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30.11.10

Begründung der Jury für die Vergabe der Förderpreise des Literaturpreises Ruhr 2010

Laudatio von Dr. Klaus H. Jägersküpper

Dr. Klaus H. Jägersküpper

Sehr geehrter Herr Oberürgermeister, sehr geehrte Damen und Herren, lieber Preisträger und liebe Preisträgerinnen !

Am 5. Oktober 2008 ging im Berliner Pergamonmuseum die Ausstellung "Babylon. Mythos und Wahrheit" mit über 560 000 Besuchern zu Ende. Es war eine der international erfolgreichsten historischen Ausstellungen des letzten Jahrzehnts. Die Ursache für das große Interesse an dieser Ausstellung liegt wohl darin begründet, dass keine andere Stadt so sehr durch den Widerspruch von Mythos und Wahrheit geprägt ist und so lebhafte Assoziationen in unseren Köpfen hervorruft wie Babylon im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris.

Der erste Teil der Ausstellung legte die Wurzeln unserer abendländischen Kultur durch den Blick auf die archäologischen Relikte frei und zeigte, was hinter den Legenden steckt.
Der zweite Teil der Ausstellung betrachtete unter der Überschrift „Mythos“ Babylon als Metapher für die dunklen Seiten der Zivilisation - Unfreiheit und Unterdrückung, Hybris und Wahn. In der europäischen Kunst und Kultur ist der Mythos Babylon verknüpft mit den Urängsten der Menschheit. Die Besucher erlebten die mythische Geschichte vom Aufstieg Babylons als Stadt des Hochmuts und Ignoranz, als Schauplatz der Sprachverwirrung und als Metropole der ewigen Apokalypse. Erzählt wurde nicht die historische Wahrheit über Babylon, sondern die Wahrheit über eine Zivilisation, die den Mythos Babylon braucht, um sich selbst zu verstehen.

Zwischen Emscher und Ruhr, zwischen Duisburg und Hamm leben im Jahre 2010 gut fünf Millionen Menschen aus über 150 Nationen, sie wohnen und arbeiten in einer Region, für die es viele offizielle und inoffizielle Namen gibt: Ruhrgebiet, Ruhrstadt, Metropole Ruhr, Metropolregion oder polyzentrischer Ballungsraum. Es sind Menschen unterschiedlicher Mentalität und Kultur im Zweistromland zwischen Ruhr und Emscher zu beiden Seiten der A 40, des sogenannten Ruhrschnellwegs. Es sind Menschen, die in diesem Jahr der Kulturhauptstadt-attraktionen und –aktivitäten erleben konnten, dass einerseits Kunst und Kultur eine Klammer für die Bewohner dieser Region bilden können, dass andererseits die manchmal verwirrende Vielfalt der Städte und Gemeinden sich durchaus nicht vereinnahmen lässt durch Politiker, Eventmanager und Kulturverwaltungen. Auch wenn im Ruhrgebiet sicher nicht von babylonischer Unfreiheit und Unterdrückung gesprochen werden kann, so sind doch Hybris, Größenwahn, Hochmut und Ignoranz Begriffe, die in dem einen oder anderen Zusammenhang von Kritikern herangezogen werden, wenn es um Zustände, Entwicklungen oder Projekte in der Metropole Ruhr geht. Ob dies zu Recht geschieht oder ob es sich um wirklichkeitsfremde Vorurteile handelt, soll an dieser Stelle nicht entschieden werden. Aber in diesem kulturell so ereignisreichen Jahr ergibt sich natürlich die Frage nach der Befindlichkeit der Bewohner dieser Region, die Frage nach den herrschenden Stimmungen und Gefühlen. Daher entschied sich die Jury des Literaturpreises Ruhr zu Anfang diesen Jahres für das Thema „Babylon Ruhr“, um herauszufinden, wie sich die Bewohner der Kulturhauptstadt begegnen, in welchen Sprachen sie miteinander sprechen, was sie sich und anderen zu sagen haben und was sie einander verschweigen. Und schließlich, ob babylonischer Größenwahn, Hochmut oder Ignoranz das Zusammenleben prägen. Wie sieht die alte-neue Vielfalt aus, welche Töne, Rhythmen und Klangfarben sind zu hören?

   Gesucht wurden Texte, die von den Bewohnern Babylons an der Ruhr erzählen, ihrem Alltag und ihren Abenteuern, ihrer Sinn-Suche und den kleinen oder großen Sünden. Würden es junge und nicht mehr ganz so junge Autorinnen und Autoren schaffen, ihren eigenen Ton für Erzählungen, Reportagen, Essays oder lyrische Texte zu finden, würden sie Klischees vermeiden können oder bewusst mit ihnen spielen?

   Insgesamt gingen über 70 Bewerbungen ein, von denen 69 den in der Ausschreibung angegebenen Kriterien genügten. Das ist bei weitem keine Rekordteilnehmerzahl, sondern  liegt eher im langjährigen Durchschnitt. Die Einsendungen kamen überwiegend aus dem Ruhrgebiet, genau waren es 36, weitere 33 Texte kamen aus allen Teilen Deutschlands von München bis Hamburg. Essen liegt mit fünf Einsendungen an der Spitze, je vier Texte erreichten das Literaturbüro Ruhr aus Berlin und Köln, ein Text kam aus der Schweiz.

Ein Überblick über die Titel der eingesandten Texte verdeutlicht, dass einerseits von „Inszenierungen“ erzählt wird, aber auch von „Verwandlungen“.  Manche Titel beziehen sich direkt auf die Ausschreibung, wenn etwa das „Babylon-Syndrom“ dargestellt wird oder eine „Deutschstunde“ thematisiert wird, wobei gerade nicht auf Siegfried Lenz‘ Roman angespielt werden wird. Andere Texte tragen eher rätselhafte Überschriften wie etwa die Geschichte von den „Drei kleine(n) Steinen“ oder der Text, der sich im Titel auf die Pop-Gruppe „10 CC“ und ihren Hit „I’m not in love“ bezieht. Zwei Motive ließen sich in vielen Texten finden: Verkehrswege, also Fahrten mit Bahnen oder Autos, und zweitens Sprachprobleme und Formen der Verständigung.

Als Resümee dieses Schnelldurchgangs durch 69 Texte bzw. Überschriften bietet sich letztlich folgende Erkenntnis an: Trotz Sprachvielfalt, Unverständnis, Ignoranz und auch offenem Hass gegenüber Mitmenschen, trotz problematischem Lebenswandel und größenwahnsinniger Ambitionen gibt es in vielen Texten tröstliche Ausblicke auf ein Mehr an Menschlichkeit und Verständigung. Oder wie es eine der drei Preisträgerinnen ausdrückt: „In Wirklichkeit wusste ich gar nichts“,  z.B. von der fremden Nachbarin, doch wenn sie „wiederkommt, will ich da sein.“  

Auch wenn die Quantität nicht an die Vorjahre heranreicht, so war die Qualität der eingereichten Texte, die den Jurymitgliedern in anonymer Form vorlagen, durchweg sehr hoch, es gab außerordentlich originelle Ideen, erstaunlich routiniert beschriebene Begebenheiten und auch erzähltechnisch sowie sprachlich überzeugende Texte, so dass die Jury gerne mehr als nur drei Preise vergeben hätte.

 

     Für den Förderpreis ausgewählt wurden die Texte „Schneewittchen auf der Treppe“ von Regina Bollinger und „“Stadt, Land, Fluss“ von Sabine Raml. Den in diesem Jahr einmalig vergebenen dritten Förderpreis für junge Autorinnen und Autoren bis 25 Jahre des Rotary Clubs Essen erhält Enis Maci für Ihren Beitrag mit dem Titel „Hure und Wort“.

 

„Schneewittchen auf der Treppe“ erreichte das Literaturbüro ganz früh als zweiter Text. Regina Bollinger erzählt darin zunächst von einer zufälligen Begegnung einer etwas neurotischen deutschen Frau mit einer Afrikanerin im Treppenhaus. Nach einigen stummen Begegnungen kommt es zu einem Zwischenfall, als der Afrikanerin die Einkaufstüte reißt und man gemeinsam das Obst einsammelt. Da es offensichtlich keine gemeinsame Sprache gibt, bleibt es bei stillem Lächeln und Zunicken. Auf englische oder französische Verständigungsversuche antwortet die Afrikanerin „mit internationalem Schulterzucken“. Bei weiteren Begegnungen sprechen die beiden Frauen jeweils in ihren Sprachen, allerdings ohne sich zu verstehen. Erstaunlicherweise verstehen sich die beiden Frauen auch ohne die Sprache der Anderen zu verstehen, immer besser. Sie erzählen sich ihre Lebensgeschichte, gestehen Ängste ein und versuchen auch, ihre Hoffnungen in ihre sogenannten Gespräche einzuflechten, so dass die Ich-Erzählerin sich eingesteht, dass ihr die Fremde „ans Herz wuchs“ und dass sie „einander glücklich“ machten. Doch eines Tages ist die Afrikanerin fort, aber es bleibt der Vorsatz: „Ich will da sein, falls sie wiederkommt.“ Regina Bollinger erzählt diese anrührende Geschichte spannend und mit sehr glaubwürdigen Charakterisierungen. Man merkt an einigen erzähltechnischen Details wie den treffend formulierten Dialogversuchen der Ich-Erzählerin, den sparsamen Vergleichen und Metaphern („Fruchtgranaten“) und der dichten Folge kurzer Sätze zur Beschreibung der Situationen, dass Regina Bollinger eine routinierte Erzählerin ist, eine Erzählerin mit sensiblem Spürsinn für das kleine Alltagsgeschehen, durch das mit der Sprachvielfalt einer der vielen Aspekte der „Babylon Ruhr“-Thematik überzeugend verdeutlicht wird.

 

Einem anderen Aspekt der „Babylon Ruhr“-Thematik nähert sich Text 59 mit dem Titel „Stadt, Land, Fluss“, der ebenfalls für einen Förderpreis ausgesucht wurde. Im Mittelpunkt steht der Kriegsflüchtling Stevan, der über Paris und Athen in eine Stadt des Ruhrgebiets gelangt, wo er die Bumbar betreibt und einen jungen Mann kennenlernt, aus dessen Sicht diese Geschichte erzählt wird. Der Ich-Erzähler sitzt täglich vor dem Kiosk des Vaters, gerade gegenüber der Bumbar, vor der Stevan sitzt. Die beiden lernen sich kennen, auch in diesem Text gibt es keine gemeinsame Sprache, erst über das das Stadt-Land-Fluss-Spiel lernt Stevan ein wenig Deutsch, sie fahren schließlich auch zur schönsten Stelle an der Ruhr, gehen gemeinsam durch die Siedlung mit den alten Zechenhäusern, in der Ali aus Istanbul wohnt und Rosi aus ihrem Fenster schaut. Doch wenn Stevan erzählt, dann geschieht das „in seiner Sprache. Eine Sprache, die mir fremd ist, die ich nicht verstehe, die ich nicht durchschaue, nicht mal einen Satz lang.“  Trotzdem spürt der Kioskbesitzer, dass die Welt größer geworden ist durch Stevan, und er überlegt sich neue Worte für „Stadt, Land, Fluss“, vielleicht auch „eines, das wir beide noch nicht kennen“.

Sabine Raml aus Berlin, die in Essen geboren ist, erzählt diese Geschichte von Stevan, Ali, Rosi und dem namenlosen Kioskbesitzer mit einer subtilen Mischung aus banalen Details wie dem durchgelüfteten Bettzeug von Rosi und den rakigetränkten Steinen, die Ali aus der Türkei mitgebracht hat, und verwirrenden Traumelementen, z. B. dem brennenden Kiosk oder erfundenen Flüssen. Eine besondere Bedeutung hat das Wort „Ruhr“, denn dies schreit Stevan im Traum, und es ist der Name des Flusses, der „unbedingt übrigbleiben muss, wenn die Welt untergeht.“ Doch trotz Vielsprachigkeit und düsteren Erinnerungen an Kriegserlebnisse und die verschwundene Mutter verdrängen optimistische Töne die babylonische Untergangsstimmung. Während zunächst Ignoranz und Unverständnis, angedeutet durch die rufenden Kinder,  das Verhältnis der Bewohner prägen, stellt Sabine Raml an das Ende ihrer überzeugend aufgebauten Erzählung die Hoffnung auf weitere „Stadt, Land, Fluss“-Spiele, mit denen die Welt gemeinsam erschlossen werden kann. Die versierte Erzählkunst der Autorin, die seit 2005 schon eine ganze Reihe von literarischen Texten veröffentlicht hat, ist der Jury schon vor zwei Jahren aufgefallen, als Sabine Ramls  Kurzgeschichte „Mariposa“ zu den besten Texten gehörte und in der Jurybegründung lobend erwähnt wurde, ohne dass wir der Autorin damals einen Förderpreis für ihre satirische Geschichte von einer schwierigen Oma und Mariposa, der Schmetterlingsfigur, verleihen konnten. Umso mehr freuen wir uns, dass es ein Text von Sabine Raml diesmal geschafft hat, und hoffen, dass der fast fertige Ruhrgebietsroman einen Verleger findet und bald erscheint.

 

Ein dritter Förderpreis kann in diesem Jahr vergeben werden, weil der Rotary Club Essen im 60. Jahr seines Bestehens aus Anlass des Kulturhauptstadtjahres sich entschlossen hat, den literarischen Nachwuchs im Ruhrgebiet zu fördern. Deshalb wurden Autorinnen und Autoren unter 25 Jahren vom Literaturbüro Ruhr aufgefordert, ebenfalls einen Beitrag zum Thema „Babylon Ruhr“ einzureichen. Die Jury entschied sich für Text Nr. 68, der schon durch den provozierenden Titel „Hure und Stadt“ deutlich macht, dass die biblische Allegorie der Hure Babylon direkt auf die Beobachtungen der Ich-Erzählerin in einer Städte im Ruhrgebiet bezogen wird. Dass die Tage der Hure Babylon vergänglich sind, dass Aufstände, Nacktheit und Einsamkeit neben verkohlten Feuern, ewiggestrigen Schornsteinen und himmelragendem Stahl zu finden waren und möglicherweise immer noch zu finden sind, gehört zu den Botschaften dieses erstaunlich vielseitigen und mit intensivem Assoziationspotenzial  ausgestatteten Textes. Bezüge lassen sich sowohl herstellen zu Alfred Döblins berühmtem Großstadtroman „Berlin Alexanderplatz“, in dem Franz Biberkopf unter der Macht der Hure Babylon steht, die sein Leben durch die Berliner Unterwelt der 1920er Jahre begleitet, und zur modernen Popmusik, in der z.B. Bob Marley 1978 durch sein Album „Babylon by Bus“ das Bild von der Hure Babylon aufgenommen hat.

Enis Macis Text kann man als Prosagedicht bezeichnen. Er besteht aus sieben Teilen, die schichtartig zu einem faszinierenden, von immer neuen Gedankenblitzen und atmosphärischen Bildern durchsetzten Wörterturm zusammengesetzt sind, einem babylonischen Versgebilde mit zahlreichen Lautverknüpfungen und Wortspielereien, die die normale Syntax sprengen und  ihre Wirkung wohl erst entfalten, wenn sie vorgelesen werden. Die siebzehnjährige Autorin  aus Gelsenkirchen hat schon ein Hörspiel als Mitglied der „pottfictio“-gruppe Bochum produziert und eine Text in der Anthologie „Über Tage in der Metropole Ruhr“ veröffentlicht und somit einige schriftstellerische Erfolge aufzuweisen.

 

Im Namen der Jury gratuliere ich Enis Maci, Sabine Raml und Regina Bollinger,den Förderpreisträgerinnen des Jahres 2010, zu ihren ausgezeichneten Texten, mit denen Sie unter Beweis gestellt haben, dass der Mythos Babylon auch zwischen Ruhr und Emscher nichts von seiner Faszination und seiner Aktualität verloren hat. Ich wünsche Ihnen, dass die Preisverleihung ihre schriftstellerische Arbeit beflügelt und dass Verleger sich möglichst bald zur Veröffentlichung Ihrer noch unveröffentlichten Werke entschließen.

Herzlichen Glückwunsch und viel Erfolg!