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28.08.13
Text des Monats September 13: Manfred Samen über die Bücherverbrennung 1933 in Gladbeck

Als 'Text des Monats' September 2013 stellt das Literaturbüro Ruhr e.V. Manfred Samens vollständigen Artikel zur Bücherverbrennung 1933 in Gladbeck auf seine Homepage.

Als Einrichtung der Literaturförderung, die auch die Aufgabe hat, an vergessene oder einst verfolgte Literatinnen, Literaten und ihre Werke zu erinnern, freuen wir uns besonders, dass Manfred Samen uns diesen Beitrag zur Verfügung stellte, der ab Oktober auch weiter online im Archiv der 'Text(e) des Monats' zu lesen sein wird.

Manfred Samens Beitrag zeigt sehr deutlich, wie die "Gleichschaltungs"-Gesetze und -Praxis des faschistischen Dritten Reichs einst nicht nur deutschlandweit, sondern eben auch immer lokal Sprache, Denken und geistiges Leben Schritt für Schritt vergifteten und durch ideologischen Wahn ersetzten.

 

Den Vortrag (in gekürzter Form) hielt Manfred Samen bei der ersten offiziellen Gedenkveranstaltung aus Anlass der 'Bücherverbrennung in Wittringen 1933'.

Sie fand unter Teilnahme des Bürgermeisters Ulrich Roland am 11. Juli 2013 in der Stadtbücherei Gladbeck statt - mit erheblicher Resonanz bei Presse und Publikum.

Im Rahmen der Gladbecker Gedenkkultur - so Manfred Samen - wird seitens der Parteien einmütig vorgeschlagen, auf der Wiese am Wittringer Ehrenmal, Ort des Geschehens 1933, eine Gedenktafel zu errichten.


Manfred Samen, Gladbeck

1. Juli 1933 – Bücherverbrennung in Gladbeck
Ein Schlaglicht aus dem unseligen Jahr der Machtergreifung Adolf Hitlers

         I.            Einleitung: Ein kurzer Bericht zu den allgemeinen Hintergründen der Verbrennungsaktionen der Nationalsozialisten 1933 im Deutschen Reich.

       II.            Ein genauerer Bericht aufgrund der Quellenlage zum “Feuertod von Schmutz und Schund“ (NS-Diktion) am Samstagabend, 1.Juli 1933 im Stadtwald (Wittringer Wald) in Gladbeck.

      III.            Überblick über das “Fest der Deutschen Schule“ am Sonntag, 2.Juli 1933. Das Sportfest war Anlass für die Vorabendfeier (Sonnenwendfeier) im Stadtwald mit der Bücherverbrennung. Dieses bereits 1932 geplante Schulfest zeigt die totale Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten bereits ein halbes Jahr nach der sog. Machtergreifung.

   IV.            Schlussbemerkung

 

I.

2013 jährt sich der Tag der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten zum 80. Mal. Erstmals am 10. Mai 1933, aber auch in den Tagen und Wochen danach, fielen Zehntausende Bücher im Rahmen der „Aktion wider den undeutschen Geist“ den Flammen zum Opfer. Zunächst brannten die Scheiterhaufen an fast allen Universitätsorten des Deutschen Reiches. Höhepunkt der Bücherverbrennung war die Aktion auf dem Berliner Opernplatz, heute Bebelplatz, am 10.Mai 1933.

Ca. 70.000 Menschen, vor allem Verbände der Hitlerjugend, der SA und SS nahmen in Deutschland an der „Aktion Feuertod“ – so der Nazi-Jargon – teil. Nahezu 25.000 Bücher so bekannter Autoren wie Kurt Tucholsky, Berthold Brecht, Heinrich Heine, Klaus und Heinrich Mann und Erich Kästner wurden „feierlich verbrannt“. Für die meisten Schriftsteller folgte auf die öffentliche Verbrennung ihrer Werke ein Publikations- und Arbeitsverbot; manche wurden ausgebürgert wie Kurt Tucholsky oder entschieden sich für die Flucht ins Exil – beispielsweise Arnold Zweig. Wieder andere wurden verhaftet, in ein KZ deportiert und dort ermordet wie Carl von Ossietzky.

Diese Bücherverbrennungen waren der letzte Akt einer von der Deutschen Studentenschaft, unter aktiver Beteiligung von Professoren und Universitätsrektoren systematisch geplanten Vernichtung „undeutschen“ und zersetzenden Schrifttums. Den Bücherverbrennungen vorausgegangen waren unter anderem die Veröffentlichung von „12 Thesen wider den undeutschen Geist“ durch den nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund, in welchen die Ziele der Aktion zusammengefasst waren. So heißt es beispielsweise in These 4: „Unser gefährlichster Widersacher ist der Jude und der, der ihm hörig ist.“ Und in These 5: „Der Jude kann nur jüdisch denken. Schreibt er deutsch, dann lügt er.“ Es wurde eine sog. „Schwarze Liste“ erstellt mit Autoren, deren Werke zu verbrennen waren, darunter vor allem jüdische, marxistische, sozialdemokratische und pazifistische Schriften. Beschlossen wurde die Plünderung von öffentlichen und privaten Bibliotheken. Festzustellen ist, dass der Großteil der deutschen Zeitungen damals die Bücherverbrennungen feierte; im Inland erhob sich nur vereinzelter Protest. Von einem Teil des gebildeten deutschen Bürgertums wurden die Bücherverbrennungen als „studentischer Bierulk“ verharmlost. Damals auf dem Berliner Opernplatz spielten SA- und SS-Kapellen vaterländische Weisen und Marschlieder, bis Studenten mit markigen Worten (sog. Feuersprüche) die Bücher des „undeutschen Geistes“ dem Feuer übergaben. So hieß es z.B. „Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Siegmund Freud“, oder „Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge Flamme, auch die Schriften der Tucholsky und Ossietzky!“

 

Nun zum Geschehen in Gladbeck vor 80 Jahren, am Abend des 1. Juli 1933, Vorabendfeier des großen „Festes der Deutschen Schule“ am Sonntag, 2.Juli 1933 in der Vestischen Kampfbahn, heute Stadion genannt.


II.

Am 2. Juli 1933 fand in der Vestischen Kampfbahn (heute: Stadion) das „Fest der deutschen Schule“ für das Vest Recklinghausen statt. Ausgerichtet wurde diese Veranstaltung vom „Verein für das Deutschtum im Ausland“ (V.D.A), Orts- und Schulgruppe Gladbeck.

Dazu aufgerufen waren in erster Linie die V.D.A.-Gruppen an den höheren Schulen im Vest, darüber hinaus galt der Aufruf auch allen Schülern der Volksschulen. In diesem Aufruf heißt es u.a.: „Besinnung auf die im deutschen Volkstum schlummernden Werte – das ist der Weckruf dieses großen Frühlings. Diesem Ziel zu dienen, die deutsche Jugend zur Erkenntnis der Begriffe Deutschtum und Volk zu bringen, ihr die Not des Deutschtums jenseits der Grenzen zu zeigen, die der Schandfriede von Versailles gezogen, das ist der Sinn dieses Festes der deutschen Schule!“

Der Verein für das „Deutschtum im Ausland“ (V.D.A.) war bereits im Jahr 1881 als Allgem. Deutscher Schulverein gegründet worden. Sein Hauptziel war und ist heute noch: „Brücke zu sein zu den Deutschen in aller Welt.“ Heute kümmert sich der V.D.A. u.a. um die Deutschstämmigen in den Ländern der untergegangenen Sowjetunion.

Die Ortsgruppe Gladbeck des V.D.A. wurde am 17. November 1931 gegründet: 40 Personen waren dem Gründungsaufruf damals gefolgt. Zum Vorsitzenden der Gladbecker Ortsgruppe wurde der Leiter des Realgymnasiums (heute Ratsgymnasium) Prof. Dr. Anton Henrich gewählt. Zum Schriftführer wurde Stud.-Rat. Dr. Franz Rodeck, zum Kassierer Postschaffner Primas bestellt. Viele der Erschienenen erklärten sofort ihren Beitritt zur Ortsgruppe auf dieser Gründerversammlung im Gasthof van Suntum. Dem erweiterten Vorstand gehörten lt. Protokoll u.a. an: Studienrätin Elisabeth Jacobi, Frau „Oberbergrat“ Russell, Rechtsanwalt Dr. Lücke, Schulrat Eckert, Bürgermeister Dr. Korn, Rektor Kleiböhmer, Pfarrer H. Ötting, Syndikus Dr. Schellewald, Lehrer Söding, Rektor Eickmeyer, Kaufmann Föhringer, Frl. Hahne, Krankenhausrektor Bierbaum, Oberbergrat Hochstrate. Es fällt auf, dass der heimatverbundene Dr. Bette dem V.D.A. nicht angehörte.

Auf Veranlassung des Reichsministers des Innern Dr. Frick (1946 in Nürnberg durch das Alliierte Militärtribunal zum Tode verurteilt und durch den Strang hingerichtet) sollte das Fest der deutschen Schule als große, das ganze Reich erfassende V.D.A.-Veranstaltung durchgeführt werden. Die größten Veranstaltungen fanden in Berlin, Aachen, Bremen, Breslau, Erfurt, Hamburg, Hannover, Stettin, Stuttgart, München und Gladbeck statt.

Auf einer Sitzung des erweiterten Vorstands der Gladbecker Ortsgruppe des V.D.A. am 8. Mai 1933 wird laut Protokoll über den Stand der Vorbereitungen diskutiert: Die Verwendung von Wimpeln und Fähnchen wird geregelt, die Ausgabe von Liedtexten wird angeregt. Für den Fackelzug am Abend des 1. Juli sollen sich die Schülerinnen und Schüler selbst mit Papierlaternen, die im Zeichenunterricht hergestellt worden sind und möglichst durch Bild oder Aufschrift auf die Veranstaltung und ihren Zweck hinweisen, versorgen. Insgesamt zeigen die Vorbereitungen, dass möglichst alle Teilnehmer am Fest zur persönlichen Vorbereitung und Mitarbeit herangezogen werden sollten. Für die Unterbringung der vielen Auswärtigen wurde ein Ausschuss unter Leitung von Frau Jacobi gebildet. Frau „Oberbergrat“ Russell wollte „die Verpflegung regeln“. Lt. Protokoll vom 16.Mai 1933 soll versucht werden, SA und Stahlhelm-Bund für die Leitung des Fackelzuges zu gewinnen. Auch die Hitler-Jugend soll zur Teilnahme aufgerufen werden! Dem Arbeitsausschuss gehörte auch Studienrat Passe, Fraktionsvorsitzender der NSDAP an. Zur Führung des Finanzausschusses soll Kontakt mit dem Gladbecker Bankhaus Küster und Ullrich und für den Werbeausschuss Kontakt mit dem Verkehrsverein gesucht werden. Auf der Vorstandssitzung am 30. Mai 1933 wird angeregt, sich bzgl. der Lautsprecher an die Fa. Siemens, Essen, zu wenden, ebenso sei Verbindung mit dem Westdeutschen Rundfunk aufzunehmen. Studienrätin Jacobi regt an, sämtliche Volksschulgebäude in die Quartierbeschaffung einzubeziehen. Wiederum wird beschlossen, dass beim Fackelzug am 1.Juli 1933 SA, SS, „Stahlhelm“, Kriegervereine, Turnvereine zur Teilnahme bzw. zum Spalier gebeten werden sollen!

In dem Aufruf des Arbeitsausschusses an die teilnehmenden Schulen im Vest Recklinghausen heißt es u.a.: „Wir bitten die Herren Anstaltsleiter und Leiter der Schulgruppen dringend, für diese Veranstaltung nach Kräften zu werben. Kosten sollen dem einzelnen kaum erwachsen.“ Anschließend heißt es in dem Aufruf: „Beim Fest der deutschen Schule im Jahre von Deutschlands Erneuerung helfen wir alle durch eifrigste Mitarbeit und Werbetätigkeit es zu einem würdigen, vollwertigen Wegbereiter deutscher Zukunft zu machen! Dazu ist ein Massenaufgebot erforderlich. Das ist nur zu erreichen, wenn alle Schulen des Vestes sich mit 30-50% ihrer Schülerzahl beteiligen.“

Laut Bericht des „Gladbecker Tageblattes“ vom 3. März 1933 hatte die Gladbecker Ortsgruppe des V.D.A. im Festsaal der Aloysius-Schule eine erfolgreiche Werbeveranstaltung durchgeführt. Der Vorsitzende, Prof. Dr. Henrich, so die Zeitung, hatte die zahlreich Erschienenen begrüßt und zunächst einmal Ziel und Aufgabe des V.D.A. dargestellt. U.a. heißt es dort: „In dieser Organisation können sich alle Deutschen aller Bekenntnisse, aller politischen Richtungen, aller sozialen Schichten die Hand reichen, um an der wahrhaft nationalen Aufgabe zu arbeiten, die Minderheiten in den abgetretenen Gebieten zu unterstützen und ganz besonders die Jugendlichen dort dem Deutschtum zu erhalten“. Der Hauptredner des Abends, ein Dr. Bell, sprach zunächst „die Korridor- und Memelfrage“ an. Und weiter: „Eine große Gefahr für das deutsche Volkstum bedeute die Abschnürung des deutschen Ostens. Die Aufgabe des Vereins sei, alles zusammenzuschweißen, was deutsch ist, sich seines Deutschtums voll stolzer Freude bewusst zu sein, dass alle Deutschen in der weiten Welt sich finden im Gemeinschaftsbewusstsein: Wir sind Kinder eines Volkes, wir sind Deutsche!“

Dr. Bell, so der Zeitungsbericht, erhielt für seine „hinreißenden Ausführungen“ minutenlangen Beifall der anwesenden Gladbecker. Diese Veranstaltung wurde umrahmt von Vorträgen des Schulorchesters des Realgymnasiums, von Volkstänzen der Schülerinnen der Deutschen Oberschule (heute Riesener-Gymnasium) und Gedichtvorträgen. Am Schluss, so die Zeitung, wurde gemeinsam das „Deutschlandlied“ gesungen.

Dieser Bericht zeigt deutlich die damalige politische und geistige Situation schlaglichtartig auf. So kann auch die Gestaltung – äußere und innere – des „Festes der deutschen Schule“ in Gladbeck eingeordnet werden.

In der „Gladbecker Volkszeitung“ vom 30. Juni 1933 wird umfassend der Programmablauf des Festes der Jugend vorgestellt; ebenso werden die Gladbecker Vereine zur Teilnahme aufgerufen: „Jeder Freund der Jugend, jeder Freund des Volksdeutschtums muß erscheinen!“ Zudem werden die Kartenvorverkaufsstellen angegeben: u.a. Kirschbaum, Hochstraße, Neubert, Kaiserstr., Verkehrsverein, Marktplatz; Preise: 0,10 M (Rasenplätze für Kinder und Erwerbslose); 0,20 M (Rasenplätze); 0,30 M (Holzsitzplätze); 1 M (nummerierte Sitzplätze). Unter der Meldung „Turnverein Gladbeck, Deutsche Turnerschaft“ heißt es u.a. „Zwecks Teilnahme am Fest der Schule steht der Turnverein Gladbeck mit sämtlichen Abteilungen am Samstag um 19.30 Uhr beim Vereinsheim van Suntum fertig angetreten. Sonntag, 2. Juli, mittags 13.30 Uhr ebenfalls beim Vereinsheim im Festanzug abmarschfertig. In derselben Zeitung ruft der Gladbecker Ortsausschuss für Jugendpflege die angeschlossenen Vereine auf, am 1. Juli um 19.45 Uhr zum Abmarsch fertig auf der Marktstr. (Haus Dr. Rocha) zwecks Teilnahme an der Sonnenwendfeier, am Vorabend des Festes, zu stehen. Und weiter: „Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß jeder Verein die Hakenkreuzfahne mit sich führen muß, dazu darf der Verein nur eine Vereinsfahne mitbringen.“

Über den großen Auftakt zum Fest der deutschen Schule berichtet die „Gladbecker Volkszeitung“ in ihrer Ausgabe vom 3. Juli 1933 u.a. folgendermaßen:
„Es war ein glücklicher Gedanke, die Sonnenwendfeier unter Führung der Hitler-Jugend, aber gemeinsam mit dem V.D.A. zu veranstalten; so wurde sinnvoll der Gedanke der Gemeinschaftsarbeit zum Ausdruck gebracht, der erst vor kurzer Zeit in dem Freundschaftsabkommen zwischen HJ und V.D.A. festgelegt worden ist.“ Weiter heißt es dort: „Schon früh setzte am Samstag der Aufmarsch der Massen nach Gladbeck-Mitte ein, und die Straßen boten ein buntes frohes Bild. Die Schulen marschierten in mustergültiger Ordnung mit unzähligen Fahnen und Wimpeln zu ihrem Sammelplatz. Bevor sich der Zug in Bewegung setzte, gab Direktor Junius, der Gauführer des V.D.A. in kurzen Worten seiner Freude Ausdruck.

Der „Gladbecker Anzeiger“ vom 3.7.1933 schildert die Situation:

„Und dann formiert sich ein prächtiger Zug, der durch die reich beflaggte Stadt zur Freifläche im Stadtwald führt. Geradezu unbeschreiblich schön ist das Bild beim Marsch durch den Stadtwald. Die Banner und Wimpelträger der Volksschulen, die Fahnen der SA und NSBL, und der vielen Vereine. Deutsche Jugend mit den Fahnen des alten ruhmreichen und neuen Deutschland ziehen durch deutschen Buchen- und Eichenwald.“

 

Weiter heißt es im „Gladbecker Anzeiger“: „Ein Bild straffer Ordnung und Disziplin bot die SA; der Zug wollte kein Ende nehmen. Die Stadtverwaltung mit ihrem sämtlichen Angestellten und Arbeitern bildeten eine mächtige Gruppe.“ OB Dr. Bernhard Hackenberg muss eine Teilnahmeverpflichtung ausgesprochen haben. Ziel des Zuges war die Festwiese, westlich des im Bau befindlichen Ehrenmals gelegen. Dort waren am Holzstoß bereits von der HJ gesammelte Bücher und andere Materialien aufgestapelt.

Diese Tage dauernde Sammelaktion muss den verantwortlichen Festveranstaltern bekannt gewesen sein; von einer Verhinderung der geplanten Verbrennungsaktion ist in den Protokollen und Aufzeichnungen des Leiters Prof. Dr. Anton Henrich, die dem Verfasser vorliegen, nichts zu finden. Nach Sichtung der Quellen muss stark angenommen werden, dass Prof. Dr. Henrich und ein großer Teil des Festausschusses durch das anmaßende Auftreten der HJ überrumpelt worden sind. In einem Aufruf der HJ vom 1.7.1933 im „Gladbecker Anzeiger“ heißt es bzgl. „der gewaltigen Volkskundgebung am brennenden Flammenstoß auf der Freifläche am Ehrenmal“: „Gewaltiger Aufmarsch der gesamten Gladbecker Jugend und des VDA unter Führung der Hitlerjugend!“

Verschlüsselt, aber doch überdeutlich wird auf die geplante Bücherverbrennung hingewiesen, wenn es in dem Aufruf heißt: „Die HJ hat sich für diesen Abend besonders ins Zeug gelegt und wird der Gladbecker Bevölkerung zum ersten Mal ihr Können zeigen. Daß außer Feuersprüchen, Fahnenschwüren und Volkstänzen etwas ganz Besonderes (!) gezeigt wird, das bestimmt aber nur an diesem Abend zu sehen ist, möchten wir nur leise andeuten.“ Niemand wagte es mehr, das verbrecherische Tun der HJ zu stoppen!

Geradezu in einer lyrischen Diktion schreibt der „Gladbecker Anzeiger“ zur Situation auf der Festwiese:

„Auf dem freien Platz nimmt die Jugend rund um den großen Holzstoß Aufstellung. Langsam sinkt die Nacht herein, ganz schwach nur hebt sich noch der dunkle Hochwald vom tiefgrauen Himmel ab, an dem die blanke Silberscheibe des Mondes als ein treuer Hüter der Nacht aufgezogen ist.“

„Der Aufmarsch auf der Freifläche im Wittringer Wald“, so die „Gladbecker Volkszeitung“ v. 3.7.1933, „vollzog sich in bester Ordnung, die HJ mit ihren bewährten Führern hatten alles aufs beste vorbereitet, und die SS sorgte für glatte Abwicklung auf dem eigentlichen Festplatz.“ Und weiter berichtet die „Gladbecker Volkszeitung“ und vermittelt uns heute ein wirklichkeitsgetreues Bild der damaligen Situation: „Fanfarensignal und Feuerspruch, den die HJ wirkungsvoll vortrug, eröffnete die Feier. Unterbannführer Demme, als Führer der HJ, hielt eine emotionale ‚Feuerrede’ an die ‚Soldaten der nationalsozialistischen Revolution, Hitler Jungen! Hitler Mädel! Deutsche Jungen!’ – Auf die bombastischen ideologischen Ergüsse in der überlangen Rede soll hier nicht weiter eingegangen werden. Die Rede endete mit dem Ruf: „Millionen Herzen und Fäuste jugendlicher Soldaten Adolf Hitlers streben in gewaltiger Aufwallung höher und geloben: Treue der Heimat! Treue dem Volk und Treue dem Führer! Wir stürmen die letzten Hindernisse! Hitler-Jugend vorwärts!“

„Wuchtig flammten unterdessen die lodernden Feuergarben hinaus zum Himmel“, so der Chronist. Nur am Rande wird der V.D.A. vermerkt: „Die Jugend gedachte auch der Grenz- und Auslandsdeutschen.“

Das vom Arbeitsausschuss des Schulfestes geplante Heldengedenken am Ehrenmal ging im Trubel um das erwartete Geschehen am Holzstoß unter.

Erschreckend mutet das Geschehen in diesem Rahmen an, bei dem unter dem Ruf „Deutsche Jugend marschiert wider undeutschen Geist“ dann die Bücherverbrennung stattfand. Dazu der Originalbericht des „Gladbecker Anzeigers“ v. 3.7.1933 unter dem SA-Lied „Die Fahne hoch…“:

„Das Sturmlied der braunen Armee beschließt diese Feuerrede, die von allen begeistert aufgenommen wurde. Und dann kommt der Augenblick, der dem Marxismus in Gladbeck auch nach außen hin den Gnadenstoß gibt, der ihn auch nach außen hin vollkommen vernichtet. Rote Fahnen und Plakate aus der Wahlzeit noch, wurden von frischen strammen Hitlerjungen in die Flammen geworfen. Alten und Bücher der Gewerkschaften finden ebenfalls im Feuer ihren ‚Verbrennungstod’ und schließlich gehen auch die Bücher der Dichter, die auf der ‚Schwarzen Liste’ stehen in hellen Flammen auf. Heller Jubel begleitet diese Vorgänge. Die Flammen schlagen jedesmal höher das Feuer sprüht und dunkler Rauch steigt oben über den roten Feuerzungen auf zu den düsteren Wolken. Will selbst das Feuer diesen Dreck, diesen Kitsch und volksverderbenden Schmutz, der sich in die Literaturreihe unter deutschen Männern unserer alten Klassiker eingeschlichen hat, nicht vernichten? Ab und zu fragen die Flammen verbrannte, schwarze Fetzen dieser Bücher in die dunkle Nacht hinein. Alles ist vernichtet.“

 

Ein „Fahnenschwur“, so wird berichtet, gerichtet an die Hitlerjugend, beschließt das Programm. Die Dominanz der Hitlerjugend war überdeutlich; marginal nur war während der Feststunde am Sonnwendfeuer das Gedenken der Grenz- und Auslandsdeutschen. Spät in der Nacht kehrten tausende Gladbecker und die angereisten Gäste zurück in die Stadt. Dazu schreibt der „Gladbecker Anzeiger“:

„In großem Zuge, von Fackeln hell erleuchtet, schlängelt sich eine ‚Feuerschlange’ durch den dunklen Wald, hinein in die tiefe, stille Nacht – zieht durch dunkle, enge Straßen in eine, man möchte sagen ‚tote Stadt“.

Eine Feierstunde deutscher Jugend ist begeistert zu Ende gegangen und in den Herzen dieser jungen Menschen wird es noch lange nachklingen.“

 

„Das Sonnwendfeuer wird als unvergeßliches Zeichen unserer Vorfahren unserer Jugend den Weg des neuen Deutschland erhellen!“ Eine makabre Zukunftsvision wie sich wenige Jahre später zeigen sollte.

Anzumerken ist, dass die Nationalsozialisten bewusst an das in der Vergangenheit praktizierte Verfahren der sogenannten „Heiligen Inquisition“ der katholische Kirche anknüpften, so u.a. mit dem Hinweis auf die Bücherverbrennung 1634 in Madrid.


III.

Nach diesem „erhebenden Auftakt“ brach dann der eigentliche Festtag der deutschen Schule des V.D.A. an. Am Sonntagmorgen, 2. Juli 1933 wurden für beide Konfessionen Feldgottesdienste abgehalten. Die katholischen Schüler und Gäste und auch eine Abteilung stahlhelmbewehrter Schutzpolizisten wohnten im Stadion der Heiligen Messe bei, die Studienrat Dr. Ingendoh zelebrierte. Zur gleichen Zeit wurde für die evangelischen Schüler auf der Waldbühne im Wittringer Wald ein Gottesdienst abgehalten. Die Festveranstaltung des Tages nahm in den frühen Mittagsstunden ihren Anfang. In ähnlicher Formation erfolgte der Festzug wie am Abend vorher: In dem riesigen Festzug durch die Innenstadt zur Vestischen Kampfbahn marschierten, vorauf die HJ und die große Schar der Schulen, die nicht nur aus den Nachbarstädten, sondern aus dem ganzen nördlichen Westfalen vertreten waren. Außer der SA, der SS und dem „Stahlhelm“-Bund hatten sich auch hier zahlreiche Vereine mit ihren Fahnen angeschlossen. In drei Säulen marschierten die Gruppen durch die drei Eingangstore in die Vestische Kampfbahn. Einleitend sang der Massenchor der höheren Schulen unter der Stabführung von Obermusiklehrer Kirse, Recklinghausen, „Wach auf, es nahet gen den Tag“.

Überschwänglich und pathetisch berichtete der Redakteur des „Gladbecker Anzeigers“ in seinem Artikel über die Eröffnung des Sportfestes bzgl. des offensichtlichen Sieges des Nationalsozialismus, indem er an den Besuch Adolf Hitlers im Jahr zuvor in Gladbeck erinnerte:

“Welch ein Gegensatz zum 24. Juli des Vorjahres, als Adolf Hitler, heute des Reiches junger Kanzler, damals noch der leidenschaftliche Rufer und Wecker zur Besinnung, zur Tat, glühend in heiligem Fanatismus, in der Kampfbahn zu der Menge sprach. Damals durften Hakenkreuzfahnen nur innerhalb der Kampfbahn wehen, nicht nach außen hin leuchten. Heute aber – heute ist dieses Hakenkreuzbanner das hehre heilige Symbol geworden, das über ganz Deutschland jubelnd den Sieg einer jungen Bewegung, einer leidenschaftlichen Revolution, kündet, dem die Herzen zujubeln und dem sich Millionen und Übermillionen Hände entgegenstrecken. Hitlerfahnen über allen Straßen! Hitlergeist ist allen Herzen…! Deutschland ist erwacht!

Fanfarenklänge … Ein Blasorchester leitet die feierlichen Spiele ein.“

 

Namens der Stadt Gladbeck begrüßte Oberbürgermeister Dr. Hackenberg den Festredner des Tages, Graf Bossi-Fedrigotti und die große Schar der Schuljugend. Dr. Hackenberg führte u.a. aus: „Wohl noch niemals war Deutschlands Jugend so bei der Sache, wie bei dem Durchbruch der nationalen und sozialistischen Revolution. Und gerade im Zeichen der nationalen Erhebung“, so der Gladbecker OB, „ist es unsere heilige Pflicht, derjenigen Volksgenossen zu gedenken, die jenseits unserer Reichsgrenzen den Kampf um deutsche Sitte, Sprache und Art führen. Das deutsche Volk möge mit ganzem Herzen hinter dem V.D.A. stehen!“ Der OB beendete die Rede mit einem dreifachen „Volk Heil!“

 

Die Menschenmenge, so der Berichterstatter, stimmte spontan ein und sang das ‚Horst-Wessel-Lied’. Die anschließenden Massenfreiübungen der 3000 Mädchen und Knaben unter der Leitung des Gladbecker Stadtturnwartes Muckenheim boten „ein einzigartig schönes Bild“. Der Chronist berichtet weiter: „Die sportfrischen Jungen und Mädchen hatten viel Arbeit und Fleiß daran gesetzt, um nach den Klängen der Musik ein rhythmisches Spiel der Bewegung zu schaffen, das durch eine gewaltige Linienführung das Auge erfreute und wohlverdienten, freudigen Beifall fand.“

In der Festansprache würdigte Graf Bossi-Fedrigotti, Referent für Österreich im außenpolitischen Amt der NSDAP, die Arbeit des V.D.A., und forderte auf, in gemeinsamer Arbeit sich einzusetzen für ein einiges, starkes Groß-Deutschland.

Die Auswahl dieses Redners zeigt wohl überdeutlich die Vereinnahmung der Gladbecker V.D.A.-Ortsgruppe durch das NS-System wenige Monate nach der Machtergreifung! Tröstlich zu dieser Rede ist in den Quellen zu lesen: „Bedauerlicherweise versagte aber die Lautsprecheranlage derartig, dass die Rede größtenteils und vielerorts kaum zu verstehen war.“ Nach der Festrede traten die höheren Schulen zu Staffelläufen an unter Leitung von Studienrat Dr. Bültermann und stellten ihr sportliches Können unter Beweis. Sieger wurde die Polizeischule Recklinghausen und das Gladbecker Realgymnasium.

Der Höhepunkt des Festes war das Spiel „Volk will zu Volk“, aufgeführt von Schülerinnen und Schülern der Gladbecker Schulen und der höheren Schulen Westfalens. Sinn des Spiels war die Darstellung von Umfang und Bedeutung des Auslandsdeutschtums. Im Zentrum des Spiels stand das „Deutsche Reich in seiner alten Gestalt, die Zerstörung des alten Volksgebietes durch die Grenzen von 1919 und die Kulturhilfe des V.D.A.“. Jeder einzelne Vorgang des Spiels wurde durch Fanfaren angekündigt. Einige Teile aus dem Programm sollen das „Festspiel“ verdeutlichen:

- Einzug der Herolde deutscher Städte und der Bannergruppen der Gebiete Elsaß-Lothringen, Saargebiet, Eupen-Malmedy, Memelgebiet, Danzig, Posen und Westpreußen, Baltikum, Oberschlesien, Österreich, Tirol, Sudetendeutschland, Siebenbürgen, Außereuropa.

- 800 Kinder mit schwarz-weiß-roten Schärpen bildeten die Grenzen des früheren Deutschen Reiches nach.

- Das Reich auf der Höhe seiner Macht und Weltgeltung; Massenchor: „Die Himmel rühme des Ewigen Ehre!“

- Die ‚Unheilsgrenzen’ des Versailler Vertrages werden von schwarzgekleideten Kindern dargestellt, (schwarze Turnanzüge).

- Österreich, noch in Banden, verlangt heim zum Reich; Ein Sprechchor unter Leitung von Studienrat Dr. Rodeck trug hierzu den „Rütlischwur“ vor: „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr!“

Ein Teil des geplanten Spiels musste umorganisiert werden wie es in einem fast unzumutbaren Bericht heißt, „da es jugendpsychologisch bedenklich ist, von deutschen Jungen zu verlangen, daß sie Polacken oder Franzosen darstellen sollen und gar noch bei einer großen öffentlichen Festaufführung“.

Die Gladbecker Zeitung vom 3. Juli 1933 berichtet u.a.: „Und als dann auf grünem Rasen in weißen Lettern ein riesiges V.D.A. ersteht, das sich in ein Hakenkreuz umwandelt, schlägt die Begeisterung hohe Wogen. Es war ein eindrucksvolles, farbenprächtiges Bild. Das weite Rund des Stadions´ umsäumt von den grünen Waldungen des Wittringer Stadtwaldes, die bunte Menschenmenge in freudiger Begeisterung und im weiten Rund der grünen Rasenfläche die bunten Trachtengruppen, wehende Fahnen und Wimpel, große Spruchbänder, Musik und deutsches Lied aus tausenden und abertausenden junger Kehlen - das alles im Strahl der Sonne, die siegreich die Wolken durchbrach.“

Die Schlussansprache hielt der Gesamtleiter des Festes, Oberstudiendirektor Prof. Dr. Henrich. Er sagte u.a.: „Dank an die Jugend, die Zeugnis dafür abgelegt hat, daß sie bereit ist, sich verantwortungsbewußt einzuordnen in das Ganze, ernst an die Arbeit zu gehen, mitzuhelfen am Aufbau des Reiches und sich einzusetzen für deutsche Kultur, deutsches Volkstum, für ein einiges, starkes, großes Deutschland.“

Nach dem Lied: “Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten!“ erfolgte der feierliche Ausmarsch der Gruppen gegen 19 Uhr.

Nachträglich wird berichtet, dass etwa 3000 Volksschüler und fast ebenso viele Schülerinnen und Schüler höherer Lehranstalten aus dem ganzen Vest Recklinghausen, ferner die höheren Schüler von Gelsenkirchen und Wanne-Eickel mitgewirkt hätten. 5. Schülerblasorchester, von Buer, Wanne-Eickel, Hagen und vom Gymnasium Paulinum Münster hatten den feierlichen Rahmen geprägt. Nach einmütigem Urteil der Zuschauer sei das gemeinsame Lied, „Nach Ostland wollen wir reiten“, der ergreifendste Moment des ganzen Spiels gewesen. 30.- bis 35.000 Zuschauer hatten dem Fest beigewohnt.

Das Ausland reagierte durchweg sehr negativ auf Form und Aussage der in verschiedenen größeren Städten des Reiches – so auch in Gladbeck –  durchgeführten Festveranstaltungen der deutschen Schule.

So schreibt die Zeitung „Polska Zachodnia“, Kattowitz, Nr. 313, am 12. November 1933 unter der Überschrift „Eine schamlose polenfeindliche Propaganda“ folgendes:

„Die vom ‚Volksbund für das Deutschtum im Ausland’ (V.D.A.) unter den Schülern aller Schulen in Westfalen, sowohl der Volksschulen als auch der Mittelschulen, systematisch betriebene Schulaktion zeigt eine ausdrückliche polenfeindliche Einstellung. Die Schüler sind gezwungen, unter Aufsicht der Lehrerschaft an den von besonderen Schulgruppen des V.D.A. veranstalteten sogenannten Festen der deutschen Schule teilzunehmen, bei welchen polenfeindliche Referate gehalten werden und den Kindern die Revanche-Idee eingeimpft wird. Und es muß hinzugeführt werden, daß unter dieser Schuljugend sich ein bedeutender Prozentsatz polnischer Kinder befindet.“

Die Vorgänge in Gladbeck müssen eingeordnet werden in die Geschichte des gesamten V.D.A. in der NS-Zeit. Daher einige abschließende Anmerkungen:

In seinen Erinnerungen schreibt der damalige Reichsführer des V.D.A., Dr. Hans Steinacher, von seinen Befürchtungen bzgl. der Gleichschaltung nach dem 30. Januar 1933 – wie dies mit fast allen anderen Organisationen geschehen war. Diese Gleichschaltung erfolgte zunächst noch nicht.

Rudolf Heß, der Stellvertreter Hitlers, war von Hitler beauftragt worden, die Volkstumspolitik des Dritten Reiches mit der amtlichen Außenpolitik und Hitlers eigenen Intentionen abzustimmen. Aus Dokumenten geht hervor, dass Steinacher und der Kreis um ihn in der V.D.A.-Leitung den Umbruch 1933 vollauf bejaht haben und Hitler in vielem bewunderten. Für sie blieb zunächst entscheidend, dass mit der staatlichen Umwälzung der volkliche Gedanke, so wie sie ihn verstanden, neu geboren und das Deutsche Reich wieder zu einem geachteten, ja „gefürchteten Subjekt“ würde. Diese Auffassung spiegelt sich – nach Lage der Quellen – ebenfalls wider in der Gladbecker Ortsgruppe des V.D.A. zu Beginn der NS-Herrschaft; ganz abgesehen von einer breiten Zustimmung in der Gladbecker Bevölkerung im Jahre 1933.

Ab 1934 kam es dann im V.D.A. auf Reichsebene zu erheblichen Konflikten mit NS-Organisationen - vor allem, mit der Hitler-Jugend. Am 21.Oktober 1937 wurde Dr. Steinacher durch eine Anordnung von Rudolf Heß von der Leitung des V.D.A. beurlaubt. Für diese Maßnahme wurden politische Gründe angegeben: In mit dem Stempel „Geheim“ versehenen Aufzeichnungen des Auswärtigen Amtes vom 22. Oktober 1937 wird vertraulich mitgeteilt, „daß der tatsächliche Grund für die Beurlaubung Dr. Steinachers der sei, daß der V.D.A. unter Steinacher andauernd Politik betrieben habe und treibe, die nicht der außenpolitischen Linie des Führers entspreche“. Auch sei seit langem von allen interessierten Gauleitern die Abberufung Steinachers verlangt worden; so in einem Schreiben von Martin Bormann vom 13. November 1937. Als Steinachers Nachfolger wurde der SS-Oberführer Dr. Ligus eingesetzt. Mit Schreiben vom 3. Februar 1939, München „Braunes Haus“, traf Rudolf Heß dann die Anordnung bzgl. der kompletten Gleichschaltung des bereits 1881 gegründeten Volksbundes für das Deutschtum im Ausland – VDA.

Spärlich sind die Zeitungsberichte über die weiteren Aktivitäten des Gladbecker VDA in der NS-Zeit. 1934/35 wurde eine Sammlung für das Winterhilfswerk durch den VDA durchgeführt. Tatsache ist, dass der VDA-Vorsitzende in Gladbeck, Prof. Dr. Anton Henrich, als Schulleiter des Gladbecker Realgymnasiums auf Betreiben des Gladbecker OB Dr. Hackenberg von den Nationalsozialisten am 1. September 1937 amtsenthoben wurde, „da er die HJ nicht hinreichend förderte“. Den Vorsitz des VDA übernahm der Gladbecker Schulrat Eckert.

Nach dem Krieg wurde der VDA in Gladbeck nicht mehr aktiv. In St. Augustin ist heute die Zentrale des aus dem VDA hervorgegangenen „Verein(s) für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland e.V.“ (VDA). In der Öffentlichkeit sind dessen Aktivitäten wenig bekannt.

 

IV.

Schlussbemerkung:

Nach 1945 wurde das “Fest der Deutschen Schule“ in Gladbeck und die damit verbundene Bücherverbrennung totgeschwiegen. Viele der damals Verantwortlichen waren noch Jahrzehnte im öffentlichen Dienst in Gladbeck tätig, so z.B. Studienrätin Elisabeth Jacobi, Kulturbundvorsitzende, Dr. Franz Rodeck, Germanist am Jungengymnasium und Realschuldirektor Heinrich Eickmeyer. Eine „Erklärung“, evtl. ein Schuldbekenntnis ist niemals erfolgt. Hohes Ansehen bis an ihr Lebensende und darüber hinaus war ihnen gewiss. Erst Anfang der 90-er Jahre wurde aufgrund von Originalunterlagen aus dem Nachlass von Prof. Henrich, die dem Verfasser übereignet worden sind, das Geschehen von 1933 in Gladbeck in Vorträgen und Kurzberichten in der Lokalpresse öffentlich gemacht.

(Dieser Beitrag erschien bereits in Auszügen in: Manfred Samen: Bücherverbrennung in Wittringen als „Aktion wider den undeutschen Geist“, in: Gladbeck – Unsere Stadt. 31. Jg. 2003, Heft 2, S. 26ff.)

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Quellenangaben:

Lokalzeitungen 1933: Gladbecker Volkszeitung, Gladbecker Anzeiger und Gladbecker Tageblatt

 

Stadtarchiv Gladbeck: - 551/2 „Veranstaltungen in der Vestischen Kampfbahn 1930 – 1936“

- I-C-617 und I-C-618 (Materialien zur VDA-Ortsgruppe Gladbeck)

 

Nachlass Prof. A. Henrich (Privatarchiv Samen)

-          VDA-Protokollheft (Vorstand/Gladbeck) 1931-1936

-          Programmheft „Fest der Deutschen Schule“, 2.7.1933

-          VDA-Ortsgruppe Gladbeck: Bericht v. 11. Juli 1933 über das „Fest d. Deutschen Schule“

 

Zeitschrift „Gladbeck - Unsere Stadt“ (Hrsg. Verkehrsverein Gladbeck)

Heft 2-2003 S. 26 ff: Samen, M., Bücherverbrennung in Wittringen als „Aktion wider den undeutschen Geist“

 

Brandenburg, Hans-Christian: Die Geschichte der HJ, Köln 1968

Bracher, Karl-Dietrich; Funke, Manfred; Jacobsen, Hans-Adolf (Hrsg.):

                                                Deutschland 1933 - 1945, S. 264 ff, Bonn 1993

 

Hildebrand, Klaus:                         Das Dritte Reich, Münster/Wien 1979

 

Jacobsen, Hans-Adolf (Hrsg):            Hans Steinacher, Bundesleiter des VDA

                                                1933 – 1937, Boppard 1970

 

Luther, Rudolf: Blau oder Braun? -Der Volksbund für das Deutschtum im Ausland -VDA- im NS-Staat (1933-1937), Neumünster 1999

 

Poliakov, Leon/ Wulf, Joseph: Das Dritte Reich und seine Denker;

                                               S. 119 ff (Verbrennung undeutschen Schrifttums)

Bonn 1993 (2. Aufl.);

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Der Autor dieses Beitrags, Manfred Samen, wurde 1935 in Gladbeck geboren. Er studierte Philosophie und Theologie an den Universitäten Bonn und Münster (Abschlussexamen). Er studierte Pädagogik und Sozialwissenschaften an der Universität Essen  und der Technischen Hochschule Aachen (Abschlussexamen). Als Gymnasiallehrer arbeitete er zunächst in Oberhausen, Monheim und Essen, bevor er 1971 ans Ratsgymnasium nach Gladbeck wechselte. Von 1973 bis 1999 war er Studiendirektor/Fachseminarleiter für Pädagogik am Studienseminar für die Gymnasiallehrerausbildung in Gelsenkirchen. Manfred Samen ist verheiratet und hat drei Kinder.