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8.08.17

Text des Monats August 2017: Heinz Helle "Eigentlich müssten wir tanzen"

Mit einer Lesung aus "Eigentlich müssten wir tanzen" eröffnet Heinz Helle unsere Herbstreihe "Über Leben! Von der Hoffnung auf Zukunft". Das Bühnengespräch führt Dr. Hubert Winkels. Mehr Infos zum Projekt in wenigen Tagen auf unserer Homepage!

Eine Gruppe junger Männer verbringt ein Wochenende auf einer Berghütte. Als sie ins Tal zurückkehren, sind die Ortschaften verwüstet. Die Menschen sind tot oder geflohen, die Häuser und Geschäfte geplündert, die Autos ausgebrannt. Zu Fuß versuchen sie, sich in ihre Heimatstadt durchzuschlagen. Sie funktionieren, so gut sie können. Sie sind allein. Sie sind hungrig. Wie lange werden sie Freunde bleiben?

 

Heinz Helle

"Eigentlich müssten wir tanzen"

 

1.

Wenn es zu kalt ist zum Hinlegen, abends, bleiben wir stehen. Wir stehen eng beieinander, Rücken an Rücken an Seite an Bauch. Wir drehen uns langsam weiter im Verlauf der Nacht, jeder darf einmal in der Mitte stehen, jeder muss ab und zu an den Rand. Wenn die Sonne aufgeht, sehen wir übereinander hinweg und aneinander vorbei, und wir sehen genau, sehen es aus dem Augenwinkel, dass der andere auch woanders hinsieht, wir sehen jeder woanders hin, jeder in sein eigenes, weit entfertens Nichts oder Alles, egal, wir sehen uns nicht in die Augen, das täte weh, mehr und ganz anders als die Sonne, wenn sie aufgeht, meistens ist es bewölkt, und wir sehen weiter aneinander vorbei und freuen uns über die abnehmende Kälte und das zunehmende Licht, und wir stehen ganz dicht beieinander, beinahe wie früher, in der U-Bahn, im Feierabendverkehr.

(...)

 

4.

Im letzten Licht erreichen wir ein Dorf. Auch hier sind alle Fenster verrammelt, die Türen verschlossen, wir treffen keinen Menschen und finden keinen Hinweis auf den Verbleib der Bewohner. Durch eine bereits eingeschlagene Glastür betreten wir einen Supermarkt, wir wandeln zwischen leeren und halbleeren Regalen, der Boden ist übersät mit aufgerissenen Verpackungen, zerbrochenem Glas, zerbeultem Aluminium und zertretenen Kartons, und über allem liegt der entsprechende, schwer zu ertragende Geruch: der Geruch von allem, was ein Supermarkt je emthalten hat. Tütensuppen, Chips, Schokolade, Katzenfutter, Ablufssfrei, Tiefkühlasagen, Deodorant, Bier, verfaulendes Fleisch. Wir finden eine Palette Wasserflaschen und ein paar in Plastikfolie eingeschweißte Knoblauchbaguettes. Mit unserem Essen ziehen wir uns in den wärmsten und sichersten Raum des verwüsteten Komplexes zurück: die abgetaute Kühlkammer. Wir essen, wir trinken, wir schweigen. Es ist ein gutes Schweigen, ein Na also, es geht doch, wir kommen schon klar, irgendwie finden wir schon eine Lösung, und wir genießen das kalte Knoblauchbaguette, die Butter schmeckt richtig gut, wenn sie so hart ist, man muss zubeißen, ehe man den intensiven Geschmack spürt, nach den Strapazen der letzten Tage wirkt das Fett wie eine Offenbarung. Nachdem wir uns vergewissert haben, dass man uns nicht von außen einschließen kann, bauen wir ein Lager aus mehreren Schichten Karton mit zerknüllter Plastikfolie daziwschen, wir legen uns einer neben den anderen, dann decken wir noch mehr Kartonbahnen über uns, unsere Köpfe auf dem zerknüllten Plastik, die Flaschen mit dem Mineralwasser in Reichweite. Das Atmen klingt nicht nur erschöpft. Es klingt friedlich.

 

5.

Vor ein paar Wochen saßen wir im Auto. (...) Wir fahren fünf. Drygalski, Gruber, Fürst, Golde und ich, und wir hatten Eier eingepackt und Milch, Bier, Hack, Nudeln, Nutelle, nur Brot nicht, das wollten wir beim Bäcker im Tal kaufen, unten, im Dorf. Wir hatten die Stadt hinter uns gelassen, die Vorstadt, in der wir zusammen aufgewachsen waren (...). Wir saßen auf engem Raum. Die, die hinten saßne, hätten, wenn sie gewollt hätte, ihre Hände ineinander legen können, aber das wäre schwul gewesen, udn außerdem spürten wir trotz der Euphorie über die gemeinsam, fortschreitende Bewegung auch eine gewisse Distanz zwischen uns, so lustig wie früher würde es ja eh nicht werden, nur jedes Jahr teurer, und eigentlich war man für das alles allmählich zu alt (...).

Am Scheitel des Irschenbergs (...) fuhren wir steil bergab, vor der Frontscheibe breitete sich das Inntal aus, dunkelgrün, leer und stumm, bis zu den im Nebel verborgenen Alpenhängen, schnurgerade durchschnitten von sechs Spuren weiß und rot schimmernder Zivilisation. Der Scheibenwischer quietschte.

 

aus: Eigentlich müssten wir tanzen. Suhrkamp Verlag Berlin 2015.

 

Heinz Helle, geboren 1978, Studium der Philosophie in München und New York, Absolvent des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel, Arbeit als Texter in Werbeagenturen. Er lebt mit seiner Familie in Zürich. Sein Debütroman "Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin" (2014) stand auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises und wurde mit dem Literaturpreis des Kantons Bern ausgezeichnet.