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3.11.16
Text des Monats November 16: Jürgen Brôcan "Die Brücken"

Konstruktion, die ein Raub der Zeit wird,

ihr Stahl trotzdem von solch starker Anziehung,

als richte sich etwas in mir aus,

wie die Amyloplasten erdbohrender Wurzeln,

unmerklich im Pakt mit der Schwerkraft:

hingerissen also von der Rostskulptur,

die die Baumknospen so notdürftig verschleiern,

daß sie schamloser aufblitzt als sommers

bei meinen Vorbeifahrten im Auto -

Warum steige ich jetzt erst aus?

 

Es ist längst zuviel Welt um uns:

die tannenzapfenspitzen Türme von Angkor Wat,

der Intihuatana im steilen Machu Picchu, die Sonnenfessel,

wie sie vor Hiram Bingham aus den Nebeln ragte,

die Buddhastatuen im Hochtal Bamijans,

brutal in ihrer tausendjährigen Meditation gestört,

die Steinvögel in den Häusern Simbawbes,

die Enzyklopädien auf Murujuga,

für Profit mit saurem Regen übergossen:

Geld öffnet Türen zu allen Kompaßpunkten.

 

Ich bin mit meinem Land nicht fertig,

meiner Stadt (geschweige denn meiner Straße),

unbekanntes Territorium umher,

die heißen Ebenen der Flachdächer, Fassaden-

ecken im Dauerschatten, die gräserbesäumten Stau-

becken, Wartungsschächte unter Autobahnen,

Ruderalfluren, Industriophyten-Savannen:

was wild wurde, darf niemand betreten,

auch Sperrgebiet die Brücke,

weil in Besitze aufgeteilt die Welt,

 

scharfe Hunde patrouillieren vor Schrebergärten,

unvorstellbar ihren Pächtern, daß einer die Brücken liebt,

denn bloßes Ansehen rettet vorm Vergessen,

die Mikroreservate in der Stadt,

wo man eintritt wie ins Innere einer Faust,

und kein Winkel sicher vorm raschem Überfall,

nicht unberührte Natur, sondern in Ruhe gelassen nur

von Umbauten, Korrekturen, Expansionen.

Also heimlich übers Gatter steigen

und unter die videoüberwachten Gleise:

 

 

die Brücken! Brücken voraus! ihre Rücken

trugen schwer und wölbten sich dennoch würdig:

knietiefes Gras, eine Galaxie Löwenzahnsamen,

flaumleichte Sternbilder, furchtlose Fallschirmspringer

landen auf meinen Hosenbeinen,

eine Demarkationslinie, die ich übertrete,

dieser Steg über austretendem Dreckswasser,

ein intensiver Geruch nach Fäulnis und Freiheit,

menschenleere Zone, leise ein Vogellaut,

hier war keiner gewesen seit langem:

 

 

nach gebücktem Höhlengang durch Schlammkrusten

steigt ein verklinkerter Segmentbogen hinterm

nächsten aus dichteren Gesträuchen,

Scharten und Nischen verdeckt von Ranken

(wie wunderbar, stünde die Ikone eines Nestes darin!),

unter meiner Sohle knistern schwarze Blumen,

Stolperrohre, eingeschlossen in die

schöne Nicht-Gefangenschaft der Hänge

aus Grün, die vielleicht übereinander schlagen,

sobald einer hindurch gegangen,

 

 

eine Anderswelt, wo man aufsieht,

dort, zu den Bäumen, stets unerreichbar oben -

dann endlich die Pfeiler der Stahlbrücke,

wie ein stampfender Hundertfüßler,

wie ein Dinosaurierskelett, bereit zum Angriff,

wie die Füße eines Kolosses breitbeinig überm Fluß,

stärker als man selbst, unverrückbar,

ihr blättern Geschichten aus Nieten und Bolzen,

in Bäume geduckt, windet sich die erstarrte Schlange

einer aufgeschlitzten Röhre ran.

 

Vernarrt bin ich in die verbrauchten Dinge,

weil man von ihnen nichts erwartet,

weil sie neben der Unermüdlichkeit kleiner Flüsse liegen,

die "eilen, um in dir ihre Namen zu verlieren",

hunderte Rinnen & Rinnsale, Kanäle und Gräben,

in anderer Zeit auf dem Reißbrett gezogen,

allmählich ausgefranst vom Moos,

aus Leitung und über Stufen

kopfüber taumelnd oder tröpfelnd nur,

inspirierte Farbverläufe, wo Wasser ins Wasser geht,

 

aber die Baustelle nach dem letzten

Gestrüpp wie ein Anschlag -

glattrasiertes Ufer, geschmirgelte Hänge, trist

nach europäischem Masterplan, lustloses Geschwappe -

zum Glück noch fähig, außer sich zu geraten,

wenn der Donner stundenlang an Ort und Stelle

ungezähmtes Wasser bringt, Eimer & Hände

ohnmächtig, der Keller abgesoffen, und was im Kanal

die Wohnungen verließ, kehrte zurück

durch Tür und Fenster. Das schöne Wüten.

 

In: "Holzäpfel". Edition Rugerup, Berlin 2015

 

Jürgen Brôcan wird am 11.11.2016 mit dem Hauptpreis des Literaturpreises Ruhr 2016 augezeichnet.

 

Die öffentliche Preisverleihung findet statt im 

Martin Luther Forum Ruhr, Bülser Str. 38, 45964 Gladbeck

Beginn ist um 19.30 Uhr, der Eintritt ist frei.

 

Verbindliche Anmeldungen richten Sie bitte bis zum 7.11. an das Literaturbüro Ruhr, per Mail unter verena.geiger(at)stadt-gladbeck.de oder telefonisch unter 02043.99 26 44