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13.11.08

Gewalt in Ruinen - Ruinen der Gewalt - eine Buchbesprechung von Gerd Herholz

Der Bochumer Autor Werner Streletz legt mit „Kiosk kaputt. Geschichte eines Irrtums“ einen neuen Roman vor.

Gerd Herholz

Gewalt in Ruinen - Ruinen der Gewalt

Der Bochumer Autor Werner Streletz legt mit „Kiosk kaputt. Geschichte eines Irrtums“ einen neuen Roman vor.


Auf den ersten Blick könnte man hinter Werner Streletz‘ „Kiosk kaputt“ nichts als eine weitere Heimkehrer-Geschichte vermuten, eine, in der Provinz als verlorene Heimat einmal mehr verklärt oder zynisch entlarvt wird.
Da kehrt ein Mann mit dem Hundenamen Wolf Hasso zurück an die Orte seiner Jugend. Der Mann – nur auf Dienst- und Durchreise und sich seiner Heimat längst entwachsen wähnend – sucht für seine Firma aus dem Norden einen neuen Billigstandort auf den Industriebrachen irgendwo in und um Bochum. Doch dabei trifft er auch auf früh alt gewordene und verbrauchte Kumpane, die Brüder Peter und Paul Dani, die ihn, den Schwachen, einst prügelten und – auf sein Geheiß – auch andere für ihn prügelten. Erinnerung und die Erfahrung großer Demütigung kehren wieder, dazu die Überbleibsel eines Nachbarschafts-Personals der 60er-, 70er Jahre mit Kittelschürzen-Frauen, Kanalspringern, hänselnden Mitschülern und kleinen Schlägern.
Nostalgie oder Zynismus kommen in „Kiosk kaputt“ aber gar nicht erst auf – zu tief, zu genau und mitfühlend-distanziert sind die Blicke in die Abgründe der Figuren, die Blicke auf eine von Ausbeutung gezeichnete Landschaft. Hätte Streletz seinem Roman ein weiteres Motto vorangestellt, einem Durs-Grünbein-Gedicht entlehnt, müsste es lauten: „Nein, Erinnerung, der Vorrat an Legenden/ Ist längst aufgebraucht, und jede Heimkehr wird bestraft.“

Werner Streletz‘ Roman spielt im Ruhrgebiet der letzten Jahrzehnte, handelt von dessen Menschen, ihren Hoffnungen, ihrer Borniertheit und verpassten Chancen - und so wie er ist, kann er tatsächlich nur dort spielen. Indem er aber die Sprache, Geschichte, Menschen ernstnimmt und ihnen auf den Grund geht, weist er - wie alle gute Literatur - auch weit darüber hinaus. Die Brüder Dani fürchten um ihren Kiosk und glauben, dass ausgerechnet ihr alter Kumpel Wolf genau den im Auftrag seiner Firma wegsanieren will, auch, weil der noch eine alte Rechnung mit dem brutalen Paul Dani offen hat. Der wiederum gibt vor, Wolfs Frau entführt zu haben, um ihn einzuschüchtern und den Kiosk vor dem Abrissbagger zu retten. Ob’s stimmt, wissen weder Leser noch Wolf Hasso.

Gewalttätige Verhältnisse haben, das wird bei Streletz deutlich, zwar immer lokale, regionale Formen und Inhalte, im Kern aber eben doch die gleichen Wurzeln. Im Verlauf des Romans ruinieren Wolf Hasso und Paul Dani schließlich sich selbst, indem sie den jeweils anderen zu ruinieren suchen. Verlierer sind sie am Ende beide. Und das furiose Finale wird stilecht inszeniert in einem Faustkampf auf Leben und Tod vor und in der Kulisse aus nichts als aufgelassenen Orten und Industrieruinen. Ob Untergeher, bloß Davongekommener oder Aufsteiger: Jeder, der aus seiner ureigenen Opfer-Täter-Geschichte nichts lernt, scheint sie - so oder so - wiederholen zu müssen.
Ruhrgebietsidiom und Alltagssprache sind nur zwei der Facetten, die Streletz einsetzt, um seinen Erzählstrom ins Fließen oder Stocken geraten zu lassen, um seine Figuren als unverwechselbare Typen zur Sprache zu bringen. Was da zunächst als Sprödigkeit, fast Umständlichkeit des Erzähltons erscheint, verweist im Verlauf des Romans immer eindrücklicher auf die Brüchigkeit der Verhältnisse und Figuren selbst. Gelegentlich schimmert durch, dass Werner Streletz auch gute Gedichte geschrieben hat. Mit poetischer Kraft wird gegen die nur allzu prosaische Wirklichkeit des Romans anerzählt, und wenn die Figuren böse zu träumen beginnen, lässt sie der Erzähler unerhörte Worte finden.
Streletz erzählt komplex und den Leser berührend von den Auswirkungen struktureller Gewalt, also jenen Konsequenzen gesellschaftlicher Zustände, die Menschen nur selten erlauben, in kleinmachenden Verhältnissen mehr als destruktive Größe zu entwickeln. Wer Gewalt erfährt - ob nun körperlich, seelisch oder als Auslöschung eines Denkens in humanen Alternativen - steht immer in der Gefahr, Gewalt weiterzugeben. Und selbst in der Notwehr – das muss Wolf Hasso erfahren - kann sich feige der Wunsch verstecken, endlich Rache zu nehmen, zu töten. Das mag alles nicht neu klingen – aber in „Kiosk kaputt“ kann man sich dies doch einmal ganz neu erzählen lassen.