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21.11.16
Laudatio von Dr. Klaus Jägersküpper auf die FörderpreisträgerInnen Sabine Vieweg, Verena von Plüskow und Martin Kasch

Begründung der Jury für die Vergabe der Förderpreise des Literaturpreises Ruhr 2016 an Sabine Vieweg (Duisburg) und Martin Kasch (Köln), sowie des Förderpreises des Rotary Clubs Essen für den literarischen Nachwuchs (Sonderpreis) an Verena von Plüskow (Duisburg)

Sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Preisträgerinnen, liebe Preisträger !

„Ohne die Musik, die ich von einem Tag auf den anderen nicht mehr aushalten konnte, verkümmerte ich, ohne die praktische Musik, die theoretische hatte vom ersten Augenblick an nur eine verheerende Wirkung auf mich.“ –

Es gibt kaum einen literarischen Text der letzten 50 Jahre, in dem die Musik eine so dominante Rolle spielt wie in Thomas Bernhards Roman „Der Untergeher“. Erzählt wird der berufliche und private Werdegang dreier angehender Konzertpianisten, von denen einer – Glenn Gould – tatsächlich gelebt hat, sowie ihre lebenslange Auseinandersetzung mit dem Anspruch höchster Perfektion im Klavierspiel. Die Personen des weitgehend fiktiven Romans sind drei Klaviervirtuosen: Glenn Gould, Wertheimer („Der Untergeher“) und der Ich-Erzähler.

Dieser berichtet, wie sie sich kennenlernen, als sie bei „Horowitz“ am Mozarteum in Salzburg studieren. Alle drei streben „nur das Höchste“ in der Musik an und stellen größte Ansprüche an sich selbst. Als sie die Genialität Goulds beim Einüben und beim Vortrag der Goldberg-Variationen erkennen, geben Wertheimer und der Erzähler das Klavierspiel umgehend auf. Sie erkennen, diese Stufe der Perfektion nie erreichen zu können. Mit 50 Jahren stirbt Gould (tatsächlich wurde er 51 Jahre und starb 1982), und Wertheimer bringt sich vor dem Haus der Schwester um. Der Ich-Erzähler verschenkt seinen Steinway-Konzertflügel und beschränkt sich darauf, immer wieder über die Bedeutung der Musik in seinem Leben nachzudenken: „Ich kann heute gar nicht mehr sagen, wie ich auf die Musik gekommen bin, alle in meiner Familie waren sie unmusikalisch, antikünstlerisch, hatten zeitlebens nichts mehr gehasst als Kunst und Geist, das aber wahrscheinlich war das Ausschlaggebende für mich, mich eines Tages in das zuerst nur gehasste Klavier zu verlieben und es gegen einen tatsächlich wunderbaren Steinway einzutauschen, um es der gehassten Familie zu zeigen, …“

Persönliche Entwicklung, berufliche Karriere, Lebensansprüche, Familienbeziehungen und schließlich der Tod werden ohne Einschränkung von Musik dominiert, z.T. mit typisch drastischen Übertreibungen und kategorischen Behauptungen Bernhards dargestellt, die seinem Erzählton eine eigene Komik verleiht. Dabei erinnert auch die Erzähltechnik Bernhards an Kompositionsmethoden der Barockmusik und der seriellen Musik, diese Passagen im „Untergeher“ gehören (so die Bernhard-Forschung) zu den komischen Höhepunkten der neueren deutschsprachigen Literatur. Die Musik bestimmt im „Untergeher“ also nicht nur Thematik sondern auch die Struktur der Erzählung.

Damit greift Bernhard auf eine lange Tradition in der deutschen Literatur zurück: Vom Barock über Goethes Lyrik und das „Faust“-Drama gibt es zahlreiche Beispiele für die Verknüpfung von Musik und Literatur. Die romantische Literatur lässt sich ohne die zahlreichen Vertonungen sowie die Thematisierung musikalischer Erlebnisse nicht vorstellen. Musik hat auch die literarische Phantasie im 20 Jahrhundert immer wieder beflügelt. Neben Brechts epischem Theater können Elfriede Jelinek („Die Klavierspielerin“) oder Robert Schneider („Schlafes Bruder“) als Beispiele für die Literatur der letzten Jahrzehnte genannt werden. Diese Aufzählung ließe sich beliebig ergänzen und zeigt nur ansatzweise die Bedeutung des Motivs Musik für die Literatur auf.

Schließlich muss der Einfluss der Rock- und Popmusik hervorgehoben werden. Spätestens seit Nick Hornbys Roman „High Fidelity“, der vielen Fans der Popmusik als Lieblingsroman gilt, hat die Popmusik in die Literatur Einzug gehalten. An zahlreichen Stellen in seinen Romanen hat Frank Goosen, der 2003 den Literaturpreis Ruhr erhielt, Lieder, Interpreten und Zitate aus Songtexten erwähnt und in die Handlung eingebunden – ein Faktor, warum heute sein Roman „L als typischer Zeitgeistroman angesehen wird.

All diese Aspekte haben dazu beigetragen, in diesem Jahr "Musikgeschichten" als Vorgabe für die Förderpreistexte vorzuschlagen. Erwartet wurden Texte zum Thema Musik und Musiker, zu Gesang, zur Musik als Inspiration, als Therapie oder Lebenshilfe. Musik spiegelt Zeitgeschichte, jeder Mensch hat seine eigene musikalische Biografie. Lieder, Songs, Chansons, Arien, Schlager oder Musical-Hits begleiten uns oft ein Leben lang – und manchmal verändern sie es auch.

Die Jury interessierte, wofür die Musik in den eingesandten Werken steht, ob sie viel mehr als Sprache eröffnet, mehr Menschen erreichen kann, etwas ausdrückt, was Sprache nicht vermag. Vielleicht könnte es auch gelingen, in Texten  Sprache zu musikalisieren, als Leitmotivtechnik einzusetzen.

Weitere Fragen, die wir an die Texte stellten, waren:

·       Welchen Stellenwert hat die Musik in den Wettbewerbstexten?

·       In welchem Verhältnis steht die Musik zu den handelnden Personen?

·       Wurde Musik als die Erzählung vorantreibendes Element eingesetzt?

·       Wofür steht die Musik? Verweist sie auf eine andere Welt?

·       Sind die erwähnten Musikstücke fiktiv oder beziehen sie sich auf etwas?

·       In welche Konflikte kommen Musikerfiguren?

·       Welche Art von Musik wird angesprochen: klassische Musik, Jazz oder Blues, Rockmusik oder Bergmannslieder?

·       Geht es in den Texten um besondere Konzerterlebnisse?

·       Würden es junge und nicht mehr junge Autorinnen und Autoren schaffen, ihren eigenen Ton für Erzählungen, Reportagen oder Essays zu finden, würden sie Klischees vermeiden können oder bewusst mit ihnen spielen?

Insgesamt gingen über 186 Texte ein, von denen 181 den in der Ausschreibung angegebenen Kriterien genügten. Damit wurde eine vergleichsweise hohe Teilnehmerzahl erreicht, die bei einem Umfang von meist 10 Din A4-Seiten ein üppiges Lesepensum der 6 Jurymitglieder erforderte, die die anonym zugeleiteten Texte zu bewerten hatten. 91 Einsendungen kamen aus dem Ruhrgebiet, 90 Texte kamen aus allen Teilen Deutschlands, von Berlin, Leipzig, Nürnberg, Frankfurt bis Hamburg. Einige Einsendungen erreichten das Literaturbüro in Gladbeck aus Österreich, England und Italien. Die Altersspanne reichte von  Jahrgang 1930 bis 2001.

Ein Überblick über die Titel der eingesandten Texte verdeutlicht, dass hauptsächlich von  selbst gespielter Musik oder Musikinstrumenten erzählt wird, dagegen stellten nur wenige Texte Konzerterlebnisse in den Mittelpunkt. Zwei Motive ließen sich in vielen Texten finden: Beziehungsprobleme und Erinnerungen.

Als Resümee eines Schnelldurchgangs durch 181 Texte bzw. Überschriften bietet sich letztlich folgende Erkenntnis an: die eingesandten Texte thematisieren alle nur denkbaren Formen von Musik. Von Barockmusik und klassischen Sinfonien über Volkslieder und irische Volksmusik, Tanzmusik reicht das Spektrum bis zu Tango, Samba, Latinomusik, Chansons, Protestsongs, Reggae, Blues und  Cooljazz. Aber auch Rock’n Roll, Barmusik, Punk und Independend-Rock sowie Neue Deutsche Welle und Diskomusik bzw. Schlager wurden berücksichtigt. Ein Text thematisierte sogar ein Konzert des aktuellen Literaturnobelpreisträgers Bob Dylan.

Ebenso groß ist die Vielzahl von Instrumenten, die eine Rolle spielen: Bachorgeln,  Bechsteinflügel und spezielle Geigen, Indioflöten und E-Gitarren, um nur die wichtigsten zu nennen. Eine kleine Gruppe von Texten widmet sich Abspielgeräten: CD- Player und MP3- Player sind hier zu nennen.

 

Nicht nur die hohe Zahl der Einsendungen überraschte die Jury, auch die Qualität der eingereichten Texte, die den Jurymitgliedern ohne Namensangaben vorlagen, war durchweg sehr hoch, es gab außerordentlich originelle Ideen, erstaunlich routiniert beschriebene Begebenheiten und auch erzähltechnisch sowie sprachlich überzeugende Texte, so dass die Jury gerne mehr als nur drei Preise vergeben hätte.

 

Nach einem langwierigen Auswahlverfahren wurden 16 preiswürdige Texten herausgefiltert, dann legte sich die Jury durch intensive Quervergleiche auf drei Einsendungen fest, es sind die Texte 103 und 172, dazu für den Rotary-Preis Text 151.

 

Text 103 trägt den Titel „Malena“, die Kurzgeschichte mit acht Kapiteln handelt von einer tanzbegeisterten Frau, die an einem Tangokurs teilnimmt und ihre enttäuschenden Erlebnisse mit verschiedenen Tanzpartnern reflektiert. Die Autorin ist Sabine Vieweg aus Duisburg (geb. 1955). Sie arbeitete nach dem Studium der Sozialarbeit als Kundenbetreuerin bei einer Bank und verfasst Kindergeschichten ebenso wie Erzählungen für Erwachsene und arbeitet an einem Romanprojekt über die Entstehung des Modern Dance und der Tanztherapie.

Ihre Erzählung stellt dar, wie die Ich-Erzählerin sich auf einen Tangokurs vorbereitet, über die anderen Teilnehmer nachdenkt und dann, ohne getanzt zu haben, enttäuscht wieder nach Hause geht. Am zweiten Kurstag tanzt sie mit einem unsympathischen Zeitgenossen und stellt sich schließlich die Frage: „Was soll ich in diesem Kurs, ohne Tanzpartner?“

Auch mit Horst und Micha läuft es nicht besser. Horsts feuchte Hand, seine näselnden Worte und sein lautstarkes Räuspern frustrieren sie ebenso wie Michas kratzige Wange, seine geringe Musikalität und sein Schnaufen. Freundin Renate wirft sie deshalb vor, gar nicht zu wissen, „wie das ist, tanzen zu wollen und keinen Partner zu haben.“

Dann gerät sie in eine kurze, aber folgenlose Romanze mit einem wirklich guten Tänzer, „einer Luxusausgabe“, der angenehm duftet und dessen Bauch „was Besonderes“ ist. Ihre Beine zittern, ihr Herz geht auf, sie wünscht sich, dass die Zeit stehen bleibe und die Welt um sie herum versinke. Sie hofft ihn wiederzusehen und „küssen dürftest du mich auch“.  Sie ist restlos verzaubert und wünscht sich nichts mehr, als ihn wiederzusehen: „Ich will mir dir tanzen, fremder Mann.“

Aber es gibt kein Wiedersehen. Ihre Enttäuschung ist groß, sie überlegt, sich „aus der Tangoszene zu verabschieden“, weil sie genug hat von „gebrochenen Herzen, schwitzenden Körpern, neidischen Blicken“. Sie „kotzt“ sich die Tangoseele aus dem Leib und beschließt, in den Urlaub zu fahren.

Die raffinierte, souverän aufgebaute Erzählung erhält ihren besonderen Reiz durch Zitate aus dem berühmten argentinischen Tangolied „Malena“, mit denen die Situation der Erzählerin gespiegelt und kommentiert wird. Die knapp skizzierten, glaubwürdigen Charakterisierungen der Kursteilnehmer werden ebenfalls mit Zeilen aus dem „Malena“-Tango ergänzt und erhalten so eine besonders intensive Wirkung. Man merkt an einigen erzähltechnischen Details wie den drastisch verknappten Dialogen und dem effektvollen Einsatz ironischer Wertungen in Bezug auf die Tanzpartner sowie der dichten Folge kurzer und kürzester Sätze zur Beschreibung der Situationen, dass Sabine Vieweg eine routinierte Erzählerin ist, eine Erzählerin mit sensiblem Spürsinn für die Befindlichkeiten ihrer Protagonistin, der zum Schluss die Erkenntnis bleibt:  „Malena singt den Tango wie keine andere.“

 

Im Mittelpunkt von Wettbewerbsbeitrag 172, einer melancholischen Kurzgeschichte mit dem Titel „Ein Rest Refrain“ stehen Santi und Paz, zwei spanische Migranten, die in Duisburg-Marxloh leben. Der Text stammt von Martin Kasch aus Köln (geb. 1978), der im Saarland aufwuchs und in Köln und  Madrid studierte und nun Spanisch und Deutsch an einem Kölner Gymnasium sowie spanische Literatur an der Universität Köln lehrt.

Die Hauptpersonen seiner Erzählung, Santi und Paz, beobachten, wie in einem Entsorgungscontainer die Habseligkeiten ihres verstorbenen Mitbewohners Juan landen, den man tot in seiner Wohnung gefunden hat. Juan war wie die anderen vor Franco geflüchtet, hatte 40 Jahre in Duisburg-Marxloh gelebt und gearbeitet, hatte auf der Gitarre ein Lied von Serrat gespielt. Das Lied „wurde in Duisburg zu Juans Lied, zum Lied der spanischen Straßenbahner“. Er übersetzte das Lied dem deutschen Vorarbeiter, denn dieser war erstaunt über die heftigen Emotionen, die das Lied hervorrief. Juan vermochte mit dem Lied all die Erinnerungen an den Abschied aus Spanien, die lange Reise nach Köln und schließlich die Ankunft in Duisburg auszudrücken. Eines Tages jedoch nahm Paz ihren leeren Koffer und zog von Juan zu Santi, ohne es sich selbst erklären zu können. Juan schnitt nach dem Auszug von Paz die Gitarrensaiten heraus und schließlich wurde er tot im Badezimmer gefunden. Jetzt wird seine Wohnung entrümpelt und renoviert, nur seine Gitarre bleibt unangetastet vor dem Container stehen. „Durch das Loch in der Mitte starrte die Gitarre jetzt Santi an“, er beißt sich heftig bewegt auf die Unterlippe, presst eine Faust gegen die Fensterscheibe. Niemand war aus Spanien zur Beerdigung gekommen und nun werden die wenigen Habseligkeiten in einen Container gefüllt – bis auf die Gitarre. Am nächsten Tag beschließt Paz, die gemeinsame Wohnung zu verlassen und damit auch Santi, aber außer einem „Rest Refrain“ würde sie nichts mitzunehmen. Mit dem Refrain ist die Frage „Que va ser de ti?“ gemeint: Was wird aus Dir werden?  

Damit spielt Martin Kasch auf das gleichnamige Lied von Joan Manuel Serrat an, denn diesem Lied gelingt es, die Trauer, den Schmerz und die Erinnerungen der Spanier eindrucksvoll darzustellen. Dabei bezieht der Autor das Lied sowohl allgemein auf die Situation der spanischen Migranten, als auch auf Santi, der um Juan trauert und nun auch Paz verloren hat. Kasch erzählt diese Geschichte von Juan, Santi und Paz mit einer subtilen Mischung aus banalen Details (z.B. den Abbrucharbeiten) und sensiblen Hinweisen auf die traurige Verzweiflung der Protagonisten, sowie unter Verzicht auf Dialoge, denn Kommunikation scheint zwischen Santi und Paz nicht möglich zu sein. Lediglich Zitate aus Serrats Lied deuten auf die Gedanken und Gefühle der Personen hin.

An das Ende seiner überzeugend aufgebauten, melancholischen  Erzählung, die ihren besonderen Reiz durch eine bildhafte, rhythmische Sprache erhält, stellt Martin Kasch die traurige Erkenntnis, dass man außer dem Refrain des Liedes nichts wird mitnehmen können, die Wege der Personen trennen sich endgültig, trostlose Einsamkeit deutet sich an. 

Die versierte Erzählkunst des Autors profitiert von der sprachlichen Präzision, mit der die Personen und ihre Desillusion geschildert werden. Der durchgehende Bezug auf Serrats Lied verleiht dem Text eine große atmosphärische Eindringlichkeit und hohe Musikalität.

 

Aus dem Kreis der Jury kam im letzten Jahr der Vorschlag, den Rotary Club Essen erneut zu bitten, sich am Literaturpreis Ruhr zu beteiligen. Die Präsidentin, Frau Dr. Anne Rauhut, hat sich von Anfang an sehr aufgeschlossen diesem Vorschlag angenommen und im Club eine erneute Preisvergabe durchgesetzt, sicherlich  auch deshalb, weil die letzte Rotary Preisträgerin Sarah Meyer-Dietrich nicht nur einen exzellenten Text verfasst hat, sondern inzwischen auch einen ersten Roman mit dem Titel „Immer muss man mit Stellwerksbränden, Streiks und Tagebrüchen rechnen“ veröffentlicht hat.

 

In diesem Jahr wählte die Jury einen Text von Verena von Plüskow aus, der den Rotary Preis für den schriftstellerischen Nachwuchs erhält.

Verena von Plüskow aus Duisburg (geb.1977) wuchs im Bergischen auf, studierte Germanistik und BWL in Bonn und St. Andrews, arbeitete an der Uni Bonn und bei verschiedenen Verlagen. Heute lebt sie als freie Sachbuchlektorin und Redakteurin in Duisburg. Der Wettbewerbsbeitrag „Der Ausflug“ ist ihr literarisches Debüt.

 

Die Erzählung handelt von den Erlebnissen einer greisen Dame, die trotz zahlreicher Gebrechen aufbricht, um verschiedene Besorgungen zu erledigen. Sie will unbedingt ein Buch für ihre Urenkelin besorgen und auf einer Dachterrasse Cappuccino trinken. Ein MP3-Player gegen ihren Tinnitus ist dabei ein unersetzlicher Begleiter, denn er schützt sie, wenn die Ohrgeräusche zu aufdringlich werden und verschafft ihr „Abstand zu der Welt da draußen“. So hört sie den romantischen Liederzyklus „Das Jahr“, dessen Monatslieder jeweils von der Autorin geschickt in Beziehung zu den Stationen im Einkaufszentrum gesetzt werden. In ihrer Jugend hatte die alte Dame sich mit Fanny Hensels Klavierzyklus „erfolgreich beim Konservatorium“ beworben, danach aber umständehalber auf ein Studium verzichten müssen.

Während ihrer Einkaufserlebnisse laufen die einzelnen Monatslieder über den Player – manchmal parallel zu ihrer Stimmung, manchmal im Kontrast zur Situation im Einkaufszentrum. Als das Oktober-Lied mit einem Jagdmotiv erklingt und ihr Knie nachgibt, nimmt sie ein Stück Seife ohne zu bezahlen mit: „Ihr erster Ladendiebstahl seit 44 Jahren.“ Schließlich erreicht sie das Cafe auf dem Kaufhausdach, wendet ihr Gesicht der Sonne zu und lauscht der Totenfeier des Novemberliedes.

Nur das Dezember-Lied gefällt der Seniorin nicht, weil sie euphorisch noch nicht an das Ende denken möchte, sondern stattdessen einen Cappuccino genießen will.

Die ruhige, verhaltene Erzählweise ist mit sanfter Ironie durchsetzt und passt wie auch der originelle Schluss ausgezeichnet zur Hauptfigur. Dabei entspricht die manchmal etwas sperrig klingende Sprache hervorragend zu der Hauptperson, die sich mit ihrem Rollator unbeholfen durch das Einkaufszentrum schiebt. Der Text besitzt durch die auf die Seniorin konzentrierte Perspektive eine große Dichte, so dass man unweigerlich glaubt, das Geschehen laufe vor dem inneren Auge wie ein Spielfilm ab.

 

Im Namen der Jury gratuliere ich  Sabine Vieweg, Martin Kasch und Verena von Plüskow zu ihren ausgezeichneten Texten.

Ich wünsche Ihnen, dass die Preisverleihung Ihre schriftstellerische Arbeit beflügelt und dass sich möglichst bald eine Veröffentlichung Ihrer noch unveröffentlichten Werke ergibt.

Herzlichen Glückwunsch und viel Erfolg!

 

Dr. Klaus H. Jägersküpper

Gladbeck, 11.11.2016