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23.01.18

Text des Monats Januar/Februar 2018: Andreas Rossmann "Mit dem Rücken zum Meer. Ein sizilianisches Tagebuch"

SANTA FLAVIA

 

Antonio Cuffaro und seinen Geschwistern gehört das Restaurant Babilonia schräg gegenüber vom Bahnhof Santa Flavia/Solunto, einem kleinen, hellen Gebäude aus dem Modellbaukasten der staatlichen italienischen Eisenbahnen, das nachts hell erleuchtet ist. Auf dem Platz davor steht ein Denkmal von Francesco Paolo Perez (1812 bis 1892), einem Schriftsteller aus Palermo, der auf der Insel sehr präsent, aber mehr als Politiker denn als Literat bekannt ist: Als glühender Verfechter eines autonomen Siziliens gehörte er gleich zu Beginn der Revolution vom März 1848, die von den Bourbonen nach einem Jahr wieder kassiert wurde, zu den Köpfen der verfassungsgebenden Versammlung.

Die meisten Züge rauschen hier durch; nur wenige halten. Das Lokal hat vorne eine Bar, daneben einen großen Speisesaal und eine überdachte Terrasse zur Straße. Die Küche ist einfach, gut, preiswert – etwas für unter der Woche. Betrieb herrscht vor allem am Wochenende, und auch dann nur am Abend. Dabei hat es – das ist eher selten -, von fünf Uhr früh bis zwei Uhr nachts geöffnet. „Vor zehn Jahren war es hier noch jeden Abend voll“, erzählt Antonio, „da hatten wir – vier Brüder und eine Schwester – noch zwanzig Angestellte. Jetzt sind es noch fünf, darunter zwei Marokkaner, die Brüder Raduan und Mohammed …
… Die beiden sind schon lange hier, gut integriert, sprechen italienisch, sind fleißig“, sagt Antonio, der sich genau erinnert, als sie ankamen: „Der eine schon 1993, da war er dreizehn, mit seinem Vater. Der kam jeden Sommer, handelte mit Kleinigkeiten, Feuerzeugen, Strandutensilien, Sonnenbrillen, Badelatschen, Strohhüten. Eine arme Socke, aber sehr tüchtig. Da drüben, auf der anderen Straßenseite, ist der Sohn gestanden, hat herübergeschaut und was gesagt. Ich hab nur verstanden, dass er einen Burger will. Später hat ihn der Vater hiergelassen, weil er uns vertraut und geglaubt hat, dass der Sohn hier gut aufgehoben ist und bessere Chancen hat. Wir haben ihn aufgenommen, meine Mutter hat ihm die Wäsche gemacht, er ist zur Schule gegangen. Heute kocht er  - sizilianisch. Er ist einer von uns, fiebert für Italien, wenn die Nationalmannschaft spielt. Sein Bruder ist auch gut integriert, hält aber Distanz. Er kam 2001, auf Umwegen, über Brüssel, hat auf dem Rollfeld heimlich das Flugzeug gewechselt – eine Odyssee. Eines Abends hat er aus Rom angerufen, am nächsten Tag war er hier. Er hat in Marokko Familie, eine Frau und drei Kinder. Ich habe ihn oft gefragt, ob er sie nicht nachholen möchte, das wäre leicht möglich und keine große Sache. Aber das will er nicht.“ – „Und warum nicht?“
„Ja, das ist interessant“, sagt Antonio: „Der wichtigste Grund ist, dass er, so sagt er, nicht will, dass seine Frau so herumläuft wie die Frauen hier: aufgemacht, geschminkt, mit offenen Haaren, ärmellosen Blusen, kurzen Röcken, nackten Beinen. Als Typ ist er hier sehr gefragt – er sieht ja gut aus. Er hat eine rumänische Freundin, und mit der ist er nicht so streng, da hat er überhaupt kein Problem damit – im Gegenteil! Zugleicht hält er zur Familie in Marokko engen Kontakt, telefoniert und skypt fast jeden Tag mit der Frau und den Kindern. Und im Winter, von Anfang Dezember bis Mitte, Ende Februar fährt er für zweieinhalb Monate nach Hause.“

Auszug aus:

Andreas Rossmann "Mit dem Rücken zum Meer. Ein sizilianisches Tagebuch". Fotografien von Barbara Klemm. Verlag der Buchhandlung Walter König, Köln.
S. 132 - 134

 

Andreas Rossmann, geboren 1952 in Karlsruhe, ist Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sei 1986 berichtet er aus NRW. Veröffentlichungen u.a.: "Max Ernst Museum" (2005); "Der Rauch verbindet die Städte nicht mehr - Ruhrgebiet: Orten, Bauten, Szenen" (2012). Erster Preis beim Wettbewerb des Forums Geschichtskultur an Ruhr und Emscher 2014. Andreas Rossmann lebt in Köln.