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4.07.17

Text des Monats Juli 17: Bille Haag "Königin der Nacht" (Auszug aus dem ersten Kapitel)

Ouvertüre

1905

 

Vom Himmel herab habe im November neunzehnhundertfünf eine Kette gehangen mit einem Kessel daran, in dem Kinder aus dem Friedrichstadt-Viertel in Düsseldorf Hexensuppe bereiteten, um den Nebel zu vertreiben, der den Eltern als Vorwand diente, das Spielen auf der Straße zu verbieten. So erzählt das Franz Schmitt, der Zigarrenfranz, seinem spät geborenen Sohn, und so erfährt es schließlich auch der Erzähler dieser Geschichte.

Franz Schmitt war als Kind selbst dabei und ist beim Erinnern so aufgeregt, als wäre das Geschehen noch in Reichweite. Die Hexensuppe hätten sie zunächst kalt angesetzt mit fiesen Zutaten, frag nicht, was. Dann sei Feuer unterm Kessel gemacht worden, zunächst schüchtern, danach aber mit Kohlen so heiß, dass die Flüssigkeit bald verdampft war. Hastig, schnell, schnell, hatte jedes Kind in den Suppenkessel zu pinkeln, Jungen und Mädchen, und nur deshalb sei das passiert, wovon noch erzählt werden muss. Doch der Erzähler der ganzen Geschichte, der auch weiß, dass die Kette nicht vom Himmel, sondern nur von der Regentraufe herabhing, tritt vorerst hinter die Geschichte zurück. Auf ihn kommt es noch nicht an, er ist nur der Vermittler und lässt erst einmal den Zigarrenfranz erzählen.

Wegen der Hitze nicht richtig in den Kessel gezielt und die Mädchen sowieso daneben, beinahe wäre davon das Feuer erloschen, hätte nicht einer Petroleum auf die Glut. Eine Stichflamme sei hochgeschossen wie aus einem Teufelskästchen, habe in Schuhe und Kleider gebissen, sei ins Haar gezischt, über die Haut gefaucht und dann ins Stroh zu den Hühnern geflogen.

Die Töchter vom Schuhmachermeister Kordewan sind blindlings davongerannt, zwei Häuser weiter, die Treppe hinauf in den ersten Stock, wo ihre Mutter immer Klavier spielt, wenn sie nicht die Geschäftsbücher führt. In der Atemlosigkeit des Erschreckens erzählt das der Zigarrenfranz bis ins Alter und versieht sein Erinnern mit Einsprengseln aus Mozarts „Zauberflöte“. Sein Lebtag begleitet ihn diese deutsche Oper, man wird sehen.

Die Mädchen riechen nach Rauch, sind versengt, schreien und zeigen der Mutter und auch der Kleinsten, dem Lottchen: Da hinten brennt es, dem Bäcker sein Hühnerstall brennt. Ihre Stimmen sind so sehr verbrannt, dass die Mutter ihre Hände von den Klaviertasten nimmt, nach dem Vater ruft, der aber, Gott weiß wo, bei Kunden mal wieder. Mutter Louise fleht laut durchs Haus Eimer und Lappen herbei, Lehrling und Geselle rennen, der Klumpfuß-Beheim hintennach, bei Feuer muss jeder ran. Auch der Bäcker, dem die Hühner gehören und der Zigarrenfranz, der beherzt das versengte Federvieh rettet. Menschen sind nicht zu Schaden gekommen, nur der Schuppen ist futsch, heißt es in Notizen zu diesem Ereignis.

Louise Kordewan kann beim Löschen nicht helfen mit ihrer empfindlichen Lunge und dem brüllenden Lottchen, das mit dem Plärren nicht aufhört. Mutter Louise schreit das Kind an. „Bete!“, schreit sie, mit einer kleinen Drehbewegung in der Stimme, „bete so laut du kannst!“ Sie schreit zu ihrem Gott: „Lieber gütiger Vater! Großer Gott, hilf!“ Und dann wieder zum Kind: „Lottchen, hör auf zu plärren! Sei endlich still! Sprich mir nach: Lieber gütiger Vater! Mach die Zähne auseinander! Auf der Stelle! Lieber gütiger Vater! Na, wird’s bald!“

Daran soll am Ende das Feuer erstickt sein.

Nicht so der Zorn von Vater Adam Kordewan. Als der von den Kunden zurückkommt, ist alles gelöscht, aber Louise und die Kinder sind immer noch völlig verdreht, als seien sie selbst geschädigt. Louises Gejammer, das bringt Adam schon lange auf, jetzt ist es wie Öl auf seinem schwelenden Zorn. Wie Mutter Louise die zarte Madame gibt, wie sie nachschluchzt und betet, je nach Bedarf, wie sie „luthérisch“ sagt zu ihrer Glaubensausrichtung – lutheerisch - und zeigefingernd Bibelsprüche parat hält für alles und jeden und mit Losungen des Tages die Töchter verdirbt. „Wie lautet die Losung für den heutigen Tag?“, fragt er sie höhnisch und herrisch, und Louise antwortet tatsächlich mit der passenden Losung: „Alles, was ihr bittet im Gebet, so ihr glaubet, werdet ihr’s empfangen.“ Die Töchter stehen um sie herum wie Trabanten und nicken.

Lisbeth erzählt ihrem Nachbarsfreund Franz, dem Zigarrenfränzchen, ihr Vater habe ihre Mutter beschimpft, und dann habe er seine Töchter versohlt, habe sie Mores gelehrt und ihnen Vernunft eingebläut. Zuerst sei sie, Lisbeth, als die Älteste drangewesen. Dann Leonie. Die habe den Vater schon immer zur Weißglut gebracht mit ihren hungrig gläubigen Augen. Und zum Schluss habe Vater Adam auch Lottchen verhauen, ein bisschen, weil sie immer noch plärrte, obgleich sie gar nicht dabei gewesen war. Das sei ihr ganz recht geschehen, hat Lisbeth ihrem Kinderfreund, dem Zigarrenfranz gesagt. Und bei jeder der Töchter habe Vater Adam Kordewan bedauert, dass sein Sohn nicht mehr lebt. Wäre der ihm geblieben, den hätte er richtig verhauen. (...)

 

Auszug aus: Königin der Nacht. Klöpfel & Meyer 2016.

Bille Haag, geboren in Düsseldorf, aufgewachsen im Ruhrgebiet. Studium der Germanistik, Romanistik, Philosophie in Heidelberg, Berlin und Frankfurt. Lehrerin, Buchhändlerin, Standbein in Freiburg, Spielbein im Ruhrgebiet. Zahlreiche Lesungen, Publikationen, Vorträge. 2007 erschien ihr Debütroman "Der Abfahrer". Für ihre Arbeit an der "Königin der Nacht" erhielt sie das große Jahresstipendium des Förderkreises Deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg.