Arm einzelner kommunaler Kulturpolitiker und der IBA-Interessen. Doch Mitbestimmung bei der Kultur Ruhr GmbH wäre auch nur die eine Seite der Medaille gewesen. Das Ruhrgebiet brauchte mehr und anderes als diese GmbH, nämlich eine kontroverse öffentliche Diskussion über die Rolle von Kunst, Kultur und Kulturpolitik im Wandel; auch diese Diskussion ist nie zugelassen worden.

Es wird deshalb Zeit, die strittigen Konzepte neuer regionaler Kulturpolitik endlich anzubinden an die kulturelle, künstlerische und menschliche Kompetenz des Ruhrgebiets selbst. Jeder will im Ruhrgebiet mehr Urbanität, internationalen Austausch, mehr geistige Auseinandersetzung gegen den vorherrschenden Mief. Aber so lange man die Menschen hier, die Künstlerinnen und Künstler, die Über-Lebenskünstler und Kunstfreunde nicht ernst nimmt, nur beschult und beschallt, nur bevormundet und nicht als mündige Partner betrachtet, nur als Abnehmer aber nicht als Gestalter der Kultur im Ruhrgebiet sieht, wird es damit nichts. Bei dem Versuch des Krupp-Managements, Thyssen Stahl zu übernehmen, konnte man von Streikenden zum ersten Mal Losungen hören wie: Lieber ein Stahl-Light als Starlight.

Natürlich will und muß auch die freie Szene immer neu "Aufgabenkritik" betreiben und sich und ihre Einrichtungen auf neue Anforderungen einstellen. Natürlich muß zum Beispiel auch die Soziokultur darauf achten, daß sie nicht zum Altenreservat für Ex-68er bis -78er wird. Eine apodiktische Ablehnung jeglicher Veränderung von Kunstszene und Kulturpolitik wäre also falsch. Es lebe der Facettenreichtum und auch das oft verhöhnte Gießkannenprinzip. Warum nicht Les Miserables in Duisburg im Vorfeld mit weniger Millionen subventionieren und dafür ein Jugendzentrum mit Kulturangeboten für die türkischen Jugendlichen aus dem benachbarten Stadtteil Hochfeld einplanen? Warum nicht Tetraeder auf Halden bauen und für den Erhalt der Stadtteilbibliotheken sorgen? Warum nicht die Besucher der soziokulturellen Zentren ans Aalto-Theater heranführen und vice versa. Warum nicht die städtischen Bühnen für die freien Theatergruppen öffnen?

Kulturpolitik hat für die Freiräume von Kunst und Kultur zu kämpfen, nicht Sparzwänge zu vollstrecken und sich zum Business ins Lotterbett zu legen. Im Grunde kommen die unintelligenten Lösungen zur Zeit von den Machern der neuen Kulturpolitik. Sie haben sich schon abgefunden mit dem Niedergang der sog. kulturellen Grundversorgung und dem Außerachtlassen der freien Kunst- und Kulturszene zugunsten der neuen Kulissen- und Kommerz-Kultur.

In der Kulturpolitik ist Entweder-Oder-Denken aber eine Sackgasse. Ohne die Sicherung der sog. kulturellen Grundversorgung, ohne Überlebenshilfen für die freie Kunst- und Kulturszene bliebe neue regionale Kulturpolitik nichts als Fassadenmalerei an den Vorderfront eines Abbruchhauses. Hinter "Landmarken", "Ereignissen '99" und Festivals 2000 von angeblich internationalem Niveau fände der durchreisende Städtetourist, wenn er nur mehr als ein, zwei Tage bliebe: eine triste Stadt- und Menschen-Landschaft, geistiges Vakuum, den Großteil der Menschen im sozialen Abseits. Die neue Ästhetisierung der Industriebrachen, Kohlehalden, Zechen und Stahlwerke tendiert leider auch dazu, die Region mit einer obszönen Schönheit zu überziehen, die uns alle eines Tages beschämen könnte. Und zwar vor allem dann, wenn immer mehr Menschen auf Dauer keine Chance mehr haben sollten, sich die Ästhetik dieser modern times anzueignen und zu verstehen. Weil sie arbeitslos sind, keine Alternativen zu Kabelfernsehen, Spielhalle und Sozialamt kennen, weil im Stadtteil die Bibliothek, das Schwimmbad und das Jugendzentrum geschlossen wurden. Zum ästhetischen Genuß gehört ästhetische Bildung. Zur Bildung gehören Bildungschancen und auch etwas Kleingeld. Es muß möglich sein, mehr als nur die Wahl zu haben zwischen Musicals in Metropolis und kultureller Ödnis in Katernberg.

Lassen wir uns nicht bluffen von der Arroganz und dem Dummdeutsch der kulturpolitischen Macher, zumal nicht einmal der Erfolg der allerorten forcierten neuen Kulturpolitik als annähernd sicher gelten kann. Häußermann/Siebel u.a. haben nachgewiesen, daß Events, Festivals, Großveranstaltungen wie Expos oder Weltausstellungen oft auch enorme negative wirtschaftliche Effekte haben. In der Regel werden sozial nur wenig abgesicherte, wenig qualifizierte Billigarbeitsplätze auf Zeit geschaffen. Zusätzliches Geld wird gar nicht freigesetzt, sondern Subventionen werden nur umgelenkt; zumeist mit der Folge, daß "weniger spektakelträchtigen Aufgaben die eh schon knappen Mittel entzogen werden". Dagegen verteuern sich die Eintrittspreise für Kulturveranstaltungen ebenso wie die Mieten in den Festival-Bezirken.

Und ich füge für den Kulturbereich hinzu: Vieles von den neuen regionalen Kommerztempeln und der Highlight-"Kultur" ist ja gar nicht regional angelegt, sondern bloß filialisiertes Entertainement einer international agierenden Kultur- und Freizeitindustrie. Welche Bürgerin oder welcher Bürger des Ruhrgebiets will und kann denn ernsthaft mehrfach Lloyd-Webber-Musicals besuchen, ohne Schaden für Intelligenz, Geschmack und Geldbeutel zu nehmen? Spätestens nach einem Besuch jedes Musicals in der Region dürfte die Attraktivität der Musicalhalls in Duisburg, Essen oder Bochum ein für allemal verbraucht sein, ebenso die der 'Movie World' in Bottrop. Was dann davon übrig bleibt, ist für einen Oberhausener oder Dortmunder nichts anderes als kaum mehr zu nutzende Kultur-Industriebrache. Die neuerdings gehäuft auftretenden Musicalpleiten (Gaudi, Gambler, Sunset Boulevard) müßten selbst jenen Kulturpolitikern, die sich nur noch als Subventionsbeschaffer der (Freizeit- und Kultur-)Wirtschaft verstehen, zu denken geben.

Und bitte: Komme mir niemand mehr mit dem Argument, meinesgleichen hielten Musicalbesucher oder Gäste der 'Movie World' für dumm, wir seien hoffnungslos befangen in abgehalftertem Kulturpessimismus. Nein, die Menschen hier sind nicht dumm, davon bin ich überzeugt. Verblüfft bin ich aber auch immer wieder von der Geschicklichkeit, mit der die Macher der Kultur- und Freizeitindustrie die Menschen für dumm verkaufen wollen, indem sie ihnen Dummes verkaufen und sich dabei gerne auf die "Akzeptanz" ihrer Produkte bei den Konsumenten berufen. Akzeptanz, ein Schlagwort, das all die gern im Munde führen, die sich populistisch auf die Fiktion des mündigen Bürgers berufen, auf den sogenannten gesunden Menschenverstand oder den unterstellten Massengeschmack. Hinter dieser scheinheiligen Anbiederung an den Bürger aber, das wissen sie genau, meint das Berufen auf Akzeptanz etwas ganz anderes: nämlich das Vertrauen darauf, daß die Diktatur des von Müllmedien, Politik und Wirtschaft hergestellten (also ruinierten) Geschmacks wieder einmal Kunst und Denken als Wagnis ersticken wird.

Machen wir dagegen ruhig einmal deutlich, daß auch nach dutzendjähriger Aufführung des Musicals Joseph die Menschen hier niemand ins gelobte Land geführt haben wird. Eher sind es schon die freien Zentren, die mit einem vielfältigen kulturellen und sozialen Angebot und praktizierter Selbstverwaltung intelligente Lösungen für die Bürger in Stadtteilen und Region bieten.

Rechnen wir ruhig einmal vor, daß jede Mark, die in die freie Szene investiert wird, auch Arbeitsplätze und (Über-)Lebensmöglichkeiten schafft: für Künstler, Veranstalter, Techniker, Drucker, Grafiker, Gastronomen ...

Rechnen wir ruhig einmal nach, ob es überhaupt stimmt, daß es die freie Kulturszene ist, die am Tropf öffentlicher Subventionen hängt, oder ob nicht vielmehr ungleich höhere Summen in offene/verdeckte Subventionen und horrende Steuervorteile für die Multis der Freizeitindustrie, für die Wirtschaft generell gesteckt werden. Weiß jemand von Ihnen, mit wieviel Millionen DM öffentlicher Kassen Musicals und 'Movie World' im Ruhrgebiet gesponsert wurden? Nein? Kein Wunder, darüber wird auch nicht laut gesprochen und Recherchen in dieser Hinsicht werden nicht gerade befördert.

Die beiden SPIEGEL-Redakteure Martin und Schumann schreiben dazu in Die Globalisierungsfalle: "Selbst wenn man die klassischen Subventionssektoren Landwirtschaft, Bergbau, Wohnungswirtschaft und den Bahnverkehr nicht einrechnet, kosten Wirtschaftssubventionen allein in der Bundesrepublik inzwischen vorsichtig geschätzt 100 Milliarden Mark im Jahr." "Genauso wahllos verteilen die Forschungsminister (...) das ihnen anvertraute Steuergeld. So strich etwa der Daimler-Konzern, der selbst derzeit keine Steuern (in Deutschland, G.H.) mehr zahlt, vom Bundesforschungsetat im Jahr 1993 über 500 Millionen Mark ein. Mehr als ein Viertel der gesamten Wissenschaftsförderung des Bundes kam damit einer Firma zugute, die mit den subventionierten Ergebnissen schon morgen am anderen Ende der Welt Geld verdienen kann, ohne daß auch nur ein deutscher Job dadurch geschaffen wurde." Sponserte Daimler also zukünftig selbst mit einer Millionen Mark ein kulturelles Großereignis, so wäre das beileibe keine großzügig mäzenatische Tat. Daimler zahlte damit nur einen Bruchteil der öffentlichen Gelder zurück, die über Subventionen und nicht gezahlte Steuern vorher dem Staat abgenötigt wurden – und hätte zusätzlich noch effektive Öffentlichkeitsarbeit gemacht.

Entwerfen wir dagegen lieber eigene humane Perspektiven für Kunst und Kultur im Ruhrgebiet. Denken wir selbst darüber nach, unter welchen Bedingungen Kunst und Kultur entstehen können. Lassen wir uns dabei von Kunst und Kultur inspirieren und nicht von der Wirtschaft und ihren politischen Kopflangern. Wir brauchen eigene Kulturentwicklungspläne für das Ruhrgebiet. Vielleicht unter der Überschrift: Arbeit, Kultur und die Menschen von heute.

Ich schließe, womit ich angefangen habe, mit einem Aphorismus von Francis Picabia, den wir natürlich ebenso zu beherzigen haben wie die Macher der rückwärtsgewandten neuen regionalen Kulturpolitik: "Arme Revolutionäre aus Pappmaché, wenn ihr unbedingt was stürzen wollt, dann stürzt zu Boden und schlaft mit dem Leben!"

Weiterführende Literatur:

  • Bertolt Brecht: Me-ti. Buch der Wendungen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1977
  • Häußermann, Hartmut/ Siebel, Walter: Die Politik der Festivalisierung und die Festivalisierung der Politik. Große Ereignisse in der Stadtpolitik. In: Festivalisierung der Stadtkultur. Stadtentwicklung durch große Projekte. Leviathan, Sonderheft 13/1993, S. 7-31. Westdeutscher Verlag, Opladen 1993
  • Henscheid, Eckhard: Dummdeutsch. Ein Wörterbuch. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1993
  • Herholz, Gerd: Kultursponsoring oder Die Kunst auf dem Strich. In: Frankfurter Hefte 2/1990, S.176-183
  • Ders.: Von der Schwierigkeit, auf einem Flickenteppich das Fliegen zu lernen oder Dilemmata der Literaturförderung. In: Die Literaturbüros in NRW. Dokumentation der Tagung "Wege der Literaturförderung". Düsseldorf 1994, S. 10-23.
  • Kaiser, Herbert (Hg.): "Es ist traurig, wenn man nichts behält als den Kopf". Jean Paul zum Vergnügen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1996
  • Köpf, Gerhard: Rede von der öffentlichen Hand und dem öffentlichen Hirn. In: neue deutsche literatur, Heft 511/1997, S. 185-199
  • Martin, Hans-Peter/ Schumann, Harald: Die Globalisierungsfalle. Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 19979
  • Rose, H. Peter: Ruhrgebiet – Kulturgebiet. In: Kulturpolitische Mitteilungen. Nr. 77, Bonn 1997

Zitierte Papiere und Broschüren:

  • Kommunalverband Ruhrgebiet: Industrie, Kultur und die Menschen von Morgen. Ein neues Profil für die Kulturregion Ruhrgebiet – Kunst, Kultur und Wirtschaft im Strukturwandel des Ruhrgebiets auf dem Weg in die Zukunft. Essen 1996
  • Kommunalverband Ruhrgebiet: kultour Herbst '96. Essen 1996
  • Kommunalverband Ruhrgebiet: Zeichen setzen. Zeichen geben. Ein neues Profil für die Kulturregion Ruhrgebiet. Essen 1996

Gerd Herholz, Philologe und in den achtziger Jahren auch in der Stadtteilkulturarbeit (Ruhrwerkstatt e.V., Oberhausen) tätig, ist Ko-Autor des Buches Die Musenkussmischmaschine. 132 Schreibspiele für Schreibwerkstätten und Schulen (Verlag Neue Deutsche Schule, Essen 1992). 1983 erschien sein Gedichtband auf- und abgesänge, 1998 gab er Poetikvorlesungen und Vorträge zum Erzählen in den 90er Jahren unter dem Titel Renaissance des Erzählens heraus. Er leitet das Literaturbüro NRW-Ruhrgebiet e.V. in Gladbeck.