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20.11.09
Laudatio für Judith Kuckart

Rede von Hannes Krauss anlässlich der Verleihung des Hauptpreises zum Literaturpreis Ruhr 2009

Sehr geehrter Herr Klink, sehr geehrter Herr Roland, sehr geehrter Herr Andriske, werte Freundinnen und Freunde der Literatur: Ihnen allen einen guten Abend. Und Ihnen – liebe Frau Kuckart – ganz herzlichen Glückwunsch zum Literaturpreis Ruhr 2009!

 

Zum Glück ist dieser Preis „nur“ ein Literaturpreis. Müsste ich nämlich die „ganze“ Künstlerin Judith Kuckart loben, wäre ich noch nervöser, als ich es ohnehin schon bin, weil ausgerechnet mir – dem jüngstem Jury-Mitglied [natürlich nur was die Mitgliedschaft in diesem Gremium betrifft] – die Aufgabe zufiel, die diesjährige Entscheidung zu begründen.

 

So aber bleibt uns – das heißt vor allem Ihnen – erspart, dass sich hier einer dilettantisch auslässt über Tanz- und Theaterarbeit der Judith Kuckart. Die hatte nämlich schon ein beachtliches künstlerisches Renommee, als sie „mit 33 Jahren zur Literatur“ fand. (So steht’s im Literaturlexikon, ich denke es war mit 31.) Auf jeden Fall sind seither ein paar Jahre vergangen – und ein halbes Dutzend Romane und Erzählungen dazu gekommen. Der Jury-Entscheidung lag die Prosa Judith Kuckarts zugrunde und davon soll jetzt die Rede sein.

 

Eigentlich handeln all ihre Texte [vom Erstlingsroman „Wahl der Waffen“ bis zum bislang letzten „Die Verdächtige“] von vertrauten Themen: vom deutschen Alltag der letzten 50 Jahre und seiner Vorgeschichte, von Beziehungen (zwischen Frauen und Männern, Kinder und Eltern, Untergebenen und Vorgesetzten), von Untreue, von Freundschaften, von Berührungen (zärtlichen und gewaltsamen) – und vermutlich auch von Liebe. Vielleicht nicht von der wahren, aber von der wirklichen.

 

Die Jury wollte mit ihrer Entscheidung das gesamte Prosawerk Judith Kuckarts auszeichnen; stellvertretend seien die beiden letzten Romane kurz in den Blick gerückt:

- Kaiserstraße“ (erschienen 2006): Eine Chronik, die an der Figur des Leo Böwe und seiner Tochter Jule vier Jahrzehnte Geschichte der westdeutschen Republik nachzeichnet. Leo macht Karriere (vom Waschmaschinenvertreter zum CDU-Abgeordneten im sächsischen Landtag), Jule beschließt 1967 - nach einem Fernsehbericht über Benno Ohnesorgs Tod - : „Papi, wenn ich groß bin, erschieße ich dich auch“ - und dem Leser wird ein Bild von Deutschland präsentiert, dessen Details er kennt, die sich aber in Judith Kuckarts Inszenierung zur beunruhigenden Kulturgeschichte formieren.

- „Die Verdächtige“ (erschienen 2008): Die Geschichte einer Frau, die ihren vorgeblich auf dem Rummelplatz (in einer Geisterbahn) verschwundenen Freund bei der Polizei als vermisst meldet und bald selbst unter Verdacht gerät - aber auch in eine Affäre mit dem ermittelnden Polizisten Robert, der aussieht wie George Clooney.

 

Solche Inhaltsskizzen machen vielleicht neugierig auf die Bücher; über ihre spezifischen Qualitäten verraten sie wenig. Judith Kuckarts Themen (misslungene Lieben und versäumte Leben, nationalsozialistische Vergangenheit und politischer Terrorismus der 70er Jahre, deutscher Alltag in der Provinz) werden zwar in gängigen Genres präsentiert: als Familienroman, Reisegeschichte, Krimi. Deren Handlungsmuster allerdings sind durch originelle Arrangements immer wieder gestört, und sie werden bedient in einer ungewöhnlichen Sprache. So ist es möglich, Geschichten zu erzählen, die eigentlich nicht funktionieren können. Beispielsweise ein ‚Remake’ von Goethes Affäre mit  der Pfarrerstochter in Sesenheim („Dorfschönheit“); obwohl die Protagonistin, eine Lehrerin Ende 30, auch Friederike Brion heißt und ihr Liebhaber, der sie verlassen hat, später erfolgreicher Autor wird, hat dieser Text nie auch nur eine Spur von Peinlichkeit. Genauso wenig wie die Geschichte vom Bibliothekar, der sich in eine ‚amour fou’ mit einer halb so alten Striptease-Tänzerin verstrickt („Der Bibliothekar“). Oder eine Kulturgeschichte der Bundesrepublik unter dem Leitmotiv des Prostituiertenmordes („Kaiserstraße“).   

 

Derlei unerschrockene Kompositionen werden von der Literaturkritik in der Regel anerkennend goutiert; nur gelegentlich evozieren sie Aversion und aggressive Polemik. Aber das Lob ist nicht immer frei von Irritationen: Details werden gepriesen, das Ganze eher reserviert beurteilt. Manche Kritiker suchen Zuflucht in Bildern, teils paradoxen, teils solchen von bemühter Originalität: von „beharrlicher Ratlosigkeit“ ist die Rede, von „zarter Empirie“ oder einem „magischen Gefühlsmosaik“.

 

Judith Kuckarts Prosa passt in kein Raster. Sie nutzt (scheinbar unbefangen) triviale literarische Muster, aber sie tut dies in einer ungewöhnlichen Sprache, die schwer zu beschreiben ist. Kindheitserinnerungen klingen dann so: „Schaut Fede im Haus der Kindheit nachdem Rechten […] zieht sie den blauen Kittel der Mutter an und hängt ihn nach zwei Stunden wieder hinter die kleine Tür zum Garten, an den türkisfarbenen Haken, der früher zu hoch für sie war. Wenn sie dort ist, hört sie manchmal, mit dem Rücken an jene kleine Tür gelehnt, das Herz in sich schlagen und zählt mit, was in ihrem Leben nicht war.“ Von einer Politikkarriere heißt es: „Er baute seine Ehrenämter aus, um eine lauernde Nutzlosigkeit herum“. Und trostlose Sexualität wird so beschrieben: „Sie sah in sein Gesicht und dachte, so sehen Männer also aus, wenn sie onanieren.“

 

Diese Sprache erklärt nicht, sie evoziert soziale Realitäten, in denen man sich zurecht finden muss. Das funktioniert nicht ohne Anstrengung, zumal Judith Kuckart auch eine Meisterin des Weglassens ist. Unaufmerksamkeit beim Lesen rächt sich schnell, aber die wird durch die Struktur dieser Texte ohnehin erschwert. Kuckarts Sprache ist außerordentlich diszipliniert, mitunter fast lakonisch. Und trotzdem nimmt sie einem beim Lesen gelegentlich die Luft. Einzelne Sätze reißen Löcher in die Oberfläche (der Handlung und der Wahrnehmung) und eröffnen zugleich Spiel-Räume für (noch) nicht erzählte Geschichten. Alltagsroutinen (von Protagonisten und Lesern) werden verletzt und durch frische Perspektiven überlagert. Lektüre wird so – wie Reinhard Baumgart es formulierte – zum „wunderbaren Unglück“.

 

Diese Texte haben etwas Gemachtes, Künstliches, aber ihre Künstlichkeit bereitet Vergnügen: ästhetischer Genuss, der im Kopf entsteht (und vielleicht eine bisschen der Arbeit des Schreibens ähnelt). Eine Kritikerin betont, dass diese Autorin viel denke beim Schreiben. Judith Kuckart arbeitet langsam und akribisch. Sie selbst wies 2006 (in einem Interview zu „Kaiserstraße“) darauf hin, dass sie an jedem ihrer Bücher etwa vier Jahre geschrieben habe. „Die Verdächtige“ ist schon zwei Jahre später erschienen. Zufall oder Erhöhung der Produktionsgeschwindigkeit?

 

In der Begegnung mit Pina Bausch sieht Judith Kuckart ihre „extremste ästhetische Erfahrung im Leben“. Ihrer Prosa merkt man das an. Realität wird hier nicht imitiert, sondern inszeniert. Die Figuren sind konstruiert, die Requisiten (Autos, Eiscafés, Geisterbahnen) mit Sorgfalt gewählt. So entstehen Bilder, die ihre Konstruiertheit nicht vertuschen und gerade deshalb auf kunstvoll-eindringliche Weise lebendig werden. Alltagsbilder, die in der Realität unter Gewöhnung verschüttet sind.

 

Im 1984 entstandenen Essay über Else Lasker-Schüler deutet Judith Kuckart deren Schreiben „als Widerstand gegen die Forderungen einer äußeren Realität.“ Das funktioniert auch beim Lesen Kuckartscher Texte: sie ermuntern zu einem selbstbewussteren Blick auf den Alltag. Ihre Bücher liefern keine schlüssigen Interpretationen der Realität, aber sie offerieren Material, das der Leser zu eigenen Bildern zusammenfügen kann. Das ist manchmal ganz schön anstrengend (in doppeltem Sinn), aber es wird belohnt mit unerhörten Einsichten in das, was man längst hinter sich zu haben glaubte. Zeit- und Altersgenossen dürfen sich - mit  Ernst Bloch - fragen: „woher weiß die Autorin das von mir?“  - aber auch jüngere Leser profitieren davon.

 

Die Begründung dafür, dass Judith Kuckart mit dem Literaturpreis Ruhr ausgezeichnet wird, bin ich Ihnen noch schuldig. Man kann auf die Orte Ihrer Kindheit verweisen (Schwelm und Dortmund-Hörde). Man kann Schauplätze aus ihren Romanen und Erzählungen auflisten: den „kleinen Ort S.“, diverse Ruhrgebietsstädte (für Judith Kuckart ist das Ruhrgebiet nach eigenem Bekunden „eine sichere Kulisse für erfundene Geschichten“). Man kann aber auch noch andere Erklärungen wagen: Judith Kuckarts Art, Alltag in unerwarteten aber präzisen Bildern zu schildern, schafft beim Lesen ein ganz eigenes Heimatempfinden. Man fühlt sich mitunter fast wohl in dieser Prosa – bis blitzartig (im Boxsport würde man sagen: ansatzlos) neue Perspektiven aufgerissen werden. Auch unbehagliche, aber selbst die entschädigen für die Tristesse des Geschilderten mit Glücksmomenten des Verstehens. Vielleicht ist das ein intellektuelles Pendant zur ruhrgebietsspezifischen Kommunikation; nicht besonders höflich, aber immer deutlich und ehrlich.

 

Genug des Lobs. Ich habe mir vorgenommen, bei nächster Gelegenheit andere Gattungen unserer  Preisträgerin kennen zu lernen. Sie aber sollen jetzt endlich das Original hören. Judith Kuckart liest die Erzählung „Die kleine Tante“.

 

17. 11. 2009 – Hannes Kraus