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7.11.17
Text des Monats November 17: Laudatio von Dr. Hannes Krauss auf Lütfiye Güzel, Hauptpreisträgerin des Literaturpreises Ruhr 2017

Die Laudatio hielt Dr. Hannes Krauss im Rahmen der 32. Verleihung des Literaturpreises Ruhr am 3.11.2017 im Literaturhaus Herne Ruhr.

Sehr geehrte Damen und Herren vom Regionalverband Ruhr und von der Stadt Herne, liebe Kolleginnen und Kollegen vom Literaturbüro Ruhr und vom Literaturhaus Herne, liebe Freundinnen und Freunde der Literatur, verehrte Preisträgerin:

 

Die Stifter von Literaturpreisen (und die verantwortlichen Jurys) sehen sich nicht selten dem Vorwurf ausgesetzt, sie wählten Preisträger nach deren Renommee aus – in der Hoffnung, dass dieses auf sie zurückstrahle. Beim Deutschen Buchpreis lässt sich ein solcher Vorwurf weniger leicht entkräften als beim Literaturnobelpreis mit seinen regelmäßigen Überraschungen. Wir – die Jury des Ruhr-Literaturpreises – halten es eher mit den Kollegen in Stockholm. Auch wir werden kritisiert, meist von Unterstützern derer, die den Preis nicht bekommen haben – aber Überraschungen gelingen uns gelegentlich schon. Unser Bob Dylan heißt in diesem Jahr Lütfiye Güzel. Mit der Überraschung erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten allerdings. Von der Preissumme wollen wir gar nicht sprechen, aber Lütfiye Güzel singt auch nicht (obwohl auch sie noch in anderen Kunstsparten tätig ist), vor allem aber ist sie überhaupt nicht arrogant – und deshalb selbstverständlich bei der heutigen Preisverleihung anwesend. Herzlich willkommen noch einmal und ganz herzlichen Glückwunsch!

 

Vor drei Jahren hat sie schon mal einen Preis bekommen, den Fakir Baykurt-Kulturpreis der Stadt Duisburg. Damals – so schien mir – fremdelte sie noch ein bisschen. Nun – es gibt sicher unangenehmere Situationen, an die man sich gewöhnen muss. Wer ihre Homepage anklickt, dem springt ein Satz von Oscar Wilde ins Auge: „Whenever people agree with me / I always feel I must be wrong“. Die nächsten zehn Minuten werden Ihnen, liebe Frau Güzel, in dieser Hinsicht einiges zumuten. Ob Sie deshalb falsch oder vielleicht doch auf eine ganz eigene Art richtig sind, müssen sie selbst entscheiden.

 

Nicht-Übereinstimmung – mit Normen, Konventionen, Gepflogenheiten und Erwartungen – das ist ein zentrales Merkmal von Lütfiye Güzels Texten – und die Basis ihrer literarischen Qualität. Das ist leicht gesagt, und in einer Kurzrezension könnte das auch so stehen bleiben. Als Begründung für einen Literaturpreis reicht es nicht. Deshalb will ich Sie alle jetzt ein Stück weit hinein locken in Güzel’sche Text-Welten. Auf eigene Gefahr – aber Sie dürfen am Ende des Abends ja wieder in den gewohnten Alltag zurückkehren. Es sei denn, Sie wagen es, das eine oder andere dieser Bücher „to go“ zu erwerben. Handlich sind sie alle, und unsere Preisträgerin wird später das Poetenkleid gegen den Verlegerinnenkittel tauschen und die Produkte des Verlagshauses „go-güzel-publishing“ am Büchertisch feilbieten.

 

Wenn ich richtig gezählt habe, sind mittlerweile neun Bändchen und eine Butterbrottüte voller Literatur erschienen. Die ersten drei noch in der Duisburger dialog-edition, alle späteren im Selbstverlag. In diesen Büchern – mit Titeln wie „Herzterroristin“, „Trist Olé“, „Pinky Helsinki“, „Hadi Hugs“, „Faible? Best of“, „Oh, No!“ oder „Elle-Rebelle“ – findet man Gedichte, kürzere und längere Prosa, Notizen und Reflexionen. Sie handeln von Alltäglichem wie Einsamkeit, Sehnsucht, Träumen, Erinnerungen, Busfahrten, Einkäufen, Schreiben und Lesen, Leben und Sterben. Geprägt sind sie von Erfahrungen, die jede(r) in Duisburg und anderswo machen kann, wenn er/sie genau hinsieht. Lütfiye Güzels eigenes Leben – in Hamborn geboren, in Marxloh aufgewachsen mit vier Schwestern, Vater Stahlarbeiter, Mutter Hausfrau – schimmert da und dort durch, aber ihre Biographie ist nicht Thema, sondern Ausgangspunkt für den fremden – das heißt: besonders genauen – Blick auf die Welt. Wie sich dieser Blick im Lauf der Jahre entprivatisiert hat, lässt sich an den vorangestellten Widmungen verfolgen: von „für meine 4 Güzel-Schwestern“ über „für meinen Bruder“ zu „Für die Mutigen“ und „für die guten“.

 

Ein paar Beispiele:

„hamborn: samstags geht meine vater arbeiten / während wir vor dem fernseher sitzen / manchmal werfen sie kartoffeln in den ofen / & spielen karten in arbeitskleidung / zur rente hat er einen fresskorb bekommen / jetzt kriegt er sozialhilfe“ – Ein Gastarbeiterleben auf fünf Zeilen verdichtet. Fazit (aus einem anderen Text): „mein vater sagt: satt muss man sterben“

 

Oder:

-        „Um aufzugeben / braucht man mut / & vielleicht noch jemanden / den es / interessiert“

-        „Was du verschweigst / behalte ich für mich“

-        „Ohne Hoffnung hatte die Angst keine Chance“

 

In solchen Kürzesttexten paart sich vordergründige Schlichtheit mit Hintersinn.

Nicht ohne – makabre – Komik handeln sie vom bitteren Leben, eigenem und fremdem, das in Sprache aufgehoben und deshalb erträglich wird. Kaum ein überflüssiges Wort – gelegentlich vielleicht ein Kalauer, aber das ist ja auch eine literarische Form sprachlicher Verdichtung.

 

Hier sind Gedanken, Beobachtungen, Wahrnehmungen komprimiert, die oft erst im Nach- und Weiterdenken ihre Explosivität entfalten – poetische Schrapnelle gewissermaßen. In solcher Sprache gelingt sogar ein fünfzigseitiger Bildungsroman („Oh, No!“ – als Novelle getarnt): die Geschichte vom Aufwachsen, Leben (und Sterben) in jenem Stadtteil, „wo ich meine Eltern zuletzt lebend gesehen hatte“ und den „man jetzt No-Go-Area“ nannte. „Die Polizisten trauten sich da nicht mehr rein. Nur noch die Ratten, behauptete man. Menschen, die jeden Tag aufwachten, in die  

Schule gingen, zur Arbeit, die sich zur Begrüßung küssten und lachten und weinten und zum Arzt gingen und sich Sorgen machten, klauten, kämpften, schlugen, betrogen, halfen, sprangen, schlichen, drückten, unterdrückten, starben, rasten, Blumen kauften, hetzten, heirateten, einkauften, schliefen, alle und alles Ratten.“

 

Nicht nur Heimat ist Thema, sondern auch Ferne, oder besser: der Traum vom Woanders-Sein: „Ich sehnte mich nicht nach Menschen. / Ich sehnte mich nach dem Meer.“  

 

Ulrich Schäfer-Newiger hat (in der Internet-Literaturzeitschrift SIGNATUREN) darauf hingewiesen, dass der Einschiffungswunsch, die Metapher vom Schiff als Fluchtmöglichkeit, zum „Inventar des Melancholikers“ gehört. Ohne unserer Preisträgerin dieses Etikett anheften zu wollen, bestätigt ihr Gedicht „ein schiff wird kommen“ diese These:

 

„raus aus diesem land / will nicht undankbar sein / im vergleich ist es sicher / frei irgendwie / noch / kühlschränke & die Möglichkeit / sie zu füllen / keine straßenkämpfe / noch nicht / umso erstaunlicher die angst / sie klebt fest / an der fensterscheibe im bus“

 

A propos Etiketten: keines passt so richtig für Lütfiye Güzel; für eine underground-poetin ist sie zu freundlich, für eine Außenseiterin zu. Ob sie sie ihre Radikalität nur als Freundlichkeit tarnt?

 

„Es ist an der Zeit / sich zu radikalisieren / dafür muss ich aber erst / einmal aufhören / die wollmäuse unter / dem bett / wegzufegen / & mir / einen vorrat an wasser / anzuschaffen“

 

Vielleicht können wir uns auf eine neue Definition von „underground“-Literatur einigen. „Unterm Pflaster liegt der Strand“ hatte man in der Sponti-Szene einst gehofft. Bei Lütfiye Güzel sprießt unter der Oberfläche des Revieralltags die Poesie.

Bevor jemand auf den Gedanken kommt zu fragen, ob sie eine deutsche oder eine türkische Autorin sei, möchte ich von vornherein klarstellen: Sie hatte türkische Eltern und schreibt deutsche Texte – über ihren Alltag, ihre Familie, ihre Träume, ihre Sehnsüchte über Mitmenschen, über das Leben im Ballungsraum –Ruhrgebietsliteratur des 21. Jahrhunderts: präzise, ohne viel Worte, elaborierter als die Sprache der „Ureinwohner“, aber in ihrer Funktion dieser durchaus vergleichbar.

 

Noch ein paar Beispiele:

-        „es ist nicht einfach / verrückt zu sein / & wenn man damit / keine geld verdient / dann ist es / um so schwieriger.“

-        „ich muss lernen / wie man träumt / den nicht-träumern / zum trotz“

-        „Ich habe nichts gegen menschen / einige von ihnen / habe ich sogar ins herz geschlossen / und sie können nichts dagegen tun“

 

Güzels Texte haben Nachwirkungen. Sie benennen Miseren des Alltags, verführen aber nicht zur Resignation, weil sie ihre harten Wahrheiten in genaue – also schöne – Sprache packen. Manchmal können sie sogar trösten. Nicht weil sie das Vergessen und Verdrängen befördern, sondern anstiften zum Selber-, Weiter-Denken (und vielleicht sogar Schreiben).

In Workshops (in der Duisburger Stadtbibliothek, im Lehmbruck-Museum und anderswo) für „Kids ab 10, aber auch Erwachsene dürfen teilnehmen“, gibt Lütfiye Güzel das weiter. Mit Sprach- und anderen Spielen will sie die Teilnehmer aus der Reserve locken, mutig machen, provozieren - „und wenn jemand sich langweilt, vollkommen ok. Langeweile ist gut! Daraus kann etwas entstehen.“

Sprachspiele? Eher Spracharbeit mit solidem Werkzeug und Material. Jedenfalls nimmt sie das Schreiben kompromisslos ernst. Krisenerfahrungen geraten ihr zu funkelnden Sprachsplittern, symbolisch aufgeladene Begriffe werden geerdet. Optimismus klingt dann so: „Unglücklich? Gemessen woran? Ich werde mich nicht länger vom Unglück zwingen lassen mich unglücklich zu fühlen und gleiches gilt für das Glück“.

 

Güzel inszeniert Autonomie nicht, sondern lebt sie – auch im Literaturbetrieb.

Das hindert sie selbstverständlich nicht, andere Autoren zur Kenntnis zu nehmen. Im Gegenteil, sie ist ungemein belesen. Ein paar Worte noch zu ihren literarischen Vorbildern. Zu manchen (wie Charles Bukowski oder Fernando Pessoa) bekennt sie sich explizit. Andere kann man aus ihren Texten entschlüsseln. Wenn man’s kann. Ich habe Ulrich Schäfer-Newiger zu Rate gezogen, der ihr Werk besser kennt als ich und zudem kein Literaturwissenschaftler ist, sondern Jurist, der Gedichte schreibt. Er nennt den Amerikaner William Carlos Williams, den Türken Orhan Veli, die Deutsche Helga M. Novak. Mir sind inzwischen noch ein paar weitere eingefallen, aber ich will ihnen jetzt kein literaturwissenschaftliches Kolleg aufzwingen, sondern abschließend in einem Satz (natürlich von Lütfiye Güzel) auf ihre Affinitäten zum Kino (Almodovar, Kaurismäki, Chabrol) verweisen: „das gute an guten filmen war / dass sie schlecht besucht waren“.  –

 

Jetzt ist sie selbst dran. Erinnern Sie sich noch an das Oscar Wilde-Zitat? („Whenever people agree with me / I always feel I must be wrong“). Soviel Zustimmung vor so großem Publikum muss Lütfiye Güzel wahrscheinlich selten ertragen. Ich bin neugierig, wie sie mit dieser Herausforderung umgeht. Aber vielleicht kenne ich die Antwort ja schon: „ich habe auch gespürt / dass ich da nicht reinpasse / wieder nicht / aber ich verstehe mich / wie sollte es auch anders sein?“

 

Darum beneide ich sie. Und zum Literaturpreis Ruhr gratuliere ich ihr trotzdem.