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24.11.11

Laudatio auf Fritz Eckenga von Dr. Klaus H. Jägersküpper

Begründung der Jury für die Vergabe des Hauptpreises des Literaturpreises Ruhr 2011 an Fritz Eckenga

Literaturpreis Ruhr 2011

 

 Begründung der Jury

für die Vergabe des Hauptpreises

an Fritz Eckenga

 

von Dr. Klaus H. Jägersküpper

 

„Lyrik läuft nicht, weiß der Händler,

Weil sie nicht die Masse trifft,

Inventuren sprechen Bände:

Reime sind schlecht Kassengift.

 

Lyrik lohnt nicht, spricht das Konto,

Verse machen mich nicht voll,

schau auf meinen letzten Auszug,

wenig Haben, reichlich Soll.

 

Lyrik leck mich, flucht der Dichter,

stiehlst die Zeit und nährst mich nicht,

brot- und trostloseste Mühsal,

mit Gedichten ist jetzt Schicht!“

 

So lauten die ersten drei Strophen des Gedichtes „Lyrikerkrise“, das im Jahre 2002 veröffentlicht wurde, und zwar in einem Gedichtband mit dem Titel: „Draußen hängt die Welt in Fetzen, lass uns drinnen Speck ansetzen“. Der Name des Autors lautet Fritz Eckenga und offensichtlich ist dieser mit dem skeptischen Dichter, für den sich Lyrik nicht zu lohnen scheint, keineswegs identisch, denn in den Jahren 2005, 2007, 2010 und 2011 erschienen weitere Gedichtbände mit scharfsinnig-humorvollen Gedichten und satirischen Texten des Dortmunder Kabarettisten und Autors Eckenga, der seit gut zwanzig Jahren als vielseitiger Schriftsteller und als Mitglied des „Rocktheater N8chtschicht“ ein Publikum weit über das Ruhrgebiet begeistert. Zudem hat er als Autor für die taz, die Frankfurter Rundschau, den WDR und den SWR überregionale Bekanntheit erlangt.

Eckengas Gedichtbände (seit 2002 vier Bände im Münchener Kunstmann-Verlag) decken ein breites Themenspektrum der wirklich wichtigen Dinge des Lebens ab: natürlich Sport (insbesondere Fußball), Politik und Politiker, aber auch einfache und schwierige Liebesbeziehungen und Gedanken über das Dichten selbst.

Seine witzig-satirischen Verse sind sowohl zu einfachen Vierzeilern, zu kunstvollen Sonetten, aber auch zu dialogischen Gedichten gefügt. Dabei erweist sich Eckenga als Meister des unaufhaltsamen, aber wohlklingenden Paarreims, mit dem er häufig überraschend neue Zusammenhänge herstellt. Der ‚tagesspiegel‘ behauptet sogar, dass Eckenga „die melancholische Lebensklugheit von Kästner“ besitze, und zieht Parallelen zu Christian Morgenstern und Robert Gernhardt, dessen Lust am lyrischen Blödeln er teile. Auch wenn manche Gedichte sich so lesen, als seien sie mit federleichter Hand zu Papier gebracht, ist Eckenga doch immer meilenweit von den sich nur zu häufig wiederholenden flachen Scherzen der sogenannten Comedy-Unterhaltung und deren „Haudrauf-Komik“ entfernt. Seinen Anspruch an die eigenen Texte formuliert er amüsant und zielgenau im § 1 seiner „Rettungsreime“, die unter dem Titel „Fremdenverkehr mit Einheimischen“ veröffentlicht wurden:

 

„Dichtung ist Verpflichtung zur Verdichtung.

Wenn der Dichter platt palavert,

wenn er wortgewaltig wabert,

Locken auf die Glatze labert,

wenn der Dichter bläht und dehnt,

riskiert er, dass die Kundschaft gähnt.“

 

Mit diesem Credo produziert Eckenga komische, manchmal selbstironische, aber auch philosophische oder melancholische „Verdichtungen“ seiner Beobachtungen. Diese konzentrieren sich auf das Alltägliche, also den ganz normalen Wahnsinn sowie „Wichtigtuer, Weicheier“, wie der SPIEGEL feststellt. Natürlich ist das keine „Blockbuster-Literatur“, so bestätigt Eckenga bei der Pressekonferenz des RVR zur Preisverleihung, doch immerhin gelingen ihm mit einer inzwischen erstaunlichen Regelmäßigkeit gereimte Kabinettstückchen, in denen er (wie das vornehme Schwein im gleichnamigen Gedicht) seinen

„Unmut dezent [äußert],

der Gossenjargon ist ihm wesensfremd,

er kennt das geschliffene Argument

und nimmt das wörtliche Exkrement

niemals ohne Not in den Mund

und wenn, dann hat das schon seinen Grund.“

 

Die Presse lobt, dass Eckenga ein „wunderbarer Jongleur der Sprache, ironisch, poetisch, charmant“ (SPIEGEL) sei. Thematisch und sprachlich ist er häufig als Ruhrgebietsautor erkennbar, jedoch ohne gleich die sprachlichen Finessen der sensiblen Ruhrgebietssprache aufdringlich zu reproduzieren oder als bloßer Folklore-Dichter, sozusagen als „reimender Poet aus dem Ruhrpott“, wie der Deutschlandfunk merkwürdigerweise meint, aufzutreten. Allerdings verheimlicht er seine Herkunft (geboren in Bochum, hauptsächlich lebend in Dortmund) nicht, warum auch? In dem Gedicht „Jedem sein Fall“ erklärt er dem Rest der Republik, wie man hier mühelos und idiotensicher mit komplizierter Grammatik umzugehen pflegt:

 

„In Dortmund, Duisburg, Essen

Gilt eingeschränkte Beugungspflicht.

Fälle gibt’s, die gibt’s da nicht,

die darfst du dort vergessen.

 

Du musst Derdiedas nicht stressen.

Das Geschlechtswort hat’s bequem.

Wenn du Fragen hast, frag wem.

Frag nicht umständlich nach wessen.“

 

Eckenga beherrscht virtuos geschliffene Wendungen unserer Regionalsprache, spielt mit Wortverdrehungen und demonstriert zugleich, wie man mit eingeschränkten Deklinationsfähigkeiten und reduziertem Konjugationsvermögen ein hohes Maß an sprachlicher Deutlichkeit erreichen kann, weil man seinen Mitmenschen genauestens zugehört hat und ihnen messerscharf aufs Maul geschaut hat. So heißt es in einem Gedicht über Franz Müntefering:

„Dabei gehört noch was dazu?

Verleih die Sprache Glanz!

Münte-Franz, gib jetzt nicht Ruh,

jetz sach Dein Satz ma ganz.“

 

Das ist an Deutlichkeit nicht zu übertreffen, trifft ohne intellektuelle Besserwisserei den Kern der allzu verknappten Redeweise Münteferings zielgenau, ein wenig respektlos, aber immer mit dem gewissen rauen Charme, der Eckenga auszeichnet. Müntefering ist im Übrigen nicht der einzige Politiker, mit dem sich der politisch interessierte und offensichtlich engagierte Autor beschäftigt. Überall dort, wo Politiker sich Blößen geben oder unangenehm auffallen, findet Eckengas kritischer Oppositionsgeist einen passenden Reim oder eben auch keinen Reim mehr, wenn gar nichts mehr zu passen scheint. So gibt es Gedichte über Joschka Fischer, Altkanzler Schröder, Claudia Roth, Rudolf Scharping, Wolfgang Clement, Ulla Schmidt, die Ministerpräsidenten Beck und Rüttgers, sowie Kanzlerin Merkel, die Bundespräsidenten Rau und Köhler und andere Politiker. Ihre Einfälle und Ausfälle, ihre Strategien und ihr Taktieren kommentiert er mal boshaft-entlarvend oder ironisch-überspitzt. Das soll durchaus nicht jedem gefallen, ist aber immer konsequent und entspricht Eckengas „gute[m] Vorsatz:

„…

Ich sag aller Welt, was ich von ihr halt,

ich bin ja schon alt und entbehrlich.

 

Ich schwöre, ab jetzt nur die Wahrheit zu sagen.

Schonungslos! Knallhart! Brutal!

Lieber geh ich als einsames Ekel,

als böser, doch aufrechter Mann…“

 

Wenn man nach Grenzziehungen oder nach Vorbildern und Leitbildern für Eckengas Lyrik sucht, wird man in seinen Gedichten selbst fündig, denn er „…will nicht Grünbein sein“, dessen Verse über Michael Jacksons Tod in der ZEIT er gnadenlos zerreißt. Demonstrative Besserwisser oder intellektuelle Schaumschläger haben bei ihm keine Chance . Stattdessen gibt er sich als Nachfolger Heines zu erkennen, bewundert F.W. Bernstein, mit dem er nicht nur den Vornamen gemeinsam hat, und lobt ein Herbstgedicht von Ernst Jandl.

Wer nun in den vollen Genuss der geballten Wortakrobatik, des feinsinnigen Humors und der immer wieder überraschenden Reimbildung kommen will, der muss Eckengas Verse nicht nur nachlesen, sondern sie in gesprochener Form erleben, sie erzwingen es geradezu vorgetragen zu werden. Dies kann man nicht oft genug betonen: So wie man sich die deutsche Nationalmannschaft (ein wichtiges Thema für den Autor) nur als Turniermannschaft vorstellen kann, so ist für Eckengas Lyrik eine öffentliche Präsentation Pflicht – er ist sozusagen ein „echter Turnierdichter“: vor allem im Radio, auf CD und im Fernsehen, wahrscheinlich aber am liebsten direkt vor Publikum auf Tourneen in vielen Teilen Deutschlands und heute Abend hier in Essen-Borbeck.

Mit der letzten Strophe des eingangs schon zitierten Gedichts „Lyrikerkrise“ (Der Titel kann nur ironisch gemeint sein!) soll die produktiv-harmonische Beziehung des Dichters zu seinen Versen abschließend noch einmal dokumentiert werden:

 

„Lyrik liebt dich, haucht die Lyrik,

stimmt, ich hab dich oft geleimt,

hier die Zeile zur Versöhnung:

Ist zum Happy end gereimt."

 

 

Essen, 11.11.2011