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19.11.09
Laudatio für Mirko Kussin und Reinhard Strüven

Rede von Sigrid Kruse anlässlich der Verleihung der Förderpreise zum Literaturpreis Ruhr 2009

Liebe Freundinnen und Freunde der Literatur!

ich freue mich, dass ich Ihnen jetzt die beiden Förderpreisträger des Literaturpreises Ruhr vorstellen kann. Mit vielen anderen haben sie ihre Geschichte zum Thema „Kosmos Bahnhof“ an das Literaturbüro Ruhr geschickt und die Jury erfreut und intensiv beschäftigt. Ich sehe seitdem den Bahnhof mit ganz anderen Augen. Wann haben Sie das letzte Mal bewusst Bahnhofsatmosphäre erlebt? Heute Morgen und Sie waren genervt, dass der Zug Verspätung hatte, dass es kalt und grau war und Sie keinen Sitzplatz gefunden haben?  Seit ich die Geschichten gelesen habe, bewege ich mich mit offeneren Sinnen über die Bahnsteige und denke plötzlich, das könnte doch der oder die aus einer der Geschichten sein. So ein Bahnhof hat ja per se schon literarische Qualität, die man sich auf der Zunge zergehen lassen kann:
Es gibt u. a. Berührungs -, Trennungs -, Insel -, Kopf – End – und Sackbahnhöfe. Alles nachzulesen in Wikipedia.

Handkes Theaterstück „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“ hätte auch gut auf einem Bahnhofsvorplatz spielen können. Auch der kleinste Bahnhof ist eine Bühne für Selbstdarsteller, die sich ihre Kulisse aussuchen, von der Schlange am Service Point hin bis zum DM Markt. Nicht ohne Grund werden stillgelegte Bahnhöfe zu Event-Orten umgebildet: Theater, Restaurant usw.
Um die Bahnhöfe als Schicksals- und Sehnsuchtsorte, nicht ohne Pathos gesagt, muss sich die Literatur kümmern, muss einzelne Begebenheiten verdichten und aus der Anonymität holen. So wie die beiden hier als Manuskript ausliegenden sehr unterschiedlichen Preistexte, die ich Ihnen schon mal sehr zum Nachlesen ans Herz legen möchte.

Auch meinen Glückwunsch im Namen der Jury für Mirko Kussin und seine Geschichte „Vierzig Wagen Westwärts“ und Reinhard Strüven mit seiner Geschichte „Wiedersehen“.

Mirko Kussin, 1974 in Recklinghausen geboren, lebt in Dortmund und studiert, nachdem er seinen Zivildienst und eine Ausbildung zum Tischler absolviert hat, in Bochum Politikwissenschaften. Neben Veröffentlichungen in literarischen Zeitschriften und Anthologien arbeitet er an dem Romanmanuskript „Die Medizin“, für Auszüge daraus erhielt er schon einen Preis von der Gesellschaft für westfälische Kulturarbeit.

„Indianer der Kindheit“ heißt es in einem Gedicht Mirko Kussins. Das wäre auch ein Motto für seine Geschichte gewesen, wenn er nicht den Titel des alten Kultfilms „Vierzig Wagen westwärts“ gewählt hätte. Auch wenn er damit das Risiko eingeht, den Leser auf eine andere Fährte zu locken. „Was du nicht siehst“ ist wichtig, sagt der Autor, er gibt grünes Licht zwischen den Zeilen zu suchen, was war, was sein wird nur zu ahnen.. Am Anfang des Sommers waren seine jugendlichen Helden zu viert und am Ende des Sommers waren sie zu viert, „aber anders“. Eine wild romantische Geschichte, eine soziale, eine traurige Geschichte, eine von Gut und Böse? Alles ist möglich ..Zu viert leben sie auf sich gestellt in dem Kosmos Bahnhof.  Bei Tag verteilen sie sich in alle vier Himmelsrichtungen, bei Nacht treffen sie sich in einem verlassenen Wartungsraum unter der Erde. Die 15-jährige Solveig, die Gutgläubigen von ihrer verlorenen Geldbörse erzählt, der 16-jährige Kolja, der Schmiere steht und vor der Polizei warnt, Fips, der sich mit Männern einlässt und der Ich-Erzähler, der Flaschen sammelt und mit Klauen etwas zum gemeinsamen Haushalt beiträgt. Wenn sie zu viert bei Kerzenlicht unter der Erde zusammensitzen und Solveig aus den Lassiter Sammelbänden (Wildwestgeschichten) vorliest , fühlt es sich etwas wie Weihnachten an.
Mit einem Hauch von Melancholie, mit leiser Ironie erzählt der Ich-Erzähler von dieser selbstgewählten Viersamkeit.
In dieser Geschichte treiben die Illusionen und Sehnsüchte einen Sommer lang ein seltsames Spiel mit der Wirklichkeit, in der sie leben. Sie, die gerechten Outlaws, nennen die ungerechte Polizei die Sherriffs, die hilfreiche Kneipenwirtin ist eine Schamanin und die Indianer lagern auf dem Vorplatz und trinken Feuerwasser. Randfiguren, die entweder gut oder böse sind. Alles ein Kinderspiel? Alles kein Kinderspiel, als der heiße Sommer vorbei ist, stimmt nichts mehr. Gut oder böse gilt nicht mehr. Grausam sind sie erwacht zu Erwachsenen. Atmosphärisch dicht und mit der nötigen Lakonie erzählt der Autor eine moderne, realistische Bahnhofsgeschichte, die zugleich wie ein Märchen beginnt, aber böse endet - obwohl Märchen doch gut enden müssten, oder ?


Reinhard Strüven arbeitet als Journalist und Schriftsteller und hat u.a. im Sassafras Verlag veröffentlicht.
Seit 2004 lebt er in Düsseldorf, arbeitet aber noch in der Literaturwerkstadt Krefeld mit.

„Ich schreibe, weil sich das Leben nur so ertragen lässt“, bekennt er irgendwo im Internet.
Der Held oder Antiheld, die Hauptfigur in der Geschichte „Wiedersehen“, braucht auch einen Fluchtpunkt, hat ihn hinter den neuesten Zeitungen, verschanzt im Bahnhofscafé, gefunden. Nur so fühlt er sich den Menschen noch verbunden. Sein Vertrauen zu sich und der Welt ist irgendwann empfindlich gestört worden.
Die unerwartete Begegnung mit einer Jugendfreundin zwischen zwei Zügen wirft ihn für kurze Zeit aus der Bahn. Alles ist plötzlich möglich, alles könnte ganz anders sein und neu beginnen. Die junge Frau stellt Fragen, die seine Tarnung aufreißen. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, stellt fest, dass er von seinem  Zimmerfenster aus eine hässliche Aussicht hat, dass er dicker geworden ist. Überhaupt ist das Verhalten der Frau so zurückgenommen sperrig, dass sie seine Fragen immer nur mit Gegenfragen beantwortet. Verletzend die Feststellung, dass sie ihn mag, aber nicht bereit ist, ihm ihre Telefonnummer zu hinterlassen. Obwohl er verspricht, er nerve nicht. Überhaupt hat er immer Sorge, sich eine Blöße zu geben. Sie, die verschlossen bleibt wie eine Auster, wie viel Angst muss sie haben vor Entdeckung ihrer Situation? Obwohl sie mit ihm Wein trinkt, Billard und Gitarre spielt und am hellen Nachmittag mit ihm schläft.

Ihr Wiedersehen scheint nichts als eine flüchtige, flüchtende Erscheinung, eine Erinnerung, eine mahnendes Beispiel für seine und ihre versäumten Möglichkeiten und eine verspielte Vergangenheit!

Reinhard Strüven erzählt klapp, fast spröde, aber mit großer Vorsicht vor Verletzung und Besserwisserei. Die Sprachlosigkeit seiner Figuren, oder besser gesagt die Vermeidung großer Gesten und Worte, macht die innere und äußere Spannung der Erzählung aus.


Die Förderpreise gehen in diesem Jahr an zwei Autoren, die keine unbeschriebenen Blätter mehr sind, von denen zu erwarten ist, dass sie mit ihrer Begabung und ihrem Einsatz die literarische Region Ruhr um interessante Texte reicher machen
Alles Gute für Sie beide, und machen Sie so weiter. Danke.

 

Sigrid Kruse