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27.08.07
"einmal wollen wir für uns selber da sein / und für andere"

Eine kurze Blüte der Hoffnung an einem milden Frühlingsmorgen im November

Gerd Herholz über Nicolas Borns "Zuhausegedicht"

(Interpretation)

 

Zuhausegedicht

Es ist der 12. November 1970 am Morgen
18 Grad Außentemperatur
drei Briefe und eine Karte im Kasten
zum erstenmal seit Wochen
ist die Sonne wieder ganz da
der Morgen eine Sendung in Farbe
wir können uns etwas wünschen
jetzt
Piwitt pflegt im Bad seine hohe Stirn
ein Gespräch über Sozialismus haben wir
rechtzeitig abgebrochen
ein paar Flugkörper sind im Raum
wir erwarten das Kind noch diese Woche
es soll ihm einmal nicht so gut gehen wie uns
aber vielleicht bringt es uns dem Glück
einen Schritt näher
noch gestern nacht waren wir unglücklich
wir hatten zuviel vom Glück gesprochen
und den langsamen Fahrzeugen der Zukunft
sicher ist deshalb dieser Morgen so schön
einmal wollen wir für uns selber da sein
und für andere
das ist der Einsatz den wir heute wagen
Piwitt fragt mich ob er hier vorkommt
ja sage ich aber nur als Name
er ist zufrieden und bricht auf
zu einer Wanderung


(aus: Nicolas Born: Gedichte. Herausgegeben von Katharina Born. Wallstein Verlag, Göttingen 2004, S. 98)

 
Haben Sie Borns Gedicht mehrmals lesen können? Schön, dann lohnt es sich wirklich, dass wir darüber reden. Übrigens, haben Sie auch etwas Zeit mitgebracht? Tatsächlich? Danke. Sicher, ich weiß auch, dass das Zuhausegedicht kein einfaches Gedicht ist. Zur hermetischen Lyrik zählt es zwar nicht, aber leicht verständlich kann man es auch nicht nennen.
Also, nähern wir uns ihm, wie man sich eigentlich allen guten Gedichten nähern sollte: mit Vorsicht und ein wenig Zärtlichkeit vielleicht. Vertrauen Sie mir: Nicht nur das Gedicht als Ganzes wird unser Taktgefühl mit seiner Schönheit belohnen, sogar eine einzelne literarische Figur, die in Borns Zeilen wohnt, wird uns dankbar entgegenkommen und dabei helfen, das Gedicht zu verstehen, es in all seinen Facetten zu genießen.
Bisweilen sind literarische Figuren zwar nichts als reine Phantasmen, aber das muss eben nicht immer so sein. Den "Piwitt" zum Beispiel, den mit der hohen Stirn in diesem Gedicht, diesen "Piwitt" gab und gibt es wirklich. Es ist – Sie wissen's natürlich auch – der Hamburger Schriftsteller Hermann Peter Piwitt. Seinen Schelmenroman Der Granatapfel habe ich mir gerade noch einmal aus dem Bücherregal gesucht und verrate Ihnen daraus jetzt nur den ersten Satz: "Offen gesagt, es ist alles gelogen." (Den herrlichen Rest müssen Sie schon selbst lesen.)
Warum ich Ihnen das erzähle? Na, weil sich während des Interpretierens des Zuhausegedichts der Wunsch in mir regte, mehr wissen zu wissen wollen, als ich recherchieren, entschlüsseln oder mir ausmalen konnte. Also habe ich Herrn Piwitt (von dem ich wusste, dass er außerhalb des Gedichtes auch existiert) einfach angerufen. Am 24. Januar 2004, einem Samstagabend, kurz vor 20 Uhr. Und er? Er hat sich mit mir unterhalten, hat mir etwas zu sich und Born um das Jahr 1970 herum erzählt. Mit einer unglaublich jungen Stimme, dabei sagen die Klappentexte seiner Bücher, er müsse 68 Jahre alt sein. Das glaube, wer will.
Jetzt sagen Sie vielleicht: Ja, darf man denn das, darf man Verbindungen zwischen einer Figur aus einem Gedicht und einem real existierenden Menschen herstellen? Auch zwischen dem Autor und seinem lyrischen Ich? Man darf. Man sollte aber bei all diesen Abgleichen eines nicht: Figur und Mensch oder lyrisches Ich und Autor naiv verwechseln. Sonst gibt's nur Kurzschlüsse. Und der Autor Born selbst könnte Ihnen auch antworten, mit einem Zitat aus seinem Gedicht Zeitmaschine: "Berlin 10.30 Uhr Guten Tag Nehmen Sie Platz! / Es handelt sich um einen Herrn von der Volkshochschule / der mich abdrängt und ruft 'Ich bin immer für / die Trennung von Werk und Autor eingetreten' / Ich erzähle ihm unvermittelt eine Geschichte / aus der Kindheit meiner Mutter / ein schlagender Beweis meiner Ganzheit / ..."
Jetzt aber schnell näher heran an Nicolas Borns Zuhausegedicht. Zunächst nur ein erster Blick auf die äußere Form. Das Zuhausegedicht kommt mit seinem linksbündigen Flattersatz vom Schriftbild her ziemlich kompakt und trotzdem locker daher. Der lakonischen Überschrift Zuhausegedicht folgt nur eine einzige lange Strophe mit 27 Zeilen. Das Druckbild dieser einen Strophe weist sichtbare Einschnitte auf. In ziemlich gleichen Abständen gliedert sich das Ein-Strophen-Gedicht mit Hilfe dreier kürzerer Zeilen, die schnell ins Auge springen: die Zeile 8 mit dem einen Wort "jetzt" und dann auch zwei Kurzzeilen mit jeweils nur drei Worten, das sind die Zeile 16 "einen Schritt näher", die Zeile 22 "und für andere". Die Schlusszeile "zu einer Wanderung" könnte man von der Zeilenkürze her vielleicht noch hinzuzählen.
Ein kleines Experiment gefällig? Nimmt man diese vier Zeilen für sich, lesen sie sich so: "jetzt / einen Schritt näher / und für andere / zu einer Wanderung". Der Inhalt dieser nun akzentuierten Zeilen verweist auf etwas, fragt sich nur, worauf. Es deutet sich an, dass es um einen Aufbruch im Jetzt gehen könnte, um einen Schritt näher hin zu einer besseren Zukunft "für andere", das Ganze als Aufbruch zu einem längeren Weg, "zu einer Wanderung". Vielleicht. Sicher ist das – besonders an diesem Punkt der Lektüre – natürlich nicht. Auch deshalb nicht, weil im Gedicht alle Satzzeichen fehlen, so dass der Leser sich lesend immer wieder neu und je anders für eine grammatische Strukturierung des Textes entscheiden kann und damit auch für unterschiedliche Bedeutungsvarianten des Textes.

Interessant ist in genau diesem Zusammenhang auch die Mehrdeutigkeit der bis hierhin vernachlässigten Überschrift und die Zusammenschreibung von Zuhausegedicht.
Zuhausegedicht statt Zuhause-Gedicht oder Gedicht vom Zuhause. Was ist hier das Zuhause bzw. das Zuhausegedicht?
Haben wir es zu tun:
a) mit einem Gedicht über ein konkretes Zuhause,
b) mit einem Gedicht, das dem Autor oder Leser selbst ein Zuhause böte bzw.
c) mit einem Gedicht, das das Dichten, Schreiben selbst als Zuhause vorführte,
d) mit einem Gedicht, das ein verlorenes oder zukünftiges Zuhause beschriebe?
Auch diese Fragen sind noch nicht zu beantworten, Assoziationen und Antworten flackern nur flüchtig auf. Wir müssen also weiter im Text.

Vom Thema und von der Sprache her lesen wir da sicher in einem so genannten Alltagsgedicht. Der Autor wendet sich dem Alltag zu, von der Wortwahl her geht er nicht über die Alltagssprache hinaus. Das tut der Qualität des Gedichtes aber keinen Abbruch, denn, wie Born den Alltag und die Alltagssprache ästhetisch neu ordnet, aufhebt und überwindet, das zeigt den Könner.
Es ist also Alltag, was aber nicht etwa heißt 'alle Tage', sondern eben präzise "der 12. November 1970 am Morgen / 18 Grad Außentemperatur". Da hören wir fast den Sprechduktus genormter Radio-Nachrichtenanfänge: "Guten Morgen meine Damen und Herren! Donnerstag, der 12. November, es ist 7 Uhr 30. Die Nachrichten."
Die Zeitangabe "12. November" könnte uns Leser nun dazu verführen, ein traditionelles Jahreszeiten-, also ein Herbst- oder Wintergedicht zu erwarten. Es kommt aber keines. Ganz im Gegenteil: "18 Grad Außentemperatur", es ist auffallend mild für einen November, geradezu frühlingshaft. Ob das wirklich so war oder ob es der Autor für sein Gedicht nur so erfunden hat, um seinen Morgen wärmstens in Szene zu setzen? Für die Deutung des Gedichtes würde das kaum etwas ändern, oder?
Mit Zeile 3 verengt sich der Aufmerksamkeitsfokus des lyrischen Ichs auf den Briefkasten einer Wohnung. Post ist gekommen, drei Briefe, eine Karte. Lebenszeichen von irgendwo, jedenfalls zeigt sich: man lebt nicht ganz isoliert; selbst dann nicht, wenn man die Zeile 4 zur Zeile 3 hinzufügte: "drei Briefe und eine Karte im Kasten / zum erstenmal seit Wochen". Das lyrische Ich lässt den Leser allerdings nicht wissen, ob die Post nun gute oder schlechte Nachrichten gebracht hat. Das muss es auch gar nicht tun, denn die gute Nachricht selbst ist ja wohl, dass überhaupt Post da ist. Und die optimistische Stimmung des Gedichtanfangs wird sich im Verlauf der nächsten Zeilen weiter aufhellen, insbesondere, wenn man die Zeile 4 nicht nur mit der Zeile 3 verquickt, sondern mit den Zeilen 5 bis 8: "zum erstenmal seit Wochen / ist die Sonne wieder ganz da / der Morgen eine Sendung in Farbe / wir können uns etwas wünschen / jetzt".
Zum ersten Mal seit Wochen ist die Sonne nicht nur wieder da, neinnein, sie ist "ganz da". Es kann also sein, dass sich auch in den Tagen zuvor die Sonne gelegentlich einmal gezeigt hat, doch nun ist sie "wieder ganz da". Wenn ein Mensch "wieder ganz da" ist, dann bedeutet das zumeist, jemand ist wieder im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte (vorher war er aus irgendwelchen Gründen eben 'nicht ganz da'). "ganz da", das klingt gut. Aber es kommt noch besser.
Die Zeile "der Morgen eine Sendung in Farbe" dürfte mehr ironisch als euphorisch anspielen auf das relativ neu eingeführte Farbfernsehen. (Das PAL-System wurde zwar schon am 25. August 1967 in Westdeutschland installiert, viele konnten sich aber erst später einen Farb-TV leisten.) Für die meisten Menschen war die Erfahrung, Fernsehen in Farbe zu sehen, noch frisch und neu. In der sechsten Zeile des Zuhausegedichts jedenfalls ist hier und jetzt die Schwarz-Weiß-Zeit vorbei, es lebe die lebendige Farbe, auch im Denken und Fühlen, herrlich, herrlich.
Bedeutsam ist vom politischen Hintergrund her möglicherweise auch, dass vor dem 12. November 1970 grundlegende politische Veränderungen stattgefunden hatten und mehr davon in der Luft lagen. Die außerparlamentarische Achtundsechziger-Bewegung war zwar gescheitert, mit dem Anschlag auf Rudi Dutschke blieb sie nicht nur symbolisch 'auf der Strecke', dennoch hatten Sozialdemokratien und linke Militärs die Macht in einigen Regierungen übernommen. Brandt ("Mehr Demokratie wagen") in der BRD, Kreisky in Österreich, Allende in Chile. Es schien so, als ob soziale Gerechtigkeit für mehr Menschen umzusetzen wäre, möglicherweise lebbar wäre als konkrete Utopie.
Vielleicht ist es auch dieses historische Hintergrundrauschen, das in Borns Gedicht zu hören ist. Jedenfalls scheint im Gedicht wie außerhalb des Gedichtes die Zeit reif für die Zeilen 7/8 und ihre Anspielung aufs Märchenmotiv der Fee mit den drei Wünschen: "wir können uns etwas wünschen / jetzt".
Dieses "jetzt" klingt wie eine Handlungsaufforderung, fast wie ein Appell an alle: Jetzt!!! Wünschen wir uns was und setzen wir uns dafür ein!
Mit diesem "jetzt" endet der erste Teil des Gedichts.
(Interessant übrigens schon an dieser Stelle, dass uns ein lyrisches Ich durchs Gedicht führt, das sich jedoch lange Zeit hinter einem "wir" verbirgt. Erst in den Zeilen 24/25 wird es dann deutlicher hervortreten durch Formulierungen wie "fragt mich" und "ja sage ich". Das Gedicht betont also zunächst einmal ein kollektives Wir als Subjekt des Wahrnehmens und Veränderungswunsches.)

Nach der Zeile 8 schwenkt die Aufmerksamkeit des lyrischen Ichs in die Wohnung selbst, zoomt auf "Piwitt". Hermann Peter Piwitt war ein Schriftstellerkollege und Freund Nicolas Borns. Zu jener Zeit, hat Piwitt mir erzählt, war er für einige Tage zu Gast bei Born und hat so wohl Eingang in dessen Gedicht gefunden.
Mit dem Blick auf Piwitt und die Pflege seiner hohen Stirn bleibt das Ich zunächst weiter in zeitlicher und räumlicher Gegenwart, in der Nähe zum "jetzt" der Zeile 8. Wir erleben Piwitt bei seiner Körperpflege, ein intimer Vorgang, der da im Gedicht ausgestellt wird, das lyrische Ich berichtet davon mit freundschaftlichem Ton, nichts wirkt indiskret. Kurz zuvor – so heißt es dann weiter in den Zeilen 10/11 – hätten das lyrische Ich und Piwitt ein Gespräch über Sozialismus abgebrochen. "rechtzeitig" soll wohl heißen: bevor man sich festrannte mit Meinungen, Argumenten, Feindbildern.
Viele Diskussionen über den Sozialismus endeten in den späten 60er-, frühen 70er-Jahren im Streit oder schlimmer noch mit der Diffamierung der Gesprächspartner. So lief das sicher nicht zwischen Born und Piwitt, wohl aber z. B. an den Unis mit ihren vielen linken Splittergruppen. Wer unbequeme Meinungen vorbrachte zu dem, was manche für den 'wahren' Sozialismus hielten, war schnell ein 'Abweichler', 'Sektierer', 'Stalinist', 'Trotzkist', 'Reformist', 'Konterrevolutionär' und wie die Aufkleber noch alle hießen. Solche Engstirnigkeit hatte zwar in der BRD und unter den Linken meist keine übleren Konsequenzen, historisch gesehen war sie aber so ungefährlich nicht: Schließlich wurden unter Stalin ff. Andersdenkende im Namen der guten Sache des Sozialismus gefoltert, deportiert oder hingerichtet.
Unterlegen wir der Figur Piwitt und dem Ich des Gedichts ein Bewusstsein von solchen Zusammenhängen wie es auch Born und Piwitt selbst hatten, könnte dies erklären, warum die beiden im Gedicht, gerade weil sie sich nahe sind, ihr Gespräch über Sozialismus lieber "rechtzeitig" abbrechen, als dass sie feindselig die Konfliktmuster der Zeit imitieren.
Wie sich Hermann Peter Piwitt erinnerte, hatte er im Jahre 1970 Nicolas Born mehrmals besucht, um mit ihm an einem Fernsehspiel zu arbeiten, das dann aber nie über ein Exposé hinauskam. Für dieses Vorhaben hatten die beiden einige Menschen zum Thema "Glück" interviewt. Hatten sie befragt, ob sie sich auch ein ganz anderes Leben vorstellen könnten als jenes, das sie lebten; hatten auch so konkrete Fragen gestellt wie: "Könnten Sie sich vorstellen, mit einer Postkutsche nach Italien zu reisen?" (Und – siehe Zeile 19 – gehören Postkutschen nicht zu den ziemlich langsamen Fahrzeugen?)
Solch biographischer Hintergrund ist also – wie wir weiter sehen werden – für das vorliegende Gedicht nicht unwichtig. Es ist zwar immer zu simpel, ein Gedicht auf den biographischen Hintergrund des Autors reduzieren zu wollen, dennoch: Gedichte erhellen nicht nur das Leben, gelegentlich erhellt auch das Leben die Gedichte.
Womit ich wieder beim Thema wäre.
"Ein paar Flugkörper sind im Raum", auch in dem der Zeile 12: Es scheint so, als ob das lyrische Ich in der Wohnung säße, vielleicht in der Küche, umgeben von Fernsehen, Radio oder Zeitungen. Könnte von daher vielleicht die Nachricht stammen, dass ein paar Flugkörper im (Welt-)Raum seien? Tatsächlich landete wenige Tage später, am 17. November 1970, die unbemannte Luna 17 der UdSSR auf dem Mond (der erste Mensch betrat den Mond bereits am 21. Juli 1969).
Trotz der Recherchen zum 12. November 1970 war nicht herauszufinden, auf was sich die Zeile "wir erwarten das Kind noch diese Woche" beziehen könnte. Auch Hermann Peter Piwitt war sich nicht sicher, ob zu jener Zeit vielleicht Borns Frau schwanger gewesen war. Nehmen wir also diese Zeile wie alle anderen – trotz des Abklopfens des Bornschen Lebenslaufes – nicht für allzu bare Münze, sondern als das, was sie ist: als eine ästhetische Konstruktion. Und dann fällt auf, dass sich hier fast so etwas wie eine religiöse Hoffnung versteckt. "wir erwarten das Kind": Das spielt sprachlich unüberhörbar mit der Erwartung der Ankunft Christi. Auch Christus war ein Kind der Hoffnung, der "Erlöser" halt, und nicht viel weniger wird vom Gedicht-Kind der Zeile 13 erwartet, wie wir später in den Zeilen 15/16 erfahren.
Zuvor allerdings werden wir mit Zeile 14 konfrontiert, die schön und irritierend zugleich sagt:  "es soll ihm einmal nicht so gut gehen wie uns". Diese Zeile verspottet die Floskel vom "Es soll dir/euch einmal besser gehen als uns". Und Piwitt erinnerte sich, dass er und Born gern frotzelten: Wir wollen es einmal besser haben als unsere Kinder! Zudem, Borns Kritik der Konsum- als Wahngesellschaft ist bekannt. Wir dürfen also voraussetzen, dass in Borns Gedicht Bewusstheit darüber besteht, dass es "uns" 1970 – zumindest vordergründig und in bestimmter Hinsicht – gut geht.
Zu gut. Die BRD hatte 1970 das Wirtschaftswunder geschafft, Menschen reagieren zunehmend saturierter, die Nazivergangenheit wird weiter und wieder unter der Decke gehalten. Jetzt dürfte es – so das Ziel vieler – mit noch mehr Konsum immer bewusst-, geist- und geschichtsloser bergauf gehen. Wenn man all dies betrachtet, erscheint der Wunsch, "es soll ihm (dem Kind, G.H.) einmal nicht so gut gehen wie uns", fast freundlich, denn die Erfüllung dieses Wunsches hieße, dass das Kind nicht ersticken müsste an Verdrängung, Selbstzufriedenheit und Aufstiegsstreben. Dem Kind wird ein anderes 'Gutgehen' gewünscht, nicht so eines wie es die Menschen im Gedicht und ihre Mitmenschen leben, leben müssen oder vorgelebt bekommen.
Dass das Kind gewünscht ist, ja, dass mit ihm auch große Hoffnungen des lyrischen Ichs und seines Gastes verbunden sind, beweisen die Zeilen: "aber vielleicht bringt es uns dem Glück / einen Schritt näher". Trotz aller Wirs und Wir-Gefühle im Gedicht taucht doch hier zum ersten Mal so etwas wie die Hoffnung auf den Einzelnen auf. Und vielleicht auch die Hoffnung, dass das Kind als der junge oder der 'neue' Mensch, sich selbst und die Menschen im Gedicht dem Glück einen Schritt näher bringen könnte. Mit der Zeile 16 "einen Schritt näher" ist der zweite Abschnitt des Gedichts beendet, beendet mit der Formulierung einer kleinen Hoffnung auf schrittweise Veränderung, statt auf große Revolution.

So könnte das Gedicht jetzt sogar schließen, wenn es ein unfertiges, eher programmatisches Gedicht eines mittelmäßigen Autors wäre. Das lyrische Ich hier aber geht nach seiner Artikulation der Hoffnung auf Glück überraschend selbst noch einmal einen Schritt zurück und entfaltet damit seine Hoffnungen umso nachdrücklicher. Der Autor lässt sein lyrisches Ich im dritten Abschnitt des Gedichtes ab Zeile 17 zurückblicken auf "gestern nacht". Der Glückshoffnung aus den Zeilen zuvor wird das Zuviel-übers-Glück-reden und das Unglücklichsein von "gestern nacht" (überhaupt der Vergangenheit?) entgegengestellt. Die Gegenüberstellung umgreift auch die Tatsache, dass gestern Nacht war, heute aber ein schöner Morgen und die Sonne wieder ganz da. (Denken Sie bitte auch daran, dass die Morgendämmerung und der Sonnenaufgang bekannte bildnerische Motive sind, um Hoffnung auf bessere Zeiten darzustellen.)
Inhaltlich rückt jetzt das Thema "Glück" ganz in den Mittelpunkt, von Zeile 15 bis 18 taucht es gleich mehrfach auf: Zeile 15/16 "dem Glück/ einen Schritt näher", Z. 17 "waren wir unglücklich", Z. 18: "zuviel vom Glück gesprochen". Dass man nicht so viel über das Glück sprechen soll, scheint das lyrische Ich zu ahnen und weiß sicher auch, dass Glück so nur vertrieben wird. Immerhin, "Glück" ist nicht nur ein thematisches Zentrum des Gedichts, es strukturiert hier auch den Wechsel von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in den Reflexionen des lyrischen Ichs.
Das Ich macht über das Thema "Glück" gekonnte Zeitsprünge und grenzt so eine bessere mögliche Zukunft gegen eine 'unglückliche' Vergangenheit und die launenhaft-wetterwendische Gegenwart ab.
Achten Sie einmal auf diese Bewegungen in und durch die Zeit. Das ist spannend, auch wenn es Sie für einen Moment anstrengt.
Zuerst werden wir direkt und unmittelbar in die Gegenwart des Gedichtes gezogen ("12. November 1970 am Morgen"), dann schauen wir auf die jüngste Vergangenheit ("seit Wochen"), dann wieder auf den "Morgen", um kurz darauf mit aller Intensität brennender Wünsche nach Veränderung im "jetzt" der Zeile 7 anzukommen. Dann Rückschau auf abgebrochene Gespräche, doch mit dem Ausschauhalten nach Flugkörpern wechselt das lyrische Ich die Blickrichtung auf die nahe Zukunft :"wir erwarten das Kind noch diese Woche". Für die fernere Zukunft wünscht es ihm prompt, "es soll ihm einmal nicht so gut gehen wie uns". Von da geht es wieder zurück in die jüngste Vergangenheit "gestern nacht", dann wieder in eine Zukunft in weiter Ferne mit den "langsamen Fahrzeugen der Zukunft". Um dann wiederum zwischen Gegenwart und Zukunft zu switchen. Da gibt es die unmittelbare Gegenwart "dieser Morgen", dann die programmatische Zukunft mit der Absichtserklärung: "einmal wollen wir für uns selber da sein / und für andere", da gibt's die programmatische Gegenwart als "Einsatz, den wir heute wagen", und dann doch endlich wieder eine konkrete, menschliche Gegenwart mit dem "Piwitt fragt mich" und der ausgreifenden Aufbruchstimmung der Zeilen 26/27: "bricht auf zu einer Wanderung".
Was im Gedicht so leicht und fast unmerklich vorgeführt wird, mag Sie in meiner Aufzählung nun tatsächlich gelangweilt haben. Aber es zeigt doch auch etwas. In der Zeitbewegung des Gedichtes manifestiert sich eine Suchbewegung des lyrischen Ichs. Es schwankt zwar nicht, ist nicht wankelmütig, aber mit und zwischen den Zeilen pendelt es in seiner Wahrnehmung und Reflexion auch zwischen den Zeiten. Eine Art Selbstvergewisserung wird da vorgeführt, die – vom Leser mehr oder weniger bewusst mit vollzogen – die Hoffnungen des Gedichtes erst verständlich und glaubhaft erscheinen lässt.

Und auch wir müssen noch einmal einen Schritt zurück, um jetzt vielleicht die Zeilen 17–19 besser verstehen zu können. Ein Interpretationsansatz wäre es zu sagen: Die beiden im Gedicht waren unglücklich, weil sie "zuviel vom Glück gesprochen" hatten. Das wissen wir schon. Ihre Verlegenheit bestand aber auch darin, dass sie nächtens zwar viel von Glück sprachen, aber möglicherweise keines empfinden konnten. Die "langsamen Fahrzeuge der Zukunft" sind eben noch zu weit weg, als dass sie heute schon jemanden trösten könnten. Selbst dann, wenn man sie als ein etwas kryptisches Gegenbild für menschenwürdigeres beglückenderes Leben, für menschenwürdige Fortbewegung betrachtete, gerichtet gegen den Beschleunigungswahn, eintretend für Entdeckung und Lob der Langsamkeit statt für Raserei, Hektik und den Heck-Tick, dass Geld immer mehr Geld hecken sollte.
In Zeile 20 verankert sich das lyrische Ich gegen die Gespinste der Nachtgespräche wieder im konkreten Morgen des 12. Novembers ("sicher ist deshalb dieser Morgen so schön") mit seiner frühlingshaften Milde mitten im November, mit den Briefen und der Karte, mit der Sonne, mit den Flugkörpern im Raum, mit dem Kind, das erwartet wird (irgendwo). Denn hier und jetzt ist das Glück keine abstrakte Hoffnung mehr, sondern sinnlich wahrnehmbare Stimmung, Umgebung, Sehnsucht.

Dass aus diesem Moment der Beschwingtheit dann ein Moment des programmatischen Schwunges wird, ist eigentlich ein bisschen schade, aber kein wirklicher Schaden und erst recht kein Zufall, der das Gedicht zerstören könnte. Denn, wo so viel Bewegung ist – beim lyrischen Ich mit seinen Zeit- und Reflexionssprüngen, bei der Post, der Sonne, dem Kind, den Flugkörpern –, da beginnen sich nun auch die Menschen im Gedicht zu bewegen. Das lyrische Ich kommt in Bewegung, indem es einen Vorsatz fasst, die Figur "Piwitt", indem sie sich ganz real in Bewegung setzt.
Die Zeilen 21 bis 24 könnten so als ein vierter Abschnitt gelesen werden.
Aus dem sinnlich wahrnehmbaren Glückserlebnis des konkreten Morgens wird das programmatische Selbstversprechen, der Schwur: "einmal wollen wir für uns selber da sein". Nach all den Sozialismus-Diskussionen, den Gruppenzwängen, den Mühen politischer Arbeit formuliert hier ein Ich endlich ein Bekenntnis zum Selbst, man könnte fast sagen zu einer 'neuen Subjektivität' (die uns heute natürlich nur allzu bekannt vorkommt). Dass dieses Bekenntnis fragil ist, kann man auch daran ablesen, dass es so stark autosuggestiv vorgetragen wird als eine Art Selbstbeschwörung.
Komisch und tragisch zugleich ist auch, dass das lyrische Ich dieses Bekenntnis zum individuellen Selbst immer noch in der Wir-Form vorbringt: "einmal wollen wir für uns selber da sein". Paradox, aber wohl erst einmal nicht anders zu haben. Irgendwie fehlt in den Zeilen 21/22 noch der Mut, offen darauf zu bestehen: "einmal will ich für mich selber da sein". Vielleicht, weil es 1970 nicht politically correct war, öffentlich auf Eigen-Sinn zu bestehen, darauf, sich selbst und seine Bedürfnisse, Wünsche, Träume ernst zu nehmen?
Vieles spricht dafür. Unter anderem sicher die Zeile 22: "und für andere". Auch hier ist der Zeit(un-)geist eindringlich spürbar. Obwohl vorher deutlich gesagt wurde: "einmal wollen wir für uns selber da sein", also ein großes Wir konstruiert wurde, das eigentlich niemanden ausschließt, wird sicherheitshalber nachgeschoben: "und für andere".
Die sozialistischen Vorstellungen von Solidarität, von einer Gruppe als politisch handelndem Subjekt (Proletariat oder Intellektuelle als Avantgarde) lassen anscheinend einen privaten 'egoistischen' Glücksanspruch auch im Gedicht zunächst gar nicht zu. Mit dem Glück des Einzelnen, der Gruppe, muss obligatorisch auch das Glück "für andere" gefordert werden. So steht dem individuellen Glücksverlangen, der kleinen Sehnsucht nach ein bisschen privatem Glück immer noch so etwas wie ein politisch schlechtes Gewissen zur Seite, das dem eigenen Glücksanspruch vielleicht als politischer Sektiererei misstraut.
"das ist der Einsatz den wir heute wagen": auch Zeile 22 spricht doch eher programmatisch von den vorher geäußerten Wünschen als "Einsatz", den es zu wagen gilt. Das Vokabular des politischen Kampfes durchzieht und deformiert auch hier die zarten kleinen Glückshoffnungen, die das Ich als Ich noch kaum zu formulieren wagt.
Die Hoffnung und das Glück des "für uns selber da sein / und für andere" hätten eine andere Sprache verdient als die der rhetorischen Hülsen des politischen Kampfes. Ein Dilemma des Gedichtes und der Zeit um 1970, dass diese Sprache noch nicht existent zu sein scheint, dass sie im Gedicht bis zu diesem Punkt nur aufscheint, gesucht wird, aber nicht gefunden.
Nur gut, dass die Zeilen 24 bis 27 etwas von dem widerlegen, was ich gerade geschrieben habe. Denn mit Piwitts Frage, "ob er hier vorkommt" (besser: ob er hier vorkomme), verschafft sich doch noch ein einzelner Mensch aktiv fordernd Einlass ins stark vom Kollektiv, vom Wir geprägte Gedicht. Und es ist natürlich der Autor Born, der es genau darauf angelegt hat, der eben das so will. Vielleicht gerade gegen die vielen Wirs (ob konkret oder programmatisch) fragt hier ein Einzelner und stellt seine überaus wichtige Frage nicht nur im Gedicht, sondern auch ans Gedicht. Eigentlich die Frage, die alle Menschen als Leser an Gedichte und auch ihr Leben stellen: Komme ich hier vor?
Das lyrische Ich lügt Piwitt dann ziemlich dreist an und Autor Born lässt uns dabei zuhören: "ja sage ich aber nur als Name". Das stimmt natürlich überhaupt nicht. Wir als Leser wissen das und der Autor weiß, dass wir das wissen. Schließlich haben wir Piwitt sogar im Bad kennengelernt, wissen etwas über ihn in Beziehung zum lyrischen Ich, wissen etwas über ihre Gespräche und ihre Vorsicht miteinander, wir kennen einige ihrer Hoffnungen, wir fühlen etwas von ihrem Unglücklichsein.
Piwitt kommt also im Gedicht nicht nur als Name vor, er wird als Mensch mindestens ebenso nuanciert sichtbar wie das lyrische Ich selbst.
Vielleicht ahnt der neugierige Piwitt das oder ist's einfach nur "zufrieden", dass er zumindest als Name und damit als einzeln sichtbar gewordener Mensch vorkommt, auch das kann zufrieden stimmen.
"er ist zufrieden und bricht auf / zu einer Wanderung". Im Schlussbild schafft es der Autor – mit den Augen des lyrischen Ichs sehend – dann eben doch, gegen all die Wirs Hoffnung aufscheinen zu lassen, so etwas wie das unscharfe Bild einer souveränen Subjektivität, eines einzelnen Menschen als Souverän seines Geschicks. Das Bild vom Aufbruch und der Wanderung zeigt uns einen Einzelnen am Beginn eines selbstgewählten Weges. Gegen all jene Widerstände, die das Gedicht als Reflex auf die Wirklichkeit auch gezeigt hat. Immerhin, so könnte das Gehen gehen. Könnte dieses Gehen aber auch ein Zuhause sein? Oder dürfen wir schon froh sein, dass Borns Zuhausegedicht uns für einen Moment da Zaungäste sein lässt, wo die zwei Freunde für einen menschenfreundlichen Morgen lang selbst gerne zu Gast waren?

Würden Sie mir einen Gefallen tun? Könnten Sie das Gedicht Nicolas Borns jetzt noch einmal lesen? Auch dafür vielen Dank.

 



Postskriptum

Nachdem ich diese Interpretation des Zuhausegedichts beendet und in der weitgehend korrigierten Fassung Hermann Peter Piwitt zugeschickt hatte, antwortete er mir wiederum freundlich mit zwei Briefen.In dem einen sandte er mir Kopien von Seiten aus seinem Buch Deutschland – Versuch einer Heimkehr (Hoffmann und Campe, 1981). Auf den Kopien ein Textauszug, der in seinen Ausführungen ziemlich genau jene Zeit einfängt, von der auch das Zuhausegedicht spricht. Der Text präzisiert Piwitts Erinnerungen via Telefon und ergänzt meine Interpretation, widerspricht beidem auch in kleinen Details. In welchen? Ich würde mich freuen, wenn Sie das selbst herausfänden. Damit Sie das können, habe ich Piwitts Textauszug (mit seiner Erlaubnis) für Sie an das Ende dieses Textes gestellt. Ein Bonus-Track sozusagen.

In seinem zweiten Brief weist mich Piwitt noch auf den Hintergrund einer Zeile hin:
"Mit der Zeile: 'einmal wollen wir für uns selber da sein / und für andere' verbirgt Born in einer Alltags-Redensart die sozialpsychologische Weisheit: 'Wir müssen erst einmal zu einem Selbst gelangt sein, um es loswerden, selbst-los sein zu können.' – Aber wissenschaftliche Weisheiten gehören nicht in ein Gedicht. Ein Gedicht rät in Rätseln. Es muß nicht klüger sein als wir. Es muß gelingen."

Und hier der versprochene Textauszug aus Hermann Peter Piwitts Deutschland – Versuch einer Heimkehr (Hoffmann und Campe Verlag, 1981). Piwitt verwendet in diesem das Pseudonym "Brandes", wenn er von Born spricht.

"Im Sommer 1970 kam er zurück und zu Besuch nach Hamburg. Er wirkte heiter; sein Wesen, sein Ausdruck hatten Spielraum, Farben gekriegt. Sogar seine immer etwas zu großen und zu schweren Schuhe trug er jetzt, als paßten sie nur ihm. Daß bei Demonstrationen der Außerparlamentarischen jetzt immer mehr Arbeiter auftauchten, erzählte er aus Berlin. Es klang böse. Das letzte Aufgebot aus den Fürsorgeheimen, von Randgruppen-Strategen verheizt: Von mir aus, sagte er, aber ohne ihn! Er zweifle jedenfalls mittlerweile daran, daß es unsere Aufgabe sei, auf die Misere zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange. Sich außer Atem bringen zu lassen durch die täglichen politischen Zumutungen, so lange, bis wir unsere Wünsche, die entwerfende Phantasie, die Vorstellung von einem ganz anderen möglichen Leben darüber vergaßen! Wozu das gut sein sollte? Wir liefen am Dammtorbahnhof vorbei. Das Laub der Kastanienbäume dort war schon braun, jetzt, mitten im Sommer. Wir waren noch ein bißchen schlecht zu Fuß, von der Nacht vorher. Und er versuchte zu erklären, wovon man wegkommen müsse: von einer Literatur, die hechelte, sobald die Realitätsmacher das Glöckchen läuteten. Die nichts als den Freiraum nutzte, der ihr und den angrenzenden Minderheiten ohnehin zugedacht war. Und die das Loch, wo der Klassenstandpunkt hätte stecken müssen, mit O-Ton von Randgruppen stopfte. War es so? Vielleicht. Vielleicht aber auch unterstelle ich ihm im nachhinein nur Gedanken, Sätze, die ihm so erst ein, zwei Jahre später zur Hand waren. Ich gab ihm Marcuse zu lesen, den er nicht kannte. Und er war überrascht, wieviel es für ihn hinzuzulernen gab. Wieder wurde die Nacht lang, und wir redeten bis in den nächsten Morgen hinein. Wir stellten uns eine Welt vor, in der Marilyn Monroe vor ihrem Tod hätte anrufen können, dich und mich. Nein, nicht einmal das; denn in dieser Welt sollte es Stars und andere Desaster gar nicht erst geben. Und wir stellten uns diese ganz andere Welt auch gar nicht vor. Sie existierte schon im Hier und Jetzt unserer Phantasie, und zwar in Bildern und Szenen, die zunächst einmal nichts bedeuten, beweisen sollten als sich selbst. Menschen, die sich freuten am Gefühl des seltenen Metalls in der Hand, das einmal Geld hieß. Arbeit am Fließband? Alptraum eines utopischen Schriftstellers. Um zehn geht das Licht aus: denn im Licht gedeiht die Kriminalität. PKWs kann man kaufen, aber es gibt keine Nachfrage danach. Verfügbar sind alle Güter des Gebrauchs. Aber wer sich zuviel davon bedient, verliert die Achtung der anderen. Für Kleidung gibt es nur wenige Stoffe, Modelle und Muster; zu wenige, um sich darin von anderen abheben zu können. Jeder macht sich daraus das Phantasie-Kostüm, das ihm am besten paßt und steht. Und nichts ist so verpönt wie die Uniformität des Individuellen: schließlich sind Kleider zum Tauschen gemacht. Und sogar für die Realisten war noch Platz: als Spaßmacher für die Kinder. Wir dachten an einen Film. Wo aber blieb dabei die alte, die verkehrte Welt? Es gab sie noch, eingeigelt, als Enklave; ein Freilicht-Museum zur Abschreckung, von innen verbarrikadiert. So etwas wie die Schweiz in fünfzig Jahren. Und der Blick fällt auf sie aus den staunenden Augen des Externen. Ein Flüchtling von dort bringt die Konfrontation: Er fragt nach 'mein' und 'dein', nach 'Vater' und 'Mutter', er benimmt sich wie ein Mann, alles an ihm wirkt weltfremd, unnatürlich. Er wundert sich, daß die Fernsehantennen auf den Dächern in Richtung auf die alte Welt gedreht sind. Und wird belehrt: >Es ist alles so komisch da. Wir lachen gern.< Wir redeten tagelang. Dann schrieben wir Briefe. Und wir merkten schnell, wie schwer es tatsächlich war, Bilder zu finden, Szenen zu schreiben, die ausmachten, was wir wollten. Wir wußten, was wir nicht wollten: keine konventionelle Zukunftsversion. Weder Horror noch Satire. Keine dieser Utopien, technisch immer auf dem zweitneuesten Stand der Futurologie. Nichts, wovon ein Sozialist sagen konnte: >Aber das wollen wir doch auch. Bloß, so schnell schießen die Preußen nicht!< Und ein Westler: > Ihr seht doch an 'drüben', daß das nicht geht!< Und schon gar nicht ein geschlossenes System, die heile Welt, das Schlaraffenland. Aber was dann? Aus der Stanley-Baxter-Show des britischen Fernsehens war mir ein Sketch in Erinnerung geblieben: ein Vogelstimmen-Imitator ahmt vor einem Varieté-Agenten auf die kunstvollste Weise verschiedene Vögel nach. Aber der Agent schüttelt nur gelangweilt den Kopf. Er kennt das alles. Es ist ihm vertraut. Es ist nicht das, was er sucht. Da hebt der Künstler die Arme und fliegt unter dem grenzenlosen Staunen des Agenten aus dem Fenster davon. Ich glaube, darum ging es: das scheinbar Unvorstellbare hier und jetzt so beiläufig wie phantastisch und schön passieren lassen, daß es beim Zuschauer das Staunen und den Schmerz weckt über das, was im tagtäglich entging. Nicht, daß in unserer ganz anderen möglichen Realität jemand mit den Armen rudernd davon fliegen sollte. Aber was war mit dem Varieté-Agenten? Hatte er denn nicht insgeheim schon einmal von einem Vogelstimmen-Imitator geträumt, der flog? Und nun war er ihm davongeflogen. Wir begriffen, daß wir unsere Bilder und Szenen, wenn sie überhaupt verfangen sollten, entfalten mußten aus Träumen, Wünschen und Glücksvorstellungen, die es – obschon verschüttet oder abgetrieben – schon gab. Nur den Zweihundertmillionsten Teil dessen, was sie täglich sehen, nehmen die Menschen tatsächlich wahr. Was war mit den übrigen Hundertneunundneunzigmillionenneunhundertneunundneunzigtausendneunhundertneunundneunzig? Was mit den Wahrnehmungen, die unbewußt blieben, weil sie nicht vorkamen im – wie Brandes es dann ausdrückte – >eingepaukten WirklichkeitskatalogManipulation<: Ich meine die Werbung. Planmäßig forschte sie das Unterbewußtsein, die unterdrückten Wünsche, die insgeheimen Träume der Menschen aus, bildete sie ab und legte die Bilder als Köder aus für Waren, deren Herstellung und Verbrauch die ursprünglichen Wunschziele in immer unerreichbarere Ferne rückte. Erreichbar war nicht das Reyno-Paar, das in leichten Kleidern über die sommerliche Waldwiese lief; erreichbar war nur die Reyno. Erreichbar nicht länger die saubere Brandung, der einsame, klare Wasserfall, der vom Sommerregen frische Park, sondern die Seife Fa, Sinalco und Elidor, für die damit geworben wurde. Und wo der Wunsch, einfach irgendwohin zu fahren, weltfremd wurde, wurde der Schlager >Wir zwei fahren irgendwohin< unwiderstehlich. All diese alltäglichen Glücksvorstellungen, soweit sie in den schönen Bildern der Werbung nicht schon vorlagen: mußten wir uns nicht erst einmal zu ihnen durchfragen, wenn wir nicht einfach über die Köpfe der Menschen hinweg, das heißt, nur nach unserer Fasson, ein Konzept durchpauken wollten? Wenn überall nur die falschen Antworten kursierten – lag das daran, daß die richtigen Fragen nicht gestellt wurden? Also fragen. Aber wie fragen, ohne bei den Befragten gleich den Bildzeitungs-Radar zu alarmieren? Waren nicht Fragen politischen Inhalts immer schon unbrauchbar? Die schweigende Mehrheit: war sie denn von Politik etwa nicht immer nur reingelegt worden? >Produktivkräfte<, >Produktionsverhältnisse<, >Kapitalismus<, >konservativ<, >fortschrittlich<, >industriell<, >postindustriell<: Hatten wir, in solchen begrifflichen Reglementierungen, nicht die Wirklichkeit uns selbst schon allzu handlich gemacht? Unsere eigenen Wünsche und Sehnsüchte schon darin aufgebahrt? In Gailingen in Württemberg, wo Brandes nun für eine Zeitlang wohnte, wanderten wir ein paar helle Herbsttage lang in den Uferhängen des Hochrheins herum und dachten uns neue, ganz andere Fragen aus, Fragen, mit denen sich der Zugang zu den unprogrammierten Wünschen erschließen ließ. Fragen, die nicht nur naiv klingen, sondern sein sollten. Die Licht machen sollten, statt hinters Licht zu führen. Fragen, die – gerade weil sie unpolitisch waren – politische Antworten zu provozieren geeignet waren und den Mut zu ganz neuen, anderen Tatsachen. >Möchten Sie gerne regiert werden? Haben Sie einen besten Anzug und sind Sie darin ein anderer Mensch? Würden Sie es unerträglich finden, nichts zu besitzen, wenn allen alles zur Verfügung stünde? Sie haben drei Wünsche, die Ihnen unter der Bedingung erfüllt werden, daß sie allen anderen auch erfüllt werden. Wie lauten diese Wünsche? Und welchen persönlichen Vorteil hätten Sie davon? Möchten Sie einmal etwas Verbotenes tun? Was? Keiner streitet gern mit seinem Partner über Geld. Worüber möchten Sie mit ihrem Partner gern streiten? Welche Probleme hätten Sie gern? Stellen Sie sich vor, Sie könnten mit dem Menschen, den Sie lieben, auf einer Südseeinsel leben: Woran fehlt es hier, wenn Sie an so ein Leben denken? Würde Ihr Chef für Sie durchs Feuer gehen? Was würde Ihnen Spaß machen, das kein Geld kostet? Wären Sie lieber reich oder lieber glücklich? Wenn Sie einmal zu Hunderttausenden sprechen könnten, was würden Sie sagen? Möchten Sie gern mitbestimmen wollen darüber, was mit dem Geld, das Sie auf der Bank haben, geschieht? Könnten Sie sich ein Leben vorstellen, in dem Sie jedem Menschen, dem Sie neu begegnen, mit Freude begegnen?< Am Ende hatten wir etwa fünfzig Fragen zusammen. Wir stellten sie zwei Zigarettenarbeitern, einer Gastwirtin, einem Fahrstuhlführer, einem Angestellten im öffentlichen Dienst, einer Kellnerin. Insgesamt erst mal einem Dutzend Leuten. Wir hatten uns Rückendeckung von ihnen erhofft, Baumaterial für die Gegen-Wirklichkeit, die wir ins Bild setzen wollten. Und zu unserer Überraschung bekamen wir sie. Da war, 1970, unter den Befragten niemand, der nicht von einer Verlangsamung des Lebens geträumt hätte, von den langsamen Fahrzeugen der Zukunft. Niemand, der nicht gern weniger Konsumgüter in Kauf genommen hätte um der Güter willen, die die Natur kostenlos produziert: Sonne, saubere Luft, Flüsse und Seen, in denen man schwimmen konnte. Und keiner wollte mehr Geld, vorausgesetzt, daß auch andere nur so wenig verdienten wie er. Eine Zigarettenarbeiterin wäre gern mit der Postkutsche nach Italien gefahren. Und es war eine CDU-Wählerin, die sagte, daß wir für den Sozialismus doch schon alle viel zu kaputt seien; dabei war das Wort überhaupt nicht gefallen. Es gab auch Antworten wie die auf die Frage nach der Südsee: >Südsee? Da gibt es Sonne, Fische, Früchte, eigentlich alles, was man zum Leben braucht – bloß keine Arbeit!< Aber das Wahnsystem Realität, kraft Lob und Strafe eingeübt: Was Wunder, wenn es nun als Sachzwang aus ihnen sprach? Daß den Menschen Bilder von einer ganz anderen möglichen Wirklichkeit im Kopf aufgingen, vorausgesetzt man fragte nach ihnen statt nach der Nachfrage: das jedenfalls hatten wir plötzlich auf Band. O-Ton? Gut. Aber denn doch wohl nicht den der üblichen Misere. Wir sind mit unserem Projekt trotzdem nie über ein Exposé hinausgelangt. Ein Verantwortlicher bei einem Sender sagte uns, daß es ihn nicht vom Stuhl risse. Wir antworteten ihm, daß das auch nicht das Ziel unserer Arbeit gewesen sei. Einem anderen verdankten wir die leihweise Überlassung eines Aufnahmegerätes. Dann saß ich im Ausland und schrieb etwas ganz anderes. Und Brandes stellte seine neuen Gedichte zu einem Band zusammen. Er ist – um in seiner augenzwinkernden Spezialrhetorik zu bleiben – sein >Hauptwerk< geblieben. Plötzlich tauchte darin das Wort >Glück< auf. >Glück<, das hieß in den schweifenden und schwebenden Versen dieser Jahre das Aufplatzen des Wahnsystems Realität in einem unvermuteten Augenblick des Alltags, einem Augenblick des Ausgeschlafenseins am Morgen, einem Frühstück, einer unverhofften Zärtlichkeit. Es gab den Begriff >alternatives Leben< noch nicht, da sammelten sich im Alltag seiner Gedichte alle Glücksvorstellungen und -vorgefühle darauf. Und er hatte mich daran teilhaben lassen. Daß keine zehn Jahre später, auf dem Bohrplatz 1004 bei Gorleben, vieles von dem Wirklichkeit werden würde, was jetzt noch ein Gedicht war, hätte er sich nicht träumen lassen. Eher schon in Reichweite unserer Alpträume hätte gelegen die Arroganz, mit der hier etwas niedergewalzt wurde, woran man hätte studieren können, was Leben sein kann. Glück – was bisher Augenblick gewesen war – Brandes versuchte es nun auch in seinem Leben festzumachen. Und in seiner breitschultrigen hausvaterhaften altdeutschen Art schien ihm auch das zu gelingen. Er begann sich sein Leben einzurichten. Sein Leben. Mit Frau und Kindern. Und einem Bauernhaus auf dem Land. Und wenn er sagte: >Komm, wir werden einen Braten in die Röhre schieben!< dann war das ein Zuhause. Der alte Schmökerraum: von Krieg und Liebe heimzukehren an Haus und Herd – noch einmal wurde er ausprobiert. Von ihm. Aber er, der soviel aushielt, hatte bald mehr am Hals davon, als er schleppen konnte. Das Haus, das ihm abbrannte. Kredite, die zu Buch standen in einer Größenordnung, in der ich nicht einmal zu träumen wagte. Und Affären, die ihn würgten, ohne daß er sich auch nur einen Deut davon erklären wollte. Je geräumiger er sich auswuchs, mit Hausstand, Familie, Mobilien und Immobilien, desto mehr schien er sich nun selbst darüber zu verfestigen. Und alle seine Anläufe zum Glück schienen mir nun gekoppelt mit der Erfahrung des Zusammenbrechens, des Sich-zerschlagen-Fühlens, mit Tod. Einmal auf dem Bauernhof von Stuttgart, hatten wir uns umarmt. Man umarmte sich damals nicht bei jeder Gelegenheit wie heute. Es war etwas Besonderes. Und als ich im Zug saß, dachte ich, daß nun unsere Freundschaft auch zu Ende gehen und jeder seines Weges gehen könnte. Jeder war nun irgendwie dort angekommen, wo der andere hergekommen war: Er ein bißchen oben und ich ein bißchen unten. Was hätten wir noch voneinander lernen können?"