» Startseite » News » Aktuelle News
Druckversion

30.11.10

Hannes Krauss`Laudatio auf Nobert Wehr

Verleihung des Literaturpreises Ruhr an Norbert Wehr am 12.11.2010 im Heinrich-von-Kleist-Forum in Hamm

Sehr geehrter Frau Simshäuser, sehr geehrter Herr Hunsteger-Petermann, liebe Freundinnen und Freunde der Literatur, lieber Norbert Wehr: Ihnen allen einen guten Abend. Und letzterem dazu noch einen ganz herzlichen Glückwunsch zum Literaturpreis Ruhr 2010!

Zum 25. Mal wird dieser Preis heute vergeben, zum ersten Mal nicht an einen Autor sondern an einen - ja was eigentlich? Herausgeber, Verleger, Macher, Beweger, Literaturbesessenen? Obwohl ich Norbert Wehr seit vielen Jahren kenne und ihn an den unterschiedlichsten Orten treffe (an der Essener Universität, in Buchhandlungen, Theatern und Museen), tu ich mich schwer, ihn zu charakterisieren: Leser, Zuhörer, Essayist, Organisator? Alles stimmt – nichts passt genau.

Vielleicht gelingt’s mir später. Erst einmal will ich mich Eindeutigerem zuwenden: dem SCHREIBHEFT. Vor 33 Jahren gegründet, ist es längst eine der wichtigsten deutschsprachigen Literaturzeitschriften – wenn nicht gar die Gewichtigste. Ich meine literarische Literaturzeitschriften, nicht solche, die zum Buchkauf animieren wollen und nicht selten nur das Nicht-Zum-Lesen-Kommen kompensieren. 

Begründet wurde das Schreibheft 1977 – als Publikationsforum für Teilnehmer einer Schreibwerkstatt der Essener Volkshochschule, das – wie viele andere – dem unausrottbaren Missverständnis entsprang, jeder könne schreiben, wenn er es nur heftig genug wolle. Einer der beiden Gründer ist heute Geschäftsführer einer regionalen Sportzeitung, der andere Werbetexter und unermüdlicher Initiator immer neuer Literaturinitiativen –„im Aufbau“ (wie seine Internet-Seite).

Das Schreibheft aber wurde zum Exempel eines geglückten Strukturwandels in der literarischen Landschaft, und der ist untrennbar verknüpft mit dem Namen Norbert Wehrs. Ende der 70er Jahre kam er an die junge Essener Universität, stieß irgendwann zum Schreibheft und dann hat er dieses Blatt Schritt für Schritt transformiert in ein Qualitätsprodukt, das zunächst  - neben Texten - noch herkömmliche Literaturkritik veröffentlichte, sich dann allmählich zu einem literarischen Produkt sui generis wandelte.

 

Ich erinnere mich - als Nachwuchs-Literaturwissenschaftler ebenfalls neu in der Region -, dort eine paar Rezensionen und Glossen veröffentlicht zu haben. Ich erinnere mich an andere Produkte des damals gegründeten Verlags ‚Homann und Wehr‘ – beispielsweise an die längst untergegangene Essener Stadtzeitung ‚standorte‘. Ich erinnere mich an das Ladenlokal in Essen-Altendorf, in dem sie produziert wurde – und in dem Norbert Wehr am Satzgerät saß (im Winter in Schal und Mantel); Verlag und Verleger finanzierten sich mit Lohnsatz-Arbeiten aller Art.

Ich will Sie jetzt nicht nerven mit nostalgischen Rückblicken eines Germanisten, der bilanztechnisch zum abgeschriebenen Altinventar der Essener Universität gehört. Ich wollte nur auf die Wurzeln einer Zeitschrift verweisen, deren Nummer 75 gerade erschienen ist und die sich nicht nur äußerlich zum repräsentativen Druckwerk gemausert hat. Aus dem Schreibheft  ist ein Lesebuch geworden, das zweimal im Jahr auf über 200 Seiten in zweieinhalbtausend Exemplaren Licht ins Dickicht des zeitgenössischen literarischen Treibens bringt.

Wer will, kann diese Entwicklung bis 1983 zurück verfolgen: von Heft 22 bis Heft 50 in einem 1998 erschienenen fünfbändigen Reprint; für die folgenden Hefte im Internet (zumindest die Themen – kein Volltext, man kann die Zeitschrift aber abonnieren). Wer genug Zeit und eine gute Lesekondition mitbringt, dem erschließt sich ein Kompendium zeitgenössischer Weltliteratur. Es erstreckt sich von der französischen zur amerikanischen Moderne, von den russischen Konzeptionalisten zur skandinavischen Literatur – die belgische, niederländische, serbische, kroatische rumänische und natürlich die deutsche nicht zu vergessen. Der Leser und Sammler und Norbert Wehr überrascht sein Publikum immer wieder mit Neuem, Un-Erhörtem, nie Gesehenem.

Literarische Debatten wurden im Schreibheft geführt: über Übersetzungsprobleme oder über die juristische Rezeption von Literatur („Lektüre vom Polizeistandpunkt aus“, wie Brecht das einmal genannt hatte). Sprachliche Grenzen wurden transzendiert und herkömmliche Gattungsrestriktionen (literarisches Übersetzen ist ein wiederkehrendes Thema; drei Hefte befassten sich mit Comics). Norbert Wehr hat sich nie von Trends verführen lassen, nicht selten scheint er sie allerdings vorausgeahnt zu haben.

 

Seine Zeitschrift stellt hohe Ansprüche an ihre Leser, sie offeriert Literatur nicht mundgerecht, sondern am Stück. Als Texte, die sie mit anderen konfrontiert. Ein Markenzeichen des Schreibhefts sind seine thematischen Dossiers. Legendär jenes zur Neuübersetzung von Hermann Melvilles ‚Moby Dick‘ oder das mit dem Briefwechsel zwischen Peter Handke und Nicolas Born.

Zurück zu meinem Versuch, den heute Ausgezeichneten zu charakterisieren: Norbert Wehr ist Literaturwissenschaftler. Er hat ein Magisterstudium abgeschlossen (nicht bei mir), aber da hat er nicht „gelernt“, wie man Literaturzeitschriften macht. Der wichtigste Beitrag der Universität zu seiner Entwicklung liegt vielleicht darin, sie nicht verhindert zu haben. Seine literarischen Vorlieben decken sich beileibe nicht immer mit meinen. Gerade deshalb ist das Schreibheft so anregend; es eröffnet immer wieder neue Horizonte.

Was hat das nun mit dem Ruhrgebiet zu tun? Nichts beziehungsweise alles. Weltliteratur zeichnet sich nicht durch Entstehungs- oder Handlungsorte aus, sondern durch ihren Umgang mit Sprache, ihre spezifische Wirklichkeitswahrnehmung.  - Vielleicht konnte die Kompromisslosigkeit des Finders, Lesers und Verbreiters Norbert Wehr abseits des lärmenden Literaturbetriebs besonders gut gedeihen. Eine Kompromisslosigkeit, die sich auch im Namen seines ‚Rigodon‘-Verlags widerspiegelt: benannt nach dem letzten Roman des politisch höchst umstrittenen, genialen Sprachschöpfers Louis Ferdinand Celine.

Mich erstaunt deshalb weniger, dass diese Zeitschrift im Ruhrgebiet erscheint, als die Tatsache, dass sie überhaupt und nach dreißig Jahren immer noch erscheint. Nach herkömmlichen Marktkriterien ist sie wahrscheinlich unwirtschaftlich, unvernünftig. Norbert Wehrs halsstarriges Insistieren auf literarischer Qualität hat ihm das Leben nicht leicht gemacht: im Studium nicht (trotz seines milden Rückblicks im heutigen WAZ-/NRZ-Interview) und im Literaturbetrieb noch viel weniger. Attribute wie still, zurückhaltend,  uneitel sind in dieser Branche rar. Trotzdem hat er sich bis heute durchgebissen, es geschafft, immer wieder Geld fürs nächste Heft aufzutreiben – vom Deutschen Literaturfonds, von der Kunststiftung NRW und anderen. Nie hat er Zuflucht gesucht bei einem Großverlag. Vielleicht wollten die ihn auch nicht; auf jeden Fall war seine Nische eine solide Basis für rücksichtslose Qualitätsorientierung.

Ideal wäre ein branchenfremder Sponsor; ein Großunternehmen, das durch regelmäßige Zuwendungen an die Kultur sein schlechtes Gewissen beruhigen möchte. Leider leisten sich das Unternehmen heute nicht mehr. - Ich meine nicht die regelmäßigen Zuwendungen, sondern das schlechte Gewissen.

Norbert Wehrs beharrliches Bemühen um literarische Qualitätssicherung zeigt sich übrigens sich auch in den seit Jahrzehnten von ihm (in Zusammenarbeit mit der Essener Proust-Buchhandlung) organisierten Literatur-Veranstaltungen - früher im Essener Grillo-Theater, jetzt im Folkwang-Museum. Die Liste der Eingeladenen liest sich wie ein ‚who is who‘ der zeitgenössischen Literatur. Essen ist eine der allerersten Adressen für Autorenauftritte -  nicht selten bevor der große, laute [richtige? falsche?] Literaturbetrieb auf sie aufmerksam wird. Der diesjährige Büchner-Preisträger (Reinhard Jirgl) hat schon vor Jahren in Essen gelesen, und auch die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller war 2010 nicht zum ersten Mal im Ruhrgebiet.  

Das ist regionale Kulturarbeit auf höchstem Niveau. Eine, die es noch geben wird, wenn die Scheinwerfer der Kulturhauptstadt erloschen sind.

Das Schreibheft kümmert sich übrigens auch um Literatur aus der Region - wenn sie den strengen Qualitätsmaßstäben ihres Herausgebers genügt. Mindestens vier Träger unseres Preises wurden dort publiziert: Barbara Köhler, Brigitte Kronauer, Marion Poschmann und Nicolas Born.

Dazu kann der heutige Preisträger allerdings mehr und Substantielleres sagen. Am Beispiel der Letztgenannten wird er das jetzt tun.

 

Hamm, 12.11.2010