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4.10.17
Text des Monats Oktober 2017: Auszug aus Andreas Altmanns "Gebrauchsanweisung für das Leben"

Andreas Altmann liest am 13.10. im Rahmen unserer Reihe "Über Leben!" in der Stadtbibliothek Essen

Ein Moment im Leben – Ein Gentleman in Boston

Tatort Boston, Tatort Subway. Früher Abend, Fahrt vom Flughafen ins Zentrum, ruhige Atmosphäre, alle Sitzplätze sind belegt. Plötzlich geschieht etwas Banales, aber ungemein Anrührendes. Und es kann nur so geschehen, weil – vermute ich – jeder im Waggon die komplizierten (inneren) Vorgänge der Beteiligten begreift. Wie auch immer, keinem entkommt eine falsche Geste, die Szene passiert wie inszeniert. Wie vorher abgesprochen.

Ein Mann, vielleicht sechzig, versucht, sich von seinem Platz zu erheben. Ein Einbeiniger, wie man ihn heute kaum noch sieht. Denn sein rechter Oberschenkelstumpf steckt in einem zugenähten Hosenbein. Das Aufstehen erweist sich als schwierig. Der Mensch kann seine beiden Krücken nicht voll einsetzen, zu eng die Umgebung, zu rutschig der Boden. Zudem scheint ihm auch sein vollständiges Bein Schmerzen zu bereiten, wenn er es belastet. Ich sehe alles, da ich nur zwei Meter entfernt sitze, schräg gegenüber. Und (diskret) beobachte.

Der Mann ist zäh, er will stehen und nichts wird ihn daran hindern. Und keiner hilft. Was ich in diesem Augenblick nicht als Mangel an Mitgefühl erlebe, eher als wohlweisliche Zurückhaltung. Jeder weiß um die Empfindlichkeit von körperlich Behinderten, die sich und der Welt beweisen wollen, dass sie „normal“ sind und dass nicht sofort die Feuerwehr gerufen werden muss, wenn ein Hindernis auftaucht.

Irgendwann klappt es, der Mann fasst nach der Stange, an der sich üblicherweise die stehenden Fahrgäste festhalten. Und richtet sich mit einem letzten Schwung auf.

Jetzt kommt es, das Sensationelle. Er sagt zu der Frau, die gewiss nicht älter ist als er und die als Einzige nicht sitzt, sagt ruhig und lässig: „Please, have a seat.“ Und ihr Herz ist klug genug, diese Geste zu begreifen: sie eben nicht dankend abzulehnen, der Einladung nicht mit dem unsäglichen Hinweis auszuweichen, dass er, der Gentleman, den Sitzplatz doch viel nötiger habe. Nein, sie lächelt ihn an und erwidert leise: „So kind of you.“ Und setzt sich. Und der Einbeinige balanciert nun neben der Stange und tut, als wäre nichts gewesen.

Wir, die Rüpel, tun es ihm nach, ja, sind stillschweigend ergriffen von ihm, dem Ritter. Und, auch ganz still, ein wenig erschrocken über uns, die Hockenbleiber.

In: Gebrauchsanweisung für das Leben. Piper 2017. Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Piper Verlags.

Andreas Altmann arbeitete als Privatchauffeur, Anlageberater, Buchclubvertreter, Parkwächter und Schauspieler, bevor er endlich das fand, was er wirklich machen wollte: die Welt bereisen und als Reporter darüber schreiben. Heute zählt er zu den bekanntesten deutschen Reiseautoren und wurde u. a. mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis und dem Seume-Literaturpreis ausgezeichnet. Seine Autobiografie "Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend" stand monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Zuletzt erschienen von ihm u. a. der Bestseller "Gebrauchsanweisung für die Welt" und "Frauen. Geschichten." Andreas Altmann lebt in Paris.
andreas-altmann.com

 

Am 13.10.2017 liest Andreas Altmann um 20 Uhr in der Stadtbibliothek Essen aus "Gebrauchsanweisung für das Leben".

Karten gibt es zum Preis von 8 / 10 Euro (VVK/AK) unter 0201.88 42 42 0 oder per Mail unter oeffentlichkeitsarbeit@stadtbibliothek.essen.de